{"id":6334,"date":"2012-07-26T01:12:15","date_gmt":"2012-07-25T23:12:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6334"},"modified":"2013-09-25T11:02:09","modified_gmt":"2013-09-25T09:02:09","slug":"die-nacht-des-alfred-alvarez","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/26\/die-nacht-des-alfred-alvarez\/","title":{"rendered":"Die \u00bbNacht\u00ab des Alfred Alvarez"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ein Freund von mir sammelt Schreberg\u00e4rten.<\/p>\n<div id=\"attachment_6394\" style=\"width: 211px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/schreber.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6394\" class=\"size-medium wp-image-6394\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/schreber-201x300.jpg\" alt=\"heruntergekommener Schrebergarten\" width=\"201\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/schreber-201x300.jpg 201w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/schreber.jpg 331w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6394\" class=\"wp-caption-text\">C. Kappe: Schrebergarten Sahlkamp<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst war dieser Tick nicht weiter aufgefallen, denn als Michael mit seiner Familie in unseren Stadtteil zog, \u00fcbernahmen sie den Schrebergarten von den Vormietern. Der befand sich praktischerweise ganz in der N\u00e4he ihres neuen Hauses, und diente der Familie zum Anbau von Obst und Gem\u00fcse und zum Ausgleich f\u00fcr einen engen, zubetonierten Hinterhof. Den zweiten Schrebergarten erbte Michael kurz darauf von seinen Eltern. Er lag am anderen Ende der Stadt und war f\u00fcr ihn voller Kindheitserinnerungen, die er nicht verlieren wollte. Dass der dritte Schrebergarten frei stand, erfuhr er \u00fcber Bekannte, die ihren eigenen Garten nebenan hatten. Die Pacht des Grundst\u00fccks war gering und Michael bekam alles darauf stehende geschenkt. Als wir ihn dort das erste Mal besuchten, wurde uns schnell klar, warum: Das Haus hatte nicht nur jahrelang leergestanden, es war schlagartig mit allem, was au\u00dferhalb und innerhalb von ihm herumlag verlassen worden, so als w\u00e4ren die Besitzer nicht eines nat\u00fcrlichen Todes gestorben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war ein lauer Sp\u00e4tsommernachmittag und unsere Kinder verschwanden sofort mit Michaels Kindern im Dickicht der wildwuchernden Pflanzenwelt. (Michaels Frau wollte sp\u00e4ter nachkommen, sie schrieb an ihrer Dissertation. In Wahrheit aber nervte sie Michaels Tick ein bisschen.) Michael f\u00fchrte uns stolz \u00fcber das Gel\u00e4nde und gestand uns, dass er noch l\u00e4ngst nicht alles entdeckt hatte, was hier schlummerte. Er hatte in einer Ecke bereits angefangen, sich landschaftg\u00e4rtnerisch zu bet\u00e4tigen und auch f\u00fcr das verfallene Haus hatte er weitreichende Pl\u00e4ne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gab allerdings weder Wasser noch Strom, was sein Vorhaben in den Bereich des Abenteuers r\u00fcckte. Seine Augen leuchteten und mir fiel es wie Schuppen von den Augen, warum er in all diese G\u00e4rten vernarrt war: Michael, von Beruf Architekt, verk\u00fcmmerte in irgendeinem Amt f\u00fcr Geb\u00e4udesicherheit &#8211; die Schreberg\u00e4rten waren das Terrain, auf dem er sich ungez\u00fcgelt ausleben konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir verga\u00dfen ganz die Zeit und es begann zu d\u00e4mmern. Die Kinder kamen mit rostigen S\u00e4gen, \u00c4xten und Messern an, die sie in einem von Spinnen durchwebten Schuppen gefunden hatten und die wir erstmal sicher stellten, ferner mit einem wie neu gl\u00e4nzendem Geschirr und verstaubten Kerzen. Michael hatte das letzte Mal einen alten Steingrill hinterm Haus entdeckt und packte nun Kartoffeln, Oliven\u00f6l, Kohle und Z\u00fcndh\u00f6lzer aus, um Pommes herzustellen. Eigentlich hatten wir nicht geplant, zum Abendessen zu bleiben, aber ein Abend am Lagerfeuer\u00a0\u2014 das konnten wir den Kinder doch nicht vorenthalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Nachttitel.