{"id":63309,"date":"2018-03-12T00:01:00","date_gmt":"2018-03-11T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63309"},"modified":"2022-03-01T18:41:43","modified_gmt":"2022-03-01T17:41:43","slug":"fluechtlingsgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/03\/12\/fluechtlingsgeschichte\/","title":{"rendered":"Fl\u00fcchtlingsgeschichte"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Eroberungskrieg der Mussolini-Diktatur gegen das Kaiserreich Abessinien geh\u00f6rt in der Kolonialgeschichte Italiens geh\u00f6rt zu jenen Kapiteln, deren Aufkl\u00e4rung bislang weitgehend verdr\u00e4ngt wurde. Mit dem vorliegenden Familienepos von Francesca Melandri, 1964 in Rom geboren, einer erfolgreichen Drehbuchautorin und Prosaikerin, zeichnet sich nunmehr eine radikale literarische und historische Aufarbeitung einer Trag\u00f6die ab, in die koloniale Akteure ebenso wie deren Opfer, Augenzeugen und Angeh\u00f6rige der betroffenen Familien verwickelt sind. Die auserw\u00e4hlten Personen der Handlung sind, mit Ausnahme zweier historisch verb\u00fcrgter Akteure des Kolonialkrieges gegen Abessinien, Mitglieder eines weitverzweigten Netzes, das <em>Attilio Profeti<\/em> aufgrund seiner skrupellosen Handlungen gesponnen hat. 1915 in der Familie eines Eisenbahnangestellten geboren, seit Mitte der 1930er als gl\u00fchender Anh\u00e4nger der Mussolini-Diktatur in die Vorbereitung und Durchf\u00fchrung des kolonialen Eroberungskriegs gegen das Kaiserreich Abessinien verwickelt, ist er ein \u00fcberzeugter Rassist, der als Vertreter der italienischen Kolonialregierung in Addis Abeba eine zwielichtige Rolle spielt. Dort unterhielt er unter anderem eine illegitime Beziehung zu einer gewissen <em>Abeba <\/em>aus Ligeta (einem Stadtteil von Addis Abeba), mit der Atilio Profeti einen Sohn gezeugt hatte. Dieser <em>Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti<\/em> taucht eines Tages in Rom auf, spricht Ilaria, die Tochter von Attilio Profeti, vor ihrer Wohnung in einem fast akzentfreiem Italienisch an, legitimiert sich mit einem Reisepass <em>Ethiopia<\/em> und behauptet, dieser Attilio Profeti sei sein Gro\u00dfvater. Die in Erstaunen versetzte <em>Ilaria<\/em>, Lehrerin an einer Schule in Rom, beginnt nun eine intensive Recherchearbeit, im Verlaufe derer die ihr unbekannte italienische Kolonialgeschichte, die milit\u00e4rische Operation des Mussolini-Regimes in den Jahren 1937 bis 1939 und deren Beteiligung ihres Vaters j\u00e4h vor Augen gef\u00fchrt wird.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es spricht f\u00fcr den geschickten kompositionellen Aufbau der Romanhandlung, dass Melandri diese \u00fcberraschende Episode als ein einleitendes narratives Element verwendet, das den Grundstein f\u00fcr die fiktionale Struktur des Erz\u00e4hlwerkes legt. Dieser Einleitung ist das einseitige Kapitel O, datiert mit der Jahreszahl 2012, vorgeschaltet, in dem der Leser erf\u00e4hrt, dass \u201eAttilio Profetti gestorben ist\u201c. Das abschlie\u00dfende, aus zehn Druckseiten bestehende Kapitel 0 beschreibt die Trauerfeier, bei der nicht nur Attilios Frauen, Marella und Anita \u2013 wie auch deren Kinder und weitl\u00e4ufige Verwandte \u2013 anwesend sind, sondern auch der greise \u201eKampfgef\u00e4hrte\u201c <em>Carbone<\/em> aus den abessinischen Kolonialzeiten auftaucht. Er best\u00e4tigt Ilaria, dass ihr Vater \u201esehr viel Gl\u00fcck im Leben hatte.