{"id":63304,"date":"2019-02-03T00:01:00","date_gmt":"2019-02-02T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63304"},"modified":"2022-03-01T14:40:37","modified_gmt":"2022-03-01T13:40:37","slug":"verblueffende-authentizitaet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/02\/03\/verblueffende-authentizitaet\/","title":{"rendered":"Verbl\u00fcffende Authentizit\u00e4t"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Da haben sich zwei gefunden, notwendigerweise: der Krankenpfleger Jan Kraus aus Vimperk, dem einstigen Winterberg im fr\u00fcheren Sudetenland, und der hochbetagte Sudetendeutsche Wenzel Winterberg aus Reichenberg, Jahrgang 1918. Notwendigerweise, wie der unerm\u00fcdlich plappernde Kraus, 1986 aus der damaligen kommunistischen Tschechoslowakei geflohen, seinen Lesern mitteilt, denn er habe die Aufgabe, den apathischen, halb gel\u00e4hmten Patienten sanft aus dem Leben zu begleiten. Doch Pustekuchen! Der im ehemaligen Sudetenland aufgewachsene Jan erz\u00e4hlt dem pflegebed\u00fcrftigen Winterberg so wunderbare Geschichten aus seiner Heimat, dass der nicht nur aus seiner Todes-Lethargie erwacht, sondern mit seinem Krankenpfleger auf die letzte gro\u00dfe Reise quer durch Mitteleuropa geht. Es ist eine ziemlich anstrengende Reise per Eisenbahn von Berlin \u00fcber Reichenberg, Budweis, Pilsen, Linz, Wien, Sarajevo und zur\u00fcck durch Berlin nach Peenem\u00fcnde. Es ist eine Rundreise, die dann und wann unterbrochen werden muss, weil Wenzel Winterberg unter Altersschw\u00e4che leidend, seine Hotelaufenthalte verl\u00e4ngern muss. Doch seine Neugier auf die letzte Begegnung mit den Zeugen der mitteleurop\u00e4ischen Geschichte ist ungebremst. Schlachtfelder will er besichtigen, historische Orte, wo sich Kaiser mit M\u00e4tressen vergn\u00fcgten und historische Vertr\u00e4ge unterzeichnet wurden, wo die K.u.K-Monarchie ihre Schl\u00f6sser hinterlie\u00df, wo die Nazis in ihren Konzentrationslagern mordeten. Und Wenzel redet wie ein Wasserfall, so wie Jan, der sich jedoch meist in inneren Monologen \u00fcber seinen sonderbaren Reise-Patienten lustig macht, ihn aber auch bewundert. Denn Wenzel kennt sich aus in dieser geschichtstr\u00e4chtigen Landschaft, obwohl er zur Sicherheit seinen Baedeker, Jahrgang 1913, st\u00e4ndig bei sich tr\u00e4gt. Was sich \u00fcbrigens als nicht notwendig erweist, weil er dessen Inhalt beinahe auswendig kennt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Thematischer Ausgangspunkt ihrer gro\u00dfen Reise ist das Schlachtfeld in der Umgebung von K\u00f6niggr\u00e4tz, wo am 3. Juli 1866 die K\u00f6niglich-Preu\u00dfische Armee auf das \u00d6sterreichisch-Kaiserliche Heer traf und die preu\u00dfische Vorherrschaft in Deutschland entschieden wurde. Und auf diesem schneebedeckten Schlachtfeld, das die beiden zu Fu\u00df und auf einem Traktor durchqueren, ger\u00e4t Wenzel in einen Redeschwall. Er spult dokumentarische Fakten vom Ablauf des Gemetzels mit \u00fcber 50 000 Toten herunter, mischt sie mit unheimlichen Geschichten \u00fcber die Geister der Toten. Je l\u00e4nger dieser manische Monolog dauert, desto deutlicher zeichnet sich ein schemenhafter Prototyp von historischen Ereignissen ab. Er wiederholt sich unter diversen Konstellationen und hinterl\u00e4sst bei den Noch-Lebenden eines wirres Kn\u00e4uel an Fragen und Vermutungen. Nicht so bei Winterberg. Er kennt sich aus in seiner mitteleurop\u00e4ischen Geschichte, er, ein ehemaliger Eisenbahnangestellter der deutschen Reichsbahn wei\u00df, wer die Weichen in der j\u00fcngsten Geschichte gestellt hat.