{"id":63470,"date":"2005-05-01T00:01:00","date_gmt":"2005-04-30T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63470"},"modified":"2021-12-26T17:50:00","modified_gmt":"2021-12-26T16:50:00","slug":"notizen-zu-einem-deutschen-dichter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/05\/01\/notizen-zu-einem-deutschen-dichter\/","title":{"rendered":"Notizen zu einem deutschen Dichter"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>LITERATUR UND TOD <\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>d literatur, des wisz jo<br \/>ist a gaunz a diaffs grob<br \/>wo kaana drin waas<br \/>ob a jemoes a r aufaschdehung hod <\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ernst Jandl<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sonntagnachmittag, 3. April 2005. \u00dcberm\u00fctiger Sonnenschein schon den ganzen Tag. Ich bin ersch\u00f6pft von einem Spaziergang von Steinfeld nach Urft hinunter und zur\u00fcck den Berg nach Steinfeld hinauf. Dr\u00f6hnende Motorr\u00e4der \u2013 bl\u00fchende Osterglocken. Nach einer exorbitanten Tasse Darjeeling sitze ich in meinem Lieblingssessel und lese in Dieter Fortes <em>Das Haus auf meinen Schultern<\/em>, der Romantrilogie, die den 2. Weltkrieg und vor allen Dingen den Luftkrieg aus Sicht der Bev\u00f6lkerung schildert. Ein Buch, von dem W.G. Sebald annahm, es existiere gar nicht. W\u00e4hrend ich die W\u00f6rter aufnehme, blicke ich bisweilen hoch und betrachte die Blumen \u2013 Osterglocken und Primeln \u2212, die im Garten bl\u00fchen. Ich beobachte das Spiel der Schatten mit den \u00c4sten der B\u00e4ume. Das Bild des am Vorabend verstorbenen Papstes erscheint vor meinem geistigen Auge. Ich warte auf das Schlu\u00dfresultat der Begegnung zwischen den M\u00fcnchner L\u00f6wen und den K\u00f6lner Gei\u00dfb\u00f6cken hier geht es am 27. Spieltag um den Aufstieg in die Bundesliga. Ich lese: \u201eAm anderen Morgen, als alle den Raum verlie\u00dfen, lag er immer noch da und bewegte sich nicht und starrte in den Himmel und war tot. Der Junge sah noch lange diesen dunklen, bewegungslosen Klumpen, f\u00fcr den sich keiner interessiert hatte, das Lied und den schreienden Gesang verga\u00df er nie mehr.\u201c Einige Seiten zuvor wurde Louis Armstrong erw\u00e4hnt (die Amerikaner sind in das St\u00e4dtchen einmarschiert), und ich suchte die entsprechende CD heraus, um \u201eC\u2019est si bon\u201c zu h\u00f6ren. Wenige Sekunden sp\u00e4ter \u2013 gegen halb f\u00fcnf \u2013 klingelt das Telefon. Das ist selten geworden an einem Sonntagnachmittag. Ich unterbreche die Musik. Das Display auf dem H\u00f6rer verr\u00e4t, nichts au\u00dfer: Unbekannt! Es ist Axel Kutsch.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: justify;\"><em>EIN \u00dcBERAUS SCH\u00d6NES UND BLAUES MAN\u00d6VER \/<br \/>LILIEN AUF DIE BRUST GEMALT \/<br \/>F\u00dcR THOMAS KLING <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: justify;\"><em>in den Haaren die Lindenbaumf\u00e4cher<br \/>nordafrikanischer Kn\u00f6tchenfrucht<br \/>springen im funkelnden Wind n\u00e4mlich<br \/>zu Boden gesch\u00fcttelt vom zaubrischen<br \/>Schopf oder Duft oder H\u00f6lderlins Jugendlocke<br \/>oder es steigt ein H\u00fcndchen schwammig<br \/>ins herbeigerufene Taxi<br \/>oder es stehen weisze Tennisschuhe zum Trocknen<br \/>in der Sonne am offenen Fenster<br \/>oder man liegt ausgestreckt mit w\u00e4chsernen<br \/>Ohren auf einer Bank im Halbschatten des Baumes<br \/>welcher die Herzschl\u00e4ge z\u00e4hlt<br \/>\/ einer heiligen Caterina von Siena<br \/>mit dem Lilienstab vor den weiszen, vor den<br \/>halbge\u00f6ffneten Augen <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: justify;\">Friederike Mayr\u00f6cker<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wundre mich, denn wir haben doch alles Notwendige in mehreren Mails w\u00e4hrend der letzten Tage besprochen. Es ist klar, da\u00df er anruft, um etwas Au\u00dferordentliches mitzuteilen. Ich rechne mit einer guten Botschaft. Doch er sagt nach einer kurzen Begr\u00fc\u00dfung: \u201eThomas Kling ist tot.\u201c Er hatte es soeben von Markus Peters erfahren. Da wir Karfreitag, also vor einer guten Woche erst, so lange beisammen gesessen und u.a. \u00fcber Thomas Kling und dessen neues Buch <em>Die Auswertung der Flugdaten<\/em> gesprochen hatten, war es nur konsequent, da\u00df er mich gleich informieren wollte. Ein so intensives, ja, rauschhaftes Gespr\u00e4ch \u00fcber ein Buch, das sich im ersten Kapitel radikal mit dem Tod auseinandersetzt \u2013 und jetzt diese Mitteilung. Ein Schlag. Wir reden vier Minuten lang \u00fcber Thomas Kling, den wir zu den drei wesentlichen Vorreitern der Lyrik der letzten 20 Jahre z\u00e4hlen. Ein herber Verlust. (Ich wei\u00df, Herr Wittgenstein, die W\u00f6rter versagen: \u201eWovon man nicht sprechen kann, dar\u00fcber mu\u00df man schweigen.\u201c) Ich bin Thomas Kling, der stets betonte: \u201eGedichte sind immer vom Rhythmus gepr\u00e4gt, sonst sind es keine Gedichte\u201c, nie pers\u00f6nlich begegnet, wir haben nicht einmal telefoniert oder auch nur einen Brief gewechselt. Aber seit knapp 10 Jahren befasse ich mich intensiver mit seinem Werk als mit dem der meisten Autoren, von denen ich Gedichte gelesen habe. Nach Rolf Dieter Brinkmann besetzt er einen der n\u00e4chsten Pl\u00e4tze. Meine Rezeption Thomas Klings gleicht einem K\u00e4mpfen und Ringen, Kling ist ein Dichter der \u201eeckn kantn\u201c und \u201eanmut und rohheit in st\u00fcckn\u201c. Wenn ich seine Gedichte lese, bin ich notwendigerweise totalissi me konzentriert, aber gleichzeitig distanziert, abgek\u00fchlt [Hier geschieht \u2212\u00a0nat\u00fcrlich \u2212\u00a0was beim Lesen aller guten Dichter passiert: Die lyrische Tiefenstruktur der Texte \u00fcbertr\u00e4gt sich umgehend auf den Leser. Kling ist als Autor der Installationsmeister, ich als Leser (zwangsl\u00e4ufig) sein (souver\u00e4ner) Geselle, seine Gedichte nennt er nicht Gedichte, sondern \u2013 \u201eSprachinstallationen\u201c, anarchisch, bissig, knochig, hier \u201eglitscht\u201c, \u201esp\u00fclt\u201c und \u201ebr\u00f6ckelt\u201c es \u2212\u00a0horizontal und