{"id":63447,"date":"1997-12-22T00:01:58","date_gmt":"1997-12-21T23:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63447"},"modified":"2021-12-26T08:13:51","modified_gmt":"2021-12-26T07:13:51","slug":"ohne-punkt-komma","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/12\/22\/ohne-punkt-komma\/","title":{"rendered":"Ohne Punkt &#038; Komma"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Theo Breuer der beinahe t\u00e4glich neue Lyrikb\u00e4nde kauft und liest, macht in seinem Buch hungrig auf Gedichte. Er f\u00fcttert den Leser mit Appetith\u00e4ppchen von zahlreichen Autoren, weckt Kreativit\u00e4t, indem er verschiedene M\u00f6glichkeiten des Dichtens zeigt, und schreibt dabei so locker und selbstverst\u00e4ndlich, dass ein Vergleich mit Robert Walser sich unbedingt aufdr\u00e4ngt.<\/span><\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Titus M\u00fcller<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">HEUTE IST DER 22. Dezember 1997. Soeben habe ich eine Reihe der Lyrikb\u00e4nde aus dem Regal genommen, die ich exempla\u00adrisch f\u00fcr die <em>sch\u00f6nen<\/em> Gedichtb\u00fccher, die ich in dieser wieder etwas wil\u00adder gewordenen Zeit gelesen habe, auf den fol\u00adgenden Seiten vorstellen werde. [UNTER <em>SCH\u00d6N<\/em> VESTEHE ICH\u00a0in diesem lyrischen Zusammenhang das Ge\u00addicht, das mich interessiert, fesselt und gleichzeitig am Erhabenen (das oft genug auch verdreckt in der Gosse zu finden ist) teil\u00adnehmen l\u00e4\u00dft. Wir be\u00adfinden uns hier in extrem subjektiven Gew\u00e4ssern, und erst gestern habe ich mich beim Lesen der Gedichte von Karl Krolow ge\u00adfragt, was denn nun <em>f\u00fcr mich <\/em>das Au\u00dfergew\u00f6hnliche, das Besondere, das Charis\u00admatische an diesen Gedichten sei, denn die Empfindung, hier immer wieder dem gegl\u00fcckten Gedicht zu begegnen (oder, wie ein anderer es aus\u00addr\u00fcckt, <em>dem s\u00fcdlichen Wort)<\/em> war ganz stark in mir, und ich befragte mich wiederholt, ob ich mir diese Empfindung nicht etwa einredete, weil der Name <em>Krolow<\/em> mich wo\u00adm\u00f6glich von vornherein mit positiven Vorurteilen belud, und ich las weiter und weiter und fand nicht die W\u00f6rter f\u00fcr eine Antwort auf meine Frage. Aber \u2013 das Gef\u00fchl blieb. Nachdem ich heute einen in meinen Augen schlech\u00adten, (langweiligen, gek\u00fcnstelten, lyrisches Empfin\u00adden heuchelnden) Ge\u00addichtband gelesen habe, wei\u00df ich die Antwort, und ich wei\u00df vor allem, da\u00df ich mich bei Krolow nicht get\u00e4uscht habe.]<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Halt \u2013 nicht nur im soeben n\u00e4her beschriebenen Sinne <em>sch\u00f6ne<\/em> Gedichtb\u00e4nde stelle ich Ihnen vor, nein, es geht mir durchaus auch darum, wenigstens einige wenige neue Editionsideen und in den 90er Jahren gegr\u00fcndete lyrische Reihen vorzustellen \u2013 un\u00adabh\u00e4ngig von meiner subjektiven Einsch\u00e4tzung der Qualit\u00e4t. Da\u00df ich damit das weite Feld dieser Neuheiten nur im entfernte\u00adsten Ansatz andeute, mu\u00df von vornherein deutlich gemacht werden, geradeso wie die Tatsache, da\u00df unter dem Thema <em>Lyrik in den 90er Jahren<\/em> ein dickes Buch mit vielen, vielen Seiten ge\u00adschrieben werden m\u00fc\u00dfte, was ja m\u00f6glicherweise nach der Jahr\u00adtausend\u00adwende geschehen wird, warten wir\u2019s ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kl\u00e4nge von Schuberts <em>1. Sinfonie<\/em> versetzen mich in die\u00adsem Augenblick besonders intensiv in eine meiner liebsten Stimmun\u00adgen, die ich \u2013 bewu\u00dft herk\u00f6mmlich-traditionell \u2013 die <em>poe\u00adtische<\/em> nennen m\u00f6chte. Bereits vor einer hal\u00adben Stunde war ich soweit, ein Zeichenprogramm in meinem Computer zu \u00f6ff\u00adnen, um mit der Maus ein Bild mit dem Wort <em>Poesie<\/em> zu malen. Statt dessen beginne ich nun mit der Niederschrift die\u00adser Auf\u00ads\u00e4tze zur Lyrik der 90er Jahre, die ich mir seit einigen Wo\u00adchen zu schreiben vorge\u00adnom\u00admen und f\u00fcr die ich \u2013 neben der Lekt\u00fcre der Gedicht\u00adb\u00e4nde als <em>nat\u00fcrlichem<\/em> Aus\u00adl\u00f6\u00adser meiner Schreibt\u00e4\u00adtigkeit \u2013 seit einiger Zeit vorbereitende Gedankenarbeit geleistet habe, die nun das Schreiben m\u00f6glich macht. [ICH HABE BEREITS verschiedentlich meine Skepsis an der Aussagekraft bzw. Bedeutung des Begriffs JAHRZEHNT ge\u00e4u\u00dfert. So scheint mir eine An\u00adtholo\u00adgie wie die erste nach dem Kriege in Deutschland publizierte Gedicht\u00adsammlung <em>De Profundis <\/em>(1946 von Gunter Groll herausgegeben), die ausschlie\u00dflich Gedichte enth\u00e4lt, die zwischen 1933 und 1945 von Dichtern der <em>inneren Emigration<\/em> geschrieben wurden, unter Um\u00adst\u00e4nden mehr Sinn zu machen als eine Jahrzehnt-Anthologie: Die Tren\u00adnungslinie bei letz\u00adterer ist nat\u00fcrlich k\u00fcnstlich, die \u00dcberg\u00e4nge sind schlie\u00df\u00adlich flie\u00dfend, aber was hilft es: Verstanden als heuristischer Begriff findet <em>Jahrzehnt<\/em> auch in meinen Ausf\u00fchrungen immer wieder Verwendung. Der Leser mag selber entscheiden, in\u00adwieweit man von Gedichten der 60er, 70er, 80er oder 90er Jahre im Hinblick auf klare Abgrenzungen bez\u00fcglich der Formen, Inhalte und Stile\u00a0 sprechen kann: Ich tue es jedenfalls auch \u2013 bei aller Vorsicht\u2026] Die Stimmung, auf die ich gewartet habe, ist nun da, denn: <em>Ein gutes Ge\u00addicht ist das eindringendste Mittel der Belebung des Gem\u00fcts <\/em>[ICH GEBE GERN ZU, da\u00df es mich stets erfreut, wenn ich, wie hier bei Imma\u00adnuel Kant, Ge\u00addanken bei gro\u00dfen Geistern finde, die ich so oder so \u00e4hnlich ebenfalls denke. Dies zu do\u00adkumentieren ist wohl Sinn der Mehrzahl der Fu\u00dfnoten.]: Wie oft habe ich, beispiels\u00adweise, Paul Celans <em>Todes\u00adfuge <\/em>(z.B. auch in <em>Luftfracht <\/em>abge\u00addruckt) gele\u00adsen, und jedesmal bin ich <em>noch<\/em> mehr elektrisiert von die\u00adsem Ge\u00addicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe mich beim Gestalten der Druckvorlage f\u00fcr den Schrifttyp <em>Lucida Casual<\/em> entschieden, der unter den vielen, vielen Schriften, die mir die Auswahl zur Qual machen, u.a. die bereits angedeutete Stimmung, die quasi die Grundierung meines Textes darstellt, typographisch doku\u00admen\u00adtieren mag. Wenn ich mir schon den Begriff <em>Grundierung<\/em> aus der Welt der bildenden Kunst entleihe, m\u00f6chte ich in diesem Zusammenhang unbedingt auf eine weitere Facette dieses Begriffs im Hinblick auf (sicherlich nicht nur) <em>meine Schreibexistenz an sich <\/em>hinwei\u00adsen:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin von Beginn meiner Schreibt\u00e4tigkeit an der Schrift\u00adsteller\u00adtyp gewesen, der <em>\u00fcber das Lesen<\/em> von Literatur <em>zum Schreiben<\/em> von Literatur gekommen ist. An einem