{"id":63625,"date":"2009-01-27T00:01:00","date_gmt":"2009-01-26T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63625"},"modified":"2021-12-26T15:34:52","modified_gmt":"2021-12-26T14:34:52","slug":"corvinus-presse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/27\/corvinus-presse\/","title":{"rendered":"Corvinus Presse"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Liljana Dirjans von Sabine Fahl \u00fcbertragener Lyrikband <em>Schwere Seide<\/em> (2000) war bei Erscheinen der einzige zeitgen\u00f6ssische mazedonische Lyrikband in deutscher \u00dcbersetzung: ein Gl\u00fcck, da\u00df wir ihn haben. <em>Schwere Seide<\/em> ist ein in jeder Beziehung sch\u00f6nes Buch. Ich kann es nicht oft genug betonen: Nat\u00fcrlich ist das Gedicht selbst das Wesentliche am bzw. im Gedichtbuch, aber wenn die Verpackung so gelungen ist wie bei den meisten dieser in limitierter Auflage erscheinenden B\u00fccher der Berliner <em>Corvinus Presse<\/em>, gewinnt das ganze lyrische Projekt, und der bibliophil orientierte Sammler schnalzt mit der Zunge. Doppeltes Kompliment also f\u00fcr Verleger und Buchk\u00fcnstler Hendrik Liersch: Auch nach 2000 produziert dieser Lyrikliebhaber ein sch\u00f6nes Buch nach dem anderen. Ein rundes, dunkelbraunes, in den Umschlag gen\u00e4htes Seidenfenster blickt mich aus <em>Schwere Seide <\/em>wie ein Dichterauge an, und wenn ich in diesem japanisch gebundenen und bleigesetzten Blockbuch bl\u00e4ttere, gewahre ich Gedichte, in die ich mich sogleich versenke. Ich sage ja gern schon einmal, da\u00df mir als lyrischem Trinker jeder Wein schmeckt, aber es ist nat\u00fcrlich stets eine feine Freude, auf einen besonders edlen Tropfen zu sto\u00dfen. Liljana Dirjan verf\u00fcgt \u00fcber eine lyrische Stimme, die so klar ist wie das Meer \u00fcberall sein sollte, unweit dessen sie lebt. Dabei tauchen unvermittelt Metaphern auf wie kleine unbewohnte Inseln. Anschaulichkeit, Empfindung, Nat\u00fcrlichkeit, Sinnlichkeit sind Begriffe, die mir in den Sinn kommen, w\u00e4hrend ich diese Gedichte genie\u00dfe. Renate Jurisch, <em>Hautnah<\/em> (1998), Ingo Cesaro, <em>Das Meer ist nicht blau<\/em> (1999), Gisela G\u00fclpen, <em>11 Haiku<\/em> (2000) mit 300 ausgew\u00e4hlten Dreizeilern aus 30 Jahren oder Henryk Bereska (1926-2005), <em>Berliner Sp\u00e4tlese<\/em> (zweite, starkerweiterte Auflage 2000) sind weitere Beispiele f\u00fcr das charakteristische Profil der <em>Corvinus Presse<\/em>. Ein wahrhaft einmaliges Buchobjekt ist Ingo Cesaros <em>Schon wieder verschnupft<\/em> (2003). Hier sind die bleigesetzten Haiku ohne Farbe in 10 Papiertaschent\u00fccher gedruckt, die als Buch gebunden sind. Ein Schmankerl in meiner Sammlung. Vom 4. August bis 20. September 2003 pr\u00e4sentierte die <em>Universit\u00e4tsbibliothek der Freien Universit\u00e4t Berlin<\/em> die ersten\u00a0120 <em>Corvinus<\/em>-B\u00fccher, zu denen auch die von Adelheid Johanna Hess geh\u00f6ren. Die mit W\u00f6rtern knausernden Gedichte in <em>Sturz voraus<\/em> (1999) beeindrucken mich ebenso wie die sehr genau strukturierten Verse der fr\u00fcheren B\u00e4nde <em>Wortstau<\/em> (1992) oder <em>Tr\u00e4ume laden ein<\/em> (1997):<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><em>Lesen<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><em>Ahnungen<br \/>Nehmen<br \/>Mich<br \/>Entfachen<br \/>St\u00fcrme<br \/>Ozeanische<br \/>Schaumkronen<br \/>Entnageln<br \/>Das Ende<br \/>Der Welt<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\">und<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><em>Schreiben<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><em>Worte<br \/>Winden<br \/>Sich<br \/>Treffen<br \/>Mich<br \/>St\u00fcrzen<br \/>Ab<br \/>Fallen<br \/>Ins Grab<br \/>Der Seiten<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ich darf getrost von einem Lebenswerk f\u00fcr einen Einmannverlag sprechen, den Hendrik Liersch am 11. April 1990 gr\u00fcndete. Seitdem hat der passionierte VauO-Stomps-Verehrer beharrlich daran gearbeitet, Autorinnen und Autoren in und mit seinen stets sch\u00f6n gestalteten B\u00fcchern ein Forum zu bieten. Zu den mittlerweile etwa 70 B\u00fcchern, die ich in meiner Sammlung aus der <em>Corvinus Presse<\/em> habe, sind diese beiden noch hinzugekommen: Peter Wills mit eigenen Linolschnitten angereicherter Titel <em>Skalitzer \u2013 Eisenbahn \u2013 Admiral<\/em>, der mit Gedichten aus den Jahren 1986 bis 2002 ein lyrisches Panorama von Berlin-Kreuzberg entwirft, sowie das japanisch gebundene Blockbuch <em>Falkner, bis Gr\u00fcn dich durchw\u00e4chst<\/em> von Ute Eckenfelder mit zwei Linolschnitten von Litsa Spathi. Ich bin weiterhin s\u00fcchtig nach B\u00fcchern aus der <em>Corvinus Presse<\/em>. Dabei ist es nat\u00fcrlich nicht nur die buchk\u00fcnstlerische Gestaltung, die mich anzieht, sondern in erster Linie die lyrische \u00dcberraschung, die mich beim \u00d6ffnen des Buches erwartet. Von der 1938 geborenen und in Berlin lebenden Ute Eckenfelder hatte ich bis dato noch nichts gelesen. Sie wartet mit wind- und wettergegerbten Gedichten auf, die unsere Sehns\u00fcchte aufw\u00fchlen:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><em>Heu fehlt, Geruch von Heu<\/em><br \/><em> in dem die Seele,<\/em><br \/><em> der halbfl\u00fcgge<br \/>Vogel, ausatmen k\u00f6nnte,<\/em><br \/><em> wie auf alten Bildern Tote ihre Seelen.