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch bevor nun die eigentliche Fahrt mit der Eisenbahn beginnt, erf\u00e4hrt der Leser etwas \u00fcber die symbolische Bedeutung einer \u00dcberfahrt aus der Sicht der beiden Reisenden. Sie erweist sich sowohl als Metapher f\u00fcr den \u00dcbergang vom Leben in den Tod als auch als konkrete Vorbereitung auf die Fahrt zu den wichtigsten Knotenpunkten der letzten Reise von Herrn Winterberg. Sie f\u00fchrt zun\u00e4chst zu einem konkreten Geb\u00e4ude, das als Ort f\u00fcr Leichenbestattungen dient. Es ist die ber\u00fchmte Feuerhalle in Reichenberg, dem heutigen Liberec, das die beiden Reisenden von Berlin aus mit der Eisenbahn erreichen. Dieses Krematorium, 1918 er\u00f6ffnet, also dem Geburtsjahr von Wenzel Winterberg, dient dem Erz\u00e4hler als Ort der Erinnerung an seinen Vater, der hier einge\u00e4schert worden sei, wie viele andere, die vor ihm als Feinde oder Freunde der Tschechoslowakei in Reichenberg beerdigt wurden. Auf diese Weise bildet sich rund um die ausschweifenden Erz\u00e4hlungen von Wenzel ein Ausschnitt aus der konfliktreichen sudetendeutschen Geschichte heraus. Sie verdichten sich w\u00e4hrend der kurzen Abstecher in den Orten Turnau, Altpaka, Josephstadt und nat\u00fcrlich wieder in K\u00f6niggr\u00e4tz.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es spricht f\u00fcr die konstruktive Phantasie des Erz\u00e4hlers, dass er auch die Perspektive von oben in die Wahrnehmung Mitteleuropas in seine Betrachtungen einbezieht. Es ist die Figur eines Engl\u00e4nders, der w\u00e4hrend des II. Weltkriegs als Navigator in Royal Air Force arbeitete. Ihn, der so gut Deutsch sprach und den er in einer Kneipe im Berliner \u00a0Kreuzberg vor etwa 50 Jahren getroffen habe, zitiert Winterberg immer wieder. Das sei einer gewesen, der wissen wollte, warum \u201edie Deutschen das ganze Europa in eine gro\u00dfe brennende Feuerhalle verwandelt haben.\u201c (182)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Je l\u00e4nger die Reise der beiden dauert, je mehr Museen, Kneipen, Denkm\u00e4ler, Hotels sie besuchen, umso anstrengender die Reise mit der Eisenbahn wird, je h\u00e4ufiger der Krankenpfleger sich um seinen greisen Patienten k\u00fcmmern muss, desto spannender wird diese Reise durch viele Grenzen hindurch, die alle noch vor drei\u00dfig Jahren mit Stacheldraht und Minenfeldern verbarrikadiert waren. Doch die Auswirkungen der Reise in die Vergangenheit sind gravierend. Winterberg fiebert und hustet, verliert dann und wann die Erinnerung, wacht wieder auf. Das gute tschechische Bier, angew\u00e4rmt, und die bew\u00e4hrte H\u00fchnersuppe bringen ihn wieder auf die Beine. Denn die b\u00f6hmisch-m\u00e4hrische Rundreise von Jitschin nach Budweis und, auf ausdr\u00fccklichen Wunsch von Winterberg, \u00fcber Vimperk\/Winterberg, nach Pilsen wartet auf ihn. Wenzel will unbedingt den Geburtsort seines Krankenpflegers kennenlernen. Doch der weigert sich dort auszusteigen, weil er die Erinnerungen an seine Heimatstadt nicht auffrischen will, nicht belasten m\u00f6chte mit seinen Erlebnissen in der kommunistischen Diktatur, der milit\u00e4rischen Besetzung seines Landes im Jahr 1968.