Herbsttag des Jahres 1983 brach sich diese Ent\u00adwicklung endg\u00fcltig Bahn. Diese Bezie\u00adhung besteht bis heute, al\u00adlerdings mit dem Unterschied, da\u00df sie noch viel intensiver ge\u00adworden ist als in den Anf\u00e4ngen: <em>Im Ezra Pound Lesebuch<\/em> habe ich von der (offenbar zwingend notwen\u00addigen) Zitierwut Pounds gelesen, die im Laufe der Zeit immer heftiger geworden ist. Ich nehme an, da\u00df es bei mir die gleiche Disposition ist, die die Werke der Dichter in meine Gedichte mit einflie\u00dfen l\u00e4\u00dft. Ich hoffe, sie alle freuen sich dar\u00fcber; jeden\u00adfalls m\u00f6chte ich betonen, da\u00df mein gesamtes dichterisches Schaffen im Grunde genommen eine ein\u00adzige Hommage an die Dichtkunst oder \u2013 allgemeiner gesagt \u2013 an die Kunst, Musik und Literatur aller Zeiten ist, der bzw. denen ich so viele gl\u00fcckliche Momente meiner Existenz zu verdanken habe. Es versteht sich von selbst, da\u00df dies nicht die alleinige Funktion meiner Gedichte ist. [Es ist nat\u00fcrlich ein feines Gef\u00fchl, beim Lesen zahlreicher Gedichtb\u00e4nde der 90er Jahre immer wieder auf \u00e4hnliche Schreibdispositionen zu sto\u00dfen. Offen oder versteckt montieren die Dichter die Verse gesch\u00e4tzter Dichter in ihre Gedichte hinein, um ihr lyrisches Ich in differenzierter und diffe\u00adrenzierender, in objektivierter und objektivierender Sichtweise lyrische Welt sichtbar machen zu lassen, eine Verfahrensweise, die Benn vorausge\u00adsehen hat und die wohl eine der wenigen echten postpostmodernen Stile\u00adlemente zu sein scheint \u2013 nat\u00fcrlich ohne den Anspruch, dies erfunden zu haben: Mein Gott, nein, wenn ich in Ben Jonsons Gedichten beispielsweise lese, springen mir die Catull, Horaz, Philostratus nur so in die Augen. Aber ich glaube, da\u00df der Lyriker der 90er Jahre \u2013 im Gegensatz zum romanti\u00adschen Dichter \u2013 ein Geschichtsverst\u00e4ndnis pflegt, das dem eines Ben Jonson (1572\u20131637) sehr nahe kommt:<em> History, as Jonson perceives it, is not a changing and evolving process, producing an infinite series of unique moments. <\/em><em>Instead, it is a repetitive and in part predictable affair, whose individual moments may be seen to resemble other moments that have occurred in the past or may occur in the future. To echo the poets of the past is not therefore a servile or insignificant act; it is rather a salute to authority, a telling (and in turn authoritative) location of the present relevance and application of what they, in their age, have observed and written. Oscar Wilde\u2019s comment on Ben Jonson was apt: \u201eHe made the poets of Greece and Rome terribly modern\u201c. <\/em>\u00a0(Ian Donaldson in: <em>Ben Jonson. Selected Poems, <\/em>1995<em>).<\/em> Gleiches tun wir mit den gro\u00dfen Dichtern der vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte, auff\u00e4llig h\u00e4ufig in den 90er Jahren mit H\u00f6lderlin, wor\u00fcber noch eine Rede zu reden sein wird.]<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Anmerkungen und Fu\u00dfnoten zu einigen Dutzend B\u00fcchern, be\u00adwu\u00dft und vor\u00adnehmlich Er\u00adzeugnissen aus kleineren Verlagen, die eher selten in der \u00d6ffentlichkeit besprochen werden, stelle ich meinem l\u00e4ngeren Kerntext <em>Eine lyrische Marginalie oder Ein Echo von allem <\/em>zur Seite, in dem ich mich dem Ph\u00e4nomen der Lyrik der 90er Jahre ein wenig zu n\u00e4hern versuche und gleich\u00adzeitig einen Lyrikband vorstelle, der viel\u00adleicht zu den gelungen\u00adsten lyri\u00adschen B\u00fcchern ge\u00adh\u00f6rt, die ich in die\u00adser Zeit gelesen habe. Das Lesen von Lyrik nimmt seit ein paar Jahren einen an\u00adderen Stellenwert in mei\u00adnem sehr vom Le\u00adsen be\u00adstimmten Leben ein, das allerdings<em> (Don\u2019t worry, Karl Kraus &amp; Rolf Dieter Brinkmann!)