{"id":63753,"date":"2021-12-21T00:01:33","date_gmt":"2021-12-20T23:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63753"},"modified":"2022-02-17T17:23:35","modified_gmt":"2022-02-17T16:23:35","slug":"heimat-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/12\/21\/heimat-2\/","title":{"rendered":"Heimat"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun haben wir auf vielen Seiten Nein gesagt, Nein aus Mitleid und Nein aus Liebe, Nein aus Ha\u00df und Nein aus Leidenschaft \u2013 und nun wollen wir auch einmal Ja sagen. Ja \u2013: zu der Landschaft und zu dem Land Deutschland.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Land, in dem wir geboren sind und dessen Sprache wir sprechen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Staat schere sich fort, wenn wir unsere Heimat lieben. Warum grade sie \u2013 warum nicht eins von den andern L\u00e4ndern \u2013? Es gibt so sch\u00f6ne.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, aber unser Herz spricht dort nicht. Und wenn es spricht, dann in einer andern Sprache \u2013 wir sagen \u203aSie\u2039 zum Boden; wir bewundern ihn, wir sch\u00e4tzen ihn \u2013 aber es ist nicht das.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es besteht kein Grund, vor jedem Fleck Deutschlands in die Knie zu sinken und zu l\u00fcgen: wie sch\u00f6n! Aber es ist da etwas allen Gegenden Gemeinsames \u2013 und f\u00fcr jeden von uns ist es anders. Dem einen geht das Herz auf in den Bergen, wo Feld und Wiese in die kleinen Stra\u00dfen sehen, am Rand der Gebirgsseen, wo es nach Wasser und Holz und Felsen riecht, und wo man einsam sein kann; wenn da einer seine Heimat hat, dann h\u00f6rt er dort ihr Herz klopfen. Das ist in schlechten B\u00fcchern, in noch d\u00fcmmeren Versen und in Filmen schon so verf\u00e4lscht, dass man sich beinah sch\u00e4mt, zu sagen: man liebe seine Heimat. Wer aber wei\u00df, was die Musik der Berge ist, wer die t\u00f6nen h\u00f6ren kann, wer den Rhythmus einer Landschaft sp\u00fcrt \u2026 nein, wer gar nichts andres sp\u00fcrt, als dass er zu Hause ist; dass das da sein Land ist, sein Berg, sein See, auch wenn er nicht einen Fu\u00df des Bodens besitzt \u2026 es gibt ein Gef\u00fchl jenseits aller Politik, und aus diesem Gef\u00fchl heraus lieben wir dieses Land. Wir lieben es, weil die Luft so durch die Gassen flie\u00dft und nicht anders, der uns gewohnten Lichtwirkung wegen \u2013 aus tausend Gr\u00fcnden, die man nicht aufz\u00e4hlen kann, die uns nicht einmal bewu\u00dft sind und die doch tief im Blut sitzen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir lieben es, trotz der schrecklichen Fehler in der verlogenen und anachronistischen Architektur, um die man einen weiten Bogen schlagen mu\u00df; wir versuchen, an solchen Monstrosit\u00e4ten vorbeizusehen; wir lieben das Land, obgleich in den W\u00e4ldern und auf den \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen manch Konditortortenbild eines Ferschten dr\u00e4ut \u2013 la\u00df ihn dr\u00e4uen, denken wir und wandern fort \u00fcber die Wege der Heide, die sch\u00f6n ist, trotz alledem.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Manchmal ist diese Sch\u00f6nheit aristokratisch und nicht minder deutsch; ich vergesse nicht, dass um so ein Schlo\u00df hundert Bauern im Notstand gelebt haben, damit dieses hier gebaut werden konnte \u2013 aber es ist dennoch, dennoch sch\u00f6n. Dies soll hier kein Album werden, das man auf den Geburtstagstisch legt; es gibt so viele. Auch sind sie stets unvollst\u00e4ndig \u2013 es gibt immer noch einen Fleck Deutschland, immer noch eine Ecke, noch eine Landschaft, die der Fotograf nicht mitgenommen hat \u2026 au\u00dferdem hat jeder sein Privat-Deutschland. Meines liegt im Norden. Es f\u00e4ngt in Mitteldeutschland an, wo die Luft so klar \u00fcber den D\u00e4chern steht, und je weiter nordw\u00e4rts man kommt, desto lauter schl\u00e4gt das Herz, bis man die See wittert. Die See \u2013 Wie schon Kilometer vorher jeder Pfahl, jedes Strohdach pl\u00f6tzlich eine tiefere Bedeutung haben \u2026 wir stehen nur hier, sagen sie, weil gleich hinter uns das Meer liegt \u2013 f\u00fcr das Meer sind wir da. Windumweht steht der Busch, feiner Sand knirscht dir zwischen den Z\u00e4hnen \u2026<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die See. Unverge\u00dflich die Kindheitseindr\u00fccke; unverwischbar jede Stunde, die du dort verbracht hast \u2013 und jedes Jahr wieder die Freude und das \u00bbGuten Tag!