{"id":63312,"date":"2021-11-10T00:11:00","date_gmt":"2021-11-09T23:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63312"},"modified":"2022-02-28T12:06:34","modified_gmt":"2022-02-28T11:06:34","slug":"die-berauschte-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/11\/10\/die-berauschte-gesellschaft\/","title":{"rendered":"Die berauschte  Gesellschaft"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der erste Blick auf das Inhaltsverzeichnis signalisiert den grundlegenden Aufkl\u00e4rungsanspruch der Studie. Stichworte wie riskanter Genu\u00df, teuflische Wirkung von Bier und Wein, Alkohol als Ersatz f\u00fcr gesunde Lebensmittel, wider den totalen Rausch, Alkohol als Wirtschaftsfaktor, Laster der Trunkenheit wie auch die Frage nach der Heilbarkeit des Alkoholismus verweisen auf die Zielrichtung der Publikation. Bereits ein Alkoholverbrauch von 100 Gramm pro Woche, also ein Achtel Liter pro Tag, ist mit dem Risiko f\u00fcr die Ausl\u00f6sung verschiedener Krankheiten verbunden. Das bedeutet, so Professor Seitz in seinem Vorwort, dass z.B. Krebserkrankungen oder Bluthochdruck schon bei geringen Mengen an t\u00e4glichem Alkoholgenu\u00df auftreten. Auf diese in zahlreichen Studien nachgewiesenen Wirkungen des beliebtesten Freizeitvergn\u00fcgens nicht nur der deutschen Verbraucher m\u00fcsse die staatliche Aufkl\u00e4rung vor allem in folgenden Bereichen reagieren. Rauschtrinken bei Jugendlichen, krebsf\u00f6rdernde Wirkung von Alkohol und die Krankheiten ausl\u00f6sende doppelte Einnahme von Medikamenten und alkoholischen Getr\u00e4nken. Ein besonderes Augenmerk legt Seitz auf die wachsende Zahl an Lebererkrankungen als Folge des \u00fcberbordenden Alkoholkonsums. Selbst das Deutsche \u00c4rzteblatt habe in seiner Ver\u00f6ffentlichung vom Juni 2018 nicht erw\u00e4hnt, dass j\u00e4hrlich bis zu 30.000 Patienten an dieser Krankheit sterben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u201eZwischen Leber und Milz pa\u00dft immer noch ein Pils\u201c. Der lustige Spruch aus der Feder des bekannten Dichters der Aufkl\u00e4rung, Christoph Wieland, verweise, so die beiden Autoren, auf den unbedenklichen, \u00fcberbordenden Alkoholgenu\u00df, wie er seit Jahrhunderten in allen Schichten vor allem der europ\u00e4ischen Gesellschaften gepflegt werde, ohne R\u00fccksicht auf Magen, Leber, Milz, Bauchspeichedr\u00fcse und den Herzbereich. Selbst D\u00fcnndarm, Zw\u00f6lffingerdarm und Mastdarm leiden unter den Auswirkungen von exorbitantem Alkoholkonsum, dessen risikoarme Schwellendosis f\u00fcr M\u00e4nner bei 24 Gramm Alkohol und bei Frauen nur bei der H\u00e4lfte liege. Dass das weibliche Geschlecht anatomiebedingt viel weniger vertr\u00e4gt, sei auf zwei \u201eMechanismen\u201c zur\u00fcckzuf\u00fchren; auf die geringere Menge an K\u00f6rperwasser und die damit verbundene h\u00f6here Blutalkoholkonzentration sowie die \u2013 im Vergleich zu M\u00e4nnern \u2013 geringere Aktivit\u00e4t des Enzyms Alkoholdehydrogenase. Diese Faktoren w\u00fcrden besonders im Falle von oft heimlichem Alkoholkonsum w\u00e4hrend der Schwangerschaft zu fatalen Auswirkungen auf den F\u00f6tus f\u00fchren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Das besondere Merkmal der Publikation besteht darin, dass ihre Verfasser auch Alkohol-Soziogramme f\u00fcr bestimmte Alters- und Berufsgruppen entwickeln. Sie warnen vor den Folgen exzessiven Alkoholverbrauchs im Alter, setzen sich mit den Auswirkungen von \u201eSuff-Exzessen\u201c in bestimmten Berufsgruppen auseinander, sie berichten \u00fcber die seelsorgerische Betreuung von Alkoholikern und sie scheuen sich nicht, beispielhaft auch ber\u00fchmte politische und k\u00fcnstlerische Pers\u00f6nlichkeiten