{"id":63297,"date":"2018-11-14T00:01:08","date_gmt":"2018-11-13T23:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63297"},"modified":"2022-03-01T16:18:41","modified_gmt":"2022-03-01T15:18:41","slug":"offener-brief","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/11\/14\/offener-brief\/","title":{"rendered":"Offener Brief"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ein\u00a0 renommierter Religionswissenschaftler und Mythenforscher sich in einem offenen Brief an die Tiere wendet, dann reiht er sich in die Reihe derjenigen ein, die weltweit in Tierbefreiungsgesellschaften t\u00e4tig sind, um die Objekte menschlicher Befriedigung und Zweckerf\u00fcllung zumindest ideell in eigenst\u00e4ndige Subjekte zu verwandeln. Ist das eine menschlicher Logik zuwiderlaufende Handlungsintention? Eine erste Antwort gibt der franz\u00f6sische Dichter Alphonse de Lamartine (1790-1869), den Lenoir zu Beginn seines Buches zitiert. Der Mensch verf\u00fcge nur \u00fcber ein Herz, eines f\u00fcr seine Artgenossen oder eines f\u00fcr Tiere. Lenoir ist verwundert \u00fcber unser zwiesp\u00e4ltiges Verhalten gegen\u00fcber Haus- und Nutztieren. Die einen erfreuten sich an der grenzenlosen Liebe der Menschen, die anderen w\u00fcrden in Schlachth\u00f6fen erbarmungslos get\u00f6tet. Er selbst habe schon in seiner Kindheit und Jugend unter der Mordlust seiner Mitmenschen gelitten. Dennoch habe er im Erwachsenenalter nicht v\u00f6llig auf fleischliche Nahrung verzichtet, habe sich nicht zu einer veganen Ern\u00e4hrungsweise durchringen k\u00f6nnen. Nun aber wolle er den Tieren erkl\u00e4ren, warum es zu dieser Dominanz des homo saper \u00fcber seine ehemaligen Mit-Gef\u00e4hrten gekommen sei.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Vorgehensweise erweist sich als folgerichtig. Er beginnt mit den Stufen der Vereinnahmung der Tiere durch den Menschen. Auf der ersten Stufe habe dieser Menschentypus aufgrund seiner religi\u00f6sen Vorstellungen und seiner Kommunikation mit Geistern aller Art, darunter \u201eauch Geister aller empfindungsf\u00e4higen Wesen\u201c, versucht, sich in die umgebende Welt einzuf\u00fcgen, er habe sogar die Geister der von ihm get\u00f6teten Tiere um Verzeihung gebeten. Erst mit dem \u00dcbergang von der Altsteinzeit zur Jungsteinzeit, vor etwa 15000 Jahren habe der homo sapiens seine Lebensweise einem Wandel unterzogen. Aus dem Nomaden wurde der Ackerbauer und Viehz\u00fcchter, der ein mythisch-religi\u00f6ses Denken entwickelte, das ihn, so Lenoir, \u201ezum Herrscher der Welt machte.\u201c Auf dieser Stufe habe sich der Mensch von seinem animistischen Glauben abgewandt und sich zu einem Vermittler zwischen den G\u00f6ttern im Himmel und der Tierwelt entwickelt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der \u00dcbergang zur Jungsteinzeit war von der einsetzenden Z\u00fcchtung von Tieren begleitet, die von der Domestizierung des Hundes bis zur Nutztierhaltung und Z\u00e4hmung von Schafen, Rindern, Schweinen, Pferden, Gefl\u00fcgel und vielen anderen Tierarten reichte. Die nun beginnende Ausbeutung der Tiere erfuhr erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre dramatische Versch\u00e4rfung, als die industrielle Tierhaltung in Verbindung mit der profitablen Nutzung der Tierk\u00f6rper in Gro\u00dfst\u00e4llen unter unhygienischen, tierqu\u00e4lerischen Bedingungen einsetzte. Mit einer nach rund 100 Jahren entsetzlichen Bilanz, die Lenoir so zusammenfa\u00dft: \u201eHeute werden jedes Jahr ungef\u00e4hr 60 Milliarden Landtiere (davon 50 Milliarden H\u00fchner) get\u00f6tet, und die Zahl der Meeress\u00e4uger, die f\u00fcr unseren Verzehr geopfert werden, wird auf zwischen 500 und 1000 Milliarden gesch\u00e4tzt.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese verheerende Bilanz veranla\u00dft Lenoir nach den Ursachen des Massenmordes an Tieren zu forschen. Nach einer eingehenden Bewertung der antiken und abendl\u00e4ndischen Philosophie wie auch der christlichen Heilslehre gelangt er zu dem Ergebnis, dass den wenigen abweichenden Stimmen, die die Knechtung der Tiere ablehnen, die Mehrheit derjenigen gegen\u00fcbersteht, die sich weiterhin der Versuchung hingeben \u201eEuch zu beherrschen, auszubeuten und zu essen.\u201c Sind aber diese Menschen aus ideologischen Gr\u00fcnden von ihrer behaupteten \u00dcberlegenheit gegen\u00fcber den Tieren \u00fcberzeugt? Mit dieser Frage greift Lenoir das Problem der Unterschiedlichkeit zwischen Tieren und Menschen auf, das bereits von franz\u00f6sischen Moralisten wie Jean de La Fontaine oder Michel de Montaigne mit dem Verweis auf die \u00dcberheblichkeit des Menschen gegen\u00fcber den Tieren aufgeworfen wurde.