<\/em> <strong>auch<\/strong> <strong>au\u00ad\u00dferhalb<\/strong> meiner 4 W\u00e4nde gelebt wird: Wa\u00adren es \u00fcber viele Jahre hin die Romane, so sind es nunmehr Ge\u00addicht\u00adb\u00e4nde ge\u00adworden, die ich am liebsten und am meisten lese und in denen ich u.a. nach den Antworten auf meine Fragen [IN DAGMAR LEUPOLDS Kurzprosa- und Gedichtband <em>Destillate <\/em>\u2013 apart poetisch und pointenreich verfa\u00dft \u2013 auf Seite 42 gefunden: <em>Fragen an den Dichter<strong> \/\/ <\/strong>Ohne Not erfinden? \/ Zur Not erfinden?<strong> \/ <\/strong>Die Not erfinden? \/\/ Notabene. \/ Notamale<\/em>.] forsche, die ich mich stets gef\u00fcrchtet habe, of\u00adfen zu stellen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wurde aber auch h\u00f6chste Zeit, denn wenn ich dar\u00fcber nach\u00addenke, was ich an lyrischen <em>Klassikern<\/em> noch nicht kenne, werde ich ganz unruhig, vor allem vor dem Hintergrund, da\u00df nie zuvor soviel Lyrik ver\u00f6ffentlicht wurde wie heute. Wenn die Zeitschrift <em>Das Gedicht<\/em> von etwa 600 recherchierten deutsch\u00adsprachigen Lyrik\u00adb\u00e4nden im vergangenen Jahr spricht, so kann es sich dabei ja nur um einen relativ kleinen Teil der tats\u00e4chlich erschienenen Lyriktitel handeln: Es gibt im deutschen Sprachraum einige hundert Kleinverlage und Minipressen, die im Schnitt wohl um die 5 bis 15 (in erster Linie lyrische) B\u00fccher j\u00e4hrlich verlegen, ganz zu schweigen von den Publikationen der ,gro\u00dfen\u2018 Verlage, die auch wieder deutlich mehr geworden sind im Bereich der Lyrik: Selbst bei vorsichtiger Sch\u00e4tzung kommen da ein paar tausend heraus \u2013 deren Qualit\u00e4t einmal dahinge\u00adstellt sei. [WIE ICH DEN ,Qualit\u00e4ts-\u2018-Begriff in diesem Zusammenhang hasse. Sind wir denn in einer Fabrik, in der ich der Abteilung Qualit\u00e4tskontrolle zugewiesen bin? Nein, nein, nein, im\u00admer wieder bin ich ratlos nach der Lekt\u00fcre von Gedichten, die nicht das Kriterium der <em>schwierigen Sch\u00f6nheit \u2013 gemeint ist eine spannungsreiche<\/em> <em>Organisation des Gedichts, eine beherrschte Kontrapunktik zwischen se\u00admantischen und \u00e4sthetischen Werten, Neuartigkeit, Multivalenz, Vielfalt der gedanklichen Assoziationen und der von der Sprache getragenen Rhythmus- und Klangstrukturen<\/em> (Bernd Thum) erf\u00fcllen, lege sie beiseite, lese sie wieder. Und wenn nach dem Lesen eines Gedichtbandes auch nur eine Zeile h\u00e4ngenbleibt, ein Bild, gar ein ganzes Gedicht, die Tonart der Texte, so spricht das bereits f\u00fcr den Dichter und seinen Stil, und wenn nichts beim Lesen, auch beim wiederholten, sich r\u00fchrt \u2013 nun, dann k\u00f6nnen wir es wohl nicht miteinander, und ich mu\u00df mich nicht l\u00e4nger mit der Frage befassen, wie schlecht dieses Buch ist, das interessiert mich \u00fcber\u00adhaupt nicht mehr. Jedenfalls kann dieses Nichteintreten von Kommunika\u00adtion zwischen Gedicht und mir ja auch ganz andere Gr\u00fcnde haben als das vermeintlich schlechte Gedicht. Monate oder Jahre sp\u00e4ter kann ich zu ganz anderen Leseempfindungen