{"id":63466,"date":"2008-04-23T00:01:00","date_gmt":"2008-04-22T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63466"},"modified":"2022-02-27T11:49:11","modified_gmt":"2022-02-27T10:49:11","slug":"mein-rolf-dieter-brinkmann-ist-eine-fiktion","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/04\/23\/mein-rolf-dieter-brinkmann-ist-eine-fiktion\/","title":{"rendered":"Mein Rolf Dieter Brinkmann ist eine Fiktion"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\">\u2212\u00a0Panik auf den Rolltreppen im August.\u00a0\u2212<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><em>Diese Offenheit, diesen unverstellten Blick, <\/em><br \/><em> unverstellt von Ideologie, Gedankenmustern, <\/em><br \/><em> Absichten, Zielen, Pflichten, Moral usw. kann <\/em><br \/><em> ich mir hier nicht denken, sie ist nicht da, dieses <\/em><br \/><em> winzige St\u00fcckchen mehr an Freiheit.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><em>Statt dessen herrscht eine Ideologie und ein <\/em><br \/><em> Gedankenterror und ein blindmachendes Abstrahieren, <\/em><br \/><em> das von Gedanken ausgeht und immer <\/em><br \/><em> weiter abstrakt Gedanken produziert\u00a0\u2212<\/em><br \/><em> dabei geht alle Sinnlichkeit verloren<\/em>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\">Rolf Dieter Brinkmann<br \/>Brief an Hartmut Schnell vom 22.1.1975<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">In den ersten Tagen, Wochen und Monaten des Jahres 2005 befa\u00dfte ich mich \u2013 in Erwartung des 23. April 2005, dem drei\u00dfigsten Todestag Rolf Dieter Brinkmanns \u2013 wieder besonders intensiv mit <em>Westw\u00e4rts<\/em> &amp; Co., Gedichte lesend, via Google recherchierend, Gedanken notierend, Gespr\u00e4che suchend. [Zu Beginn des Jahres 2007 ist es ganz \u00e4hnlich: <em>Brinkmanns Zorn<\/em>, Bergmanns Film \u00fcber RDB mit Eckhard Rhode (gemeinsam mit Brinkmanns Originalstimme) in der Hauptrolle, kommt in die Kinos, die Freunde (Kutsch, R\u00f6hnert, V\u00f6lkert-Marten) schreiben Mails und\/oder rufen an, und auch die Medien \u00fcberschlagen sich vor Begeisterung. Ich lese Kommentare im Internet und sehe Ausschnitte im Fernsehen \u2013 wie Brinkmann auf M\u00fclltonnen eindrischt und die Poesie der Eisenbahn beschw\u00f6rt \u2013 und brenne auf den Film, der im November 2007 als DVD erscheint.]<br \/>Am 3. Dezember 2004 beispielsweise in der K\u00f6lner Taubengasse w\u00e4hrend meines Besuchs bei Hans Bender: Jedesmal, wenn wir uns sehen, reden wir \u00fcber Brinkmann, und dieses Mal h\u00f6rte ich mich erneut zu einer Lobeshymne ansetzen, die ich schon so oft gesungen hatte: \u201eJa, ich bekenne mich gern zu Rolf Dieter Brinkmann. Ich bin ein gro\u00dfer Verehrer seines Werks.\u201c Bender, als Herausgeber der <em>Akzente <\/em>und anderer Editionen einer der F\u00f6rderer Brinkmanns, betont (nachdem er zum wiederholten Mal sein Unverst\u00e4ndnis gegen\u00fcber einem Werk wie <em>Rom, Blicke<\/em>, das mich unglaublich affiziert, ge\u00e4u\u00dfert hat), da\u00df Brinkmann ihm gegen\u00fcber stets h\u00f6flich und freundlich gewesen sei. [Wahrhaftig keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit beim grunds\u00e4tzlich zornigen Brinkmann, der K\u00f6lner Kneipenwirte anschnauzte, wenn die ihn anraunzten, weil er sein Bier nicht bezahlen konnte.]<br \/>Am 4. Januar 2007 lese ich am\u00fcsiert und mit hochgezogenen Augenbrauen in einem Artikel auf der Website der <em>taz<\/em>:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Wieso liegt am Anfang des 21. Jahrhunderts von allen literarischen Gattungen ausgerechnet die Lyrik im Trend? Warum nicht \u2013 angesichts von Kriegen, Amokl\u00e4ufen und abgefilmten Hinrichtungen \u2013 das Drama? Der Roman feiert weiterhin Erfolge, auch die lang geschm\u00e4hte und vergessene kleine Prosa wird pl\u00f6tzlich wieder wahrgenommen, sei es, dass Botho Strau\u00df neuerdings mit Kalendergeschichten Erfolg hat, sei es, dass die Glossen und Kurzgeschichten der ZIA-Literaturpiraten Holm Friebe, J\u00f6rn Morisse und Kathrin Passig begeistert gefeiert werden. Doch st\u00e4rker noch als alle diese r\u00fccken seit zwei, drei Jahren die Lyriker ins Rampenlicht. Nico Bleutge oder Uljana Wolf werden bereits nach einem Lyrikband an die Seite von Brinkmann, Bachmann und Born gestellt, der feine Lyrikverlag <\/em>Kookbooks <em>wird mit Preisen \u00fcbersch\u00fcttet, und \u00fcber Leute, die sich mit heiligem Ernst Dichter nennen, wird nicht mehr gelacht. <\/em>[An dieser Stelle seien drei Fragen gestattet:<br \/><em>Liegt Lyrik tats\u00e4chlich im Trend?<\/em> Ich f\u00fcrchte mehr denn je, da\u00df auch nach 2000, abgesehen von gutbesuchten gro\u00dfst\u00e4dtischen Events mit Multimediacharakter, durch die kaum ein Gedicht in den K\u00f6pfen der Besucher haftenbleiben und kaum ein Lyrikband mehr verkauft werden d\u00fcrfte, die Lyrik an sich Sache einer extrem kleinen Gruppe von intrinsisch sprach- und forminteressierten Menschen bleibt. Daran wird auch der zwar auf sechs Seiten angelegte, insgesamt jedoch eher r\u00fchrende als richtungsweisende Versuch der ZEIT vom 24. Mai 2007, der Lyrik von heute zu mehr Lesern zu verhelfen, nichts \u00e4ndern. Ausgerechnet Robert Gernhardt zur Z\u00fcndkerze in den Motoren der v\u00f6llig anders orientierten j\u00fcngeren Autorinnen und Autoren zu stilisieren, wie Ulrich Greiner es tut, sorgt allenfalls f\u00fcr Erheiterung, ebenso die Frage, wie man Gedichte eigentlich lese. (Grunds\u00e4tzlich schlage ich vor: von links nach rechts sowie von oben nach unten und die gelungenen Verse wieder und wieder.) Michael Braun faselt auf www.freitag.de unter anderem gar von \u201eRandale\u201c in der deutschen Lyrikszene. Lyrikdoktor Jakob Stephan wird in diesem Fall sicherlich eine schwere Form von Realit\u00e4tsverlust diagnostizieren.<br \/><em>Wer \u2013 au\u00dfer vielleicht der unbedarfte Kulturteil-Mitarbeiter \u2013 stellt Nico Bleutge und Uljana Wolf an die Seite von Brinkmann, Bachmann und Born?<\/em> Bleutge und Wolf haben Erstlinge vorgelegt, die ich mit Interesse gelesen habe, in denen ich aber nichts von der anarchischen Kraft und Gewalt eines Buches wie <em>Westw\u00e4rts 1 &amp; 2<\/em>, das zu den wuchtigsten Gedichtb\u00fcchern des 20. Jahrhunderts geh\u00f6rt, finden kann. Sie in einem Atemzug mit Rolf Dieter Brinkmann zu nennen ist nicht das lahme L\u00e4cheln \u00fcber einen schlechten Scherz wert.<br \/><em>Lacht man wirklich nicht mehr \u00fcber Leute, die sich mit heiligem Ernst Dichter nennen?<\/em> Leute, \u201edie sich mit heiligem Ernst Dichter nennen\u201c, sind und bleiben Witzfiguren. Dar\u00fcber gibt es bei Brinkmann, Kling und anderen ernsthaften Dichtern einiges Deftige, Heftige nachzulesen.]