{"id":6362,"date":"2012-08-04T00:01:47","date_gmt":"2012-08-03T22:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6362"},"modified":"2020-09-07T08:49:03","modified_gmt":"2020-09-07T06:49:03","slug":"der-dichter-den-es-nicht-gab","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/04\/der-dichter-den-es-nicht-gab\/","title":{"rendered":"Der Dichter, den es nicht gab"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/220px-Forestier_Herz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6364 alignright\" title=\"220px-Forestier_Herz\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/220px-Forestier_Herz.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"317\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/220px-Forestier_Herz.jpg 220w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/220px-Forestier_Herz-208x300.jpg 208w\" sizes=\"auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><\/a>Vor 60 Jahren wurde im D\u00fcsseldorfer Eugen Diederichs Verlag unter dem Titel <em>Ich schreibe mein Herz in den Staub der Stra\u00dfe<\/em> ein kleiner Lyrikband ver\u00f6ffentlicht, der mit seinen 48 Seiten zu einem der erfolgreichsten deutschen Gedichtb\u00fccher der fr\u00fchen Nachkriegszeit werden sollte. Bis 1955 erreichte er acht Auflagen mit insgesamt 21 000 Exemplaren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein angeblich in Indochina verschollener Autor George Forestier erntete nicht nur gro\u00dfes Lob von Gottfried Benn und Karl Krolow, sondern wurde auch von manchen Literaturkritikern als erstrangige lyrische Begabung gefeiert. So schrieb die FAZ, die vorab einige Gedichte aus dem Band abgedruckt hatte, da\u00df Forestier durch alle\u00a0<em>Stationen des Kreuzwegs<\/em> seiner Generation die\u00a0\u00a0<em>unruhvolle Genialit\u00e4t des Abendlandes<\/em> gelebt und gedichtet\u00a0 habe. Und die Frankfurter Abendpost meinte, Forestier habe alles getan,\u00a0<em>was ein Mensch von heute f\u00fcr die Lyrik tun kann<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df Dichterkollegen, Literaturkritiker und zahlreiche Leser sich offenbar f\u00fcr Verse wie <em>Wenn die Lotosknospe springt, \/ knallt im Dorf die Handgranate. \/ Wenn der junge Bambus bl\u00fcht, \/ werden die Kanonen reden &#8230;<\/em> begeistern konnten, d\u00fcrfte in erster Linie auf die Biographie des Autors zur\u00fcckzuf\u00fchren sein. George Forestier, der 1921 als Sohn eines Franzosen und einer Deutschen geboren worden war und im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Nazis gek\u00e4mpft hatte, trat nach Kriegsende in die Fremdenlegion ein und wurde nach Indochina geschickt, wo sich 1951 seine Spur verlor. Vorher hatte er einem Kameraden noch eine Kladde mit Gedichten \u00fcbergeben..<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sch\u00f6ner kann man die Biographie eines \u203aFr\u00fchvollendeten\u2039 kaum erfinden. Da\u00df der deutsch-franz\u00f6sische Poet George Forestier, der gar mit Rimbaud verglichen wurde, nie existiert hat, wurde 1955 bekannt. Der Verfasser der expressionistisch angehauchten Lyrik war in Wirklichkeit ein D\u00fcsseldorfer, der zum Zeitpunkt des Erscheinens von\u00a0<em>Ich schreibe mein Herz in den Staub der Stra\u00dfe<\/em> als Herstellungsleiter beim Eugen Diederichs Verlag arbeitete. Unter seinem richtigen Namen Karl Emerich Kr\u00e4mer ver\u00f6ffentlichte er bis zu seinem Tod im Jahre 1987 noch zahlreiche B\u00fccher, die jedoch von der \u00fcberregionalen Literaturkritik weitgehend unbeachtet geblieben sind\u00a0\u2013 wie auch weitere B\u00e4nde des von ihm erfundenen Indochinak\u00e4mpfers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/150px-Forestier_Stark1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-6369\" title=\"150px-Forestier_Stark\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/150px-Forestier_Stark1.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"231\" \/><\/a>Inzwischen ist Gras \u00fcber die Gedichte George Forestiers gewachsen, der, so Michael Buselmeier im Jahre 2002, mit schiefen Metaphern ein tr\u00fcbes Gebr\u00e4u aus Motiven wie Einsamkeit, gro\u00dfe weite Welt, k\u00e4ufliche Liebe und Alkohol anger\u00fchrt habe, das ihn an Freddy Quinns Erfolgsschlager <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=5uWYr37AiFk\"><em>Brennend hei\u00dfer W\u00fcstensand<\/em><\/a> erinnere. Einen bescheidenen Nachruhm hat er lediglich dem Umstand zu verdanken, da\u00df es ihn nicht gegeben hat und die Enth\u00fcllung des wahren Verfassers 1955 einen Skandal ausl\u00f6ste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcbrigens ist Karl Emerich Kr\u00e4mer nie in Indochina gewesen, was ihn zu der Bemerkung veranla\u00dfte, da\u00df Dante auch nicht in der H\u00f6lle gewesen sei. Ein Blender oder nur ein gewitzter D\u00fcsseldorfer, der in den fr\u00fchen f\u00fcnfziger Jahren mit seiner Marketing-Strategie vom verschollenen Fremdenlegion\u00e4r und Jungpoeten vor\u00fcbergehend erfolgreich war?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<p>Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 60 Jahren wurde im D\u00fcsseldorfer Eugen Diederichs Verlag unter dem Titel Ich schreibe mein Herz in den Staub der Stra\u00dfe ein kleiner Lyrikband ver\u00f6ffentlicht, der mit seinen 48 Seiten zu einem der erfolgreichsten deutschen Gedichtb\u00fccher der fr\u00fchen Nachkriegszeit werden&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/04\/der-dichter-den-es-nicht-gab\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":18350,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[622,104,621,618,259,619,620],"class_list":["post-6362","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-arthur-rimbaud","tag-axel-kutsch","tag-freddy-quinn","tag-george-forestier","tag-gottfried-benn","tag-karl-krolow","tag-michael-buselmeier"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6362","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/18"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6362"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6362\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6362"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6362"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6362"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}