\u00ab und wenn das Mittell\u00e4ndische Meer noch so blau ist \u2026 die deutsche See. Und der Buchenwald; und das Moos, auf dem es sich weich geht, dass der Schritt nicht zu h\u00f6ren ist; und der kleine Weiher, mitten im Wald, auf dem die M\u00fccken tanzen \u2013 man kann die B\u00e4ume anfassen, und wenn der Wind in ihnen saust, verstehen wir seine Sprache. Aus Scherz hat dieses Buch den Titel \u203aDeutschland, Deutschland \u00fcber alles\u2039 bekommen, jenen t\u00f6richten Vers eines gro\u00dfm\u00e4uligen Gedichts. Nein, Deutschland steht nicht \u00fcber allem und ist nicht \u00fcber allem \u2013 niemals. Aber mit allen soll es sein, unser Land. Und hier stehe das Bekenntnis, in das dieses Buch m\u00fcnden soll:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, wir lieben dieses Land.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nun will ich euch mal etwas sagen:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ja nicht wahr, dass jene, die sich \u203anational\u2039 nennen und nichts sind als b\u00fcrgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache f\u00fcr sich gepachtet haben. Weder der Regierungsvertreter im Gehrock, noch der Oberstudienrat, noch die Herren und Damen des Stahlhelms allein sind Deutschland. Wir sind auch noch da.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie rei\u00dfen den Mund auf und rufen: \u00bbIm Namen Deutschlands \u2026 !\u00ab Sie rufen: \u00bbWir lieben dieses Land, nur wir lieben es.\u00ab Es ist nicht wahr.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Patriotismus lassen wir uns von jedem \u00fcbertreffen \u2013 wir f\u00fchlen international. In der Heimatliebe von niemand \u2013 nicht einmal von jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist. Unser ist es.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so widerw\u00e4rtig mir jene sind, die \u2013 umgekehrte Nationalisten \u2013 nun \u00fcberhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle \u2013 so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterl\u00e4ndische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen \u2013 aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verb\u00e4nde \u00fcber die Wege trommeln \u2013 mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel \u2013 mit genau demselben Recht nehmen wir Flu\u00df und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen \u2013 weil wir es lieben. Man hat uns zu ber\u00fccksichtigen, wenn man von Deutschland spricht, uns: Kommunisten, junge Sozialisten, Pazifisten, Freiheitliebende aller Grade; man hat uns mitzudenken, wenn \u203aDeutschland\u2039 gedacht wird \u2026 wie einfach, so zu tun, als bestehe Deutschland nur aus den nationalen Verb\u00e4nden.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und in allen Gegens\u00e4tzen steht \u2013 unersch\u00fctterlich, ohne Fahne, ohne Leierkasten, ohne Sentimentalit\u00e4t und ohne gez\u00fccktes Schwert \u2013 die stille Liebe zu unserer Heimat.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: right;\">Kurt Tucholsky starb am 21. Dezember 1935 in G\u00f6teborg<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/strong>, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2014 \u2013 Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-50088\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Sammelgebiet_Cover-1-664x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"166\" height=\"256\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend zum ersten Roman \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Zur historischen Abfolge, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25344\">Einf\u00fchrung<\/a>.\u00a0Eine Rezension von Jo Wei\u00df findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24394\">hier<\/a>. Einen Essay von Regine M\u00fcller lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24412\">hier<\/a>. Beim <em>vordenker<\/em> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/10\/09\/lebensabschnittsgefaehrten\/\">entdeckt<\/a> Constanze Schmidt in diesem Roman einen Dreiklang. Auf <span data-offset-key=\"cphj4-0-0\">der vom Netz gegangenen<\/span> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/26\/parallelfuehrung-der-liebesverhaeltnisse\/\">Fixpoetry<\/a> arbeitet Margretha Schnarhelt einen Vergleich zwischen A.J. Weigoni und Haruki Murakami heraus. Eine weitere Parallele zu <em>Jahrestage<\/em> von Uwe Johnson wird <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24922\">hier<\/a> gezogen. Die Dualit\u00e4t des Erscheinens mit Lutz Seilers \u201cKruso\u201d wird <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26315\">hier<\/a> thematisiert. In der Neuen Rheinischen Zeitung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/13\/liebe-sinnlich-ideologisch\/\">w\u00fcrdigt<\/a> Karl Feldkamp wie A.J. Weigoni in seinem ersten Roman den Leser zu Hochgenuss verf\u00fchrt.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Nun haben wir auf vielen Seiten Nein gesagt, Nein aus Mitleid und Nein aus Liebe, Nein aus Ha\u00df und Nein aus Leidenschaft \u2013 und nun wollen wir auch einmal Ja sagen. 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