vertikal.] w\u00e4hrend Rolf Dieter Brinkmanns Gedichte mich bekannterma\u00dfen mitrei\u00dfen. Ich habe gro\u00dfen Respekt vor der Leistung dieses lyrischen Schwerarbeiters Kling, dieses Hauers und Steigers in Personalunion, empfinde aber \u2013 au\u00dfer dem h\u00f6chsten Respekt vor der gro\u00dfen lyrischen Leistung \u2013 bei weitem nicht das, was ich f\u00fcr das Werk Brinkmanns empfinde. Dazwischen liegen tats\u00e4chlich Welten. [Schwer zu erkl\u00e4ren das, ich wei\u00df, aber hier geht es nat\u00fcrlich auch um Neigungen und Vorlieben, die \u00fcber das Intellektuelle hinausgehen.] Allerdings \u2013 ohne die Auseinandersetzung mit Thomas Kling fehlt Dichtern, die in der Welt der deutschsprachigen Lyrik mitreden und mithalten wollen, ein entscheidender Pfeiler in der poetologischen Argumentation. [Gleiches sage ich, wie bekannt, von Rolf Dieter Brinkmann. \u00dcberhaupt spricht nichts dagegen, Thomas Kling und Rolf Dieter Brinkmann in einem Atemzug zu nennen. Beide haben am selben Stamm geschnitzt \u2212\u00a0jeweils am anderen Ende. Kling (der 1990 das <em>Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium<\/em> der Stadt K\u00f6ln erhielt) beschleift die W\u00f6rter, Brinkmann h\u00e4mmert die W\u00f6rter durch dr\u00f6hnende monotone Wiederholungen in die K\u00f6pfe. Beide wollen so die morsch (!) gewordene Sprache: aufm\u00f6beln \u2212\u00a0aktuell, modern, konkurrenzf\u00e4hig, zeitgen\u00f6ssisch (\u2026) machen. Kling hatte, glaube ich, mehr Gemeinsamkeiten mit Brinkmann, als ihm lieb waren. Wo er sich mit George gern identifizierte, distanzierte er sich von Brinkmann. Beim Lesen der Neuausgabe von <em>Westw\u00e4rts 1 &amp; 2<\/em> f\u00e4llt mir auf, da\u00df auch Brinkmann gelegentlich \u2212\u00a0der gesprochenen Sprache angepa\u00dft \u2212\u00a0Vokale ausl\u00e4\u00dft. Wir wissen, da\u00df kein Dichter gesprochene Sprache \/ Slang \/ Jargon so konsequent in lyrisches Argot verwandelt hat wie Thomas Kling, dessen Gedichte ich beim Lesen immer wieder vor mich hinfl\u00fcstere: So gewinnen sie eine zus\u00e4tzliche Qualit\u00e4t, die Kling gewi\u00df auch vorschwebte \u2212\u00a0wobei ich eingestehe, da\u00df mir Klings m\u00fcndlicher Vortrag seiner Gedichte nicht liegt (ich wei\u00df, er gilt als gro\u00dfer Performer), weshalb ich in diesen Notizen auch nicht n\u00e4her auf diese gewichtige Komponente Klingscher Klangkunst eingehen kann. So findet jeder Leser seinen Weg zum Werk eines Dichters.] Ich sitze wieder im Sessel. Versuche weiterzulesen. Lese eine Seite, blicke hoch, lese, h\u00f6re, K\u00f6ln habe sich ein mageres torloses Unentschieden erspielt (damit werden auch Politycki und Seiler nicht zufrieden sein), die Sonne ist hinter dem Haus verschwunden, ich m\u00fc\u00dfte mich jetzt ins E\u00dfzimmer setzen, um auf die sonnen\u00fcberflutete Wiese zu blicken, auf der die vielen noch blattlosen B\u00e4ume und Str\u00e4ucher stehen, die ich im Laufe der Jahre angepflanzt habe. Wieder klingelt das Telefon. Es ist f\u00fcr meine Frau. Ich gehe die Treppe hinunter in den Raum, den Axel Kutsch \u201eLyrikkabinett\u201c nennt und in dem zwischen all den B\u00fcchern der Rechner steht, den ich hochfahre. Ich lege einen neuen Ordner und eine neue Datei an und beginne diese Zeilen. Ich stehe auf und gehe an das Regal mit den B\u00e4nden der Autoren, die mit K beginnen: K\u00e4stner, Kavafis, Kirsch, Kirsten, Klabund, K\u00fchn, Kunert, Krechel, Krolow, Kutsch und greife das Dutzend B\u00fccher von Kling heraus.<br \/>Zun\u00e4chst bl\u00e4ttre ich in <em>erprobung herzst\u00e4rkender mittel<\/em>, <em>geschmacksverst\u00e4rker<\/em>, <em>brennstabm<\/em>, <em>nacht.sicht.ger\u00e4t<\/em>, dem 1994 bei <em>Suhrkamp<\/em> erschienenen Sammelband, der die vier ersten Lyrikb\u00e4nde Klings umfa\u00dft, in denen es immer wieder auf \u00e4tzende, bellende, auch sarkastische, wenn nicht sogar zynische Sprachart und Sprechweise zur Sache geht, [<em>erprobung herzst\u00e4rkender mittel<\/em> ist Thomas Klings Deb\u00fctband. Er erschien Mitte der 1980er Jahre in der <em>Eremiten-Presse<\/em> (D\u00fcsseldorf), dem feinen Kleinverlag, den Victor Otto Stomps 1949 gr\u00fcndete.] sodann in <em>geschmacksverst\u00e4rker<\/em>, das ich zus\u00e4tzlich als Einzelausgabe besitze (mein erstes Buch von Kling \u00fcberhaupt); [Mit Thomas Klings Gedicht \u201esendeschluss\u201c<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: justify;\"><em>SENDESCHLUSS <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: justify;\"><em>aaaaazackn, faltnw\u00fcrfe, ge<br \/>tr\u00e4nkter nabel; unterm geweihten<br \/>hirschn vermischt sich der speichel,<br \/>ein entstehendes nach mitternacht<br \/>zungenbild;<br \/>aaaaaaaaaflackernde couch,<br \/>dar\u00fcber geht das schattenrangeln,<br \/>b\u00fcndige umklammerung; \u00fcberm kleider-<br \/>berg (dunkler bausch) gest\u00f6hnte<br \/>schrankwand: un\u00fcberh\u00f6rbares weis-<br \/>ses rauschn, gebauschtes dunkel,<br \/>hingehuscht <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">und dem kurzen Kommentar \u00fcber das Buch endet der Hauptteil von <em>Ohne Punkt &amp; Komma<\/em>: \u201eUnd \u00fcberhaupt, womit wurde die Lyrik der 90er Jahre denn eigentlich eingel\u00e4utet? Nein, nein, nicht in diesem globalen Sinne, der Ihnen jetzt vielleicht in den Kopf schie\u00dft, ganz konkret will ich mich festlegen, auf ein einziges Buch: Ich habe mich f\u00fcr Thomas Klings <em>geschmacksverst\u00e4rker<\/em> von 1989 entschieden. Hier sind Gedichte aus den Jahren 1985\/88 versammelt, die Vorreiter sind f\u00fcr (s)einen dominanten repr\u00e4sentativen Stil der 90er Jahre, mit dem eine Reihe von Dichtern sich besonders intensiv auseinandergesetzt hat: Marcel Beyer, Dieter M. Gr\u00e4f, Norbert Hummelt, Ingo Jacobs, Enno Stahl sind Namen, die mir in dem Zusammenhang spontan einfallen.