<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Auch dieser Artikel findet Eingang in <em>Meine Bibliographie Rolf Dieter Brinkmann<\/em>, die ich seit 1997 wie ein Tagebuch f\u00fchre und die mittlerweile zehn zweispaltige Seiten umfa\u00dft. Ebenfalls frisch vermerkt ist der Hinweis auf eine Bemerkung Gerhard Falkners: \u201e\u2026 und mein \u00c4rger \u00fcber den schlechten Beobachter und den so sehr in seine Ignoranz vernarrten Brinkmann ist noch nicht verraucht.\u201c<br \/>Im grausamen Monat April h\u00f6re ich w\u00e4hrend mehrerer Wochen immer wieder die Audio-CDs, die anl\u00e4\u00dflich des drei\u00dfigsten Todestags bei <em>Intermedium Records<\/em> in Erding erschienen sind: <em>W\u00f6rter Sex Schnitt<\/em> (f\u00fcnf CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 361 Minuten und 60 Seiten Booklet) sowie <em>The Last One<\/em> (Autorenlesungen w\u00e4hrend des <em>Cambridge Poetry Festivals<\/em> 1975, drei bzw. vier Tage vor dem Unfalltod in London).<br \/>Die wunderbare Z\u00e4rtlichkeit, die vielen der Verse und Gedanken dieses oft so ungeheuer schroff daherkommenden Menschen innewohnt, bezaubert mich jedesmal neu. Und wenn ich diese jetzt von Brinkmann selbst gesprochen h\u00f6re, laufen mir Schauer \u00fcber den R\u00fccken. W\u00e4hrend seines Besuchs am Karfreitag 2005 h\u00f6ren Axel Kutsch und ich gemeinsam das Gedicht \u201eRolltreppen im August\u201c, und wir begreifen erneut, was Brinkmanns besondere Gabe gewesen ist. Er behauptet die Panik nicht, sondern h\u00e4mmert sie in Gehirne: <em>Panik, Panik, Panik<\/em>\u2026<br \/>Ich wei\u00df, da\u00df es l\u00e4ngst nicht nur mir so geht. Seit den 1990er Jahren erlebt Brinkmann eine Renaissance, von der die FAZ (respektive Ingeborg Harms) offenbar nichts mitbekommen hat: \u201eDa\u00df dieser gleichsam am Tropf des Plattenspielers h\u00e4ngende Autor heute kaum noch gelesen wird, liegt nicht zuletzt an der Illusion, man k\u00f6nne Atmosph\u00e4risches durch blo\u00dfe Nennung umstandslos in Blocksatz gie\u00dfen.\u201c Nun denn. Ich habe in den letzten Jahren einige Erstausgaben seiner in den 1960er Jahren erschienenen Gedichtb\u00e4nde erworben und eine Reihe umfangreicher B\u00fccher \u00fcber Brinkmann gelesen, die sein umfassendes Werk bearbeiten und in seiner Vielseitigkeit deutlich machen.<br \/>Am 11. September 2001 lernte ich bei einem Treffen in K\u00f6ln Jan Volker R\u00f6hnert kennen, der mit zahlreichen vorz\u00fcglichen Essays und zwei gewichtigen B\u00fcchern \u00fcber Brinkmann entscheidend dazu beitr\u00e4gt, Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse, die \u00fcber den Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann kursieren, zu korrigieren. [Heute, am 3. Januar 2007, rettet er meinen Tag mit der einzigen Postsendung, die ich erhalte. Darin finde ich einen Sonderdruck aus dem 787 Seiten umfassenden Reader <em>Deutschsprachige Lyriker des 20. Jahrhunderts<\/em>, 2006 im <em>Erich Schmidt Verlag<\/em> herausgegeben von Ursula Heukenkamp und Peter Geist, mit einem erneut kenntnisreichen und feinsp\u00fcrig interpretierenden Aufsatz von R\u00f6hnert \u00fcber <em>Rolf Dieter Brinkmann<\/em> (1940-1915), eingeleitet mit einem Zitat von <em>The Doors: Before I sink into the big sleep \/ I want to hear the scream of the butterfly.] <\/em>Wenn ich lese, welche Dummheiten das Feuilleton \u00fcber Brinkmann \u00e4u\u00dfert (beispielsweise die Reduzierung auf den \u201ePopliteraten\u201c, ohne die kaum eine Schlagzeile auskommt), freut es mich um so mehr, da\u00df Jan R\u00f6hnert f\u00fcr eine Literatur wirbt, die so lebendig wirkt wie eh und je \u2013 und auf mich st\u00e4rker mit jedem Jahr, das ich \u00e4lter werde und die Ausnahmestellung und Qualit\u00e4ten des Brinkmannschen Werks noch genauer zu erkennen in der Lage bin. R\u00f6hnerts 2001 in der <em>edition bauwagen<\/em> erschienener Gedichtband <em>Fragment zum franz\u00f6sischen S\u00fcden 1 &amp; 2 <\/em>steht in der Nachfolge eines Autors, dessen Nachwirkungen auf die aktuelle Lyrik im deutschen Sprachraum sp\u00fcrbar sind \u2013 zahllose postmoderne Allusionen in Gedichten der letzten Jahre beweisen es: An Brinkmann f\u00fchrte nach 1975 so schnell kein Weg vorbei. Warum auch? Dieser Autor hat eine ganze Reihe unsterblicher Gedichte geschrieben. Hierzu schreibt R\u00f6hnert:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Auf eine Weise jedoch haben die Gedichte Brinkmanns auch nach dem Tod ihres Sch\u00f6pfers \u201eweitergemacht\u201c: Beim Leserpublikum und einer Vielzahl von Lyrikern, die sich durch Brinkmann zu \u2013 mehr oder weniger gelungenen \u2013 eigenen Versuchen inspirieren lie\u00dfen. Seine Anregungen scheinen jeweils dort am fruchtbarsten aufgehoben zu sein, wo sie innerhalb eines wiederum selbst\u00e4ndigen Dichtungsentwurfs neue Gestalt gewinnen. Etwa f\u00fcr den <\/em>Kaddish<em>-Zyklus von Brinkmanns Generationskollegen Paulus B\u00f6hmer, die Lyrik der rum\u00e4niendeutschen Dichter Werner S\u00f6llner (<\/em>Kopfland. Passagen<em>) oder Richard Wagner (<\/em>Hotel California<em>) ist Brinkmanns Lyrik ein fester Bezugspunkt, aber auch f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis 0stdeutscher Lyriker wie Uwe Kolbe, Thomas B\u00f6hme oder Michael W\u00fcstefeld spielte Brinkmann eine wichtige Rolle; auch aus den fr\u00fchen Gedichtb\u00e4nden Thomas Klings <\/em>geschmacksverst\u00e4rker<em> und Durs Gr\u00fcnbeins <\/em>Grauzone morgens<em> ist Brinkmanns Stimme herauszuh\u00f6ren. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Einem Gedichte verfassenden Menschen, der sich nicht wenigstens in Form einer Pflichtlekt\u00fcre mit Brinkmanns Gedichten und Poetologie befa\u00dft hat, kann ich nur bedingt Respekt entgegenbringen.<br \/>Vor einiger Zeit besuchte mich J\u00fcrgen V\u00f6lkert-Marten aus Gelsenkirchen, dessen legend\u00e4re Rolf-Dieter-Brinkmann-Sammlung mit den Ver\u00f6ffentlichungen zu Lebzeiten (beinahe) l\u00fcckenlos ist, und schenkte mir eine 1978 erschienene Ausgabe der amerikanischen Literaturzeitschrift <em>New Letters<\/em> mit zwei von Hartmut Schnell in Englische \u00fcbertragenen Gedichten Brinkmanns, von denen eins \u2013 \u201eThe African\u201c \u2013 meines Wissens bislang nicht einmal auf deutsch erschienen ist. Es gibt wahrscheinlich noch einiges Unver\u00f6ffentlichte in Frau Brinkmanns und anderer Leute Schubladen \u2013 obwohl nun auch mit den beiden Audio-Editionen ja wieder Fulminantes ans Tageslicht gekommen ist. Und das waren nicht die einzigen \u00dcberraschungen im Jahre 2005. Nein, aller guten Dinge sind (mindestens) drei.