<\/em><\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Ein Essay \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/26\/lauschender-leser-und-redender-schreiber-2\/\">Lyrikvermittler<\/a> Theo Breuer.<\/p>\r\n<div id=\"attachment_44595\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-44595\" class=\"wp-image-44595 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-44595\" class=\"wp-caption-text\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen der Kultur<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugt der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>. Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte <span data-offset-key=\"d96ve-1-0\">Wolfgang Schlott<\/span><span data-offset-key=\"d96ve-2-0\"> dieses\u00a0 post-dadaistische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/03\/handwerkliche-anleitungen-zur-ueberwindung-von-schreibblockaden\/\">Manifest<\/a>. Warum<\/span> Lyrik wieder in die Zeitungen geh\u00f6rt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/07\/der-dichtung-eine-bresche-schlagen\/\">begr\u00fcndete<\/a> Walther Stonet, diese Forderung hat nichts an Aktualit\u00e4t verloren. Lesen Sie auch Maximilian Zanders <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5418\">Essay <\/a>\u00fcber Lyrik und ein R\u00fcckblick auf den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/08\/lyrik-katalog-bundesrepublik\/\"><em>Lyrik-Katalog Bundesrepublik<\/em><\/a>. KUNO sch\u00e4tzt den minuti\u00f6sen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27947\">Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne \u2026 und Schwerkraft. Gedanken \u00fcber das lyrische Schreiben<\/a>. Lesen Sie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber die interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit von Angelika Janz, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin.<\/em> Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/08\/von-sappho-zu-sophie\/\">hier<\/a>, ein Essay fasst das transmediale Projekt<em> &#8222;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/14\/bi-textualitaet\/\">Wortspielhalle<\/a>&#8220; <\/em>zusammen<em>. <\/em>Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/06\/17\/beschwoerungszauber\/\">Holger Benkel<\/a> \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/12\/mit-deutschen-untertiteln\/\">Ralph Pordzik<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/20\/wohnraeume-der-poesie\/\">Friederike Mayr\u00f6cker<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/19\/welten-gegenwelten\/\">Werner Weimar-Mazur<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/26\/wohnraeume-der-poesie-2\/\">Peter Engstler<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/17\/der-grill-auf-der-hauswiese-der-welt\/\">Linda Vilhj\u00e1lmsd\u00f3ttir<\/a>, und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/09\/17\/rettungsversuche-der-literatur-im-digitalen-raum\/\">A.J. Weigoni<\/a>. Lesenswert auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/16\/verseschmied-und-lyrikfischer\/\">Gratulation<\/a> von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 75. Geburtstag. Nicht zu vergessen eine Empfehlung der kristallklaren Lyrik von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/19\/die-lyrikerin-ines-hagemeyer\/\">Ines Hagemeyer<\/a>. Diese Betrachtungen versammeln sich in der Tradition von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins, dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Bottroper Literaturrocker<\/a> &#8222;Biby&#8220; Wintjes und Hadayatullah H\u00fcbsch, dem Urvater des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/30\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\"><em>Social-Beat<\/em><\/a>, im KUNO-Online-Archiv. Wir empfehlen f\u00fcr Neulinge als Einstieg in das weite Feld der nonkonformistischen Literatur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">diesem Hinweis<\/a> zu folgen.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Liljana Dirjans von Sabine Fahl \u00fcbertragener Lyrikband Schwere Seide (2000) war bei Erscheinen der einzige zeitgen\u00f6ssische mazedonische Lyrikband in deutscher \u00dcbersetzung: ein Gl\u00fcck, da\u00df wir ihn haben. Schwere Seide ist ein in jeder Beziehung sch\u00f6nes Buch. 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