\u201c] ich lege das B\u00e4ndchen aus der Hand, nachdem ich hier und dort ein Wort, ein paar Verse gelesen, nein, wohl in erster Linie die graphische Gestaltung der Gedichte und die Anordnung der Verse betrachtet habe, und greife zu einem meiner Kling-Favoriten: <em>w\u00e4nde machn<\/em>, das Buch mit Aquarellen und Gedichten, das er gemeinsam mit Ute Langanky gemacht hat und das \u2013 in buchk\u00fcnstlerisch anspruchsvoller Aufmachung \u2013 1994 bei <em>Kleinheinrich <\/em>in M\u00fcnster erschienen ist. Meine bevorzugte einzelne Sprachinstallation von Thomas Kling (in dessen Werk Gottfried Benns Diktum \u201eMan mu\u00df das Material kalt halten\u201c eine entscheidende Rolle spielte) \u2013 das 12strophige Urbangebilde Manhattan Mundraum, gespickt mit \u201egranitplattn\u201c, \u201eorganbank\u201c, \u201ehotelheizk\u00f6rper\u201c, \u201enachtthier\u201c, \u201esatellitnphotos\u201c, \u201enagelschluchtn\u201c, \u201eschwirrfl\u00fcgler\u201c, \u201emorsche palisadn\u201c, \u201erostplackn\u201c, \u201eschwarzgl\u00fchende suppe\u201c, \u201esteinbrei, der dickt\u201c, das auch wieder das Klingsche Forschen nach dem Ursprung der W\u00f6rter, das Ausschw\u00e4rmen und Eindringen in alle Schichten der menschlichen Existenz, das Zerhacken und Zerbr\u00f6seln, Zentrifugieren und Amalgamieren pr\u00e4sentiert steht im hochmodernen, metaphorischen, katachresischen, syn\u00e4stethischen, onomatopoetischen, simultanischen Gedichtbuch <em>morsch<\/em>, 1996 bei Suhrkamp publiziert, aus dem ich die erste von zw\u00f6lf sich st\u00e4ndig steigernden Strophen zitiere:<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: justify;\"><em>MANHATTAN MUNDRAUM<br \/>1\u00a0 <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: justify;\"><em>die stadt ist der mund<br \/>raum. die zunge, textus;<br \/>stadtzunge der granit:<br \/>geschmolzener und<br \/>wieder aufgeschmo-<br \/>lzner text. beiseite-<br \/>gesprochen, abgedun-<br \/>kelt von der hand: die<br \/>ruinen, nicht hier, die<br \/>z\u00e4hnung z\u00e4hlung der<br \/>stadt!, zu bergn zu ver-<br \/>bergn! die gez\u00e4hltn, die<br \/>mit den wei\u00dfn gebissn,<br \/>die aus den blickn ent-<br \/>fertn: die gesperrtn.<br \/>maulsperre, mundh\u00f6hle<br \/>die stadt. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00f6ren wir Nicolai Kobus: \u201eMit <em>morsch<\/em>, so scheint es, hat Thomas Kling sein Schreiben im SYNAPSN-SLANG perfektioniert. Mit beeindruckender Souver\u00e4nit\u00e4t verf\u00fcgt er \u00fcber sein Arsenal an poetischen Gestaltungsmitteln: Kaum einer bricht derzeit virtuoser Zeilen auf und um, bewegt sich leichter durch das permanente Wechselspiel von Demontage und Rekonstruktion, dem Beschaben und erneuten \u00dcberschriften verwirrender Palimpseste.\u201c Dabei gelingen Thomas Kling unterschiedlichste Tonarten, und so \u00fcberrascht er mich mit diesem vollkommen anders als \u201emanhattan mundraum\u201c klingenden Gedicht:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: justify;\"><em>DER M\u00d6NCH VON MONTAUDO:<br \/>PLAZER <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: justify;\"><em>und es gef\u00e4llt mir sehr im sommer<br \/>an quelle oder flu\u00df mich aufzuhaltn;<br \/>und gr\u00fcn di wiese, blumenflor unds<br \/>singn sanft die kleinen v\u00f6gel;<br \/>und meine geliebte, insgeheim,<br \/>es schnell mal mit mir macht. <\/em><\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lyrikdoktor Jakob Stephan (das ist Steffen Jacobs) stellt in <em>Lyrische Visite<\/em> (<em>Haffmanns<\/em>, Z\u00fcrich 2000) allerdings keine g\u00fcnstige Diagnose f\u00fcr Thomas Kling: \u201eIn MORSCH nun fallen wohlfeile Pose und h\u00f6herer Sinn ein ums andere Mal auseinander.\u201c Dann wissen wir das auch.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die beiden gleichartig gestalteten, gleichsam wespengelben Gedichtb\u00fccher <em>Fernhandel<\/em> (1999) [Thomas Kling \u00fcberrascht in <em>Fernhandel<\/em> mit Formen, die ich so bislang von ihm nicht kannte. Die seit sp\u00e4testens 1989 pr\u00e4sente, immer wieder auf ihre Haltbarkeit erprobte typische \u201eKlingform\u201c (gleichsam seine poetische Haut) ist \u2212\u00a0nat\u00fcrlich \u2212\u00a0durchscheinend, aber die langversigen Dreizeiler auf den ersten Seiten und am Ende des Buches sind etwas so bei Kling noch nicht Gelesenes. Und da\u00df (und wie!) er sich u.a. mit dem letzten mittelalterlichen Minnes\u00e4nger Oswald von Wolkenstein besch\u00e4ftigt, macht diesen (in der \u00d6ffentlichkeit mitunter unnahbar wirkenden) Kling auf einmal verbl\u00fcffend zug\u00e4nglich \u2212\u00a0auch sprachlich: Da sieht man, wie kongenial nachzuempfinden dieser hypersensible Typ in der Lage ist. Prosahafte Simultancollagen, extrem rhetorische attributive Kombinationen zu Bildern aus dem Ersten Weltkrieg \u2212\u00a0k\u00fchle Elegien? Kling zu lesen hei\u00dft sich die totale lyrische Dr\u00f6hnung geben: Diese antikisierende, assoziative, dichte, hommagierende, intensive, kritische, lautmalende Art zu dichten, Wort zu Wort zu setzen, cool, selbstgewi\u00df, kompromi\u00dflos (\u201ees tut mir leid: gedicht ist nun einmal: sch\u00e4delmagie\u201c), l\u00e4\u00dft mich zum einen nicht los und beeinflu\u00dft mein weiteres Tagesprogramm enorm, von der Nacht ganz zu schweigen. Diese forcierte Lyrik empfinde ich wie eine bewu\u00dftseinserweiternde Droge (die anscheinend nicht jedermanns Sache ist \u2212\u00a0immer wieder kommen mir geradezu feindselige T\u00f6ne von Autoren zu Ohren, die offenbar \u00fcberfordert sind mit dieser gleichsam sprachsprengenden Poesie). \u201eDas Gedicht duldet nur keine Unduldsamkeit.\u201c (O-Ton-Kling)] und <em>Sondagen<\/em> (2002) fallen mir in die Augen: Sie sind in der gewichtigen Lyrikreihe, die Christian D\u00f6ring seit einigen Jahren bei <em>DuMont<\/em> herausbringt und in der Thomas Kling (vor allen Dingen, wenn wir die au\u00dferhalb dieser Reihe erschienenen Titel hinzurechnen) die erste Geige spielt. Thomas Kling wird \u2212\u00a0\u00fcber seinen Tod hinaus \u2212\u00a0das lyrische Zugpferd im <em>Literatur und Kunst Verlag DuMont<\/em> sein und bleiben. Bei <em>DuMont<\/em> hat Thomas Kling endg\u00fcltig seine Verlagsheimat gefunden, und ich bin sicher, da\u00df hier in einigen Jahren die Werkausgabe eines der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter seit Ende der 1980er erscheinen wird.