{"id":63834,"date":"2010-02-27T00:16:00","date_gmt":"2010-02-26T23:16:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63834"},"modified":"2023-05-03T11:03:37","modified_gmt":"2023-05-03T09:03:37","slug":"umbenennung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/02\/27\/umbenennung\/","title":{"rendered":"Umbenennung"},"content":{"rendered":"\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-99785 alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/May-Ayim-Ufer-236x300.jpg\" alt=\"\" width=\"236\" height=\"300\" \/>In Berlin gibt es mehr als 50 Stra\u00dfen mit kolonialhistorischem Bezug. Eine von ihnen wird an diesem Sonnabend in Kreuzberg umbenannt. Die Ehre des Stra\u00dfenschildes geb\u00fchrt in Zukunft einer Aktivistin gegen Kolonialismus und Rassismus. Ab heute wird in Kreuzberg das Gr\u00f6benufer in May-Ayim Ufer umbenannt. Die Tochter eines Ghanaers und einer Deutschen war Mitbegr\u00fcnderin der afro-deutschen Bewegung, Dichterin, P\u00e4dagogin und Kreuzbergerin, die sich 1996 das Leben nahm.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Tochter des ghanaischen Medizinstudenten Emmanuel Ayim und der Deutschen Ursula Andler lebte in den ersten eineinhalb Jahren in einem Kinderheim in Hamburg-Barmbek-Uhlenhorst. Ihr Vater durfte sie nicht mit nach Ghana nehmen. Anschlie\u00dfend lebte sie bei der Familie Opitz und wuchs bei dieser in M\u00fcnster auf.<sup id=\"cite_ref-Goethe_4-0\" class=\"reference\"> <\/sup>Ihre leibliche Mutter verweigerte zeitlebens jede Kontaktaufnahme, der leibliche Vater besuchte sie seit ihrer Kindheit mehrmals bei den Pflegeeltern. Ihre Kindheit beschrieb sie als bedr\u00fcckend, von Angst und Gewalt gepr\u00e4gt. Die Pflegeeltern wollten sie mit Strenge zu einem Musterkind erziehen, das alle \u201erassistischen Vorurteile\u201c L\u00fcgen strafen w\u00fcrde. Sie lehnten ihr sp\u00e4teres Engagement in der \u201eBlack Community\u201c als Sp\u00e4tfolgen einer fr\u00fchkindlichen St\u00f6rung und krankhaften Drang, ihre Hautfarbe und afrodeutsche Identit\u00e4t zu bew\u00e4ltigen, ab. 1979 legte sie das Abitur an der katholischen Friedensschule M\u00fcnster ab.<sup id=\"cite_ref-Ervedosa13_429_5-0\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter studierte sie an der Universit\u00e4t Regensburg P\u00e4dagogik und Psychologie und schloss 1986 mit Diplom ab. W\u00e4hrend des Studiums reiste sie nach Kenia, wo ihr Vater mittlerweile als Medizinprofessor arbeitete, zu dem sie jedoch keine enge Beziehung mehr aufbauen konnte, und nach Ghana, das sie als ihr \u201eVaterland\u201c bezeichnete, obwohl sie sich dort fremd f\u00fchlte und als \u201eWei\u00dfe\u201c angesehen wurde. Ihre Diplomarbeit <i>Afro-Deutsche: Ihre Kultur- und Sozialgeschichte auf dem Hintergrund gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen<\/i> ver\u00f6ffentlichte sie \u2013 damals noch unter dem Namen <i>May Opitz<\/i> \u2013 in dem gemeinsam mit Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz herausgegebenen Band <i>Farbe bekennen<\/i>, der auch ins Englische \u00fcbersetzt wurde.<sup id=\"cite_ref-Goethe_4-1\" class=\"reference\"> <\/sup>Der eigentlich zust\u00e4ndige Regensburger Professor lehnte das Thema der Diplomarbeit laut Ayim mit der Begr\u00fcndung ab, \u201eRassismus gibt es im heutigen Deutschland nicht\u201c. Stattdessen fand sie in Berlin eine Pr\u00fcferin, die die Arbeit annahm.<sup id=\"cite_ref-Mertins_taz_3-3\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ab 1984 lebte sie in West-Berlin, in dessen multikultureller Umgebung sie sich weniger isoliert f\u00fchlte als in M\u00fcnster oder Regensburg.<sup id=\"cite_ref-Ervedosa13_429_5-1\" class=\"reference\"> <\/sup>1986 war Ayim Gr\u00fcndungsmitglied der Initiative Schwarze Deutsche und Schwarze in Deutschland. Sie kn\u00fcpfte Kontakte zu Vertreterinnen der internationalen schwarzen Frauenbewegung wie zum Beispiel Audre Lorde. 