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ich drehe jetzt mehrere Seiten lang die Zeit um einige Jahre zur\u00fcck:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">In den sp\u00e4ten 1980er und den gesamten neunziger Jahren hatte ich vergeblich versucht, Rolf Dieter Brinkmanns vergriffenen Lyrikband <em>Westw\u00e4rts 1 &amp; 2<\/em> in Antiquariaten aufzust\u00f6bern. Ich hatte gelegentlich befreundete Autoren gebeten, f\u00fcr mich mit Ausschau zu halten nach jenem Lyrikband (f\u00fcr dessen auf 188 Seiten verteilte Bruchst\u00fccke, Collagen, Montagen, pr\u00e4zise, sinnliche Bilder, konkrete, einfache W\u00f6rter, Augen-Blicke, musikalische Sequenzen und wilde, sich \u00fcber etliche Seiten hinziehende Wortwirbel ich bis zu achtzig Mark zu zahlen bereit war), der nach seinem Erscheinen im Jahre 1975 daf\u00fcr sorgte, da\u00df der Autor Rolf Dieter Brinkmann total lebendig geblieben ist.<br \/>Nat\u00fcrlich konnte ich zahlreiche Gedichte aus <em>Westw\u00e4rts 1 &amp; 2<\/em> in Anthologien finden, so beispielsweise in dem von Axel Kutsch besorgten Lyrikjahrbuch <em>Wortnetze II<\/em> (Rolf Dieter Brinkmann und Hans Bender als \u201egro\u00dfen Schriftstellern und Herausgebern\u201c gewidmet), aber was war das schon gegen das Erlebnis des Ganzen? An einem Tag im Jahre 1997 erhielt ich denn auch einen dringenden Anruf von V\u00f6lkert-Marten, der mich auf den aktuellen Katalog des <em>Antiquariats Seinsoth<\/em> in Bremen aufmerksam machte, in dem ein gut erhaltenes Exemplar des Taschenbuchs angeboten wurde. Ich meldete mich dort umgehend, aber nein, leider war das Exemplar schon verkauft. Wieder nichts.<br \/>\u00c4hnliche Erfahrungen konnten Sie auf Antiquariatstagen in den neunziger Jahren machen, wo Sie mit Nike-beschuhten, eigens von gutbetuchten Sammlern f\u00fcr diesen Wettlauf engagierten Muskelm\u00e4nnern in Konkurrenz treten mu\u00dften, um ein Brinkmann-B\u00e4ndchen aus den sechziger Jahren wie <em>Le Chant du Monde <\/em>f\u00fcr mehrere tausend Mark zu ergattern. V\u00f6lkert-Marten geh\u00f6rt zu den Lesern, die sich fr\u00fcher als ich mit Brinkmann befa\u00dft haben, und er ist einer der wenigen Gl\u00fccklichen, die mehr oder weniger s\u00e4mtliche Werke (einschlie\u00dflich der zu Lebzeiten Brinkmanns erschienenen Anthologien und Zeitschriften) in Originalausgaben besitzen. Aber originale Ausgaben m\u00fcssen es nicht sein. Die Gedichte sind das Wesentliche, und die ersten neun Gedichtb\u00e4nde Brinkmanns aus den Jahren 1962 bis 1970 sind in dem schwarzen Sammelband <em>Standphotos <\/em>zusammengefa\u00dft.<br \/>Das <em>Westw\u00e4rts<\/em>-Dilemma hatte ich selbst heraufbeschworen. Ich studierte seit 1974 in K\u00f6ln. Wieso hatte ich mir nicht l\u00e4ngst eins der 17.000 Exemplare besorgt? Das ist eine Geschichte, die Sie in meinem collagierten Gedichtband <em>das letzte wort hat brinkmann<\/em> (<em>Edition Labyrinth &amp; Minenfeld<\/em>, Osnabr\u00fcck 1996) nachlesen k\u00f6nnen. Karsten Herrmann, Herausgeber jener mittlerweile eingestellten Edition, hat 1998 \u00fcber Brinkmann promoviert und erweist sich mit seinem Buch <em>Bewu\u00dftseinserkundungen im Angst- und Todesuniversum. Rolf Dieter Brinkmanns Collageb\u00fccher<\/em> (<em>Aisthesis<\/em>, Bielefeld 1999) als einer der besten Kenner des Werks dieses nur einem erweiterten Insiderkreis bekannten Autors (woran auch der Film <em>Brinkmanns Zorn<\/em> letztlich wenig \u00e4ndern wird). Ich habe Herrmanns Buch mit Genu\u00df und gro\u00dfem Gewinn gelesen. \u00dcber zehn Jahre lang lebte Brinkmann in einer Seitenstra\u00dfe K\u00f6lns, der Engelbertstra\u00dfe Nummer 65. In K\u00f6ln gibt es zwar das recht gut dotierte <em>Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium<\/em> (das auch Thomas Kling einst erhielt), aber das hei\u00dft nicht, da\u00df Brinkmann auch nur ann\u00e4hernd so bekannt unter K\u00f6lner Deutschlehrern ist wie etwa Heinrich B\u00f6ll. Das Gegenteil ist der Fall. [Nach Paul Schall\u00fcck ist sogar eine Stra\u00dfe benannt (ganz in der N\u00e4her des Uni-Centers), aber auch mit diesem Autor haben die K\u00f6lner (und andere) Leser nicht viel im Sinn. Demn\u00e4chst soll eine Ausgabe der gesammelten Werke Paul Schall\u00fccks im <em>Verlag Ralf Liebe<\/em> \u2013 f\u00fcr ein Revival sorgen. Was f\u00fcr eine frohe Botschaft.] Wenn der arme Brinkmann von diesem Stipendium w\u00fc\u00dfte, er w\u00fcrde sich nicht krank-, nein, er w\u00fcrde sich mal wieder kaputtlachen, denn wer zu K\u00f6lner Lebzeiten so gegen W\u00e4nde gelaufen ist und sp\u00e4ter als Ikone gehandelt wird, nein, das w\u00e4re seine Sache nicht gewesen. Oder t\u00e4usche ich mich?<br \/>Der unbeugsame Brinkmann pa\u00dfte vom Naturell her nicht ins <em>kl\u00fcngelige <\/em>K\u00f6ln, wo man gern die F\u00fcnf gerade sein l\u00e4\u00dft, und ich frage mich, warum er dieser Stadt und ihren Menschen, die er geha\u00dft hat, wie man eine Stadt und Menschen nur hassen kann, nicht den R\u00fccken kehrte. [M\u00f6glicherweise scheiterte es immer wieder nur am bl\u00f6den Gelde. So erz\u00e4hlte mir Michael Hamburger, Brinkmann, mit dem er f\u00fcr den 24. April 1975 verabredet gewesen sei (statt dessen habe J\u00fcrgen Theobaldy mit der Todesnachricht vor der T\u00fcr gestanden), habe ihn w\u00e4hrend der Tage in Cambridge inst\u00e4ndig gebeten, ihn bei einer \u00dcbersiedlung nach London zu unterst\u00fctzen.]<br \/>Nat\u00fcrlich w\u00e4re K\u00f6ln wiederum nicht K\u00f6ln, wenn es nicht all die vielen K\u00fcnstler und Schriftsteller beherbergen w\u00fcrde, die mit dieser Stadt in einer Ha\u00dfliebe verbunden sind oder waren. Beispielsweise hat Dieter M. Gr\u00e4f in einem Gespr\u00e4ch, abgedruckt in der von Jochen Arlt edierten literarischen Anthologie <em>Junger Westen<\/em> (<em>Rhein-Eifel-Mosel-Verlag<\/em>, Pulheim 1996), dazu einiges Bemerkenswerte gesagt. [Mittlerweile ist Gr\u00e4f \u2013 wie etliche aus dem ganzen Land \u2013 nach Berlin abgewandert, um an die dortigen f\u00fcr Literatur bereitgestellten Fleischt\u00f6pfe zu gelangen. Dieter M. Gr\u00e4f scheint zu diesen streunenden Literatur-Nomaden zu z\u00e4hlen, die f\u00fcr das \u00f6ffentliche Geld, das sie hier und da ergattern k\u00f6nnen, ihr Seelchen verkaufen. Aus einer solchen mich an das Leben von Parasiten erinnernden Lebenshaltung entsteht kein \u00fcberzeugendes literarisches Werk. Wer w\u00e4re ein besseres Beispiel als Rolf Dieter Brinkmann f\u00fcr die Untermauerung der Bennschen These, kein Satz, kein wirklicher Satz komme zustande, wenn nicht hinter ihm das ganze Pathos und das ganze innere Leiden der Pers\u00f6nlichkeit stehe? Das kann jedenfalls Dieter M. Gr\u00e4f, der f\u00fcr das <em>Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium<\/em> vielleicht doch nicht der geeignete Kandidat war, nicht f\u00fcr sich beanspruchen. Da ist Anne Dorn von andrem Schrot und Korn: <em>K\u00f6ln als Hauptadresse, dazu einen erreichbaren Flecken in der Eifel, an dem mich nichts au\u00dfer Ameisen, Schmetterlingen, Greif- und Singv\u00f6gel, Gestr\u00fcpp und freie Luft erwartet, ist die Verlockung, der ich erlegen bin<\/em>.]