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-6387\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Nachttitel-198x300.jpg\" alt=\"Titel &quot;Nacht&quot; von Alfred Alvarez\" width=\"198\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Nachttitel-198x300.jpg 198w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Nachttitel.jpg 477w\" sizes=\"auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px\" \/><\/a>\u00bbWisst ihr, wie dunkel die Nacht gewesen ist, bevor es Kerzen oder \u00d6llampen gab?\u00ab, begann ich zu erz\u00e4hlen, w\u00e4hrend die M\u00e4nner Feuer machten und Kartoffeln sch\u00e4lten. \u00bbUnd womit die Menschen sich Licht gemacht haben?\u00ab\u00a0\u2014 \u00bbSie z\u00fcndeten getrocknete, \u00f6lige Fische oder V\u00f6gel an, die sie auf Pf\u00e4hle steckten.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im flackernden Licht des kleinen Feuers, sah ich den Unglauben auf den Gesichtern meiner Zuh\u00f6rer, aber auch, dass sie sich vorzustellen suchten, wie das wohl ausgesehen und gerochen haben mochte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Wissen \u00fcber die erste Stra\u00dfenbeleuchtung, \u00fcber Sperrstunden und Talgkerzenzieher bezog ich aus der Lekt\u00fcre der faszinierenden Buches \u00bbNacht\u00ab von Alfred Alvarez, die ich erst vor wenigen Tagen abgeschlossen hatte\u00a0\u2014 mit Wehmut, wie das immer so ist, wenn ein Buch nicht nur interessant ist, sondern auch durch eine tiefere Sch\u00f6nheit und Wahrheit ber\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alvarez, 1929 in London geboren, ist Essayist, Lyriker und Literaturkritiker. <em>Nacht<\/em> hat er mit all diesen drei Begabungen geschrieben. Es ist eine \u00fcber 300 Seiten umfassende Reise, die mit der F\u00e4higkeiten des Menschen, die Nacht zu illuminieren, beginnt, und \u00fcber die Kellergew\u00f6lbe aus Alvarezs Kindheit, die \u00c4ngste seiner Mutter, die Austauschbarkeit von Nachtw\u00e4chtern und Dieben, Bomberangriffe auf London, den Zusammenhang von Sexualit\u00e4t und Geschichtenerz\u00e4hlen, die Sucht zu Essen, Edisons Abneigung gegen den Schlaf, die Erfindung der N\u00e4hmaschine, die Bedeutung von Nacht und Traum in den verschiedenen Kunst-Epochen, die hohen W\u00e4nde eines Schlaflabors und eine Polizeistreife in NY &#8211; in die Stille einer italienische Nacht m\u00fcndet.<\/p>\n<div id=\"attachment_6388\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/dreyer.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6388\" class=\"size-thumbnail wp-image-6388\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/dreyer-150x150.jpg\" alt=\"Dreyerstra\u00dfe bei Nacht\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6388\" class=\"wp-caption-text\">C. Kappe: Dreyerstra\u00dfe um 4:30<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem gut recherchierten und scharfsinnig kombinierten Text gibt es so vieles zu entdecken und nachzudenken. Die Nacht wird dadurch nicht heller sondern gr\u00f6\u00dfer, und in einer Zeit, in der es kaum noch dunkel ist, tut das ungemein gut. Am Ende der Lekt\u00fcre erscheint eher der Tag unheimlich, der mit einem unmenschlichen Aufwand an Energie, das Dunkel zu kontrollieren versucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb<em>Aber es gibt noch gro\u00dfe Fl\u00e4chen von Dunkelheit da drau\u00dfen, Nacht, so wie sie in dieser Gegend immer war, und die schw\u00e4rzeste Masse ist der dem Haus gegen\u00fcberliegende Bergr\u00fccken. (&#8230;) Bei Tag ist der Berg still und dr\u00e4uend; bei Nacht ist er ein massives St\u00fcck Dunkelheit, eine Nacht innerhalb der Nacht, im unmittelbaren, realen Sinn. Er l\u00e4sst alle Illuminationsversuche sowohl aufdringlich als auch erb\u00e4rmlich erscheinen; also lassen die Hausbewohner aus Achtung vor ihm und der Nacht und den M\u00fccken die Au\u00dfenbeleuchtung des Hauses ausgeschaltet, wenn sie das Abendessen drau\u00dfen einnehmen, und essen bei Kerzenlicht.\u00ab<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Freund von mir sammelt Schreberg\u00e4rten. Erst war dieser Tick nicht weiter aufgefallen, denn als Michael mit seiner Familie in unseren Stadtteil zog, \u00fcbernahmen sie den Schrebergarten von den Vormietern. 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