{"id":63300,"date":"2021-08-26T00:01:00","date_gmt":"2021-08-25T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63300"},"modified":"2022-03-01T06:54:18","modified_gmt":"2022-03-01T05:54:18","slug":"nichtsnutz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/08\/26\/nichtsnutz\/","title":{"rendered":"Nichtsnutz"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Schriftsteller und Filmregisseur Goderdsi Tschocheli (1967-2007) geh\u00f6rt seit 1980, als sein erster Erz\u00e4hlband unter dem Titel \u201eBriefwechsel mit einem\u00a0 Fisch\u201c in Tiflis erschien, zu den wichtigsten Vertretern eines magischen Realismus, von dem auch sein filmisches Schaffen bestimmt war. Sein Dasein, so die international renommierte georgische Literaturwissenschaftlerin Bela Tsiburia in ihrem Nachwort zu dem Erz\u00e4hlband, werde \u201evon dem georgischen Leser genauso selbstverst\u00e4ndlich wahrgenommen wie das Dasein eines Berges, eines Baumes oder eines Flusses.\u201c Er habe die Nische im Kulturbetrieb der sp\u00e4tsowjetischen \u00c4ra besetzt, die seit der Jahrhundertwende von dem legend\u00e4ren georgischen Dichter Wascha-Pschawela (1861-1915) eingenommen wurde. Der ebenso wie Goderdsi Tschocheli aus der mythischen Bergwelt des Kaukasus stammende Wascha Pschawela habe die georgische Literatur mit seinem Schaffen in \u00e4sthetischer, religi\u00f6ser und ethischer Hinsicht \u2013 ungeachtet der sowjetkommunistischen Einflu\u00dfnahme \u2013 durchdrungen, indem er die Grenzen zwischen materieller und seelischer Realit\u00e4t aufzeichnete. Au\u00dferdem habe er die Mythologie der Bergv\u00f6lker und deren Dialekte in den Diskurs der georgischen Literatur eingebracht, Eigenschaften, von denen auch die eigenwilligen und dennoch transparenten Erz\u00e4hlwelten des Goderdsi Tschocheli bestimmt sind.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Seele hat weder einen Anfang noch ein Ende,\u201c sagt Gamichardei, was auf Georgisch <em>es hat mich gefreut<\/em> hei\u00dft, gleich zu Beginn der Erz\u00e4hlung \u201eBriefwechsel mit einem Fisch\u201c dem Ich-Erz\u00e4hler. Gamichardai ist in Eile. Er muss dringend mit seiner Familie seine Heuwiese m\u00e4hen, ein Unternehmen, dass der Kolchose-Brigadier verhindern will. Gamichardai soll unbedingt den Kolchosbauern bei der Schafschur helfen, ein Befehl, den er verweigert und daf\u00fcr von der Staatsmacht bestraft wird. Er muss fast alle Heuballen an das Kolchos abgeben und hat damit keine Futtergrundlage f\u00fcr seine ihm verbliebenen K\u00fche. Diese ungerechtfertigte Ma\u00dfnahme emp\u00f6rt Gamichardai so sehr, dass er in den nahen Fluss Aragawi steigt, bis zum Hals im Wasser ausharrt, und weder auf die verzweifelten Rufe seiner Frau und seiner Kinder noch auf die Drohungen des Kolchosvorsitzenden und der Polizei reagiert, man werde den \u201eNichtsnutz\u201c bis zu f\u00fcnf Jahre im Gef\u00e4ngnis inhaftieren. Auch auf andere \u201eAngebote\u201c reagiert er nicht. Erst als ihm der Ich-Erz\u00e4hler Luka einen Brief im Fluss \u00fcberreicht, schreibt er eine Antwort aus dessen R\u00fcckseite. Ab heute habe er nichts mehr mit den Menschen am Hut. Dort wo es keine Gerechtigkeit g\u00e4be, wolle er nicht mehr ein Mensch sein. Selbst auf seine Familie verzichte er. Die habe er vor langer Zeit gehabt, als er noch ein Mensch war. Jetzt sei er ein Fisch und habe nichts mehr mit ihnen zu tun. Was dann folgt ist ein Briefwechsel zwischen Luka und Gamichardai, der in der inkarnierten Rolle eines Fisches den Menschen vorwirft, sie m\u00f6gen keine Freiheit, statt dessen aber wollten sie Unterdr\u00fcckung und Unterwerfung. Alle Bitten, er m\u00f6ge doch zur Dorfgemeinschaft zur\u00fcckkehren, n\u00fctzen nichts. Selbst als ein am zweiten Tag herbeieilender Oberpriester ist trotz aller Schw\u00fcre und Androhungen von Gottesstrafen hilflos. Gamichardai will ein Fisch bleiben. Und als nach einer Woche, nach heftigem Regen, der Aragawi \u00fcber die Ufer steigt, verschwindet Gamichardai und die gesamte Dorfgemeinschaft sucht ihn entlang des aufgestauten Flusses, ihn, der sich in einen Fisch verwandelt hat und von dem nun gleichsam eine magische Anziehungskraft ausgeht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch die freiwillige Verwandlung in ein Tier ist nicht das einzige magische Sujet in dem Erz\u00e4hlband. In einem anderen Text geht es um einen Stammes\u00e4ltesten in einem Dorf, der pl\u00f6tzlich an heftigen Schmerzen leidet. Aus der rechten Schulter ist ihm eine Tanne gewachsen, die er sich aber ungeachtet der lokalisierten Schmerzen nicht entfernen lassen will. Die ihn behandelnde \u00c4rztin will ihm eine Spritze geben, doch der Patient weigert sich, weil er bef\u00fcrchtet, dass von deren Wirkung die Tanne verdorrt. Erst als ein weiterer Patient, ein ortsans\u00e4ssiger Lehrer, in die Sprechstunde kommt, scheint die Vernunft einzukehren,. Er l\u00e4sst sich \u00fcberzeugen, dass eine Spritze gegen die Herzschmerzen notwendiger ist. Doch zweifelt er wieder an einer m\u00f6glichen Heilung und begibt sich in einen nahegelegenen Wald, wo er sp\u00fcrt, dass die Tanne auf seiner Schulter w\u00e4chst und w\u00e4chst. Da beschlie\u00dft er, einen Brief an die Tannen zu schreiben, weil er feststellt, dass er in den hiesigen W\u00e4ldern das einzige Lebewesen mit einer Tanne ist. Deshalb gr\u00e4bt er eine tiefe Grube und pflanzt sich selbst in den Boden ein.