<br \/>Thomas Kling hat die Lyrik der 1990er Jahre in ihrer Aufbruchstimmung und Vitalit\u00e4t ma\u00dfgeblich gepr\u00e4gt und sein dichterisches und essayistisches Werk, das er in seinem letzten Buch endg\u00fcltig ineinander verschr\u00e4nkt, bis zu seinem Tod im Jahre 2005 konsequent vorangetrieben und perfektioniert. Das beweist er auch mit seinen gleichsam polyglotten <em>Sondagen<\/em>, [Mit <em>Fernhandel<\/em>, <em>Sprachspeicher<\/em>, <em>Botenstoffe<\/em> sowie <em>Auswertung der Flugdaten<\/em> geh\u00f6rt <em>Sondagen<\/em> zu den f\u00fcnf ausgefallenen lyrischen bzw. essayistischen B\u00fcchern, die zeigen, wie stark sich der <em>DuMont<\/em> Buchverlag f\u00fcr den Dichter Thomas Kling einsetzt. \u201eManhattan Mundraum\u201c geh\u00f6rt, wie erw\u00e4hnt, zu meinen absoluten Favoriten unter den Sprachinstallationen Thomas Klings. Nun lese ich in <em>Sondagen<\/em> die Fortschreibung dieses grandiosen Gedichts, die mich zun\u00e4chst weniger anspricht. Thomas Kling, der sein Lebtag an seinem Konzept, die deutsche Lyrik habe sich seit ihren Anf\u00e4ngen konsequent auf ihn hin entwickelt, gefeilt und gewirkt hat, zeigt aber auch in <em>Sondagen<\/em>\u00a0\u2212 beispielsweise mit inkomparablen komplexen Wortklanggebilden wie \u201eKiel\u201c und \u201evilla im rheinland\u201c \u2212\u00a0erneut, was er auf der Pfanne hat, indem er seine eigenen Forderungen einl\u00f6st: \u201eGedichte sind immer vom Rhythmus gepr\u00e4gt, sonst sind es keine Gedichte. Wenn jetzt offenbar in den letzten, in den allerletzten Jahren wieder betont werden mu\u00df, da\u00df ein Gedicht aus Rhythmus und Musikalit\u00e4t besteht, dann ist das ein Armutszeugnis. Das ist absolut die Voraussetzung, da verliere ich kein Wort dar\u00fcber, au\u00dfer im Moment.\u201c] die Heinrich Detering so umschreibt:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Sehr weit hinab geht diese Fahrt, aus den Nato-Bunkern in den Hades der Eurydike, zu Mars und Minerva, zu Spr\u00fcchen Anaximanders und des delphischen Orakels, die Kling der \u201eGriechischen Anthologie\u201c nachdichtet, und in die dionysischen Lavastr\u00f6me unterhalb aller Geschichte. Immer tiefer, von der Gegenwart im ersten Kapitel bis in die antiken Anf\u00e4nge des vorletzten, senkt sich das poetische \u201ebleilot\u201c in jenen \u201ebrunnenbereich\u201c, den man wohl unergr\u00fcndlich nennen sollte. Wer mit Kling in die Schl\u00fcnde der Vergangenheit hinabgefahren ist, sieht nach dem Wiederauftauchen die Gegenwart mit anderen Augen \u2013 die erstarrten Basalte in den lichten Geh\u00f6lzen der Eifel beispielsweise, hinter der aufgegebenen Raketenstellung von Hombroich, dort, wo Kling heute lebt: \u201ebr\u00f6ckelig eine ausgegl\u00fchte \/ vom besenginster bald \/ schon beleuchtete gegend\u201c. Bis zur Verschmelzung durchdringen sich die Zeiten und Medien, die Kriege der angels\u00e4chsischen Helden und die der Nato, die Pergamente und die Tonb\u00e4nder, der Kiel der archaischen Boote und der gleichnamige Reichskriegshafen. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kling geh\u00f6rt zu denen, die die zeitweise etwas verschnarchten 1980er Jahre \u00fcberwinden halfen und nach vorn \u2013 \u201eins Offene\u201c \u2013 in die Totale der Jetztzeit dr\u00e4ngten. Statt nun gleich zu Anfang \u2013 als Vorreiter \u2013 vorgestellt zu werden, spielt er in Theo Elms bei Reclam erschienener Jahrzehntanthologie <em>Lyrik der 90er Jahre<\/em> (siehe \u201eWir sammeln, bis uns der Tod abholt\u201c) nur eine Nebenrolle. Kling geh\u00f6rt zu den exzentrischen lyrischen Gestalten der gesamten 90er Jahre und taucht doch erst ganz am Ende des Bandes mit gerade mal drei Gedichten auf \u2013 den Altmeistern Mayr\u00f6cker, Pastior und Jandl nachgeordnet, von denen Kling bekannterma\u00dfen viel gelesen und erfahren hat, die er aber mit seinem Prototyp der 1990er Jahre gleichsam \u00fcberwindet (ohne sie hinter sich zu lassen!), aber Thomas Kling ist nun einmal derjenige, der die entscheidenden Akzente setzt. Und das sage ich als jemand, der vor allen Dingen die Gedichte von Friederike Mayr\u00f6cker und Ernst Jandl bis \u00fcber alle Gipfel und Wipfel hinaus anhimmelt, was bei Thomas Kling ja wohl \u00e4hnlich gewesen ist: Er war es beispielsweise auch, der <em>Benachbarte Metalle<\/em> \u2013 die ausgew\u00e4hlten Gedichte von Friederike Mayr\u00f6cker \u2013 ediert hat.<br \/>Ohne die Essayb\u00e4nde <em>Itinerar<\/em> und <em>Botenstoffe<\/em> w\u00e4re Thomas Klings lyrisches Werk (und dessen ganz und gar tiefgehende Wurzeln) nur h\u00f6chst unvollst\u00e4ndig vorgestellt. <em>Itinerar<\/em> (Suhrkamp 1997) wird \u2013 nach einem mi\u00dfgl\u00fcckten ersten Abschnitt, in dem Kling in der von ihm so bewu\u00dft gepflegten Attit\u00fcde von oben herab und pauschal mehrere lyrische Jahrzehnte verunglimpft \u2013 zu einem poetologischen Leseabenteuer mit immer wieder feurig formulierten Gedanken, die den Leser derart verzaubern, da\u00df dieser schlie\u00dflich sogar zum Surfer im Atlantik bzw. Pazifik mutiert: \u201eGedichte lesen und h\u00f6ren wird zum Wellenritt in riffreicher Zone.\u201c<br \/>Neben <em>w\u00e4nde machen<\/em> ist der Essayband <em>Botenstoffe<\/em> von 2001 ein weiteres Buch von Kling, das ich mit ganz besonderem Interesse und intensiver Leselust zur Kenntnis genommen habe. Ich habe <em>Botenstoffe<\/em>, das Buch des lyrischen Spracharch\u00e4ologen Thomas Kling, der in Essay und Gespr\u00e4ch \u2013 begeisternd, belustigend, kaprizi\u00f6s, (meistens) extrem kenntnisreich, polemisch \u2013 \u00fcber die biographischen, historischen, ph\u00e4nomenologischen und poetologischen Wurzeln seiner Gedichte schreibt, nicht nur von der ersten bis zur letzten Zeile mit intensivstem Interesse und gr\u00f6\u00dftem Gewinn gelesen, sondern das Buch immer wieder zur Seite gelegt, um in zitierten B\u00fcchern einzelne Gedichte nachzulesen oder einen kompletten Lyrikband von Kling \u2013 <em>w\u00e4nde machen<\/em> \u2013 wiederzulesen, der mir anschlie\u00dfend nachts Tr\u00e4ume bescherte, von denen manch einer wohl blo\u00df tr\u00e4umen kann. Leser, was willst du mehr, Autor, was