{"id":63322,"date":"2017-11-11T00:01:00","date_gmt":"2017-11-10T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63322"},"modified":"2022-04-02T05:49:56","modified_gmt":"2022-04-02T03:49:56","slug":"toedliche-dreiecksgeschichten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/11\/toedliche-dreiecksgeschichten\/","title":{"rendered":"T\u00f6dliche Dreiecksgeschichten"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201e<em>Liebe ist, wenn sein oder ihr Atem deine Wirbels\u00e4ule mit T\u00f6nen f\u00fcllt \u2026 wenn der sanfte Atemzug unsichtbar hindurchstreicht \u2026 unbeschreibliche Liebe \u2026 Applaus!\u201c<\/em> (S. 8)<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Gibt es ein dankbareres Sujet als die Liebes- und Leidensgeschichte der norwegischen Pianistin und Dichterin Dagny Juel-Przybyszewska wie auch deren Ermordung am 4. Juni 1901 in einem Hotel der georgischen Hauptstadt Tiflis? Zurab Karumidze (Jg. 1957), ein mit Literaturpreisen gekr\u00f6nter georgischer Schriftsteller, 1994\/95 Stipendiat der US-amerikanischen Fulbright-Stiftung, stellte sich dieser Herausforderung. \u201eDagny or a Love Feast\u201c, so der englische Titel, erschien 2006 auf Englisch. Es ist eine Mischung aus biographischen Versatzst\u00fccken, Vermutungen \u00fcber die unz\u00e4hmbaren Kr\u00e4fte der Liebe, Fakten und Spekulationen \u00fcber die mythopoetischen, erotischen und sexuellen Beziehungen der zahlreichen Bewunderer und Liebhaber zu der klugen, bezaubernden und zugleich liebest\u00f6richten Dagny, vielschichtigen Anspielungen auf die georgische Schamanenkultur in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts, Abschweifungen in die revolution\u00e4re Szene der georgischen Hauptstadt. Kurzum, es ist ein postmodernes Erz\u00e4hlkonstrukt, vorgetragen von einem Ich-Erz\u00e4hler, der st\u00e4ndig zwischen biografischen Fakten, Spekulationen und k\u00fchnen Vermutungen pendelt. Ein verlockendes Angebot also f\u00fcr Leser, die sich hinrei\u00dfen lassen von wilden Behauptungen, wagehalsigen philosophischen Thesen, biografischen Fakten und den k\u00fchl abw\u00e4genden Kommentaren des Erz\u00e4hlers. Diese Vermischung von Werturteilen, ironisch-gebrochenen Erkl\u00e4rungen und distanzierenden Beobachtungen schafft \u201eauf den ersten Blick\u201c einen Leseanreiz, der zwischen der gen\u00fcsslichen Betrachtung der Ereignisse und deren psychologischer Bewertung schwankt. Eine grunds\u00e4tzliche Behauptung des Erz\u00e4hlers besteht darin, dass seine tragische Heldin Dagny, die auch Theaterst\u00fccke schrieb, im Leben wie auch in ihren dramatischen Werken von \u201et\u00f6dlichen Dreiecksgeschichten\u201c beim Zusammentreffen schicksalsbestimmter Liebender, \u00fcberzeugt war. Diese These untermauert Karumadze mit der biografisch verb\u00fcrgten Beziehungsgeschichte Dagny Juel \u2013 Stanislaw Przybyszewski \u2013 Maria Foerder. Dagny lebte in der Berliner Bohemien-Szene in den 1890er Jahren mit dem polnischen Schriftsteller Przybyszewski zusammen, gleichzeitig schw\u00e4ngerte ihr umtriebiger Geliebter seine langj\u00e4hrige Freundin Maria Foerder. Diese nahm sich als Mutter von drei Kindern das Leben, als sie erfuhr, dass der Vater ihrer Kinder seine Gespielin Dagny geheiratet hat. Die zweite Dreiecksgeschichte kulminiert in der heimt\u00fcckischen T\u00f6tung Dagnys durch den von ihrem Ehemann beauftragten Wlad Emeryk in Tiflis. Es ist eine tragische Liebesgeschichte, in der ein verlogener, intriganter, heuchlerischer und skrupelloser Ehemann, einer der bekanntesten Vertreter der polnischen literarischen Bewegung <em>Mloda Polska<\/em>, wegen einer Liebschaft zu einer gewissen Jadwiga, seine Ehefrau an seine Freund Wlad Emeryk verkaufte, damit ermorden lie\u00df.