{"id":64014,"date":"2009-01-30T00:01:00","date_gmt":"2009-01-29T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64014"},"modified":"2022-02-20T14:06:49","modified_gmt":"2022-02-20T13:06:49","slug":"vom-begreifen-des-unbegreiflichen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/30\/vom-begreifen-des-unbegreiflichen\/","title":{"rendered":"Vom Begreifen des Unbegreiflichen"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist es m\u00f6glich, dass ein in Belgien lebender Pakistaner einen deutsch\u00adsprachigen Lyrik\u00adkalender ediert? Und noch dazu einen au\u00dfer\u00adordent\u00adlich guten? Lehnen Sie sich f\u00fcr einen Augen\u00adblick zur\u00fcck und denken Sie nach. Halten Sie das f\u00fcr wahrscheinlich oder handelt es sich um eine jener mysteri\u00f6sen Ge\u00adschichten, bei denen Sie im Fernsehen nach dem Ende des Kurz\u00adfilms raten sollen, ob sie erfunden wurde oder auf (angeblichen) Tat\u00adsachen basiert? Das Ph\u00e4nomen, mit dem ich Sie f\u00fcr die Dauer dieser Rezension vertraut machen m\u00f6chte, ist so wahr wie die Zeilen, die Sie gerade lesen. Im belgischen Bertem erscheint im alhambra Verlag von Shafiq Naz tats\u00e4chlich seit einigen Jahren eine \u00fcberaus lesens- und besitzens\u00adwerte Kalender-Antho\u00adlogie mit deutschsprachiger Lyrik. \u201eDer deutsche Lyrik\u00adkalender. Jeder Tag ein Gedicht\u201c umfasst sowohl klassische Dichtung als auch Gedichte der klassischen Moderne, sowie solche der unmit\u00adtelbaren Gegenwart. Die nunmehr f\u00fcnfte Ausgabe (2009) wurde am 8. November mit einer opulenten Lese\u00adveranstaltung im Rahmen der von Christoph Leisten organisierten \u201eTage der Poesie\u201c im W\u00fcrselener Rathaus der \u00d6ffent\u00adlichkeit vorgestellt. Nahezu zwanzig Lyrikerinnen und Lyriker, darunter Hellmuth Opitz, Francisca Ricinski, Theo Breuer und Axel Kutsch, haben dort in einer drei\u00adst\u00fcndigen Veranstaltung die eigenen Kalender-Gedichte und eine Auswahl von Fremd\u00adtexten gelesen. Die Zeit reichte gerade, um einen exempla\u00adrischen Querschnitt des reich\u00adhaltigen Kalender\u00adinhalts zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\">Poetisches (\u00dcber)Lebensmittel<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer deutsche Lyrikkalender\u201c enth\u00e4lt 365 Gedichte, die man sich (zum Beispiel am brotberuflichen Schreibtisch) nach dem allt\u00e4glichen Umbl\u00e4ttern als poetisches (\u00dcber)Lebensmittel einverleiben kann. So handhabt es auch Hauke H\u00fcckst\u00e4dt: \u201eWir nutzen ihn im B\u00fcro. Zwischen zwei Anrufbeantwortern stehend das Einzige, was wirklich antwortet.\u201c Insgesamt sind in dem Tischkalender 300 Dichterinnen und Dichter vertreten. Das lyrische Spektrum erstreckt sich auf jede Regung menschlichen Empfindens, Erlebens, Schauens und Denkens. F\u00fcr hohe bis h\u00f6chste literarische Qualit\u00e4t b\u00fcrgen Namen wie H\u00f6lderlin, Celan, Zuckmayer, Loerke, Mayr\u00f6cker, Brecht, Conrady, Aichinger, Domin, Kunert, Saalberg, Gernhardt, Benn, Krolow, Pastior, Morgenstern, Fried, Heine, Kirsch, Wedekind, Grass, Fontane, Enzensberger, Hesse, R\u00fchmkorf, Ausl\u00e4nder, Bender, Ringelnatz, Deppert, H\u00e4rtling, Jacobs, Kr\u00fcger, M\u00f6rike, Storm, Bachmann, Trakl, Beyer, Rilke, Nietzsche, Tucholsky und viele andere renommierte Dichterinnen und Dichter aus dem Dies- und Jenseits. Die Kalenderbl\u00e4tter enthalten neben den Gedichten und dem Tagesdatum auch die jeweiligen Wochentage bis zum Jahr 2011. Wer sich von seinem im Jahresverlauf lieb gewonnenen Exemplar am 31. Dezember 2009 nicht trennen m\u00f6chte, kann es daher noch zwei Jahre l\u00e4nger nutzen und sich weiterhin an der filigranen Kalenderkomposition erfreuen. Dass der Begriff \u201eKomposition\u201c nicht zu gro\u00df gew\u00e4hlt ist, beweist eine stattliche Anzahl von Gedichten, die dort wo sie stehen, nicht zuf\u00e4llig platziert sind, sondern offenkundig (oder im Stillen) Bezug nehmen auf Dichter, Jahreszeiten, Feier-, Fest-, Geburts- und Todestage.