willst du mehr? Dichtung werde von allen gemacht, betonte einst Lautreamont, und Thomas Kling geh\u00f6rt zu den (auch kongenial \u00fcbersetzenden) Dichtern, die nicht nachlassen, zu betonen, wie wesentlich vorgefundene Sprache und Dichtung f\u00fcr den Dichter ist: \u201eOhne Kenntnis der Sprache, der Sprach- und Literaturgeschichte ist nichts zu machen\u201c, macht Kling deutlich und h\u00e4lt gleichzeitig fest, gegen welche Riege von Reimern er sich unmi\u00dfverst\u00e4ndlich verwahrt. Was Lautreamont im tiefsten Sinne meint, ist wohl, da\u00df Dichtung von der ganzen Menschheit gemacht wird und sich der einzelne Dichter zur Menschheit verh\u00e4lt wie das K\u00f6rperteil zum Organismus \u2013 eins durch alles, alles durch eins. Oder mit einem anderen Bild: Der Dichter ist das schamanisierende Mitglied der Gesellschaft, die permanent \u2013 in allen Nischen und Schichten \u2013 Dichtung: hervorruft. Thomas Kling habe ich als Dichter kennengelernt, der die Entwicklung der Lyrik in den 1990er Jahren mit seinen komplexen Wortklanggebilden entscheidend vorangetrieben hat. <em>Botenstoffe<\/em> ist kein Gedichtbuch, sondern (in erster Linie) ein Buch \u00fcber Gedichte und Dichter. Engagiert und leidenschaftlich besch\u00e4ftigt sich Kling essayistisch mit dem Gedicht, und er tut es in der ihm eigenen facettenreichen, bissigen Art. Ich frohlocke, wenn ich beispielsweise solche Formulierungen lese:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Oswald von Wolkenstein tut das, was des Dichters ist \u2013 er l\u00e4\u00dft Namen f\u00fcr sich arbeiten. Das Gedicht verzichtet auf anekdotische Nacherz\u00e4hlung, zieht Knappheit vor, durch diese Wirkung erzielend. Das Gedicht reicht seinen Lesern und H\u00f6rern das Instantpulver, das wir, lesend, zum Getr\u00e4nk aufsch\u00e4umen lassen k\u00f6nnen. So l\u00f6st der Dichter sich auf im eigenen Produkt. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder \u2013 verbl\u00fcffenderweise im ersten Teil beinahe w\u00f6rtlich so, wie ich es in <em>Ohne Punkt &amp; Komma<\/em> schrieb, wie ich \u00fcberhaupt eine ganze Reihe von grunds\u00e4tzlichen poetologischen Gedanken und Formulierungen finde, die ich in der Vergangenheit so oder \u00e4hnlich verwendet habe \u2212:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Kurz: der zeitgen\u00f6ssische Dichter, die Dichterin, sollte ruhig aufs Ganze gehen \u2013 also keine Zugest\u00e4ndnisse an die zehn Leser mehr, tats\u00e4chlich mu\u00df das Gedicht auf einer Ebene voll funktionieren \u2013 mit dem nicht augen- und ohrenf\u00e4lligen, dem submaritimen Teil des Eisbergs kann sich, so sie nichts Besseres vorhat, die Taucherriege der Philologie befassen. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Thomas Kling wurde seit etlichen Jahren von der feuilletonistisch-medialen Welle getragen (und zumeist geh\u00e4tschelt): Unter den Lyrikern bleibt er ein heftig umstrittener Star, der polarisiert. [Wesentlicher aber ist, was Kling alles an Gutem f\u00fcr das Gedicht getan bzw. dar\u00fcber ge\u00e4u\u00dfert hat: \u201eMallarm\u00e9 betont, der Vers und alles Geschriebene m\u00fcsse, weil aus dem gesprochenen Wort hervorgegangen, imstande sein, die Pr\u00fcfung durch das Gesprochenwerden und den Vortrag zu bestehen. Zun\u00e4chst einmal sind meine Gedichte aber sehr vom Skripturalen abh\u00e4ngig. Sie kommen aus dem Gelesenen, nicht aus dem Geh\u00f6rten, wobei die semantischen Mehrfach-Aufladungen, die bei der wiederholten Lekt\u00fcre augen- und ohrenf\u00e4llig werden, nur der schriftliche Text leisten kann. Nat\u00fcrlich ist das Live-Erlebnis f\u00fcr den Vortrag eine hochwichtige Angelegenheit. Und da komme ich eben wirklich von der Auftrittsebene, also von einer Genealogie, die letztendlich in die Vorschriftlichkeit zur\u00fcckgreift. Das Live-Erlebnis war schon bei einem Stefan George, um die Zeit um 1900, eine ganz wichtige Erfahrung. Nat\u00fcrlich steckt auch wieder der Gedanke des Dichters als Blutzeuge und zugleich Erl\u00f6serfigur dahinter, und heute, in dieser Umbruchzeit, die wir erleben, Richtung Mitte, geht das auch wieder ein bi\u00dfchen zu diesem Religionsersatz hin, obwohl das keiner zugeben w\u00fcrde. Das ist klar. Der Dichter zum Anfassen.\u201c] Die kontroverse Diskussion wird ihm sehr recht gewesen sein. Wer war Thomas Kling, dessen Werk so mancher aus dem Weg geht? Geht uns das \u00fcberhaupt etwas an \u2013 au\u00dferhalb seiner Gedichte und Essays? Immerhin verr\u00e4t er in <em>Botenstoffe<\/em> ganz unverbl\u00fcmt Details aus seinem Leben. Einige bedeutende Preise hat er gewonnen, in den ganz wichtigen Anthologien ist er vertreten. Dennoch: Er ist eher der Typ, der sich rar machte; manche Einladung zu Anthologien und Zeitschriften schlug er aus. Kling berichtet auf regelrecht schw\u00e4rmerische Art von seinem Idol Stefan George (mit dem er den Geburtsort Bingen teilt), wie rar der sich stets machte! \u00dcberhaupt denke ich, da\u00df Kling, wenn er die Gedichte von Horaz, Quasimodo, Bayer, Huchel, Lavant, Mayr\u00f6cker, Dieter Roth, Sabine Scho, Marcel Beyer u.a. lobt und subtil interpretiert, seine Einsch\u00e4tzung der eigenen (phonetisch markanten, semantisch frappanten) Gedichte bzw. Standpunkte mindestens mitschwingen l\u00e4\u00dft. Auf diese Weise wird Klings poetische Basis immanent deutlich. Erneut denkw\u00fcrdig: Zahlreiche Dichter \u00e4u\u00dfern sich (zum Teil extrem) geringsch\u00e4tzig, wenn Thomas Klings Name f\u00e4llt. Mi\u00dfgunst? Neid? Angst? Was genau meinen sie, wenn sie behaupten, alles, was Kling gemacht habe, sei nichts Neues, sei eh langweilig, spreche einen nicht an. Damit kann ich nichts anfangen, und ich behaupte auch, da\u00df diese Dichterkollegen sich kaum die M\u00fche machen, sich wirklich mit Kling auseinanderzusetzen, seine Gedichte in ihrer durchgeplanten (durchaus dramatischen, epischen oder dokumentarischen) Tiefenstruktur mit m\u00f6glichst allen Sinnen \u2212: wahrzunehmen. Ja, diese ziselierten vielschichtigen Kopfgeburten bereiten, vor allem beim ersten Lesen, M\u00fche. (Kling schl\u00fcpfte selber oft in die Rolle des kl\u00e4ffenden Pinschers, wenn