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Augenscheinlich zeichnet sich erst mit der Herausbildung der Ethologie, der Verhaltenslehre von Tieren und Menschen, ein Wandel bei der Einsch\u00e4tzung animalischer Verhaltensweisen ab. Leider verweist Lenoir weder auf die franz\u00f6sische Entwicklungslinie der Ethologie (vgl. Isidore Geoffroy Saint-Hilaire, 1854) noch auf die deutschen und englischen Forschungsstr\u00e4nge, die mit Friedrich Dahl (1898) bzw. William Morton Wheeler (1902) sich gegenseitig inspirierten. Auch die Mitte der 1930er Jahre einsetzende intensive wissenschaftliche Ethologie wird bei ihm nur angedeutet. Statt dessen verweist er auf Rupert Sheldrakes Studie \u201eDer siebte Sinn der Tiere\u201c, in von au\u00dfergew\u00f6hnlichen Sinnen die Rede ist, \u00fcber die einige Tiere verf\u00fcgen. Dazu geh\u00f6rt die Telepathie zwischen Tierhaltern und Haustieren, der au\u00dfergew\u00f6hnliche Orientierungssinn von Zugv\u00f6geln, die Empathie von Tieren gegen\u00fcber leidenden Menschen, der Fr\u00fchwarnsinn bei entstehenden Erdbeben, verbl\u00fcffende Erinnerungsf\u00e4higkeiten. Es sind Eigenschaften, die einer spezifisch tierischen Intelligenz zuzuschreiben sind, deren Erforschung in den vergangenen drei\u00dfig Jahren zu erstaunlichen Ergebnissen gef\u00fchrt hat.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegensatz zu dieser spezifisch vergleichenden kognitiven Forschung verf\u00fcgt die Tierschutzbewegung vor allem in westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern \u00fcber einen langen zeitlichen Vorsprung. Er hat jedoch nicht dazu beigetragen, dass die ethische Haltung gegen\u00fcber Nutztieren deren skrupellose industrielle Ausbeutung verhindert hat. Nicht zuletzt erweist sich die Antwort auf die Frage Lenoirs: Liebe Tiere, was sollen wir tun? als ein Sammelsorium von Empfehlungen und Ratschl\u00e4gen. Dazu geh\u00f6ren jedwede Nutzung von Tieren verhindern, vegane Ern\u00e4hrung durchsetzen, Gesetze gegen die industrielle Schlachtung von Tieren erlassen, die rituelle Sch\u00e4chtung von Schafen verbieten. Die Liste der Verbote und Vorschriften k\u00f6nnte noch umfassender sein, wenn es nicht die weltweit kulturellen Br\u00e4uche g\u00e4be, zu deren Bestandteilen auch der Verzehr von Tieren geh\u00f6rt. Und ein Verbot per Gesetz? Solange \u201eunsere lieben Tiere\u201c weiterhin als G\u00fcter bezeichnet werden, besteht kaum eine Chance f\u00fcr dessen Ratifizierung. Nicht zuletzt aus diesem Grund listet Lenoir in seinem Nachwort eine Reihe von Ma\u00dfnahmen auf, die die Situation der Tiere verbessern sollen. Dazu geh\u00f6ren die Schaffung eines ethischen Labels f\u00fcr artgerechte Tierhaltung, das Verbot von Tierversuchen, die Schaffung eines Staatssekretariats f\u00fcr die Lebensbedingungen der Tiere. Und weil es vor allem in Frankreich, trotz Hunderter von Tierschutzorganisationen, an einer Koordination fehle, hat Lenoir beschlossen, ein <em>Ensemble pour les animaux <\/em>zu gr\u00fcnden. Der auf der Vorderseite des grauwei\u00dfen Hardcovers abgebildete Schimpanse w\u00fcrde die Umsetzung dieser Initiative sicherlich bef\u00fcrworten!<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/offenerBrief.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89325 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/offenerBrief-188x300.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/offenerBrief-188x300.jpg 188w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/offenerBrief-260x415.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/offenerBrief-160x255.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/offenerBrief.jpg 313w\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a>Offener Brief an die Tiere und alle<\/strong>, die sie lieben, von Fr\u00e9d\u00e9ric Lenoir. Aus dem Franz\u00f6sischen \u00fcbersetzt von Ute Kruse-Ebeling. Ditzingen (Reclam) 2018<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wenn ein\u00a0 renommierter Religionswissenschaftler und Mythenforscher sich in einem offenen Brief an die Tiere wendet, dann reiht er sich in die Reihe derjenigen ein, die weltweit in Tierbefreiungsgesellschaften t\u00e4tig sind, um die Objekte menschlicher Befriedigung und Zweckerf\u00fcllung zumindest ideell&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/11\/14\/offener-brief\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2506,1158],"class_list":["post-63297","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-frederic-lenoir","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63297","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63297"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63297\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101380,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63297\/revisions\/101380"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63297"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63297"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63297"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}