<br \/>Im Dezember 1998 erreichte mich eine Postkarte von Arlt, die mich dar\u00fcber in Kenntnis setzte, da\u00df <em>Westw\u00e4rts 1 &amp; 2<\/em> wieder verf\u00fcgbar sei. Die Karte bewirkte einen Endorphinschub, der mich taumeln lie\u00df. Am 6. Januar 1999 stieg ich die enge, steile Treppe zur K\u00f6lner Bahnhofsbuchhandlung hinab (hier hat sich Brinkmann auch immer wieder B\u00fccher besorgt, eine Angestellte erinnert sich gut an ihn) \u2013 und tats\u00e4chlich: Da stand das Buch, gleich zehnmal sch\u00f6n in Reih und Glied hintereinander. So einfach war das also. Im \u00dcberschwang meiner Freude sagte ich leichthin zu der Dame, die die achtzehn Mark und neunzig Pfennige kassierte: \u201eAuf dieses Buch habe ich jahrelang gewartet. Ist die Nachfrage denn schon rege?\u201c \u201eAch was\u201c, meinte sie, \u201ewieso denn auch, der Brinkmann ist doch l\u00e4ngst pass\u00e9.\u201c Mist, dachte ich, h\u00e4ttest du doch nichts gesagt, denn auf eine Diskussion einlassen wollte ich mich nicht, konnte aber nicht umhin, ihr im Gehen noch zu sagen, da\u00df sie mit ihrer Meinung auf dem Holzweg sei. Eine weitere Reaktion wartete ich nicht ab, es war mir einfach zu bl\u00f6d. [In den Tagen der Niederschrift dieser Zeilen \u2013 im April 2005 \u2013 erscheint \u2013 endlich, endlich \u2013 die urspr\u00fcngliche Fassung von <em>Westw\u00e4rts 1 &amp; 2<\/em>: 360 statt 188 Seiten. Drei\u00dfig Jahre lang haben die Leser Brinkmanns darauf gewartet. Drei\u00dfig Jahre. Es ist ein grandioses, ein kolossales, ein mitrei\u00dfendes Buch.] So ist das mit Brinkmann: Nichts geht glatt bei dem Mann, nicht einmal der Kauf eines seiner B\u00fccher. Das beweist ja auch wieder der oben erw\u00e4hnte, w\u00e4hrend der verregneten Sommertage des Jahres 2002 erschienene FAZ-Artikel, zu dessen Niveau Axel Kutsch nur noch ein Wort einfiel: \u201eUns\u00e4glich\u201c. Symptomatisch auch die Erfahrung mit dem Artikel in der Digitalenzyklop\u00e4die <em>Encarta<\/em>: \u00dcberrascht war ich zun\u00e4chst einmal \u00fcber die L\u00e4nge des Artikels, und beim Lesen stellte ich kopfnickend fest, da\u00df dieser Text einen recht guten \u00dcberblick \u00fcber Werk und Wirkung Brinkmanns vermittelt:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Brinkmann, Rolf Dieter (1940-1975), Schriftsteller. Aufgrund seiner Affinit\u00e4t zur amerikanischen Subkultur Ende der sechziger Jahre gilt er als Begr\u00fcnder einer deutschsprachigen Variante der Underground-Literatur. Brinkmann wurde am 16. April 1940 in Vechta geboren. Nach einer Besch\u00e4ftigung als Verwaltungsangestellter und einer Buchh\u00e4ndlerlehre begann er 1963 ein P\u00e4dagogikstudium. Bereits nach 1959 entstanden zahlreiche Gedichte und Erz\u00e4hlungen, die zwar in Kleinverlagen erschienen, jedoch weitgehend unbekannt blieben. Seit Mitte der sechziger Jahre lebte Brinkmann als freier Schriftsteller, oftmals am Rand des Existenzminimums. Sein 1968 ver\u00f6ffentlichter Roman <\/em>Keiner wei\u00df mehr<em> machte ihn mit einem Schlag bekannt. Die ein Jahr sp\u00e4ter folgenden Prosasammlungen <\/em>Silver Screen<em> avancierten zur Standardlekt\u00fcre vor allem in der bundesdeutschen 68er-Generation (siehe Studentenbewegung). In der gleichen Zeit wurden u.a. die Lyrikb\u00e4nde <\/em>Godzilla<em> (1968), <\/em>Die Piloten<em> (1968) und <\/em>Gras<em> (1970) publiziert, die allesamt die Z\u00fcge amerikanischer Popkultur trugen. Auch durch \u00dcbersetzer- und Herausgebert\u00e4tigkeiten <\/em>(ACID. Neue amerikanische Szene<em>, 1969, zusammen mit Ralf-Rainer Rygulla) machte Brinkmann die Untergrunddichtung der USA im deutschen Sprachraum bekannt. Zwischen 1970 und 1975 verebbte seine Schaffenskraft. 1974 hielt er sich als Gast des <\/em>German Departement der Universit\u00e4t Austin<em> (Texas) in den Vereinigten Staaten auf. Brinkmann starb am 23. April 1975 bei einem Autounfall in London. Brinkmann geh\u00f6rte zu der von Dieter Wellershoff initiierten K\u00f6lner Schule des neuen Realismus. Dabei verband er eine wirklichkeitsnahe Darstellungsweise mit modernen Verfahren wie den Stream of Consciousness oder der Montage, wobei er auch Werbespots und Reklameworte miteinbezog. D\u00fcstere Zukunftsprognosen, geradezu apokalyptische Visionen und eine starke Aversion gegen den westlichen Kulturbetrieb kennzeichnen die Periode von 1970 bis zu seinem Tod; paradigmatisch wird dies in <\/em>World\u2019s End<em> (1973) und der autobiographischen Briefsammlung <\/em>Rom, Blicke<em> deutlich, die w\u00e4hrend eines Stipendiums der <\/em>Deutschen Akademie Villa Massimo<em> (1972\/1973) in Italien entstanden. Weitere Werke des Autors sind die Erz\u00e4hlungen <\/em>Die Umarmung<em> (1965) und <\/em>Raupenbahn<em> (1966), die Gedichtb\u00e4nde <\/em>Was fraglich ist wof\u00fcr<em>\u00a0(1967), <\/em>Westw\u00e4rts 1 &amp; 2<em>\u00a0(posthum 1975), <\/em>Standphotos<em> (posthum 1980) und <\/em>Eiswasser an der Guadelupe-Stra\u00dfe<em> (posthum 1985) sowie die autobiographische Sammlung <\/em>Der Film in Worten<em> (posthum 1982). Dar\u00fcber hinaus drehte Brinkmann Experimentalfilme und trat als Organisator multimedialer Events hervor. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Den Kopf sch\u00fcttelte ich allerdings, als ich auf den Satz \u201eZwischen 1970 und 1975 verebbte seine Schaffenskraft\u201c stie\u00df. Das Gegenteil ist der Fall. Nach 1970 zog sich Brinkmann in die Wohnung in der K\u00f6lner Engelbertstra\u00dfe am Rudolfplatz zur\u00fcck (wenn er denn nicht als Stipendiat in Rom bzw. als Gastprofessor in Austin\/Texas weilte oder im Hunsr\u00fcck auf einem besonders extremen R\u00fcckzugstrip von der Gesellschaft war) und collagierte, fotografierte, las, montierte, reflektierte und schrieb, schrieb, schrieb, schlug am Tag und vor allem in der Nacht mit den Tasten der Schreibmaschine wie besessen und berauscht Buchstaben auf das Papier \u2013 entgegen weit verbreiteter Ansichten viel, viel, viel intensiver als je zuvor.