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\">Tadellos gebaut<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Shafiq Naz erweist sich in der Gedicht- und Autoren\u00adauswahl als ein so profunder Kenner der deutsch\u00adsprachigen Lyrik in Vergangenheit und Gegenwart, dass man geneigt ist, ein Mysterium zu vermuten, das man bis dahin f\u00fcr unm\u00f6glich gehalten hatte. Verwundert r\u00e4tselt man und \u00fcberlegt, wie es dem Herausgeber wohl gelingt, die deutsche Lyrikwelt auch im Detail und abseits des Hauptstroms besser zu \u00fcberblicken als so mancher Lyriker und die meisten Feuilletonisten. Ebenso erscheint seltsam und kaum nach\u00advoll\u00adziehbar, dass \u201eDer deutsche Lyrik\u00adkalender\u201c trotz der bekann\u00adtesten Dich\u00adterinnen und Dichter, die er beherbergt, bislang selbst so wenig bekannt ist, dass Feuilleton und Buch\u00adhandel ihn noch nicht wahr\u00adgenommen haben. Zumindest aber die Dichterinnen und Dichter wissen, was sie an \u201eDer Deutsche Lyrik\u00adkalender\u201c haben: \u201eDer Kalender \u2026 ist als Anthologie intelligent (anregend) gef\u00fcgt und als Ding tadellos gebaut\u201c (Elke Erb). \u201eIch stellte den Kalender auf den K\u00fcchentisch \u2013 da steht er nun, in gl\u00fccklichem Gelb, blitzt von Ideen und Worten und erhellt meine Tage\u201c (Ulrike Draesner). Selbst einen Karl Otto Conrady (\u201eIch habe Ihre Lyrik-Kalender wirklich sehr bewundert. \u2026 Eint\u00f6nigkeit kommt nicht auf.\u201c) hat die Auswahl rundum \u00fcberzeugt. \u201eVergessen Sie\u201c also \u201eFernseh- und Zeitungs-Nachrichten\u201c und \u201elesen Sie stattdessen um 19 oder 20 Uhr\u201c lieber \u201edas Gedicht im deutschen Lyrikkalender. Der Kalender bietet\u201c Ihnen \u201ejeden Tag eine gute, gro\u00dfe, gewichtige Nachricht. Garantiert.\u201c (Theo Breuer).<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Der deutsche Lyrikkalender 2009<\/strong>. Jeder Tag ein Gedicht, Hrsg. Shafiq Naz, alhambra PUBLISHING, Bertem (Belgium) Auch in Franz\u00f6sisch, Englisch, Spanisch und Italienisch. 410 Seiten, Ringbindung, 25,95 EUR<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=28066&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Andreas-Noga.jpeg\" alt=\"\" width=\"159\" height=\"234\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192\u00a0<\/strong><\/p>\r\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\">\u00dcber die Qualit\u00e4t von Andreas Noga als Lyriker und Performer lesen sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/01\/15\/bewegung-ins-offene\/\">hier<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO widmet dem Gedicht auch in diesem Jahr den genauen Blick, das aufmerksame, geduldige, ins Denken gedrehte Lesen und Wiederlesen, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ist es m\u00f6glich, dass ein in Belgien lebender Pakistaner einen deutsch\u00adsprachigen Lyrik\u00adkalender ediert? 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