{"id":63818,"date":"2024-04-16T00:01:55","date_gmt":"2024-04-15T22:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63818"},"modified":"2025-12-21T05:43:25","modified_gmt":"2025-12-21T04:43:25","slug":"ueber-die-halbwertszeit-der-neueren-literatur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/04\/16\/ueber-die-halbwertszeit-der-neueren-literatur\/","title":{"rendered":"\u00dcber die Halbwertszeit der neueren Literatur"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Wenn dieses Buch ein\u00a0Maschinengewehr\u00a0w\u00e4re, w\u00fcrde ich Sie damit niederschie\u00dfen.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Rolf Dieter Brinkmann in einer Replik auf Marcel\u00a0Reich-Ranicki<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eRDB\u201c, wie er von seinen <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/11\/fanboy\/\">Fanboys<\/a><\/em> genannt wird, war eine typische Zeiterscheinung, der 1960-er Jahre: laut, wild und wie man heute sagen w\u00fcrde: misogyn. Die \u00e4sthetische und politische Radikalisierung von Rolf Dieter Brinkmann l\u00e4sst sich nicht auseinanderhalten. Er gilt als Begr\u00fcnder der deutschen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/09\/16\/popliteraturgeschichten-im-heine-institut\/\">Pop-Literatur<\/a>, aber auch als einer der gro\u00dfen Vermittler amerikanischer Literatur. Die Besch\u00e4ftigung mit Frank O\u2019Hara, William Carlos Williams ab Mitte der 1960er Jahre beeinflusste Brinkmann stark. Die sogenannte 68er-Bewegung und ihren literarisch-k\u00fcnstlerischen Ausdrucksformen stand Brinkmann kritisch gegen\u00fcber, wenngleich er sich in allen seinen Texten als ausgesprochen bewandert in den Codes der Studentenbewegung zeigt und sich auch im Rahmen seiner Texte intensiv mit ihnen besch\u00e4ftigt. Brinkmann hat gemeinsam Ralf-Rainer Rygulla die Underground-Literatur der USA nach Deutschland importiert (siehe auch die\u00a0 Anthologie <em>ACID<\/em>), in denen literarische und kulturkritische Texte versammelt waren, wie man sie hierzulande noch nicht gelesen hatte. Es waren obsz\u00f6ne, dreckig unmittelbare Texte, deren Ton der Autor hemmungslos immitierte und in denen das ganze selbstempfundene Elend seiner Existenz aufgearbeitete: &#8222;K\u00f6ln ist die schmierigste Stadt, die ich kenne. Die schmierigste, versauteste, dreckigste, bl\u00f6deste, verschissenste, verpinkelste, stinkendste Stadt.&#8220; Diese Stadt* hat der Autor regelrecht gehasst, das galt f\u00fcr den \u201estinkenden\u201c Rhein, die \u201ePellkartoffelmentalit\u00e4t\u201c, den Dialekt, die Speisen, die Stadtteilnamen (\u201eS\u00fclz!\u201c), die Literatur von Heinrich B\u00f6ll bis hin zum \u201eK\u00f6lner Realismus\u201c. All das sei eine einzige \u201eKloake\u201c. In seinem Lebenslauf f\u00fchrte Brinkmann an, er habe 1974 einen Lehrauftrag an der P\u00e4dagogischen Hochschule aufgegeben \u201ewegen der H\u00e4sslichkeit und theoretischen Verkarstung der Studenten\u201c. Was f\u00fcr eine wohltuend n\u00fcchterne Beschreibung einer Stadt von der ein Karnevalslied k\u00fcndet: &#8222;Hey <em>K\u00f6lle<\/em> &#8211; Du bes e Jef\u00f6hl&#8220;. Von allen regionaltypischen Eigenschaften gibt es kaum etwas verlogeneres als die Selbstbesoffenheit dieser Typen, die im Schatten eines Doms (dem einzigen Geb\u00e4ude von historischer Bedeutung!) leben, der seit dem 12. Jahrhundert eine Baustelle ist. Brinkmann starb am 23. April 1975 in London, nachdem er, im Anschluss an eine Lesung beim &#8220;Cambridge Poetry Festival&#8220;, vor dem Pub <em>Shakespeare<\/em> beim Versuch, den Westbourne Grove zu \u00fcberqueren, aufgrund des f\u00fcr ihn ungewohnten Linksverkehrs von einem Auto erfasst wurde. &#8222;Jetzt bin ich aus den Tr\u00e4umen raus, die \u00fcber eine \/ Kreuzung wehn. [&#8230;] was krieg ich jetzt, \/ einen Tag \u00e4lter, tiefer und tot? \/ Wer hat gesagt, dass so was Leben \/ ist? Ich gehe in ein \/ anderes Blau.