<br \/>In diesen letzten Jahren seines Lebens bereitete Rolf Dieter Brinkmann in Form von Materialienb\u00fcchern (die noch nicht alle publiziert sind, nehme ich an) sein opus magnum vor, das alles bisher Dagewesene \u00fcberwinden sollte. Vorbilder wie Louis-Ferdinand C\u00e9line (<em>Reise ans Ende der Nacht<\/em>), Blaise Cendrars (<em>Moravagine<\/em>), Hans-Henny Jahnn (<em>Flu\u00df ohne Ufer<\/em>, <em>Perrudja<\/em>), Arno Schmidt (<em>Zettels Traum<\/em>) [Die Originalausgabe verscherbelte er nach der Lekt\u00fcre aus Geldnot an ein Antiquariat \u2013 wie so viele andere B\u00fccher auch.] und Claude Simon (<em>Die Akazie<\/em>) hatten ihm Vorlagen geliefert, die er unbedingt zu \u00fcbertreffen suchte. Diese Romane waren, bei aller Faszination, die sie aus\u00fcben mochten, immer noch viel zu sehr aufs Wort fixiert; wie beispielsweise James Joyce mit <em>Finnegans Wake<\/em> wollte Brinkmann den Literaturbegriff, den Roman an sich sprengen, nicht mehr in Kategorien denken und schreiben und zu einer gewaltigen, gleichsam <em>wortelosen<\/em> Urform vorsto\u00dfen, die alles umfa\u00dfte, was Leben bedeutete. Ist das m\u00f6glich? (Nein.) Ist das Material bereits das Werk?<br \/>Brinkmann ging es nicht um akademische Formfragen, ob nun Erz\u00e4hlung oder Gedicht oder Essay oder Cut-up oder Montage oder Collage oder Brief oder Foto die ad\u00e4quate Ausdrucksm\u00f6glichkeit sei, Inhalte, Ph\u00e4nomene, Stoffe usw. festzuhalten, nein, Brinkmann ging der Frage nach, was denn Leben sei, was denn Literatur sei, was denn Sprache sei, was denn Kommunikation sei \u2013 oder wie Leben und Literatur und Sprache und Kommunikation noch und wieder m\u00f6glich seien.<br \/>Und das nicht in h\u00f6flichen, Meinungen wie Pingpong austauschenden Seminarsitzungen, bei denen man nachher auseinandergeht, als sei nichts gewesen, sondern in aufs Ganze gehenden, energie- und schlafraubenden, schwei\u00dftreibenden, hochkonzentrierten, rauschhaften, entgrenzenden Bewu\u00dftseinserweiterung und Euphorie ausl\u00f6senden Mammutsitzungen an Schreibmaschine und Schreibtisch, sich selbst hemmungslos und total einbeziehend und sich und die Umwelt nicht im geringsten schonend.<br \/>Hier lebte Rolf Dieter Brinkmann in der Literatur, erf\u00fcllte Literatur im Leben. Gerade nach 1970 verwirklichte er dieses Leben mehr als je zuvor \u2013 materielle Armut und Isolation z\u00e4hneknirschend oder wutschnaubend <em>in Kauf nehmend<\/em>: Welch eine zynische Phrase, die hier den Kern der Dinge zu treffen scheint.<br \/>Nur so konnte Brinkmann <em>sein<\/em>: Leben und Literatur waren f\u00fcr ihn ein und dasselbe. Er war kein l\u00fcgender Dichter, wie Zarathustra ihn beschreibt. F\u00fcr ihn gab es nur das Leben, das Leben bedeutet und nicht Formblatt oder B\u00fcrokratie oder Gesetzgebung oder Verordnung oder: <em>man<\/em>. Leben hei\u00dft: ich. Einmal und nie wieder. Leben ist: anarchisch, blau, chaotisch, dicht, energiegeladen, futuristisch, gro\u00df, himmlisch, intensiv, jokular, kaprizi\u00f6s, lebendig, musikalisch, nervenkitzelnd, omnipr\u00e4sent, praktisch, qualvoll, radikal, sinnlich, total, universal, verwegen, wundervoll, zuf\u00e4llig.<br \/>Brinkmanns Leben, so wie ich es mir vorstelle, war gepr\u00e4gt in erster Linie von Ha\u00df, der verkappten Sehnsucht nach Liebe. In der Mehrzahl seiner Texte, in denen er Ha\u00df und Sehnsucht gleicherma\u00dfen offenbart, stempelt sich Brinkmann gleichsam zum Romantiker. [Welcher Verfasser literarischer Texte ist das nicht?] (<em>By the way<\/em>: Das deutsche Wort <em>Charakter <\/em>kommt urspr\u00fcnglich aus dem Griechischen und bedeutet =&gt; <em>Stempel<\/em>.)<br \/><em>Haarscharf<\/em> nahm Brinkmann wahr, was um ihn herum geschah, und er kam zu keinem guten Ergebnis. Das sollte <em>Leben<\/em> sein? Gewalt, Korruption, Oberfl\u00e4chlichkeit, Unwahrheit und Unrecht waren die Ausw\u00fcchse dieses faschistoiden, kapitalistischen westdeutschen Demokratismus, in dem Konzern, Medien, Partei alles, die einzelnen Menschen nach wie vor nichts waren. Wir erinnern uns alle, was gewisse Politiker bereits kurz nach 1945 \u00fcber Schriftsteller und K\u00fcnstler, die Sandk\u00f6rner ins wirtschaftswundersame Getriebe schmissen, zu sagen wagten und \u2013 Beifall daf\u00fcr erhielten.<br \/>Welt und Leben in der \u00d6ffentlichkeit waren f\u00fcr Brinkmann grunds\u00e4tzlich schwer nur zu ertragen. Empfand er je Gl\u00fcck? Ich glaube ja \u2013 an der Schreibmaschine. Ich m\u00f6chte betonen, da\u00df Rolf Dieter Brinkmann mich ausschlie\u00dflich als Schriftsteller, besser noch: als Prototyp des Schriftstellers interessiert. [Wie Benn, Brambach oder Bukowski; es gibt zahlreiche Namen, die ich hier nennen k\u00f6nnte \u2013 mit dem einen Unterschied: Brinkmann ist derjenige, der mich am st\u00e4rksten beseelt, fesselt und begeistert.] Ich m\u00f6chte keinen Blick in sein Elternhaus werfen, sein Schlafzimmer ist mir schnuppe, ich m\u00f6chte nicht an sein Grab in Vechta gehen, von dem ich einmal nur 200 Meter entfernt war. Am 11. September 2001 allerdings stand ich mit Jan R\u00f6hnert vor dem Haus Nummer 65 in der K\u00f6lner Engelbertstra\u00dfe, in dem er viele Jahre zur Miete gewohnt hat. Ich will mich nicht in die Privatangelegenheiten dieses Menschen mischen, eines Menschen, der ein literarisches Werk hinterlassen hat, das mich immer besch\u00e4ftigt.<br \/>Interessant hingegen ist beispielsweise der Blick in die zahlreichen Gedichtb\u00e4nde, in denen wir einem Lyriker begegnen, der es versteht, Wortdias zu entwerfen, in denen ich die Dinge, dir mir schon tausendunddreimal begegnet sind, nun gleichsam ausgedehnt sehe. Auch wenn Brinkmann selbst auf Distanz gegangen ist zu seinen fr\u00fcheren Gedichten (welcher ernsthafte Schriftsteller t\u00e4te das nicht immer wieder), so finden sich hier doch Gedichte, die zu den st\u00e4rksten geh\u00f6ren, die in der zweiten H\u00e4lfte der 1960er Jahre geschrieben wurden.<br \/>Ich bin fasziniert, wenn ich in den unheimlich langen Texten aus <em>Briefe an Hartmut<\/em> Einblick in ein Gehirn erhalte, das sich dem g\u00e4ngigen Sprechen und Denken widersetzt und dieser von ihm als grauenvoll empfundenen deutschen Sprache dennoch Ausdrucksm\u00f6glichkeiten abringt, die er halbwegs hinnehmen kann.<br \/>Ich finde es traurig, wenn Zeitungen zu seinem zwanzigsten Todestag nichts Besseres zu tun haben, als Mutma\u00dfungen dar\u00fcber anzustellen, ob Brinkmanns Verh\u00e4ltnis zu seinen Eltern tr\u00fcbe war (wovon laut Brinkmanns eigenen Aussagen unbedingt auszugehen ist), und Nachbarn zitieren, die dem Vater einen Persilschein ausstellen. Es ist weiterhin unerheblich, ob irgend jemand irgendwann einmal gesagt hat, Brinkmann sei das einzige literarische Genie, das Westdeutschland hervorgebracht habe. 1995 war in mehr als zwanzig Zeitungsartikeln, die Gunter Geduldig (der damalige Vorsitzende der <em>Rolf-Dieter-Brinkmann-Gesellschaft<\/em> mit Sitz in Brinkmanns Geburtsstadt Vechta) mir unverlangt in Kopie zuschickte und nach deren Kenntnisnahme ich mich so schlecht f\u00fchlte, da\u00df ich mich nur durch die Verwurstung der Kopien zu Collagen (die Teil des Bandes <em>das letzte wort hat brinkmann <\/em>wurden) zu helfen wu\u00dfte, auch diese Schnurre nachzulesen, so, als habe der eine sie vom anderen abgeschrieben.