{"id":63325,"date":"2017-09-15T00:01:00","date_gmt":"2017-09-14T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63325"},"modified":"2022-04-02T05:51:09","modified_gmt":"2022-04-02T03:51:09","slug":"eingangsueberlegungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/09\/15\/eingangsueberlegungen\/","title":{"rendered":"Eingangs\u00fcberlegungen"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Auftakt zu dem von den sieben Tods\u00fcnden verdunkelten N\u00e4chten des Ich-Erz\u00e4hlers ist pop-artig und endzeitlich-existentialistisch zugleich: Und die Ideengeber? Die ber\u00fchmte Poprock-Gruppe The Kinks, die in den sp\u00e4ten 1960er Jahren die Herzen der Teenies mit dem Song \u00fcber den Bachelor-Dandy entflammte, und Gottfried Benns Sinnsuche-Gedicht \u00fcber die Leere und das fernbestimmte Ich. Und was verbindet die Ideen der beiden Leitmotivgeber? Die Angst davor, erwachsen geworden zu sein, ohne Initiationsritual, \u201eohne Reifepr\u00fcfung einfach durchgerutscht (zu sein) bis zur Drei\u00dfig.\u201c So leitet der Ich-Erz\u00e4hler seine Bekenntnisprosa ein. Sie gleicht einem Aufschrei, in dem ein junger Intellektueller seinen Frust \u00fcber seine verfluchte Angepasstheit an die Normen einer durchritualisierten Gesellschaft \u00fcber Seiten hinweg dem Leser vorjammert. So lange, bis er sich gesteht: \u201eIch will wieder den Wunsch nach Wirklichkeit sp\u00fcren, nicht nur den nach Verwirklichung. Ich will Mut zum Zusammenhang, zur ganzen Erz\u00e4hlung.\u201c Und wie will er es anpacken, um die \u201eNeubauten ohne Einsturzgefahr\u201c zu errichten? Mit Ideen \u201eohne feste Ordnung, Utopien ohne berechenbaren Sinn, nach Ecken und Kanten, an denen ihr euch sto\u00dfen k\u00f6nnt?\u201c Doch die Suche nach denjenigen, die noch \u201eLust am Planen und Tr\u00e4umen\u201c haben, erweist sich als sinnlos, denn der Sinn suchende Ich-Erz\u00e4hler ist einsam, verliebt in seine Einsamkeit, die er im dritten Stock eines Altbaus so lange zelebriert, bis die Angst ihm den Mut verleiht, aufzuschreien.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und der verzweifelte Hilferuf: \u201eIch will kein Niemand sein\u201c wird erh\u00f6rt. Ein Unbekannter \u2013 die Verf\u00fchrung in der Gestalt eines Beelzebubs \u2013 verspricht ihm etwas Verlockendes und Aufregendes zugleich. Ein Angebot, das er annehmen wird: in sieben N\u00e4chten, auf Streifz\u00fcgen durch die Stadt alles auszuprobieren, was lustvoll und woll\u00fcstig ist, was von Habgier, Neid, Faulheit, Hochmut und J\u00e4hzorn zeugt. Es sind Orte, die nicht unterschiedlicher sein k\u00f6nnen: Hochhaus, Fleischrestaurant, Wohnung, Trabrennbahn, Universit\u00e4tsbibliothek, Maskenball und Autofahrt. Sie sind im Glossar sorgf\u00e4ltig mit Zeitangaben und lateinischen Begriffen f\u00fcr die jeweilige Tods\u00fcnde verzeichnet (schlie\u00dflich ist der Autor ein promovierter Altertumswissenschaftler!). Es geht los mit Superbia, der hochm\u00fctigen Verachtung der Bettler, Alkoholiker, Schwarzfahrer, der radelnden Jungv\u00e4ter und all der politisch korrekten Feiglinge, die Angst vor allem haben, die den Sprung ins Ungewisse nicht wagen, im Gegensatz zu dem Ich-Erz\u00e4hler, der den Fall vom Hochhaus angeblich sicher und heil \u00fcberstanden hat, der damit ein offiziell anerkannter Schwerkraftbesieger geworden ist. Einer, der dem Tod in die wei\u00dfen Pupillen gesehen hat, einer, der sich sofort aufmacht, um die Macht zu \u00fcbernehmen, einer, der diktatorisch die Wohnh\u00e4user besetzen wird, so dass alle Bewohner einander fremd sein werden (verhindert die landes\u00fcbliche Doppelmoral!). Mehr noch: Tiere sollen als Ordnungsh\u00fcter eingesetzt, neue Akademien gegr\u00fcndet werden, in denen Gef\u00fchle, nicht Theorien der Gegenstand der Forschungen sind. Allein, die Erf\u00fcllung der Tr\u00e4ume scheitert daran, dass er alles geben will, aber dennoch nur angeseilt vom Hochhaus gesprungen und damit die Machtprobe gescheitert ist. Auch die V\u00f6llerei im Fleischrestaurant endet nur mit einem sanften Bekenntnis, weil er Fleisch isst, um sich selbst \u201eund seiner Zeit zu widersprechen\u201c und seinen Fleischgenuss mit einem religi\u00f6sen Motiv begr\u00fcndet.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die Faulheit? Sie steht im offensichtlichen Widerspruch zu seinem Wunsch, dass irgendjemand ihm zuschaut, wenn er in seiner Wohnung irgendwelchen Gedanken nachh\u00e4ngt. Und die Habgier, die er als Zuschauer und Lotto-Spieler auf der Pferderennbahn empfindet? Kommt die etwa ins Spiel, wenn er bescheidene Eins\u00e4tze auf irgendwelche Rennpferde setzt, die ohnehin nicht gewinnen?