{"id":63801,"date":"2021-02-28T00:01:42","date_gmt":"2021-02-27T23:01:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63801"},"modified":"2023-10-08T14:12:04","modified_gmt":"2023-10-08T12:12:04","slug":"flaschenpost-an-eine-zukuenftige-leserschaft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/02\/28\/flaschenpost-an-eine-zukuenftige-leserschaft\/","title":{"rendered":"Flaschenpost an eine zuk\u00fcnftige Leserschaft"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Proletarierkind befand sich <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andrascz_Weigoni\">A.J. Weigoni<\/a> in einer prek\u00e4ren Klassenlage. Er verf\u00fcgte \u00fcber ein gro\u00dfes Wissen, war belesen und reflektiert, aber er dr\u00fcckte dies nicht in der Sprache des Bildungsb\u00fcrgertums aus. Nie findet sich bei ihm Mitleidheischendes, Moralinsaures, er wollte nicht belehren oder \u00fcberzeugen, er schrieb \u00fcber Krankheit und Tod mit der Emp\u00f6rung \u00fcber das Unabwendbare, Emp\u00f6rung aber auch \u00fcber Abwendbares, \u00fcber Not und Armut, \u00fcber die Erniedrigung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>\u00dcber den Rhein hinaus ins Weite, einer Landschaft, die dem Auge keine Grenzen zu setzen scheint.<\/em><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWeisen des Gl\u00fccklichseins\u201c nannte Borges das Lesen \u2013 und dies trifft uneingeschr\u00e4nkt zu auf die Lekt\u00fcre dieser <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=4\"><em>Vignetten<\/em><\/a> zu. Weigoni praktizierte in dieser Novelle das Schauen, ohne hinzusehen, das ungesteuerte Wahrnehmen und l\u00e4dt das Sprachmaterial mit neuer Sinnhaftigkeit auf.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>A.J. Weigoni hat die Zombies von der puren Horrorfiktion in ernstzunehmende Gesellschaftskritik transferiert. Die Untoten dienen als Narrativ der Krise, sie sind in Zeiten wirtschaftlicher und sozialer Unsicherheit zu einer Metapher f\u00fcr die Erosion gesellschaftlicher Ordnung geworden.<\/em><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kunst dieser Erz\u00e4hlungen liegt oft im Detail. Bewegungsspielr\u00e4ume ergeben sich durch die Erweiterung der Realit\u00e4t und ihre groteske \u00dcberdehnung. Der beste Humor entspringt immer der Verzweiflung und Weigoni sp\u00fcrte der abseitigen Komik nach, die sich noch aus den ausweglosesten Konstellationen ergeben kann, in denen sich ihre Figuren verstricken.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Die Welt der Erz\u00e4hlung entsteht immer aus den Dialogen, nichts erscheint nur vorgefunden.<\/em><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Imposant war die Breite seines Schaffens, die Substanz seines Denkens und die Virtuosit\u00e4t seiner Technik liessen keine W\u00fcnsche offen. Es ist das historische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/12\/26\/eine-ebenso-poetische-wie-praezise-geschichtsprosa\/\">Menschheitsprojekt des Fortschritts<\/a> in seiner Faszination und seiner Monstrosit\u00e4t, seiner Krise und seinem Scheitern, das er seinen B\u00fcchern beharrlich umkreist hat.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wie <em>h\u00f6ren<\/em> gleichsam das schnoddrige Alltagsparlando der Rheinl\u00e4nder<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni sp\u00fcrte den Unvollkommenheiten nach, er n\u00e4herte sich den Rheinl\u00e4ndern in einer Haltung aus abgebr\u00fchter Distanz und leidenschaftlicher N\u00e4he. Wir lernen in diesem Roman nicht nur die urbanen Existenzen mit gesellschaftlich relevanten Problemen kennen, sondern die kleinen Leute mit ihren aufgegebenen Tr\u00e4umen, ihren t\u00e4glichen Dosen an Desillusion, ihren Ehe- und Alltagsdefiziten. Weder verfiel dieser Satiriker in Sozialromantik noch f\u00fchrt er seine Charaktere in distanziertem Spott vor. F\u00fcr mich bleibt Weigoni als gnadenloser Realist in Erinnerung, einer, der sich bis zum Schlu\u00df den menschenfreundlichen Blick bewahrt hat.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend:<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=34569&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Billie.jpeg\" alt=\"\" width=\"275\" height=\"609\" \/><\/a><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Alle <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=395\">Gedichtb\u00e4nde<\/a> sind zusammen mit dem auf vier CDs erweiterten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28660\">H\u00f6rbuch<\/a> <strong>Gedichte<\/strong> in einem hochwertigen Schuber aus schwarzer Kofferhartpappe erh\u00e4ltlich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Eine Werk\u00fcbersicht \u00fcber die akustische Kunst finden Sie in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/metaphon.htm\">MetaPhon<\/a>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Auch die Prosa ist in einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=1016\">Schuber<\/a> erh\u00e4ltlich. Und nur darin enthalten ist das H\u00f6rbuch <strong>630<\/strong> und der Band\u00a0 <strong>Vorlass.<\/strong><\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Als Proletarierkind befand sich A.J. Weigoni in einer prek\u00e4ren Klassenlage. Er verf\u00fcgte \u00fcber ein gro\u00dfes Wissen, war belesen und reflektiert, aber er dr\u00fcckte dies nicht in der Sprache des Bildungsb\u00fcrgertums aus. 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