&#8220; Brinkmann sollte das Erscheinen von &#8222;Westw\u00e4rts 1&amp;2&#8220; nicht mehr erleben. Ihm wurde posthum der Petrarca Preis verliehen. Anscheinend musste man in der alten BRD erst sterben, um zu solchen Ehren zu kommen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Mir f\u00e4llt nur ein deutscher Schriftsteller nach Weltkrieg #2 ein, der keine Zensur gebilligt hat: Rolf Dieter Brinkmann. Dieser Kollege benahm sich wild und fragte sich nicht, ob das gut oder b\u00f6se oder wie es neudeutsch lautet: politisch korrekt ist.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">A.J. Weigoni<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als &#8222;Westw\u00e4rts 1&amp;2&#8220; in der Erstauflage herauskam und von Brinkmann auch autorisiert wurde, stellt diese Ausgabe &#8211; der Legende nach &#8211; eine &#8222;verst\u00fcmmelte Fassung&#8220; dar. Die Publikationsbedingungen der Zeit lie\u00dfen es nicht anders zu &#8211; auf Wunsch des Verlags hatte der Autor 23 Langgedichte und ein 89 Seiten umfassendes und mit Fotos illustriertes Nachwort herausnehmen m\u00fcssen, mit dem er seine R\u00fcckkehr in die Literatur begleiten wollte. Die vorsichtige Neuedition sein in 2005 erschienener <em>director&#8217;s cut<\/em> von &#8222;Westw\u00e4rts 1&amp;2&#8220; soll belegen, warum dieser Band einen nahezu kanonischen Stellenwert in der neueren deutschen Literatur erlangt haben soll.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Re:Lekt\u00fcre wird eine inhaltliche Spannung, in starken Schwankungen zwischen den Gedichten bemerkbar. &#8222;Westw\u00e4rts 1&amp;2&#8220; ist der Versuch, die vielen Str\u00f6mungen, die sein Schreiben (und Leben) beeinflusst haben, noch einmal schl\u00fcssig zu b\u00fcndeln. Im ersten Gedicht des Bandes hei\u00dft es: \u201edie Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die Rock\u2019n\u2019Roll-S\u00e4nger machen weiter\u201c. Dieser resignative Ton bezeugt, dass der Autor auch die Popmusik ihres aufr\u00fchrerischen Potenzials beraubt sieh, da sie sich in den in dieser \u201eVorbemerkung\u201c thematisierten Alltagstrott eingliedert. Obschon alle urspr\u00fcnglich geplanten Texte in dieser Ausgabe hinzugef\u00fcgt sind, zerf\u00e4llt &#8222;Westw\u00e4rts 1&amp;2&#8220; in nahezu in drei disparate Teile. Zu einem Drittel sind es Gedichte, die in ihrer Zeit stehen geblieben sind, es ist eine lesbar gealterte <em>Neue Innerlichkeit<\/em>, Allt\u00e4gliches und Pers\u00f6nliches, eine R\u00fcckkehr zum Ich und zur Selbstreflexion beschrieben: &#8222;Und neue Gedichte: aus Brieffetzen, Bruchst\u00fccken von Unterhaltungen, die ich h\u00f6rte oder daran ich selber beteiligt gewesen, L\u00fccken in den Gedichten, Spr\u00fcnge, Gedichte ohne den Vorsatz, ein Gedicht zu schreiben, Gedichte &#8218;ohne Motive&#8216;, Augenblicksgedichte.&#8220; Der Autor beschreibt die Fragmentierung einer subjektiv wahrgenommenen Wirklichkeit und kreist um den Nabel der eigenen Befindlichkeit.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Seit dem fr\u00fchen Unfalltod 1975 in London wird Brinkmann wahlweise zum Pop-Mythos oder zum lyrischen Genie oder beidem nachger\u00fcstet. Das verdankt sich dem Mangel an Pop-Ikonen bzw. lyrischen Genies hierzulande wie der Pose des Dichter-Prosaisten: Sensualist, Radikalprovocateur, Beatpoet, Romantiker, Pop-Artist, Hypochonder und Revolution\u00e4r in persona &#8211; ein wahrhaft vielschr\u00f6tiger Schreckensmann vor dem Herrn<\/em><\/span><em><span style=\"color: #999999;\">.