<br \/>Brinkmann ist wahrhaftig <em>ein lebender Toter<\/em>: Noch heute ist er anscheinend eine Bedrohung f\u00fcr das sogenannte Establishment, das er als das entlarvt, was es ist: ein hirnloses Machtkonglomerat namenloser kapitaldiktierter W\u00fcrstchen, das sich nat\u00fcrlich nicht die M\u00fche machen will, seine B\u00fccher zu lesen, zu verstehen, seine Gedichte zu lesen, zu begreifen. \u00dcberhaupt: Wen interessieren schon Gedichte? Wen interessiert \u201eexperimentelle\u201c (also: \u201eunlesbare\u201c) Literatur? Nicht wenige Leser (darunter auch Literaten) empfinden die Lekt\u00fcre von Brinkmanns herben Materialienb\u00e4nden als gleichsam lebensbedrohlich.<br \/>Neben mir liegt der Materialienband <em>Schnitte<\/em>: In diesem radikalen Buchstaben- und Bilderbuch wird auf einhundertachtundf\u00fcnfzig gro\u00dfformatigen (engbeschriebenen, teilweise zwei- oder dreispaltigen, absatzlos dahinjagenden) Seiten das widerw\u00e4rtige Leben in r\u00fccksichtslos brutalen Collagen blo\u00dfgestellt. Das ist m\u00fchevolle Lesearbeit, zumal die Seiten keineswegs sauber gesetzt, sondern faksimilierte Wiedergaben der urspr\u00fcnglichen Schreibmaschinenseiten sind, die mir mit durchgeixten W\u00f6rtern, dauernden Korrekturen usw. das Leben schwermachen. Da geht es buchst\u00e4blich, wortw\u00f6rtlich drunter und dr\u00fcber. Die Lekt\u00fcre ist anstrengende, kraftraubende Trauerarbeit, zumal der seitenlange, unaufhaltsame, von einer Assoziation zur n\u00e4chsten rasende Bewu\u00dftseinsstrom mich fortlaufend weiterrei\u00dft, den n\u00e4chsten Abgrund hinab, \u00fcber das n\u00e4chste Gedankenriff, zum n\u00e4chsten Vorort der Seelenh\u00f6lle.<br \/>Ich stelle mich dieser Lekt\u00fcre, die mir das ungeheure Erkenntnisinteresse eines bildungshungrigen Menschen vor Augen f\u00fchrt, der sich gewaltsam von seiner famili\u00e4ren und gesellschaftlichen Herkunft zu l\u00f6sen versucht, der nichts als Verfasser von Texten sein will, total und ganz und gar: <em>Rom, Blicke<\/em>, <em>Erkundungen f\u00fcr die Pr\u00e4zisierung des Gef\u00fchls f\u00fcr einen Aufstand<\/em>, <em>Schnitte<\/em> und teilweise auch <em>Der Film in Worten<\/em> sind B\u00fccher, die Schmerzen verursachen, aber es sind B\u00fccher, die sich radikal den Dingen n\u00e4hern, nach denen ich suche.<br \/>Ja, Brinkmann will es wissen.<br \/>Die Materialienb\u00e4nde entstanden ausnahmslos nach 1968. Mit Sicherheit hatte sich Brinkmann mehr von den im Mai 1968 in Paris stattfindenden, von \u00fcber zehn Millionen Menschen unterst\u00fctzten Aktionen erhofft, die weit \u00fcber das hinausgingen, was in Berlin in jener Zeit vor sich ging. Am Ende standen die Tr\u00e4umer sozusagen mit leeren H\u00e4nden da. K\u00e4mpfer und Hoffnungstr\u00e4ger wie Rudi Dutschke (den Brinkmann kritisch sah \u2013 wen nicht?), Che Guevara und Martin Luther King hatten sich, wie der Prager Student, gleichsam in Rauch aufgel\u00f6st. In Deutschland war eine weitere Revolution gescheitert \u2013 wie alle anderen zuvor, aber diesmal nicht nur in Deutschland.<br \/>Das Establishment konnte sich in der Folge breiter machen denn je, auch wegen des jahrelangen B\u00fcrgerkriegs, den eine Reihe von Brinkmanns Zeitgenossen vergeblich und mit verwerflichen Mitteln f\u00fchrten. Vergeblich? Ich will nicht pessimistisch sein. Es hei\u00dft ja auch immer wieder, die Schriftsteller seien im Prinzip \u00fcberfl\u00fcssig in dieser Welt, aber das glaube ich nicht. Jeder Mensch erf\u00fcllt seine Mission. Oft unsichtbar, oft nicht erkennbar, sind auch die scheinbar vergeblichen K\u00e4mpfe der Schriftsteller keineswegs vergeblich: Sie werden weitestgehend immerhin ignoriert. So f\u00fcllen sie ein gesellschaftliches Vakuum, dessen geheime Auswirkungen noch nicht erforscht sind. Wenn das nichts ist.<br \/>Rolf Dieter Brinkmann ist, wie bereits betont, kein Dichter, der l\u00fcgt. Auch darum hatte er zu Lebzeiten nie den gro\u00dfen Erfolg. W\u00e4re Brinkmann \u00fcberhaupt bekannt geworden ohne die Unterst\u00fctzung von Dieter Wellershoff (der damals Cheflektor bei <em>Kiepenheuer &amp; Witsch<\/em> war), von dem er sich aber wieder abwandte? M\u00fc\u00dfig eigentlich, die Frage, aber sie steht im Raum, seit ich sie mit Harald Gr\u00f6hler, der Brinkmann verschiedentlich begegnete, diskutierte. Immerhin: Der Roman <em>Keiner wei\u00df mehr<\/em> (1968) wurde reichlich verkauft, und ein Kritiker, der sich vor B\u00fcchern f\u00fcrchtete, die mit Maschinengewehren verglichen wurden, \u00fcberschlug sich beinahe mit seiner Lobrede. Hoppla. Ich will notabene nicht behaupten, alle erfolgreichen Autoren m\u00fc\u00dften ein Leben f\u00fchren wie beispielsweise Bertolt Brecht (<em>der trotz allem<\/em> zahlreiche gro\u00dfe Gedichte hinterlassen hat). In diesem Text geht es mir ausschlie\u00dflich um meine Sicht von Brinkmann, wie ich ihn erlebe, wenn ich seine B\u00fccher lese: <em>Es sind immer nur W\u00f6rter, Formulierungen. Aber was ist denn da, tats\u00e4chlich? Das kann Sprache, Formulierung nicht sagen<\/em>.<br \/>Brinkmann ging keine Kompromisse ein. Immer wieder machte er Schnitte, wenn es ihm zu bunt wurde. So landete er schlie\u00dflich bei <em>Rowohlt<\/em> (ohne selbst noch etwas davon zu haben), nachdem es mit dem Verlag <em>Kiepenheuer &amp; Witsch<\/em> nicht mehr ging. Harald Gr\u00f6hler erz\u00e4hlte mir, wie er zuf\u00e4llig dem die Treppe hinunterpolternden Brinkmann im K\u00f6lner Verlagshaus begegnet sei. Die Zusammenarbeit mit <em>Rowohlt <\/em>war auch nicht gerade berauschend f\u00fcr Brinkmann. Erst drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter \u2013 im Jahre 2005 \u2013 erscheint <em>Westw\u00e4rts 1 &amp; 2<\/em> in der kompromi\u00dflosen Fassung Rolf Dieter Brinkmanns.<br \/>Es wird ernsthaft behauptet, Zu- und Abneigung w\u00fcrden in Sekundenbruchteilen bei der ersten Begegnung entschieden. Wenn dem so ist, dann wei\u00df ich, warum ich den Autor Brinkmann so gut finde. Ich habe ihm nat\u00fcrlich nie in die Augen gesehen. Aber die Art, wie der englische Poet Richard Burns (Begr\u00fcnder jenes ersten internationalen <em>Cambridge Poetry Festival<\/em> im Jahre 1975, bei dem Brinkmann zum letzten Mal las), den ich w\u00e4hrend eines Arbeitsbesuchs im Sommer 1986 in Cambridge traf, mir in die Augen blickend sagte: <em>You don\u2019t know Rolf Dieter Brinkmann? Amazing. He\u2019s a fine German poet. A very fine German poet<\/em>, \u00f6ffnete mir erstmals die Augen f\u00fcr Brinkmann.<br \/>Ich will hier keine \u00fcbertriebene Vorstellung vermitteln, nein, es war einfach so: In jenem Augenblick lief ein Schauer mir sanft den R\u00fccken herunter. Ich sp\u00fcrte, da\u00df ich in jenen wenigen Sekunden an zwei Dichterleben teilhatte: <em>Es quoll in mir auf, wie etwas Unbestimmtes, S\u00fc\u00dfes, Liebes und Vergangenes<\/em>. (Hugo von Hofmannsthal) Vielleicht wurde in dem Augenblick erst eigentlich der Schreiber in mir geboren. Was auf jeden Fall geboren wurde: <em>Ihr nennt es<\/em> \u2013 Liebe?