1987 begann sie eine staatlich anerkannte Ausbildung zur Logop\u00e4din. Ihre Examensarbeit von 1989 tr\u00e4gt den Titel <i>Ethnozentrismus und Geschlechterrollenstereotype in der Logop\u00e4die. Eine kritische Betrachtung von Wort- und Bildmaterialien mit Verbesserungsvorschl\u00e4gen f\u00fcr die logop\u00e4dische Praxis<\/i>. Anschlie\u00dfend arbeitete sie als freiberufliche Logop\u00e4din sowie von 1992 bis 1995 als Lehrbeauftragte an der Alice-Salomon-Fachhochschule, der Freien Universit\u00e4t Berlin und der Technischen Universit\u00e4t Berlin.<sup id=\"cite_ref-7\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie wehrte sich in Vortr\u00e4gen und auch in ihren Gedichten gegen rassistische Diskriminierung, die sie in ihrem Alltag selbst erfuhr. So kritisierte sie insbesondere den beleidigenden Charakter von Bezeichnungen wie \u201eNeger\u201c, \u201eMischling\u201c oder \u201eBesatzungskind\u201c. In <i>Farbe bekennen<\/i> schrieb sie: \u201eIch wuchs mit dem Gef\u00fchl auf, das in ihnen steckte: beweisen zu m\u00fcssen, dass ein \u201aMischling\u2018, ein \u201aNeger\u2018, ein \u201aHeimkind\u2018 ein vollwertiger Mensch ist.\u201c Die deutsche Wiedervereinigung, die sie als \u201eSch-Einheit\u201c bezeichnete, erlebte Ayim als \u00fcberschattet von zunehmendem Nationalismus und Gewalt gegen Minderheiten.<sup id=\"cite_ref-Mertins_taz_3-4\" class=\"reference\"><\/sup> Im Gedicht <i>deutschland im herbst<\/i> (1992) zog sie eine Verbindung von der \u201eKristallnacht\u201c im November 1938 zum t\u00f6dlichen \u00dcberfall auf Amadeu Antonio im November 1990 und schloss mit den Worten \u201emir graut vor dem winter\u201c. Ab 1992 publizierte sie unter dem Namen <i>May Ayim<\/i>. 1995 ver\u00f6ffentlichte sie die Gedichtsammlung <i><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/05\/03\/blues-in-schwarzweiss\/\">blues in schwarz weiss<\/a>.<\/i><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">May Ayim erlitt nach Wochen wachsender Arbeitsbelastung und emotionaler Anspannung Anfang 1996 eine psychotische Krise. Sie verbrachte zwei Aufenthalte in einer psychiatrischen Klinik, wo ihr der Verdacht auf Multiple Sklerose mitgeteilt wurde. Am 9. August 1996 starb sie durch Suizid.<sup id=\"cite_ref-Mertins_taz_3-6\" class=\"reference\"><\/sup> Bestattet wurde May Ayim auf dem Alten St.-Matth\u00e4us-Kirchhof in Berlin-Sch\u00f6neberg.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Die Redaktion blieb seit 1989 zum lyrischen Mainstream stets in <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/01\/05\/lyrik-als-seismograph-an-der-epochenschwelle\/\">\u00c4quidistanz<\/a><\/em>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> 1995 betrachteten wir die Lyrik vor dem Hintergrund der Mediengeschichte als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/02\/laboratorium-der-poesie\/\"><em>Laboratorium der Poesie<\/em><\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2005 vertieften wir die Medienbetrachtung mit dem Schwerpunkt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/01\/02\/transmediale-poesie\/\"><em>Transmediale Poesie<\/em><\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2015 fragen wir uns in der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/01\/02\/poetologische-positionsbestimmung\/\"><em>Minima poetica<\/em><\/a> wie man mit Elementarteilchen die Gattung Lyrik neu zusammensetzt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2023 finden Sie \u00fcber dieses Online-Magazin eine Betrachtung als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78067\">eine Anthologie im Ganzen<\/a>.<\/p>\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Berlin gibt es mehr als 50 Stra\u00dfen mit kolonialhistorischem Bezug. 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