<\/span><\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ulf Geyersbach<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-very-dark-gray-color\" style=\"text-align: justify;\">Das zweite Drittel bezeugt die Lekt\u00fcre von Arno Schmidts &#8222;Zettels Traum&#8220;, es sind, man muss es so deutlich sagen, lediglich ungelenke Plagiate und nicht weiter erw\u00e4hnenswert. Man will mit dieser Neuherausgabe und der Hinzunahme der 23 Langgedichte Brinkman zu einem Klassiker &#8222;hochsterilisieren&#8220; (Andreas M\u00f6ller), et wuppt nich&#8216;.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Ich bin mit Fritz Mauthner der Ansicht, da\u00df Sprache, W\u00f6rter, S\u00e4tze zur Welterkenntnis v\u00f6llig untauglich sind. Es sind immer nur W\u00f6rter und S\u00e4tze, Formulierungen aber was ist denn da tats\u00e4chlich?, und das kann Sprache, Dichtung nicht sagen.<\/span><\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Rolf Dieter Brinkmann, 1973<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">1\/3 der Gedichte liefern gleichsam den Soundtrack f\u00fcr die entstehende Lumpenbourgeoisie. Hier ist ein Proletkult dokumentiert, wie eben auch die politisch-popkulturelle Wirklichkeit der 1970ger Jahre: &#8222;Lange, graue Warter\u00e4ume sind die Tage, und die ausger\u00e4uberten Tr\u00e4ume setzen sich als elektrisch ausgeleuchtete Superm\u00e4rkte fort!&#8220; Dieser Band steht im Zeichen der nachholenden Moderne. Brinkmann versucht die Grenzen von Kunst und Nicht-Kunst zu \u00fcberschreiten und mit diesem Band den Holzweg zu verlassen, auf dem erst seit Beginn der 1970ger Jahre befunden hat.\u00a0 Es ist an dem zu hohen Anspruch an das gescheitert, was man in Kifferkreisen als<em> \u201ebefreites Bewusstsein\u201c<\/em> bezeichnet hat. Die politische und \u00e4sthetische Experimentierfreudigkeit des Autors flackert nach seiner Sinnkrise zu Beginn des Jahrzehnts in hellsten Flammen auf und belegt, da\u00df die kreativste Phase des kulturellen Aufbegehrens bereits vorbei war.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In &#8222;Rolltreppen im August&#8220; lesen wir: &#8222;Die Panik der vielen einzelnen Personen, die nicht richtig \/ gefickt haben, nie geliebt worden sind, nicht irgendetwas \/ liebten, umarmt haben, immer haben sie die Mantelkragen \/ hochgeschlagen, ihre Kleider zugehalten, die Knie \/ aneinander gedr\u00fcckt, in einem Gespr\u00e4ch. Die Panik \/ der Abteilungsleiter, die zwischen den St\u00e4nden gehen, \/ die Krawatten festgezogen, der Anzug nicht verbeult, \/ die schwarzen Sonderangebotsschuhe gl\u00e4nzen, die Socken \/ sind verschwitzt, Mundspray in den Pausen gegen den \/ schlechten Atem, Gestalten in gl\u00e4sernen Kabinen, die \/ von den Ferien in \u00d6sterreich mit Vollpension tr\u00e4umen, \/ \u00fcber Wiesen gehen, stehenbleiben, nicht sehen, was sie sehen.&#8220; Wir finden die Brinkmann-typische Kombination von Ortsbeschreibungen, gesellschaftlichen Analysen, Sozialkritik und Milieustudien.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie verschiedenen Gegenden sind zertr\u00e4umt, ausgetr\u00e4umt, mit vielen zertr\u00e4umten Menschen darin.