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sicherlich ist manchem Leser ist eine solche von Magie und Mythologie durchdrungene fiktionale Handlung zu abgehoben. Doch die zwischen Mythos und Realit\u00e4t pendelnden Erz\u00e4hlungen von Tschocheli gewinnen vor allem dann an phantasiegeladener Anziehungskraft, wenn sie autobiografische Z\u00fcge annehmen, das hei\u00dft, wenn der Autor sich ohne Verwendung von Verfremdungseffekten unmittelbar im Gespr\u00e4ch mit seiner Mutter befindet. Bela Tsibura hebt diese Konstellation in ihrem transparenten Nachwort unter Verweis auf die Erz\u00e4hlung \u201eDie Nacht der Engel\u201c hervor:\u201eDer Schriftsteller gibt klar zu erkennen, dass er von sich und seiner Mutter spricht. Die humoristischen Mittel, die er anwendet (diktiert von der echten Gestalt der Mutter) soll die Glaubw\u00fcrdigkeit des Textes unterstreichen. \u2026 Die Mutter bringt dem Sohn bei, seine W\u00fcnsche Gott geb\u00fchrend vorzutragen. Sie ist auch diejenige, die diese Bitten mit einem Tabu belegt, wenn der Sohn versucht, f\u00fcr seine irdischen Bed\u00fcrfnisse die Macht der Natur zu mi\u00dfbrauchen.\u201c (S. 167) Der Ich-Erz\u00e4hler steht also im direkten Kontakt mit seiner Mutter, die \u201emit allem und allen: mit B\u00e4umen, Steinen, Blumen und V\u00f6geln (sprach).\u201c Mehr noch: sie ist auch augenscheinlich sogar in der Lage, mit einer Kr\u00e4he zu kommunizieren, indem sie ihr bestimmte Auftr\u00e4ge erteilt, die der Vogel \u201egewissenhaft\u201c erf\u00fcllt. \u00dcberhaupt spielen die Kr\u00e4hen in diesem Erz\u00e4hlband eine wichtige Rolle. Kein Wunder sie sind auch im Bereich der Ornithologie als au\u00dferordentlich kluge V\u00f6gel bekannt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bewahrung alter Br\u00e4uche und mystischer \u00dcberlieferungen im Bereich des wieder belebten magischen Realismus in der georgischen Gegenwartsliteratur erweist sich als besonderes Merkmal. Die gelungene \u00dcbersetzung von Maja Lisowski erlaubt dem deutschsprachigen Lesepublikum auf diese Weise einen Einblick in eine Kulturlandschaft, die f\u00fcr westeurop\u00e4ische Touristen immer reizvoller wird. Nicht nur\u00a0 aus diesem Grund ist der Erz\u00e4hlband von Goderdsi Tschocheli unbedingt zu empfehlen. Die in den sechs Erz\u00e4hlungen auftretenden Menschen, V\u00f6gel, Berge, Fische strahlen eine Glaubw\u00fcrdigkeit aus, weil sie st\u00e4ndig zwischen dem Materiellen und dem Nichtmateriellen pendeln und Leser\/innen in einen gleichsam rauschhaften Zustand versetzen. Viel Spa\u00df also beider Lekt\u00fcre!<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-63301\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Tschochel_Coveri.jpg\" alt=\"\" width=\"175\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Tschochel_Coveri.jpg 350w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Tschochel_Coveri-210x300.jpg 210w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Tschochel_Coveri-260x371.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Tschochel_Coveri-160x228.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 175px) 100vw, 175px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Eine Kr\u00e4he f\u00fcr zwei<\/strong>. Erz\u00e4hlungen von Goderdsi Tschocheli. Ausgew\u00e4hlt von Daro Barbakadse- Aus dem Georgischen \u00fcbersetzt von Maja Lisowski. Ludwigsburg (Pop-Verlag) 2019, 176 S., 16,50 EURO. ISBN\u00a0 978-3-86356-232-8 (Kaukasische Bibliothek, Bd. 25)<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Schriftsteller und Filmregisseur Goderdsi Tschocheli (1967-2007) geh\u00f6rt seit 1980, als sein erster Erz\u00e4hlband unter dem Titel \u201eBriefwechsel mit einem\u00a0 Fisch\u201c in Tiflis erschien, zu den wichtigsten Vertretern eines magischen Realismus, von dem auch sein filmisches Schaffen bestimmt war.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/08\/26\/nichtsnutz\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2507,1158],"class_list":["post-63300","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-goderdsi-tschocheli","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63300","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63300"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63300\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101346,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63300\/revisions\/101346"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63300"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63300"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63300"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}