und -erkenntnissen kommen. Ich wundere mich \u00fcber die <em>Fach\u00adleute, <\/em>die immer noch zu unterscheiden wissen zwi\u00adschen dem, was <em>schlecht<\/em> ist und dem, was <em>gut<\/em> ist, obwohl seit dem Ein\u00adbruch der Moderne die von Thum so gl\u00e4nzend formulierte und offenbar so griffige Qualit\u00e4tsbestim\u00admung als solche ja gar nicht mehr g\u00fcltig sein kann. <em>LETZTEN ENDES ist das Gedicht eine Sache zwischen zwei Personen und nicht zwischen zwei Seiten. <\/em>(Frank O\u2019Hara)]<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht nur \u2013 aber auch Gedichte wie das folgende (von Axel Kutsch) versetzen mich Tag f\u00fcr Tag in eine geradezu w\u00fc\u00adtende Lesestimmung, und die Lyrik beschert mir bisweilen gleichsam rauschhafte Zu\u00adst\u00e4nde, die mir das Bewu\u00dftsein erwei\u00adtern und das Leben verlebendigen \u2013 seien die Gedichte nun \u2013 um es mit Hermann Hesses Worten auszudr\u00fccken, die ich in seinem sehr interessanten Aufsatz <em>\u00dcber Gedichte <\/em>fand \u2013 <em>eine Entla\u00addung, ein Ruf, ein Schrei, ein Seufzer, eine Geb\u00e4rde, eine Reak\u00adtion der erlebenden Seele, mit der sie sich einer Wallung, eines Er\u00adlebnis\u00adses zu erwehren oder ihrer bewu\u00dft zu werden sucht<\/em> [SIEHE CHRISTIAN STRICH (Hg.), <em>Die sch\u00f6nsten Gedichte von Hermann Hesse<\/em>, S. 117. Hesse setzt sich in diesem Aufsatz auch mit den guten Seiten des schlechten Gedichts im Zu\u00adsammenhang der Beurteilung von Lyrik ausein\u00adander.]:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>V<\/em><em>ORSCHLAG<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Schlagt B\u00fccher auf<\/em><br \/><em>wenn G\u00e4ste<\/em><br \/><em>von Computern<\/em><br \/><em>schw\u00e4rmen<\/em><br \/><em>und lest sie hinaus!<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">13 B\u00fccher aus 10 Verlagen stellen KAPITEL\u00dcBERSCHRIFTEN dar, un\u00adter denen immer wieder mehrere Gedichtb\u00e4nde (und andere B\u00fccher) zumindest kurz vorgestellt werden, die ich dem Le\u00adser ans Herz legen m\u00f6chte, damit er sie erwerbe und lese, was wohl nicht nur Thomas Mann als die liebste Besch\u00e4fti\u00adgung des Tages bezeichnet hat: <em>Das Beste vom Tage: nach dem Aus\u00adkleiden, im Schlafrock, bei brennender Ofenlampe, Lekt\u00fcre im Stuhl. <\/em>Ich bin in der gl\u00fccklichen Lage, <em>das Beste vom Tage<\/em> bereits kurz nach dem Aufstehen erleben zu d\u00fcrfen, da ich jeden Morgen \u00fcber eine Stunde in der Bahn ver\u00adbringe und mich so schon ganz fr\u00fch in die Gedichte versen\u00adken kann: Was dem einen der Walkman, ist mir der Gedicht\u00adband.<br \/>Die Kenntnis des Zitats von Thomas Mann verdanke ich im \u00fcb\u00adrigen Mi\u00adchael Koh\u00adtes, der mich an ei\u00adnem Abend mit dem Buch<em> Lite\u00adrarische Abenteurer,<\/em> in dem er <em>13 wilde Exi\u00adstenzen<\/em> vorstellt, derma\u00dfen gefesselt hat, da\u00df ich ihm meine vergleichs\u00adweise 13 zahmen Abenteurer-Texte widmen m\u00f6chte. [WELCH SCH\u00d6NE BESCHERUNG, da\u00df mir wenige Tage, nachdem ich dies schrieb, der Lyrikband <em>Der Alltag des Abenteurers <\/em>von STEFFEN JACOBS in die H\u00e4nde ger\u00e4t. Und welche \u00dcberraschung: Lesevergn\u00fcgen pur mit einem Dichter, Jahrgang 1968, der gerade die Ent\u00adwicklung in der Lyrik der 90er Jahre repr\u00e4sentiert, die ich so liebe: In seinen Gedichten treffen sich Ich &amp; Welt zu rasanten Rendezvous, in