er wiederholt seine Ablehnung der <em>Gruppe 47<\/em> und der Lyrik nach 68 betonte. Wir wu\u00dften das doch l\u00e4ngst von ihm. Was bringt es, derart undifferenziert einen Rolf Dieter Brinkmann anzup\u00f6beln und dessen Werk niederzumachen? Der Tiefenstruktur des chaotisch krachenden Collagenbuchs <em>Rom, Blicke<\/em> wird er mit seinen l\u00e4ppischen Bemerkungen alles andere als gerecht. Das f\u00e4llt auf ihn selbst zur\u00fcck. Wenn wir \u00fcber andere reden und schreiben, reden und schreiben wir in Wahrheit \u00fcber niemanden als uns selbst. [Der Mensch lehnt nur ab, wen er als ebenb\u00fcrtigen Konkurrenten in Erw\u00e4gung zieht. Kein Riese kommt auf die Idee, sich zu einer Kritik an Zwergen herabzulassen. Zu Thomas Klings auff\u00e4lligen Eigenarten als Dichter geh\u00f6rte es unbedingt, radikal abzulehnen. Bissig, herblassend, polemisch, vehement kanzelte er nicht blo\u00df einzelne Dichterexistenzen ab, nein, ganze Dichterdekaden wurden von ihm im Handstreich erledigt. Interessant in diesem Zusammenhang der Auftakt zu seinem Aufsatz \u201eZu den deutschsprachigen Avantgarden\u201c in <em>Lyrik des 20. Jahrhunderts<\/em> (Sonderband <em>text+kritik<\/em>, M\u00fcnchen 1999): \u201eIm Rahmen des allgemeinen Kassensturzes ist nichts so billig geworden wie das Abqualifizieren der \u00e4sthetischen Avantgarden.\u201c Vom Prinzip her tat Kling nichts anderes, auch wenn es sich bei ihm oft \u2212\u00a0aber nicht nur \u2212\u00a0um Nachhut oder Etappenhasen usw. handelte. Axel Kutsch betont immer wieder, da\u00df ein funktionierendes Ensemble nicht nur aus Stars bestehen darf. Was f\u00fcr die Musik und den Sport gilt, gilt gleicherma\u00dfen f\u00fcr die Poeterey.] Da\u00df der so hochgelehrte \u2013 und sich, bei aller total intendierten Saloppheit, durchweg intellektuell inszenierende \u2013 Thomas Kling pl\u00f6tzlich derart auf stammhirngelenkte Reaktionen zur\u00fcckgeworfen wurde, macht mich mi\u00dftrauisch. G\u00f6nnte er hier dem 1975 im Alter von 35 Jahren t\u00f6dlich verungl\u00fcckten Dichterkollegen Ruhm und Kultstatus nicht?) An erfolgreichen Dichtern, die nicht dem Mainstream folgen, reibt man sich. Aber ist das, was Kling vorgemacht hat, nicht l\u00e4ngst Teil des Mainstreams geworden? L\u00fcgen so manche Feuilletonisten, wenn sie Kling in den Himmel heben? Loben sie ihn sich vom Schreibtisch: Denn wer liest Kling wirklich \u2013 mit Hingabe und Interesse? \u201eWer wird nicht einen Klopstock loben? \/ Doch wird ihn jeder lesen? \u2013 Nein.! Wir wollen weniger erhoben, \/ Und flei\u00dfiger gelesen sein.\u201c (Lessing)<br \/>Wer \u00fcberhaupt liest Gedichte? Und dann auch noch \u201eknorrige\u201c, \u201eabstruse\u201c!? Und Abhandlungen \u00fcber Gedichte? Verkauft sich ein solches Buch? Wo bleibt dann eine von den Kritikern zu rechtfertigende Breitenwirkung? Hat Lyrik \u00fcberhaupt noch etwas im Kulturteil der Zeitungen verloren, wenn nur ein winziger Bruchteil der Leserschaft das liest? Vergebliche Liebesm\u00fch? \u201eKeine Zeit bedarf so sehr des Dichters wie jene, die ihn entbehren zu k\u00f6nnen glaubt.\u201c (Jean Paul) Glaubt unsere Zeit, auf die Dichter verzichten zu k\u00f6nnen? Immerhin gab es lange nicht mehr so zahlreiche und unterschiedliche interessante lyrische Stimmen wie nach 2000 (und Lyrikn\u00e4chte wie vor einiger Zeit im ZDF sind doch auch schon mal was, wenn auch nichts richtig Gutes). Sind es trotzdem immer noch nur Enzensbergers ber\u00fcchtigte 1354 Leser (Kling spricht \u00fcbrigens von: 300!!!), die die merkw\u00fcrdige Gestalt Lyrik zur Kenntnis nehmen? Und noch einmal: Wie viele von diesen lesen die B\u00fccher Thomas Klings? Ich habe einiges von ihm gelesen und meine: Der arch\u00e4neologistische Thomas Kling bleibt vorl\u00e4ufig einer der auffallenden zeitgen\u00f6ssischen Dichter, mit immer wieder brillant umgesetzten Gedichtideen, assoziativ, leidenschaftlich, formbewu\u00dft; seine Lyrik ist systematische Auseinandersetzung mit Welt, Mensch, Sprache, Geschichte, Gesellschaft; seine kaltgeschwei\u00dfte Gedichtinstallation ist \u00e4sthetisch, linguistisch, historisch, soziologisch fundiert. Nur hilft es weder ihm noch uns, wenn manche ihn derma\u00dfen \u00fcberproportioniert darstellen, da\u00df von dem, was er ist (n\u00e4mlich einer, der sich das Gedicht hart erarbeitete, ein recherchierender, mnemosynischer, etymologischer Monteur, ein sinnlicher Sammler), nicht mehr viel \u00fcbrig bleibt. Er war ein dichtender Mensch \u2013 kein mythischer Held. Dichter sind keine Helden (man lese hierzu Archilochos, den man einst zum K\u00e4mpfen zwang). Wer die wenigen \u00fcber- und die vielen untersch\u00e4tzt, wird der Lyrik als Gestalt nicht gerecht. Zum Gedicht f\u00fchren viele poetische Wege, was Thomas Kling als Eiferer (der auch die Lyrik der 50er Jahre mit einer t\u00f6richten \u00c4u\u00dferung glaubt vom Tisch wischen zu k\u00f6nnen) bisweilen verga\u00df.<br \/>Als gro\u00dfen Gl\u00fccksfall m\u00f6chte ich es bezeichnen, da\u00df es Thomas Kling in seinem viel zu kurzen Leben verg\u00f6nnt war, \u201eseine\u201c Lyriksammlung herauszugeben: <em>Sprachspeicher<\/em>. 200 deutsche Gedichte vom 8. bis 20. Jahrhundert hat. der hochgelehrte Dichter versammelt. Hemmungslos eigenwillig, viele wesentliche Dichter radikal verwerfend bzw. ignorierend (daf\u00fcr sehr wenige \u2013 vor allen anderen: Stefan George \u2013 glorifizierend) w\u00e4hlt er aus, radikal nichts au\u00dfer den eigenen lyrischen Blick gelten lassend, den er (auch apodiktisch und herablassend) in kapiteleinleitenden Artikeln verdeutlicht: <em>Sprachspeicher<\/em> ist Klings absolutes, pers\u00f6nliches, lyrisches Hausbuch. Es ist begeisternd, die vielen mir unbekannten Gedichte bekannter Dichterinnen und Dichter zu lesen, die Lekt\u00fcre dieser exzentrischen Auswahl ist ein Rausch. Wie er Au\u00dfenseiter, Untersch\u00e4tzte oder (fast) Vergessene einbringt: Norbert C. Kaser, Christine Lavant, Reinhard Priessnitz. Da\u00df ich mich dabei immer wieder am Herausgeber reibe, liegt auf der Hand und macht das Lesen dieses Sammelbandes zu einer Achterbahnfahrt. \u201eDa\u00df Ingeborg Bachmanns St\u00e4rke eher nicht im Gedicht zu suchen ist, d\u00fcrfte sich inzwischen herumgesprochen haben\u201c: Hier haben wir ihn wieder, diesen Thomas Kling, seine lyrische Ein\u00e4ugigkeit zum besten gebend. [Lassen wir die Dichter auch Menschen sein, denen wir gerecht zu werden versuchen. Im Kapitel \u201eT\u00fcr zum Meer\u201c hei\u00dft es: \u201eEiner offenbar stark vom Thanatos beherrschten Lyrik Ingeborg Bachmanns beispielsweise werde ich das nur, wenn ich ihre Gedichte, die besonders Motive des Untergangs, des Aufbruchs, des Widerstands behandeln, u.a. auch aus der deutschen Nachkriegszeit heraus lese, in der sie gr\u00f6\u00dftenteils geschrieben wurden \u2212\u00a0als lyrische Dokumente einer insbesondere f\u00fcr sensible Menschen h\u00f6chst fragw\u00fcrdigen, schwierigen Zeit.