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Viel deutlicher sind da seine Eingangs\u00fcberlegungen, wenn er \u00fcber die Tods\u00fcnde Neid (invidia) nachdenkt und mit einer ziemlich \u00fcberraschenden Feststellung beginnt: \u201eWahrscheinlich sind wir zu wenig vom Teufel besessen.\u201c Ach ja. Und wie lautet der Ausweg? Uns fehlt einfach die Mantra der Jugend: die Wut. Und warum hat uns die Wut, die Revolte auf die so gearteten Verh\u00e4ltnisse verlassen? Die Ursachen daf\u00fcr erweisen sich als diffus. Fr\u00fcher, ja da waren die Bibliotheken noch Horte des Nachdenkens, heute da sind sie nur noch Servicestationen, in denen die B\u00fccher nur noch Platzhalter sind. Fr\u00fcher, so stellt sich der Ich-Erz\u00e4hler die j\u00fcngste Vergangenheit vor, da sei so viel kaputt gewesen, was wieder aufgebaut werden musste. Au\u00dferdem habe es damals noch Zorneslust beim Lesen der Zeitung gegeben, da habe es noch Gegner gegeben, echte Feinde, da habe die Revolte unserer Vorm\u00fctter und \u2013v\u00e4ter \u201eauf den hohen Abs\u00e4tzen der Theorie\u201c stattgefunden. Und heute? Da \u201efehlt das Feuer. Der Mut. Wir ewigen Zweiten.\u201c Und die Wollust? Wird diese S\u00fcnde, die \u201ezwischen Sch\u00f6nheit und Verzweiflung\u201c ihre zahmen Orgien feiert, dem Erz\u00e4hler endlich Erl\u00f6sung von seinen sinnlichen Qualen bringen? Wieder schl\u00fcpft er in die Rolle des Beobachters, zitiert Schiller und Beckett, vergleicht die l\u00fcsternen maskierten Partym\u00e4dchen mit einer ber\u00fchmten Bronzestatue von Rodin, und wenn ihn nicht ein M\u00e4dchen aus dem Hinterzimmer verf\u00fchrt h\u00e4tte, dann w\u00e4re auch diese Nacht ohne Tods\u00fcnde vergangen. Und der immer wieder eingeforderte J\u00e4hzorn? Die Diagnose f\u00e4llt, wie zu erwarten, negativ aus: \u201eDer Zornige ist ein Kranker geworden. Ein Radikaler, der den wohligen Gem\u00fctszustand der Menge gef\u00e4hrdet.\u201c Da hilft nur der Blick zur\u00fcck in die Antike. In Athen und Rom, da sei der Zorn eines jungen Redners \u201edie Feuerprobe auf seinen Charakter\u201c gewesen. Nur der Feuerkopf sei damals kein eitler Blender gewesen, im Gegensatz zu heute, wo \u201edas Ideal des Widerstands \u2026 zur fadenscheinigen Geste (verkommen ist)\u201c. Ein spontanes Urteil, das sicherlich f\u00fcr die (noch) unentschlossene junge Mittelschichtsgeneration zutrifft, sp\u00e4testens jedoch beim sch\u00e4rferen Blick auf die Aktionsfelder der allm\u00e4hlich wachsenden links- und rechtsorientierten Jugend fragw\u00fcrdig ist. Und der entt\u00e4uschte sp\u00e4tjugendliche Protagonist? Er schreibt kurz vor dem Eintritt in das Erwachsenenalter seine Botschaft in den Sand, aber nur \u201eaus Hoffnung, dass da noch was kommt.\u201c Und? Was wird kommen? \u00dcberraschung! Der Autor liefert noch einen Abgesang vor dem Ende seiner in der Haltung so unentschlossenen \u201eS\u00fcnden-Bekenntnisse\u201c. Es ist ein Brief an sich selbst mit der Botschaft: Reifepr\u00fcfung bestanden und nun geht\u2019s ab in das echte Leben. Also in das Leben des angepassten B\u00fcrgers? Der Autor, Jahrgang 1988, hat mit seiner Deb\u00fctprosa einen lobenswerten Appell an ein akademisches Prekariat geschrieben, das aus der Zukunftsvision einer gerechteren Gesellschaft zur\u00fcckgekehrt sich bestenfalls noch f\u00fcr elementare b\u00fcrgerliche Rechte einsetzen wird. Ein Aufschrei der entt\u00e4uschten jungen Generation ist daraus leider nicht geworden. Wie schade!<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sieben N\u00e4chte<\/strong>, von Simon Strauss. Berlin (Aufbau Verlag\/ Blumenbar) 2017<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Simon-Strauss.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89429 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Simon-Strauss-179x300.jpg\" alt=\"\" width=\"179\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Simon-Strauss-179x300.jpg 179w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Simon-Strauss-160x268.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Simon-Strauss.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 179px) 100vw, 179px\" \/><\/a>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Auftakt zu dem von den sieben Tods\u00fcnden verdunkelten N\u00e4chten des Ich-Erz\u00e4hlers ist pop-artig und endzeitlich-existentialistisch zugleich: Und die Ideengeber? 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