denen die Sprache (in freien, mit Binnen\u00adreimen durchsetzten oder liedhaften (jambischen, troch\u00e4ischen) Versen und ge\u00adreimten Kadenzen) derma\u00dfen flott, verspielt, pointiert zwi\u00adschen den sch\u00f6nen und den schmerzvollen Themen des <em>Flickwerks<\/em> Leben schwankt, da\u00df Benn, H\u00f6lderlin, Maiwald, Rilke und ich viel zum Staunen finden: <em>jardin Nouveau \/\/ Kein Elefant im Karussell, \/ kein Knabe tr\u00e4umt sich hoch und schnell. \/\/ Dort, wo sich, hei\u00dft es, Wesen drehten, \/ kreisen jetzt Mobilraketen. \/\/ Drehen durch und rasseln Ketten, \/ drohen, schie\u00dfen, schlie\u00dfen Wetten: \/\/ Lauter laute kleine Landser. \/ Und dann und wann ein wei\u00dfer Panzer.<\/em>]<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlie\u00dflich sei noch der Hinweis erlaubt, da\u00df ich mich durch eine Reihe freundlicher Zuschriften zu meinem in der literarischen Jahresschrift <em>Muschelhaufen<\/em> erschienenen Essay <em>Mein alter\u00adnatives Lyrik-ABC <\/em>(den ich als Komplement\u00e4r-Lekt\u00fcre zu <em>Ohne Punkt &amp; Komma<\/em> vor allem deshalb empfehle, weil ich die poe\u00adtologischen Kommentare und besprochenen Einzeltitel hier na\u00adt\u00fcrlich nicht wiederhole) zus\u00e4tzlich ermutigt f\u00fchle, in dieser mir lieb\u00adgewonnenen Art der Besch\u00e4ftigung mit literarisch-k\u00fcnst\u00adleri\u00adschen Dingen, die mir Tag f\u00fcr Tag begegnen, auseinanderzu\u00adset\u00adzen. Stellvertretend zitiere ich Axel Kutsch aus seinem Brief vom 28.11.97: <em>Ich habe Dein Lyrik-ABC als eine interessante Er\u00adg\u00e4nzung zu \u201eDas Gedicht\u201c gelesen. Das solltest Du fortf\u00fch\u00adren! <\/em>\u00a0Was ich hiermit denn tue \u2013 <em>ohne<\/em> Angst vor dem, was z.B. auch Peter Waterhouse oder Hugo von Hofmannstal (<em>Die Worte zerfallen mir wie modrige Pilze im Mund) <\/em>als das Problem des Lyrikers schlechthin beschrieben hat \u2013 <em>keine W\u00f6rter<\/em> <em>zu haben<\/em>.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<h5>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\r\n<p>Ein Essay \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/26\/lauschender-leser-und-redender-schreiber-2\/\">Lyrikvermittler<\/a> Theo Breuer.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\" data-wp-editing=\"1\">\r\n<div id=\"attachment_95609\" style=\"width: 215px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-95609\" class=\"wp-image-95609 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1999\/12\/Ohne-Punkt_Cover-205x300.jpg\" alt=\"\" width=\"205\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1999\/12\/Ohne-Punkt_Cover-205x300.jpg 205w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1999\/12\/Ohne-Punkt_Cover-160x234.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1999\/12\/Ohne-Punkt_Cover.jpg 341w\" sizes=\"auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px\" \/><p id=\"caption-attachment-95609\" class=\"wp-caption-text\">Ein unerm\u00fcdlicher Lyrikvermittler<\/p><\/div>\r\n<p><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeug der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>. Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte <span data-offset-key=\"d96ve-1-0\">Wolfgang Schlott<\/span><span data-offset-key=\"d96ve-2-0\"> dieses\u00a0 post-dadaistische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/03\/handwerkliche-anleitungen-zur-ueberwindung-von-schreibblockaden\/\">Manifest<\/a>. Warum<\/span> Lyrik wieder in die Zeitungen geh\u00f6rt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/07\/der-dichtung-eine-bresche-schlagen\/\">begr\u00fcndete<\/a> Walther Stonet, diese Forderung hat nichts an Aktualit\u00e4t verloren. Lesen Sie auch Maximilian Zanders <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5418\">Essay <\/a>\u00fcber Lyrik und ein R\u00fcckblick auf den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/08\/lyrik-katalog-bundesrepublik\/\"><em>Lyrik-Katalog Bundesrepublik <\/em><\/a>eine Anthologie zeitgen\u00f6ssischer deutschsprachiger Dichtung. KUNO sch\u00e4tzt den minuti\u00f6sen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27947\">Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne \u2026 und Schwerkraft. Gedanken \u00fcber das lyrische Schreiben<\/a>. Lesen Sie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber die interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit von Angelika Janz, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin.<\/em> Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/08\/von-sappho-zu-sophie\/\">hier<\/a>, ein Essay fasst das transmediale Projekt<em> &#8222;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/14\/bi-textualitaet\/\">Wortspielhalle<\/a>&#8220; <\/em>zusammen<em>. <\/em>Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von Holger Benkel \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/12\/mit-deutschen-untertiteln\/\">Ralph Pordzik<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/20\/wohnraeume-der-poesie\/\">Friederike Mayr\u00f6cker<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/19\/welten-gegenwelten\/\">Werner Weimar-Mazur<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/26\/wohnraeume-der-poesie-2\/\">Peter Engstler<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/17\/der-grill-auf-der-hauswiese-der-welt\/\">Linda Vilhj\u00e1lmsd\u00f3ttir<\/a>, und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/09\/17\/rettungsversuche-der-literatur-im-digitalen-raum\/\">A.J. Weigoni<\/a>. Lesenswert auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/16\/verseschmied-und-lyrikfischer\/\">Gratulation<\/a> von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 75. Geburtstag. Nicht zu vergessen eine Empfehlung der kristallklaren Lyrik von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/19\/die-lyrikerin-ines-hagemeyer\/\">Ines Hagemeyer<\/a>.<\/p>\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Theo Breuer der beinahe t\u00e4glich neue Lyrikb\u00e4nde kauft und liest, macht in seinem Buch hungrig auf Gedichte. Er f\u00fcttert den Leser mit Appetith\u00e4ppchen von zahlreichen Autoren, weckt Kreativit\u00e4t, indem er verschiedene M\u00f6glichkeiten des Dichtens zeigt, und schreibt dabei so locker&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/12\/22\/ohne-punkt-komma\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":95609,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[84],"class_list":["post-63447","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-theo-breuer"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63447","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63447"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63447\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63447"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63447"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63447"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}