\u201c Zu betonen ist hier nat\u00fcrlich ihre Rolle als offensive Lyrikerin, die \u2212\u00a0wie ein Paul Celan, wie ein Werner Riegel \u2212\u00a0aus dem Kokon der Naturlyrik ausbrach. Ein Bekannter meinte in \u00e4hnlichem Zusammenhang, nat\u00fcrlich wisse er Bobrowski als gro\u00dfen Lyriker zu sch\u00e4tzen, dennoch werde er das Gef\u00fchl nicht los, da\u00df dessen Art Lyrik einfach passe sei. Ob ich ihm in diesem Fall zustimme oder nicht, sei dahingestellt \u2013 generell gilt: Es gelingt nur wenigen Gedichten bzw. Dichtern, schadlos die Zeiten zu \u00fcberleben, ohne wenigstens einen Hauch Patina anzusetzen. Zeitlose Gedichte von zeitlosen Dichtern eben \u2212\u00a0ein seltenes Ph\u00e4nomen. Ein paar Gedichte von Ingeborg Bachmann geh\u00f6ren f\u00fcr mich zu diesem Repertoire, und ich lese diese Gedichte auch jedesmal wieder neu, wenn ich sie in Anthologien entdecke. Ich geh\u00f6re nicht zu den Elitisten \u00e0 la Kling, die bei Gedichten, denen es gelungen ist, einige Popularit\u00e4t zu erlangen, nicht nur die Nase r\u00fcmpfen, sondern diese vielleicht auch bewu\u00dft zu ignorieren \u2212\u00a0von kleinen Ausnahmen (Gottfried Benn, \u201eEinsamer nie\u201c oder Else Lasker-Sch\u00fcler, \u201eMein blaues Klavier\u201c) abgesehen. <em>Sprachspeicher<\/em> oder auch seine Lyrikauswahl in dem <em>text+kritik<\/em>-Sonderband <em>Lyrik des 20. Jahrhunderts<\/em> (1999) sind gute Beispiele daf\u00fcr. Immerhin, in beiden B\u00e4nden taucht je ein Bachmann-Gedicht auf! Sensationell, wenn ich bedenke, da\u00df beispielsweise kein einziges Gedicht von Karl Krolow in <em>Sprachspeicher<\/em> zu finden ist, der 1999 84j\u00e4hrig verstarb und eins der gr\u00f6\u00dften Werke der deutschen Lyrik des 20. Jahrhunderts \u00fcberhaupt hinterlassen hat.] Erstaunlicherweise hat der poeta doctus Kling ein Gedicht des poeta doctus Rudolf Borchardt in <em>Sprachspeicher<\/em> aufgenommen, in die ja nur wenige Dichter des 20. Jahrhunderts Aufnahme gefunden haben: Ist das wirklich Zeichen einer aktuellen Wertsch\u00e4tzung (f\u00fcr die Adorno gleichsam die Begr\u00fcndung liefert: \u201eDas Werk Rudolf Borchardts hat alle dichterischen Gattungen umfa\u00dft und als Gattungen sie gepflegt. Schl\u00fcsselcharakter hat die Lyrik: nicht darum blo\u00df, weil seine Produktion vom lyrischen Gedicht ausging, sondern weil seine bestimmende poetische Reaktionsform die lyrische war\u201c)? Jedenfalls verbei\u00dft sich Kling in seinem letzten Buch derart in die Existenz Borchardts, da\u00df diesem H\u00f6ren und Sehen vergehen w\u00fcrde.<br \/>Schlie\u00dflich greife ich zu diesem letzten Buch <em>Auswertung der Flugdaten<\/em> (mit lyrischen und essayistischen bzw. auch lyrisch-essayistischen, also genre\u00fcberschreitenden Texten), das ich in der vorletzten Woche gelesen habe. Das Buch l\u00e4\u00dft mir keine Ruhe. Die Verse und Zeilen w\u00fchlen mich auf. Eine fieberhafte Vitalit\u00e4t wird sp\u00fcrbar. Hier schreibt einer um sein Leben. Hier arbeitet einer an seinem Verm\u00e4chtnis. [<em>Auswertung der Flugdaten<\/em> ist ein atemberaubendes Buch, das ich betont bed\u00e4chtig lese, Vers f\u00fcr Vers, Gedicht f\u00fcr Gedicht. Thomas Kling lesen ist im besten Sinne harte Arbeit. Thomas Kling zu lesen ist nicht das Lesen, das der Mensch sich \u2212\u00a0landl\u00e4ufig vorstellt, wenn er das Wort \u201elesen\u201c h\u00f6rt, das geht nicht \u201eaus der lameng\u201c (O-Ton Kling). Genauso wie Kling ein lyrischer Schwerarbeiter war, ein Bergmann, der im Fl\u00f6z hing und Schicht um Schicht abschlug, um an das Innere zu geraten, lebensbedrohliche Teufelsbrocken um sich herumfliegen lie\u00df, mu\u00df auch sein Leser bereit sein, ihm dorthin zu folgen. Hier gibt es nix f\u00fcr umsonst. ABER: Der Titel <em>Auswertung der Flugdaten<\/em> deutet zun\u00e4chst auf ganz anderes Terrain als Untertage. Hier mu\u00df es einen Totalabsturz gegeben haben, die Black Box hat der Dichter offenbar gefunden, und nun geht es mit letzter Leidenschaft an die Auswertung der Flugdaten. Ist Thomas Kling der reinkarnierte Ikarus, der den Fall \u00fcberlebt hat? Es sieht ganz danach aus: Wenn auch zum Denkmal auf dem Sockel erstarrt (scheinbar in die Ferne schauend \u2212\u00a0hat er hier \u201eMailand, Ambrosianische Litanei 2\u201c \u2212\u00a0ein Gedicht, das ich heute mit stummer Anteilnahme lese \u2212\u00a0nachgestellt?), sehen wir den Dichter hoch vorm (allerdings zerfallen wirkenden) efeu bewachsenen Knusperh\u00e4uschen. \u201eAuf nichts kommt es an als darauf, Atem zu haben, atmen zu k\u00f6nnen, zu wissen und am Leben zu bleiben.\u201c (William Faulkner, \u201eAbsalom, Absalom!\u201c) Erstes Kapitel: Vorh\u00f6lle mit den endlosen wei\u00dfen G\u00e4ngen und den schwarzen offengelegten Innereien \u2013 Dichter, Patient, Steiger und Hauer (au\u00dfer sich, rasend wild). Zweites Kapitel: Es plappert die M\u00fchle, mahlt, malt und spricht. Echt Kling! Echt gut! Lesen Sie statt meiner lediglich hinweisenden Worte diese alliterativen, (binnenreimenden) ma(h)lenden Bildgedichte im Gesamtzusammenhang des Buches: \u201edas licht steht staubig \u2212\u00a0\/ st\u00e4ubchen-str\u00f6mung in der t\u00fcr. \/\/ die sonne, feuerm\u00fchle \/ die euch gemahlen hat, geht scharf. \/\/ so steht das licht \u2212\u00a0\/ steht staubig in der t\u00fcr\u201c \u2013 und alles weitere an Gedichten, Aufs\u00e4tzen und Vortr\u00e4gen!) \u201eWas bleibt, ist ein vielsagender Vers, der dann doch zu wenig sagt.