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer die Hintergr\u00fcnde dieser Tat genauer in Erfahrung bringen m\u00f6chte, dem ist die sorgf\u00e4ltig recherchierte Publikation \u201eEine Klage f\u00fcr Dagny Juel-Przybyszewska\u201c des renommierten polnischen Schriftstellers Tadeusz (Thaddeus) Wittlin (dt. Paderborn, Igel Verlag 1995) zu empfehlen. Seine Biographie, die aus dem Amerikanischen \u00fcbersetzt wurde, rekonstruiert auf der Grundlage von rund 1100 Anmerkungen und Hunderten von Quellen den Lebensweg der aus dem norwegischen Rolighed stammenden Dagny Juel. Es ist eine turbulente Karriere, die im Berlin der 1890er Jahre im Umfeld von August Strindberg, Jakob Dehmel, Edward Munch und vielen anderen Verehrern ihre tragische Vorstufe zum schrecklichen Finale in Tiflis erlebt. Karumidze konzentriert sich in seinem zwischen biographisch verb\u00fcrgten und wild spekulierenden plot eher auf das kaukasische Umfeld, in das Dagny mit ihrem Sohn Zenon und ihrem Begleiter Emeryk kurz vor ihrer Ermordung ger\u00e4t. In diesem phantasmagorischen Umfeld tauchen der Revolution\u00e4r Koba, der sp\u00e4tere Stalin auf, sein Genosse Kamo, der \u201ebourgeoise\u201c georgische Dichter Pschawela, ein mystischer Riesen-Leoparden, Jason, Lazarus ein gewisser Sorab Addin, der die Mordgel\u00fcste des Emeryk durchschaut\u2026 es k\u00f6nnten noch viel mehr auftreten, denn die georgische \u201eschamanische\u201c Phantasiewelt des Autors scheint grenzenlos zu sein. Wer an der wuchernden Exotik Gefallen findet, der wird sich ihr lustvoll hingeben. Wer jedoch den Ursachen f\u00fcr den Mord an Dagny nachgehen will, der sollte sich den \u00e4sthetischen Entwurf \u00fcber die Trennung von Kunst und Moral in Przybyszewskis Schrift \u201eConfiteor\u201c zu Gem\u00fcte f\u00fchren. Um der Kunst willen, kann alles geopfert werden, alles weggeworfen werden, was den K\u00fcnstler an der Vollendung seines \u00e4sthetischen Programms hindert. Und Stach, so sein Kosename, Przybyszewski, ein \u201eSatans Kind\u201c, handelte danach. Viel Spa\u00df also an den phantasmagorischen Entw\u00fcrfen von Zurab Karumadze \u00fcber die \u201eunbeschreibliche\u201c Liebe! Und ein Kompliment an den \u00dcbersetzer Stefan Weidle, der unerm\u00fcdlich mit Hilfe von Bekannten, Freunden und dem Autor die vielen norwegischen, englischen, russischen und deutschen Quelltexte \u00fcberpr\u00fcft hat.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Dagny-oder-Ein-fest-der-Liebe-1-381x381-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89435 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Dagny-oder-Ein-fest-der-Liebe-1-381x381-1-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Dagny-oder-Ein-fest-der-Liebe-1-381x381-1-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Dagny-oder-Ein-fest-der-Liebe-1-381x381-1-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Dagny-oder-Ein-fest-der-Liebe-1-381x381-1-260x260.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Dagny-oder-Ein-fest-der-Liebe-1-381x381-1-160x160.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Dagny-oder-Ein-fest-der-Liebe-1-381x381-1.jpg 381w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Dagny oder ein Fest der Liebe<\/strong>. Roman von Zurab Karumadze. Aus dem Englischen von Stefan Weidle. Bonn (Weidle Verlag) 2017<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eLiebe ist, wenn sein oder ihr Atem deine Wirbels\u00e4ule mit T\u00f6nen f\u00fcllt \u2026 wenn der sanfte Atemzug unsichtbar hindurchstreicht \u2026 unbeschreibliche Liebe \u2026 Applaus!\u201c (S. 8) Gibt es ein dankbareres Sujet als die Liebes- und Leidensgeschichte der norwegischen Pianistin und&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/11\/toedliche-dreiecksgeschichten\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1158,2512],"class_list":["post-63322","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-wolfgang-schlott","tag-zurab-karumadze"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63322","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63322"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63322\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102494,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63322\/revisions\/102494"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63322"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63322"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63322"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}