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenzel Winterberg aber dr\u00e4ngt seinen Krankenpfleger zur Weiterreise nach Linz, Wien, nach Sarajevo, zur\u00fcck \u00fcber Ljubljana, zum Simmering, nach Br\u00fcnn und Berlin. Mit einem \u00fcberraschenden Intermezzo in Wien, wo pl\u00f6tzlich Silke, die Tochter von Winterberg, auftaucht, und Jan ein Geheimnis offenbart. Der eigentliche Grund f\u00fcr die wagehalsige Reise ihres Vaters sei Lenka Morgenstern, eine J\u00fcdin, in die er einst verliebt war, die Friedhofsspazierg\u00e4nge so geliebt habe, mit der er sich in Wien getroffen habe, die wahrscheinlich in einem KZ ums Leben kam. Mit ihr habe er die Hochzeitsreise machen wollen, aus jedem dieser St\u00e4dte, die sie jetzt besuchen, habe sie ihm einst eine Ansichtskarte geschickt. Sp\u00e4testens in dieser Romanpassage zeichnet sich der mythopoetische Charakter des Reiseromans ab Es ist eine gelungene Mischung, bestehend aus imaginierten Geschichtsabl\u00e4ufen und konkreten pers\u00f6nlichen Erlebnissen, wahrgenommen aus der Perspektive von zwei Protagonisten, deren Narrationen sich \u00fcberlagern, sich widersprechen und in der romantisch-verkl\u00e4rten Vision von einem Reh in einem deutschen Winterwald enden. In ihm verschwindet der zur legend\u00e4ren Gestalt gewordene Wenzel Winterberg, ohne dass sein Krankenpfleger ihn pers\u00f6nlich in das Reich der Toten \u00fcberf\u00fchren kann. Er ist der Patient aus Mitteleuropa, der sein hundertj\u00e4hriges Leben, gepr\u00e4gt von der Weimarer Republik, von der Nazi-Diktatur und der gel\u00e4uterten deutschen Republik, in seinen halluzinierenden, vision\u00e4ren und realen Wahrnehmungen reflektiert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem vorliegenden Mitteleuropa-Reiseroman ist Jaroslav Rudi\u0161 ist gro\u00dfer narrativer Wurf gelungen. Die von skurrilen Dialogen zwischen den beiden Protagonisten und historisch verb\u00fcrgten Aussagen des Baedeker-Historikers pendelnden Erz\u00e4hlstr\u00e4nge, in denen vor allem die rhetorisch brillanten Wiederholungen des personalen Erz\u00e4hlers \u00fcberraschen, vermitteln den Handlungen eine diebische Freude am Tratschen und Klatschen. Diese stilistischen Eigenschaften verweisen auf die Hasek\u2019sche Art des\u00a0 humorigen Erz\u00e4hlens in volkst\u00fcmlicher Rede. Dazu geh\u00f6ren auch die st\u00e4ndige Wiederholung von Behauptungen, die jeglichen Bezug zur Realit\u00e4t verloren haben und sich dennoch einer verbl\u00fcffenden Authentizit\u00e4t erfreuen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Winterberg.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89288 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Winterberg-188x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Winterberg-188x300.jpeg 188w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Winterberg-260x416.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Winterberg-160x256.jpeg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Winterberg.jpeg 375w\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a>Winterbergs letzte Reise<\/strong>. Roman von Jaroslav Rudis. M\u00fcnchen (Luchterhand) 2019<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Da haben sich zwei gefunden, notwendigerweise: der Krankenpfleger Jan Kraus aus Vimperk, dem einstigen Winterberg im fr\u00fcheren Sudetenland, und der hochbetagte Sudetendeutsche Wenzel Winterberg aus Reichenberg, Jahrgang 1918. 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