<br \/>Eine Liebe, die gewi\u00df auch mit meiner Vorliebe f\u00fcr die amerikanischen Beatniks und deren Nachfolgern zu tun haben mu\u00df, die ein wenig von dem kernigen, halbwegs ehrlichen Amerika retteten, das bereits in der \u00c4ra McCarthy zu gro\u00dfen Teilen zum Teufel gejagt wurde. Denn Brinkmann war es ja, der die amerikanische subkulturelle Literatur der 1960er Jahre nach Deutschland brachte und mit der heute noch lebendigen, un\u00fcbertroffenen Anthologie <em>Acid <\/em>popul\u00e4r machte.<br \/>Brinkmanns Gedichte sind ohne die Auseinandersetzung mit amerikanischem Beat und Pop, ohne die Kenntnis der Lyrik jener tabubrechenden amerikanischen Autoren nicht denkbar, Autoren, die auf einfache, direkte, obsz\u00f6ne, sinnliche und radikale Art und Weise sowohl die g\u00e4ngigen Formen und Themen als auch den \u00fcblichen Wortschatz sprengten. Alles dringt nun ins Gedicht ein, vor nichts wird mehr haltgemacht. Das war in Deutschland bis dahin \u2013 undenkbar.<br \/>In erster Linie waren es die Gedichte von William Carlos Williams und Frank O\u2019Hara, die Brinkmann den Weg zu seinem Gedicht wiesen, das mich deshalb fasziniert, weil es nicht besch\u00f6nigt, gerade deshalb sch\u00f6n ist und in pr\u00e4zisen, zugleich wilden freimetrischen Versen subjektiv Erlebtes in seine wahrhaftige und abgr\u00fcndige Welt transformiert, auch mythisiert. Es findet kein Raunen mehr statt, [Hier wird \u2013 vielleicht \u2013 der Einflu\u00df der Lyrik des 1956 verstorbenen Gottfried Benn auf Brinkmanns Gedichte deutlich. Die Mehrzahl der lebenden deutschen Dichterinnen und Dichter wird grunds\u00e4tzlich und gnadenlos abgewatscht.] und jeder Mensch, der sich den Geh\u00f6rgang hat offenhalten k\u00f6nnen, kann an diesen W\u00f6rtern, Kl\u00e4ngen und G\u00e4ngen teilhaben:<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>GEDICHT<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Zerst\u00f6rte Landschaft mit<br \/>Konservendosen, die Hauseing\u00e4nge<br \/>leer, was ist darin? Hier kam ich <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>mit dem Zug nachmittags an,<br \/>zwei T\u00f6pfe an der Reisetasche<br \/>festgebunden. Jetzt bin ich aus <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>den Tr\u00e4umen raus, die \u00fcber eine<br \/>Kreuzung wehn. Und Staub,<br \/>zerst\u00fcckelte Pavane, aus totem <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Neon, Zeitungen und Schienen<br \/>dieser Tag, was krieg ich jetzt,<br \/>einen Tag \u00e4lter, tiefer und tot? <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Wer hat gesagt, da\u00df so was Leben<br \/>ist? Ich gehe in ein<br \/>anderes Blau. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei diesen Gedanken m\u00f6chte ich es im Prinzip belassen, darum abschlie\u00dfend nur noch einige marginale Notizen: Der gr\u00f6\u00dfte Teil dieses Aufsatzes ist an drei aufeinanderfolgenden Tagen im Januar 1999 entstanden (\u00fcberarbeitet und erweitert am 9. bis 11. August 2002, am 3. bis 15. April 2005 sowie vom 27. bis 30. Januar und 10. bis 12. Oktober 2007). An jenen drei Tagen im Jahre 1999 las ich Hans Egon Holthusens Gedichtband <em>Labyrinthische Jahre<\/em> (<em>Piper<\/em>, M\u00fcnchen 1952) sowie Harry Mulischs Essayroman <em>Die Zukunft von gestern<\/em> (<em>Bittermann<\/em>, Berlin 1995). Der Zusammenhang, der sich zwischen den drei Texten in meinem Bewu\u00dftsein ergab, war verbl\u00fcffend: Mulischs kreative Analyse des Nationalsozialismus und seine Kritik an der Nachkriegsrestauration pr\u00e4faschistischer Vorkriegsverh\u00e4ltnisse, die er mit den 68ern teilte, sowie Holthusens apokalyptische, pessimistische Todesgedichte, aus denen ich im Anschlu\u00df neun Verse zitiere, vervollst\u00e4ndigten mein Bild des dichtenden deutschen Menschen Rolf Dieter Brinkmann und seiner Zeit:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wie das ertragen, diesen lautlosen Andrang der Ewigkeit,<br \/>Wie halten wir\u2019s aus, mitten in der Stadt, unter tausend eiligen Leuten,<br \/>Nachmittags gegen halb f\u00fcnf, die Abendzeitung in der Manteltasche,<br \/>Vor uns ein kleines Gesch\u00e4ft, das in der Benommenheit unsrer Gehirne<br \/>Wie eine gr\u00fcne Verkehrsampel brennt unterm Nebel!<br \/>Wer bewahrt uns vor einer raschen Verwandlung der Szene ins T\u00f6dliche:<br \/>Maschinengewehre anstelle von Pre\u00dfluftbohrern und Aufst\u00e4ndische im Telegraphenamt,<br \/>Handgranaten in ein Fenster fallend, und wer nach sechs auf den Posten trifft,<br \/>Wird verflucht und an die Wand gestellt. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 7. April 1997 hielt ich mich nachmittags vor meiner Lesung in einem d\u00fcsteren Hotel in Vechta auf und f\u00fchlte mich f\u00fcrchterlich deprimiert und verlassen. Sicherlich beeinflu\u00dft durch die zahlreichen Aussagen Brinkmanns sah ich Vechta vom ersten Augenblick an negativ, und schlie\u00dflich rettete mich in jenem kalten Hotelzimmer die Lekt\u00fcre des mehr als f\u00fcnfzigseitigen Langgedichts \u201eEiswasser an der Guadelupestra\u00dfe\u201c, das ich damals noch nicht kannte und das Gunter Geduldig mir aus der RDB-Sammlung der Hochschule Vechta bis zum Abend zu treuen H\u00e4nden geliehen hatte. Ich erlebte die Simultantechnik eines st\u00e4ndig das Totale einfangenden Dichters als so aufregendes Leseerlebnis, das sich die aufziehende Depression in Wohlgefallen aufl\u00f6ste.<br \/>Als Einstiegslekt\u00fcre f\u00fcr den vorsichtigen Buchinvestor empfehle ich den Reclam-Band <em>K\u00fcnstliches Licht<\/em>, der eine passable Auswahl aus Brinkmanns Werk bietet. Wer aufs Ganze gehen will, [Wer will das nicht?] der sollte sich neben <em>Standphotos<\/em>, <em>Westw\u00e4rts 1 &amp; 2<\/em>, den<em> Erz\u00e4hlungen<\/em> sowie dem Roman <em>Keiner wei\u00df mehr<\/em> unbedingt die angesprochenen Collageb\u00fccher bzw. Materialienb\u00e4nde besorgen.<br \/>Das bislang vorliegende Werk erscheint bei <em>Rowohlt<\/em>. Ich bin gespannt, wann auch die letzten verstreuten, bislang nur in Zeitschriften bzw. Anthologien erschienenen Gedichte und sonstigen Texte in einem Band zusammengefa\u00dft vorliegen. Ich finde es bedauerlich, da\u00df weder das sch\u00f6ne Gedicht \u201eMeine blauen Wildlederschuhe\u201c noch das fulminante \u201eVanille\u201c beispielsweise in einem der zehn Gedichtb\u00e4nde zu finden ist. Die eintausendf\u00fcnfhundert numerierten Exemplare von <em>Eiswasser an der Guadelupestra\u00dfe<\/em> (1985) sind \u2013 wie vieles andere \u2013 l\u00e4ngst vergriffen.