{"id":63691,"date":"2009-01-24T00:14:30","date_gmt":"2009-01-23T23:14:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63691"},"modified":"2020-04-28T17:15:51","modified_gmt":"2020-04-28T15:15:51","slug":"biederer-lobgesang-und-rumpel-lyrik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/24\/biederer-lobgesang-und-rumpel-lyrik\/","title":{"rendered":"Biederer Lobgesang und Rumpel-Lyrik"},"content":{"rendered":"\n<p>Autorenlesungen finden nicht selten (fast) unter Ausschlu\u00df\nder \u00d6ffentlichkeit statt \u2013 vor allem dann, wenn Poesie auf dem\nProgramm steht. So waren vor einigen Monaten zu einer Lesung\ndes Welt-Lyrikers <a href=\"http:\/\/www.poetenladen.de\/les-murray.htm\">Les Murray<\/a> im Literaturhaus der\nMillionenstadt K\u00f6ln nur 60 Zuh\u00f6rer gekommen. Bei\nUlrike Draesners Auftritt einige Wochen sp\u00e4ter waren\nes gerade mal 20. Von einem wirklich gro\u00dfen Publikum\nk\u00f6nnen Lyriker meistens nur tr\u00e4umen.   <br \/><br \/>\n\n\nIm Land der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten, ungeheuren\nWeiten und gigan\u00adtischen Bau\u00adwerke gehen solche Tr\u00e4ume\ngelegentlich in Erf\u00fcllung. Dort d\u00fcrfen sich Dichter bei\nAmtseinf\u00fchrungen von Pr\u00e4sidenten f\u00fcr wenige Minuten\neiner Millionenschar von Zuh\u00f6rern pr\u00e4sentieren.\n\u00dcber die Qualit\u00e4t ihrer Werke, die sie eigens f\u00fcr\ndiese feierlichen Momente geschrieben haben,\nbreitet man am besten den Mantel des Schweigens aus.\nAber immerhin \u2013 Lyrik wird nicht zuletzt durch die\nFernseh\u00ad\u00fcbertragungen in alle Welt zum Gro\u00dfereignis.\nVielleicht erf\u00e4hrt dabei so mancher Dauerkonsument\nvon idiotischen Dschungel\u00adcamps und l\u00e4cherlichen\nTalentshows sogar, da\u00df es auch nach Goethe\nnoch Leute gibt, die einen Teil ihrer Lebenszeit\nmit dem Verfassen von Gedichten verbringen.     <br \/><br \/>\n\n\nDer j\u00fcngste Mega-Auftritt einer Lyrikerin fand\nbekanntlich bei der Amts\u00adeinf\u00fchrung Barack Obamas\nstatt. Die Auserw\u00e4hlte hei\u00dft Elizabeth Alexander,\nist eine Freundin des neuen US-Pr\u00e4sidenten und\nwar als Poetin bisher noch wenig bekannt.\nIhr biederer <em>Lobgesang auf den Tag<\/em>, der immerhin\ndie sch\u00f6ne Zeile \u201eWir tragen jeden unserer Vorfahren\nauf unseren Zungen\u201c enth\u00e4lt, bietet ansonsten wenig\nAnla\u00df, von einem originellen Poem zu sprechen.\nUnd so kann man sich Durs Gr\u00fcnbeins in der\n<em>Frankfurter Rundschau<\/em> ge\u00e4u\u00dferter Meinung,\nda\u00df es \u201eein eher schwaches Amts\u00adeinf\u00fchrungs-Gedicht\u201c\nund \u201eein braves St\u00fcck Alltagslyrik\u201c gewesen sei,\nnur anschlie\u00dfen.  <br \/><br \/>\n\n\nDa\u00df man historischen Ereignissen auch\nmit anderen Versen gerecht werden kann,\nhat jener Durs Gr\u00fcnbein erst vor kurzem\nanl\u00e4\u00dflich des Abrisses eines Bauwerks bewiesen,\ndas einmal zu den Wahrzeichen der DDR\ngeh\u00f6rte. Bei <em>Welt Online<\/em> konnte man staunend\nzur Kenntnis nehmen, was er unter dem Titel\n<em>Ein letztes Gedicht f\u00fcr den Palast der Republik<\/em>\nmit poetischer Bravour zustande gebracht hat.\n                                                <br \/><br \/>\n\nBereits der Einstieg l\u00e4\u00dft einen fast den Atem\nanhalten: \u201eEs gab mal ein Haus in Berlin,&nbsp;\/ Dort\nging man zum Stasi-Ball hin.\u201c In der n\u00e4chsten\nStrophe ger\u00e4t man dann schon in Atemnot:\n\u201eEs gab mal ein Haus in Berlin,&nbsp;\/ Da tanzte\ndie Honeckerin.\u201c Und v\u00f6llig aus dem H\u00e4uschen\nist man bei Zeilen wie \u201eDas Haus aber war\nein Palast,&nbsp;\/ Darin hatte der Stahlwerker Spa\u00df\u201c\noder \u201eDer Stil war Baracken-Barock,&nbsp;\/ F\u00fcr manch\nAltgenossen ein Schock\u201c. Bewun\u00adderns\u00adwert\nauch, wie Gr\u00fcnbein den Glanz des\nehemaligen DDR-Prachtbaus mit den folgenden\nReimen eingefangen hat: \u201eAus dem Innern\nerstrahlten satt&nbsp;\/ Lichter, ein paar zehntausend Watt.&nbsp;\/\nAlt aussehn im Abendverkehr&nbsp;\/ Lie\u00df den Dom\ndie Vitrine der DDR.\u201c Und so stolpert\nunser Gro\u00df-Dichter weiter mit tollk\u00fchner\nRumpel-Lyrik durch die Strophen, da\u00df\nsich die Verse biegen.    <br \/><br \/>\n\n\nDa kann man Barack Obama fast schon\ngratulieren, da\u00df seine Amts\u00adeinf\u00fchrung\nvon einem braven St\u00fcck Alltags\u00adlyrik\nbegleitet wurde. Man stelle sich nur vor,\nDurs Gr\u00fcnbein w\u00e4re ein US-Poet und\nvon Obama gebeten worden, seine\nPremiere als Pr\u00e4sident mit einem\nPoem zu veredeln. Dann w\u00e4re die Welt\nvielleicht mit einem <em>Ersten Gedicht\nf\u00fcr den Pr\u00e4sidenten der USA<\/em> und\nden Eingangs\u00adzeilen \u201eEs gibt ein\nHaus in Washington,&nbsp;\/ Dort herrscht\nab sofort ein andrer Ton\u201c begl\u00fcckt worden.\n <br \/><br \/>\n\nNein \u2013 beenden wir diese Horrorvorstellung,\nschlagen einen der fr\u00fchen Lyrikb\u00e4nde\nvon Durs Gr\u00fcnbein auf und staunen,\nzu welchen Ausrutschern ein\nhochbegabter Dichter im nun leicht\nfortgeschrittenen Alter f\u00e4hig ist.\nWas Elizabeth Alexander betrifft, so kennen\nwir noch zu wenig von ihr. Vielleicht hat\nsie ja mehr zu bieten als einen biederen\nLobgesang.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=28105&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Axel-Kutsch.jpeg\" alt=\"\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Eine &nbsp;W\u00fcrdigung des Herausgebers und Lyrikers Axel Kutsch im Kreise von Autoren aus Metropole und Hinterland <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12833\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autorenlesungen finden nicht selten (fast) unter Ausschlu\u00df der \u00d6ffentlichkeit statt \u2013 vor allem dann, wenn Poesie auf dem Programm steht. 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