&#8220;, beschreibt Brinkmann die Stadt als menschenfeindlichen Ort. Und an anderer Stelle:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ich stelle mir eine Stadt vor, ohne die miesen Namen in Neonschriften an den Hausw\u00e4nden, ich stelle mir eine Stadt vor, ohne dass die Seitenstra\u00dfen mit Wagen vollgestellt sind. Ich stelle mir eine Stadt vor ohne Verkehr (etwa so wie an den Sonntagen in dem Winter, als die sogenannte Energiekrise, die sch\u00e4bige Erfindung zur Verteuerung von Waren, &#8218;durchgef\u00fchrt&#8216; wurde, ich h\u00f6rte wieder die Schritte von Menschen auf der Stra\u00dfe und das Sprechen auf der Stra\u00dfe)&#8220;. Hier klingt die <i>I Have a Dream-<\/i> Rede von Martin Luther King nach, die er am 28. August 1963 beim Marsch auf Washington f\u00fcr Arbeit und Freiheit vor mehr als 250.000 Menschen vor dem Lincoln Memorial in Washington, D.C. hielt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Brinkmann betreibt eine kritische Auseinandersetzung mit den \u00f6konomisch-sozialen Mechanismen der der alten BRD. &#8222;Ich dachte, wie oft habe ich an Geld gedacht, verr\u00fcckt, in Panik, kein Geld zu haben, der Schein, der flattert, im Kopf die Schatten der Dinge.&#8220; Die Dreifaltigket der protestantische Ethik bilden Wiederaufbau, Fortschrittsdenken und hemmungsloses Gewinnstreben. Mit soziologisch zu nennender Akribie thematisiert der Autor Oberfl\u00e4chlichkeit, wie Sinnleere und Konsum mit Zerst\u00f6rung einhergehen. Man kann diese Form des <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a><\/span> als faszinierendes Zeitdokument auch 40 Jahre sp\u00e4ter noch lesen und sollte sie daher in einem schmalen Leseband auskoppeln.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Allerdings ohne das Nachwort!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Unkontrolliertes Nachwort zu meinen Gedichten.<\/span><\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Rolf Dieter Brinkmann, 1975<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir qu\u00e4len uns durch ein erstmals in ganzer L\u00e4nge abgedrucktes, 89 (in Worten neunundachzig!) Seiten umfassendes Nachwort, in dem Brinkmann \u00fcber den Hintergrund f\u00fcr seinen R\u00fcckzug aus der Popszene und die Wende in seinem Schreiben aus erster Hand schreibt. In diesem sogenannten &#8222;essayistischen Text&#8220; begeht er einen sprachlichen Amoklauf, es fehlt ihm die notwendige Vertiefung, wenn er allzusehr additiv, aufz\u00e4hlend, abklappernd versucht Literatur zu charakterisieren: &#8222;In einem Gebiet, in dem das Sprechen von installierten Kontrollmaschinen, den Massenmedien, bezogen wird, in dem an jedem Tag die grausten, farblosesten Vorstellungen gesammelt und wiedergegeben werden, scheint nur &#8218;logisch&#8216;, dass diese Art Zerst\u00f6rung des Sprechens, des Ausdrucks betrieben wird.&#8220; Brinkmanns selbstgef\u00e4lliger Negativismus produziert das, was er eigentlich beschreiben will, Leerlauf. An keiner Stelle wird ersichtlich, da\u00df er dem Material intellektuell auch gewachsen ist. KUNO hat ein Faible f\u00fcr die frei drehende Phantasie. Wir begreifen die Gattung des Essays als eine Versuchsanordnung, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Auch ein Essay handelt ausschliesslich mit Fiktionen, also mit Modellen der Wirklichkeit. Wir betrachten Michel de Montaigne als einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/01\/michel-de-montaigne-ein-blogger-aus-dem-16-jahrhundert\/\"><span style=\"color: #ff0000;\">Blogger aus dem 16. Jahrhundert<\/span><\/a>. Karl Kraus war der erste Autor, der die kulturkritische Kommen\u00adtie\u00adrung der Welt\u00adlage zur Dauer\u00adbesch\u00e4f\u00adtigung erhob. Seine Zeit\u00adschrift <em>Die Fackel<\/em> war gewisser\u00adma\u00ad\u00dfen der erste <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/11\/15\/die-fackel-mehr-als-eine-literaturzeitschrift\/\">Kultur-Blog<\/a><\/span>. Nicht einmal ansatzweise erreicht Brinkmann die H\u00f6he der Vorgenannten und schon gar nicht von Leslie Fiedlers literaturkritischen Essay <em>Close The Gap, Cross The Border<\/em>, dem er vergeblich versucht nachzueifern.