<br \/>Wer weiteres wissen will, dem empfehle ich die aufschlu\u00dfreiche, 1997 von Gunter Geduldig und Claudia Wehebrink herausgegebene Bibliographie <em>Rolf Dieter Brinkmann<\/em>, eine kolossale Fundgrube, die in mehr als eintausendzweihundert bibliographischen Anmerkungen (nahezu) alles von und (das meiste) \u00fcber Rolf Dieter Brinkmann zusammenfa\u00dft. Sch\u00f6n w\u00e4re es, wenn das Buch in einer erweiterten Neuausgabe erscheinen k\u00f6nnte. Viel, viel Neues ist nach 2000 erschienen und nicht nur von mir bibliographisch zusammengetragen worden.<br \/>Am Telefon erfuhr ich kurz nach Neujahr 1999 von Bert Brune, dem sympathischen K\u00f6lner S\u00fcdstadtautor (der seit einigen Jahren auf der anderen Rheinseite lebt), er habe gelesen, da\u00df neben <em>Westw\u00e4rts 1 &amp; 2<\/em> auch Brinkmanns Briefband <em>Briefe an Hartmut<\/em> erschienen sei. W\u00e4hrend der Lekt\u00fcre dieses Buches wird mir wieder und noch einmal bewu\u00dft, \u00fcber welche Schreibpower dieser Mensch verf\u00fcgte. \u00dcber zehn, zwanzig engbeschriebene Schreibmaschinenseiten gehen diese tagebuch\u00e4hnlichen Briefe in kurzen Abst\u00e4nden an den in Austin (Texas) lebenden Hartmut Schnell, der eine Dissertation \u00fcber einen Gedichtband Brinkmanns vorbereitet und vom Autor leidenschaftliche Unterst\u00fctzung erh\u00e4lt. Diese Briefe sind Mammuttexte, in denen wir mitrei\u00dfende geistige Wortachterbahnfahrten erleben.<br \/>In Bert Brunes Roman <em>So weit, da\u00df du die Tr\u00e4ume lebst<\/em> (K\u00f6ln 1989) erlebe ich einen Menschen, der wie Brinkmann viel Zeit mit Herumgehen und Beobachten und anschlie\u00dfendem Notieren verbringt. W\u00e4hrend der Lekt\u00fcre sto\u00dfe ich auf ein Rolf Dieter Brinkmann gewidmetes Kapitel, aus dem ich diesen Abschnitt zitieren m\u00f6chte:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Brinkmann, ein Fanatiker von Fakten, wie er sich selbst nannte und es von sich forderte, beschrieb jeden Bauzaun, den \u00d6lfleck auf dem Asphalt vor seiner Haust\u00fcr \u2013 und eben auch die Lokale, Kneipen, die Diskotheken, die er besuchte, sogar die Bordells in der Kleinen Brinkgasse, und notierte gewissenhaft den Preis f\u00fcr seine Orientzigarettenpackung, und man erfuhr, wieviel der Wein im Wiener Wald am Ring kostete\u2026 Brinkmann war allerdings \u2013 im Gegensatz zu mir \u2013 ein unerm\u00fcdlicher Hasser seiner Stadt, wohl allgemein jeder Gro\u00dfstadt (\u2026) dieser Dichter gab jedem seiner Leser einen Adrenalinsto\u00df, man sah selbst nun unwillk\u00fcrlich genauer hin, nahm seine Umgebung intensiver wahr, f\u00fchlte sich aufgefordert, selbst zu notieren, zu reflektieren, und alles, was um einen herum geschah, zu registrieren und zu beurteilen. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ich also gleich am n\u00e4chsten Morgen in die Bahnhofsbuchhandlung, und ich habe Gl\u00fcck: Das Buch ist da. (Von den zehn <em>Westw\u00e4rts<\/em>-Exemplaren sind nur noch drei da, sieh an.) Ich habe weiterhin Gl\u00fcck, denn es ist eine andere Angestellte an der Kasse, und ich kann es wieder nicht lassen, eine Bemerkung zu Brinkmann zu machen, und ich habe noch einmal Gl\u00fcck, denn Frau Broekmann, mit der ich seit jener kurzen und freundlichen Begegnung immer wieder ein literarisches Schw\u00e4tzchen halte, reagiert interessiert und meint erstaunt: \u201eJa, da\u00df die den Brinkmann wieder ausgraben!\u201c<br \/>Von wegen \u201eausgraben\u201c. Zur\u00fcck im April 2005 denke und behaupte ich: Brinkmann ist nie eingegraben worden. Ja, ja, sterbliche H\u00fclle und so, das mag sein. Und ich wei\u00df, auf dem Familiengrab in Vechta steht:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Rolf Dieter Brinkmann 1940\u20131975 <\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Trotzdem.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">aus: Theo Breuer: <em>Kiesel &amp; Kastanie<\/em>, Edition YE, 2008<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\">\r\n<div id=\"attachment_5367\" style=\"width: 128px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5367\" class=\"wp-image-5367\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Rdb.selfmade.100607.wisc_.jpg\" alt=\"\" width=\"118\" height=\"159\" \/><p id=\"caption-attachment-5367\" class=\"wp-caption-text\">The Notorious RDB<\/p><\/div>\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ein Blick ins KUNO-Archiv: Lesen Sie auf KUNO eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/04\/16\/34716\/\">Betrachtung<\/a> der Jugends\u00fcnden des RDB. <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/06\/25\/aufzeichnungen-eines-abgeschriebenen\/\">Aufzeichnungen eines Abgeschriebenen<\/a> von Jamal Tuschik. Einen Besuch des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/04\/23\/orte-5-rdb-haus-koeln\/\">RDB-Haus<\/a>es, von Enno Stahl. Auch Sophie Reyer hat sich in der Domstadt auf die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/03\/30\/fur-rolf-dieter-brinkmann-2\/\">Spuren von RDB<\/a> begeben. Einen Artikel \u00fcber <em>Das wild gefleckte Panorama eines anderen Traums<\/em><strong>,<\/strong> Rolf Dieter Brinkmanns <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/04\/16\/brinkmann-revisited\/\">sp\u00e4tes Romanprojekt<\/a>, von Roberto Di Bella. Und die Beantwortung der Frage: \u201eWer hat Angst vor RDB? <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/06\/25\/wer-hat-angst-vor-rdb\/\">durch<\/a> Axel Kutsch. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2212\u00a0Panik auf den Rolltreppen im August.\u00a0\u2212 \u00a0 Diese Offenheit, diesen unverstellten Blick, unverstellt von Ideologie, Gedankenmustern, Absichten, Zielen, Pflichten, Moral usw. kann ich mir hier nicht denken, sie ist nicht da, dieses winzige St\u00fcckchen mehr an Freiheit. Statt dessen herrscht&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/04\/23\/mein-rolf-dieter-brinkmann-ist-eine-fiktion\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":99899,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[84],"class_list":["post-63466","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-theo-breuer"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63466","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63466"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63466\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100959,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63466\/revisions\/100959"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99899"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63466"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63466"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63466"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}