\u201c Eine Aussage, die von der auktorialen Erz\u00e4hlerin, in der Person der Tochter des Verstorbenen, <em>Ilaria<\/em>, in eine ironische und ver\u00e4chtliche Metapher verwandelt wird. \u201eAlle, au\u00dfer mir\u201c \u2013 mit dieser bereits im Romantitel angedeuteten Lebenseinstellung charakterisiert sie zugleich die skrupellose Haltung des Verstorbenen, seine Mitschuld an dem Desaster der italienischen Kolonialherren. Denn f\u00fcr Ilaria, die nicht nur die rassistischen Pamphlete ihres Vaters gelesen hat, sondern auch viel \u00fcber den Vernichtungskrieg der Mussolini-Faschisten vor allem gegen die Zivilisten in Abessinien erfahren hat, ist klar geworden. \u201ePapa\u201c . so lautet ihr letzter Satz am Grab, \u201edu hast den Wettkampf gar nicht gewonnen.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf die deutsche Verdr\u00e4ngungsgeschichte der Nazi-Verbrechen nach 1945 \u00fcbertragen, erh\u00e4lt die literarische Aufdeckung der italienischen Gr\u00e4ueltaten eine doppelte Erkenntnisdimension. Die T\u00e4ter tarnen sich im Mantel der Unschuld, und die folgenden Generationen m\u00fcssen sich oft mit der \u201eGnade der Verge\u00dflichkeit\u201c und der unerbittlichen Endlichkeit des Lebens \u201ebegn\u00fcgen\u201c. Was aber bleibt, sind die Dokumente der Verbrechen und die Wachsamkeit der folgenden Generationen, deren K\u00f6pfe aber leider immer wieder von rechtspopulistischen Parteig\u00e4ngern vernebelt werden. Umso wichtiger sind die historischen Zeugen in den Archiven, in denen die literarischen Zeugnisse immer wieder eine \u00f6ffentliche Wirksamkeit gewinnen, vorausgesetzt, die vielen ungl\u00fcckseligen Familiengeschichten aus dem literarischen Fundus in beiden L\u00e4ndern, n\u00f6rdlich und s\u00fcdlich der Alpen, finden ihre Leser_innen. Die hier vorliegende atemberaubende Lekt\u00fcre italienischer und abessinischer Geschichte zwischen 1930 und 2012 lohnt und schockiert zugleich. Denn je l\u00e4nger dieses Familienepos dauert, desto deutlicher zeichnen dessen Folgen ab. Es ist die Fl\u00fcchtlingsgeschichte derjenigen, die lange nach der Katastrophe die rettenden italienischen Ufer zu erreichen glauben und zur\u00fcckgeschickt werden.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Alle-ausser-mir.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89409 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Alle-ausser-mir-189x300.jpg\" alt=\"\" width=\"189\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Alle-ausser-mir-189x300.jpg 189w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Alle-ausser-mir-160x255.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Alle-ausser-mir.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 189px) 100vw, 189px\" \/><\/a>Alle, au\u00dfer mir.<\/strong> Roman von Francesca Melandri. Aus dem Italienischen von Esther Hansen. Berlin (Verlag Klaus Wagenbach) 2018<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Eroberungskrieg der Mussolini-Diktatur gegen das Kaiserreich Abessinien geh\u00f6rt in der Kolonialgeschichte Italiens geh\u00f6rt zu jenen Kapiteln, deren Aufkl\u00e4rung bislang weitgehend verdr\u00e4ngt wurde. Mit dem vorliegenden Familienepos von Francesca Melandri, 1964 in Rom geboren, einer erfolgreichen Drehbuchautorin und Prosaikerin,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/03\/12\/fluechtlingsgeschichte\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2509,1158],"class_list":["post-63309","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-francesca-melandri","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63309","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63309"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63309\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101390,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63309\/revisions\/101390"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63309"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63309"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63309"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}