zu nennen, die sich exzessiv dem Alkohol hingaben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Dass der gigantische Alkoholkonsum ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor ist und durch eine exzessive Werbung gef\u00f6rdert wird, zeigen Seitz und Thoms-Hoffmann auf ebenso \u00fcberzeugende Weise, indem sie Forderungen nach der Verteuerung und der strengeren Zugangsregelung f\u00fcr alkoholhaltige Getr\u00e4nken, besonders f\u00fcr Jugendliche, erheben. An diesen Kapiteln der Studie wird deutlich, dass zwei ausgewiesene Kenner der Thematik nicht nur bekannte Phrasen \u00fcber die Folgen von exzessivem Alkoholkonsum verk\u00fcnden, sondern sich fachlich ausgewiesen und erzieherisch einf\u00fchlsam mit dem Alkoholismus auseinandersetzen. Nicht zuf\u00e4llig lauten deshalb ihre Schlusskapitel \u201aTrinke ich zuviel oder bin ich schon abh\u00e4ngig?\u2019, \u201aIst Alkoholismus heilbar?\u2019 und \u201aErste Schritte aus der Sucht\u2019. Selbst eine Liste von Adressen von Selbsthilfegruppen und Suchthilfegruppen, leider nur auf die ehemalige Bundesrepublik bezogen, ist angef\u00fcgt. Fazit: in der breiten Angebotspalette von oft oberfl\u00e4chlichen Alkoholismus-Ratgebern erweist sich \u201eDie berauschte Gesellschaft\u201c als eine \u00fcberzeugende Publikation, die dem Laster Alkohol fachlich anschaulich und behutsam-erzieherisch zu Leibe r\u00fcckt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Die berauschte Gesellschaft. <\/strong>Alkohol \u2013 geliebt, verharmlost, t\u00f6dlich, von Helmut K. Seitz \/ Ingrid Thoms-Hoffmann. M\u00fcnchen (K\u00f6sel Verlag) 2018<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-44658\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/CoverLokalhelden-717x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"179\" height=\"256\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Ein Hinweis auf A.J. Weigonis <em>S\u00e4uferroman<\/em>. Lesenswert das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34345\">Nachwort<\/a> von Peter Meilchen sowie eine\u00a0bundesdeutsche <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34388\">Sondierung<\/a> von Enrik Lauer. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=49303\"><em>Lektoratsgutachten<\/em><\/a> von Holger Benkel und ein Blick in das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31462\">Pre-Master<\/a> von Betty Davis. Die Brauereifachfrau Martina Haimerl liefert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44781\">Hintergrundmaterial<\/a>. Ein <em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> mit Ulrich Bergmann, bei dem Weigoni sein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50056\">Recherchematerial<\/a> ausbreitet. Constanze Schmidt \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34331\">Ethnographie<\/a> des Rheinlands. Ren\u00e9 Desor mit einer Au\u00dfensicht auf die untergegangene <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30641\">Bonner<\/a> Republik. Jo Wei\u00df \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34337\">Nachschl\u00fcsselroman<\/a>. Margaretha Schnarhelt \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34340\">kulturelle Polyphonie<\/a> des Rheinlands. Karl Feldkamp liest einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=52088\">Heimatroman der tiefsinnigeren Art<\/a>. Als Letztes, aber nicht als Geringstes, Denis Ullrichs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47226\">Rezensionsessay<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der erste Blick auf das Inhaltsverzeichnis signalisiert den grundlegenden Aufkl\u00e4rungsanspruch der Studie. 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