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Die ganze Rebellion mit Pop, Untergrund usw. ist f\u00fcr mich vorbei.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Rolf Dieter Brinkmann, 1971<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Redaktion hat sich schon immer f\u00fcr Pop interessiert, gerade dort wo er sich zu Trash vulgarisiert. KUNO verortet den Beginn der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/09\/11\/dirty-speech\/\">Dirty Speech<\/a>-Bewegung in der BRD 1969 mit der Rolf Dieter Brinkmanns \u201eAcid\u201c. Es war eine Anthologie amerikanischer Beatliteratur, gesammelt und damit den Versuch er\u00f6ffnet, auch in der deutschen Dichtung die b\u00fcrgerliche Moral zu br\u00fcskieren, lyrische Formen zu banalisieren, den Alltag zum Thema zu machen und Sex, Brutalit\u00e4t, Perversion als Sujets zu akzeptieren. Diese Phase endete nach der Einsch\u00e4tzung von Brinkmann in 1971. \u201eWestw\u00e4rts 1&amp;2\u201c ist somit sowohl eine Chronik des Scheiterns, als auch ein gro\u00dfartiges Dokument der sogenannten <em>Neuen Innerlichkeit<\/em>, \u00fcber die Qualit\u00e4t dieser Gedichte entscheidet nicht nur Form, Sprache und Gesinnung, sondern auch die emotionale und weniger intellektuelle, mehr verschwitzte Authentizit\u00e4t des Erz\u00e4hlten. Auf der Spuren einer \u201eNeuen Subjektivit\u00e4t\u201c und findet sich bei Brinkmann ein in Paradoxien verwickeltes schreibendes Ichs. Dies erinnert an eine Zeit, in welcher der Begriff Autofiktion noch keinen neuen Claim abgesteckt hat. Bei der Re:Lekt\u00fcre \u201eWestw\u00e4rts 1&amp;2\u201c steht am Ende des Tage die banale Erkenntnis, dass jeder Text als Ursache ein schreibendes und damit sch\u00f6pferisches Subjekt hat. Neu war jedoch nicht die Subjektivit\u00e4t, sondern der literarische Themen-Wechsel, verbunden mit ver\u00e4nderten Selbstverst\u00e4ndnissen, und schlie\u00dflich die Resultate, die er hervorbrachte. Der Begriff &#8222;Authentizit\u00e4t&#8220; tauchte bei Brinkmann bewusst als Gegenbegriff zu dem der &#8222;Entfremdung&#8220; auf, der wiederum nicht wegzudenken ist aus der damals intellektuell absolut dominierenden Kritischen Theorie. Die Redaktion erinnert sich, dass auch Herbert Marcuse von der \u201eNeuen Sensibilit\u00e4t\u201c sprach, heute w\u00fcrde man sagen: &#8222;Achtsamkeit&#8220;.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">The Revolution Starts At Closing Time<\/span><\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Serious Drinking<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Paradoxie, die in Brinkmanns Texten der 1970er Jahre zum Vorschein kommt \u00a0zeigt sich in der unaufl\u00f6sbaren Spannung, in der sich das Subjektdenken dieser Jahre bewegt. Die Wendung zum Subjekt in vielen seiner Texte artikuliert zugleich die Hoffnung und den prek\u00e4ren Stand des partikularen, privaten Subjekts, das sich gegen Entfremdung, Typik und Heteronomie richtet. Erinnert sein in diesem Zusammenhang auch an Roland Barthes vielzitierter \u201eLa mort de l\u2019auteur\u201c, bevor Marcel Reich-Ranicki 1975 in der FAZ vielsagend die \u201eR\u00fcckkehr zur sch\u00f6nen Literatur\u201c einforderte. Gro\u00dfartige Lyrik lesen in diesem <em>director\u2019s cut<\/em> von \u201eWestw\u00e4rts 1&amp;2\u201c nur die Fanboys. Rolf Dieter Brinkmann hat erkennbar aufgeh\u00f6rt, seiner Sprache zu vertrauen und seine Sprache hat aufgeh\u00f6rt, Sinn zu enthalten.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Westw\u00e4rts 1 &amp; 2<\/strong> von Rolf Dieter Brinkmann. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2005<\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large\">\r\n<div id=\"attachment_5367\" style=\"width: 128px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5367\" class=\"wp-image-5367\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Rdb.selfmade.100607.wisc_.jpg\" alt=\"\" width=\"118\" height=\"159\" \/><p id=\"caption-attachment-5367\" class=\"wp-caption-text\">The Notorious RDB<\/p><\/div>\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auf KUNO eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/04\/16\/34716\/\">Betrachtung<\/a> der Jugends\u00fcnden des RDB. Einen Besuch des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/04\/23\/orte-5-rdb-haus-koeln\/\">RDB-Haus<\/a>es, von Enno Stahl. Auch Sophie Reyer hat sich in der Domstadt auf die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/03\/30\/fur-rolf-dieter-brinkmann-2\/\">Spuren von RDB<\/a> begeben. Einen Artikel \u00fcber <em>Das wild gefleckte Panorama eines anderen Traums<\/em><strong>,<\/strong> Rolf Dieter Brinkmanns <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/04\/16\/brinkmann-revisited\/\">sp\u00e4tes Romanprojekt<\/a>, von Roberto Di Bella. Und die Beantwortung der Frage: \u201eWer hat Angst vor RDB?\u201c <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/06\/25\/wer-hat-angst-vor-rdb\/\">durch<\/a> Axel Kutsch. Theo Breuer gelingt es, dem Mythos nachzusp\u00fcren, eine angemessenere <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/04\/23\/blicke-auf-brinkmann\/\">Huldigung<\/a> Rolf Dieter Brinkmanns wird man kaum finden. Als kritische Huldigung finden Sie den Essay \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/04\/16\/ueber-die-halbwertszeit-der-neueren-literatur\/\">Halbwertszeit<\/a> der neueren Literatur.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">* <span style=\"color: #00ff00;\"><em>Funfact<\/em><\/span>: Das <em>Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium<\/em> ist ein j\u00e4hrlich von der Stadt K\u00f6ln ausgelobter Literaturpreis. Der Preis ist nach dem Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann (1940\u20131975) benannt, der von 1962 bis 1975 in K\u00f6ln lebte.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn dieses Buch ein\u00a0Maschinengewehr\u00a0w\u00e4re, w\u00fcrde ich Sie damit niederschie\u00dfen. Rolf Dieter Brinkmann in einer Replik auf Marcel\u00a0Reich-Ranicki \u201eRDB\u201c, wie er von seinen Fanboys genannt wird, war eine typische Zeiterscheinung, der 1960-er Jahre: laut, wild und wie man heute sagen w\u00fcrde:&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/04\/16\/ueber-die-halbwertszeit-der-neueren-literatur\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":99899,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628,334,2105,917,4006,3086,2404,413,2574,241,3794],"class_list":["post-63818","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni","tag-arno-schmidt","tag-fritz-mauthner","tag-heinrich-boll","tag-johannes-schmidt","tag-leslie-fiedler","tag-marcel-reich-ranicki","tag-peter-handke","tag-ralf-rainer-rygulla-2","tag-rolf-dieter-brinkmann","tag-ulf-geyersbach"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63818","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63818"}],"version-history":[{"count":12,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63818\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":106635,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63818\/revisions\/106635"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99899"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63818"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63818"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63818"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}