\u201c (Thomas Kling)] Der fragmentarischen Vorstellung in der Fu\u00dfnote 19 will ich noch Hubert Winkels feinen Kommentar hinzuf\u00fcgen: \u201eDer neue Kling-Band beginnt also mit einer fulminanten Reihe von K-Gedichten: K wie Krankenhaus und Krieg, der in ihm herrscht \u2013 wie K\u00f6rper und Konkretion, die ihn zum Datum macht, wie K\u00e4lte und Kunst, die jedes Wehleid einfrieren in Wort und Bild.\u201c Jetzt gilt es, selber zu lesen.<br \/>Thomas Kling starb am 1. April 2005, an einem Tag, an dem ich \u2013 beseelt von der Lekt\u00fcre seines Buches <em>Auswertung der Flugdaten<\/em>, das viele Tage lang stets greifbar hier neben dem Keyboard gelegen hat \u2013 der festen \u00dcberzeugung war, er h\u00e4tte den Lungenkrebs \u2013 vor\u00fcbergehend wenigstens \u2013 geb\u00e4ndigt. Nun lese ich die Todesanzeigen, die mir jemand freundlicherweise ausgeschnitten hat, und ich sehe es schwarz auf wei\u00df: Der 1957 in Bingen am Rhein geborene Thomas Kling ist tot. Es lebe Thomas Kling.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Ein Essay \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/26\/lauschender-leser-und-redender-schreiber-2\/\">Lyrikvermittler<\/a> Theo Breuer.<\/p>\r\n<div id=\"attachment_44595\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-44595\" class=\"wp-image-44595 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-44595\" class=\"wp-caption-text\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen der Kultur<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugt der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>. Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte <span data-offset-key=\"d96ve-1-0\">Wolfgang Schlott<\/span><span data-offset-key=\"d96ve-2-0\"> dieses\u00a0 post-dadaistische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/03\/handwerkliche-anleitungen-zur-ueberwindung-von-schreibblockaden\/\">Manifest<\/a>. Warum<\/span> Lyrik wieder in die Zeitungen geh\u00f6rt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/07\/der-dichtung-eine-bresche-schlagen\/\">begr\u00fcndete<\/a> Walther Stonet, diese Forderung hat nichts an Aktualit\u00e4t verloren. Lesen Sie auch Maximilian Zanders <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5418\">Essay <\/a>\u00fcber Lyrik und ein R\u00fcckblick auf den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/08\/lyrik-katalog-bundesrepublik\/\"><em>Lyrik-Katalog Bundesrepublik<\/em><\/a>. KUNO sch\u00e4tzt den minuti\u00f6sen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27947\">Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne \u2026 und Schwerkraft. Gedanken \u00fcber das lyrische Schreiben<\/a>. Lesen Sie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber die interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit von Angelika Janz, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin.<\/em> Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/08\/von-sappho-zu-sophie\/\">hier<\/a>, ein Essay fasst das transmediale Projekt<em> &#8222;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/14\/bi-textualitaet\/\">Wortspielhalle<\/a>&#8220; <\/em>zusammen<em>. <\/em>Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/06\/17\/beschwoerungszauber\/\">Holger Benkel<\/a> \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/12\/mit-deutschen-untertiteln\/\">Ralph Pordzik<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/20\/wohnraeume-der-poesie\/\">Friederike Mayr\u00f6cker<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/19\/welten-gegenwelten\/\">Werner Weimar-Mazur<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/26\/wohnraeume-der-poesie-2\/\">Peter Engstler<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/17\/der-grill-auf-der-hauswiese-der-welt\/\">Linda Vilhj\u00e1lmsd\u00f3ttir<\/a>, und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/09\/17\/rettungsversuche-der-literatur-im-digitalen-raum\/\">A.J. Weigoni<\/a>. Lesenswert auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/16\/verseschmied-und-lyrikfischer\/\">Gratulation<\/a> von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 75. Geburtstag. Nicht zu vergessen eine Empfehlung der kristallklaren Lyrik von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/19\/die-lyrikerin-ines-hagemeyer\/\">Ines Hagemeyer<\/a>. Diese Betrachtungen versammeln sich in der Tradition von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins, dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Bottroper Literaturrocker<\/a> &#8222;Biby&#8220; Wintjes und Hadayatullah H\u00fcbsch, dem Urvater des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/30\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\"><em>Social-Beat<\/em><\/a>, im KUNO-Online-Archiv. Wir empfehlen f\u00fcr Neulinge als Einstieg in das weite Feld der nonkonformistischen Literatur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">diesem Hinweis<\/a> zu folgen.<\/p>\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>LITERATUR UND TOD d literatur, des wisz joist a gaunz a diaffs grobwo kaana drin waasob a jemoes a r aufaschdehung hod Ernst Jandl Sonntagnachmittag, 3. April 2005. \u00dcberm\u00fctiger Sonnenschein schon den ganzen Tag. Ich bin ersch\u00f6pft von einem Spaziergang&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/05\/01\/notizen-zu-einem-deutschen-dichter\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":80443,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[84],"class_list":["post-63470","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-theo-breuer"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63470","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63470"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63470\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63470"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63470"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63470"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}