{"id":63286,"date":"2024-04-01T00:01:00","date_gmt":"2024-03-31T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63286"},"modified":"2022-02-23T15:51:20","modified_gmt":"2022-02-23T14:51:20","slug":"notizen-zu-thomas-kling","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/04\/01\/notizen-zu-thomas-kling\/","title":{"rendered":"Thomas Kling \u2022 Revisited"},"content":{"rendered":"<div class=\"field field-name-body\">\r\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\"><em>literatur und tod<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">d literatur, des wisz jo<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">ist a gaunz a diaffs grob<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">wo kaana drin waas<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">ob a jemoes a r aufaschde\u00adhung hod<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Ernst Jandl<\/p>\r\n<p align=\"right\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>arnikabl\u00e4ue \u2219 aber annette \u2219 ausgerottete augn<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Freunde aus Kindertagen wundern sich jedes Mal, wenn wir uns denn, alle paar Jahr, eher zuf\u00e4llig einmal treffen, \u00fcber mein \u00bbphotographisches Ged\u00e4chtnis\u00ab (wie Kraus es nennt), sie lachen, rau\u00adnen, sch\u00e4kern, wenn ich ihnen haarfein Situa\u00adtionen schildre, in denen sie einst die Hauptroll spiel\u00adten und die sie v\u00f6llig vergessen haben. 27. M\u00e4rz 2015. W\u00e4hrend ich in der von Jo Lendle (mit Co-Her\u00adausgeber) edierten \u203aNeuerfindung\u2039 der <em>Akzente<\/em> bl\u00e4ttre, in der er es b\u2219u\u2219c\u2219h\u2219s\u2219t\u2219\u00e4\u2219b\u2219l\u2219i\u2219c\u2219h <em>seh\u00adcil\u00adg\u00f6mnu<\/em> zu lesen gibt, <em>we start to have this panicked feeling<\/em> (Mira Gonzales), scheint die Welt, Grie\u00adchen\u00adland\/Irak\/Jemen hin, Nigeria\/Syrien\/Vanuatu her, aus nichts als einem in den franz\u00f6sischen Al\u00adpen abgest\u00fcrzten Flugzeug zu be\u00adstehn. Ich blend mich radikal raus aus dem medial grellgeblen\u00addeten \u203aZeit\u2039-Geschehn (\u203aZeit\u2039 sei k\/eine Illu\u00adsion, murmelts, malizi\u00f6s?, hinterm R\u00fccken), leg eine andre Filmroll ein : Sonntag, 3. April 2005. \u00dcberm\u00fctiger Sonnen\u00adschein, tollk\u00fchner Wind schon den gan\u00adzen Tag. Nachmitt\u00e4glicher Zweifelgang von Sistig \u00fcber Stein\u00adfeld nach Urft runter, an der Post wendend, zur\u00fcck den steilen Berg nach Steinfeld rauf, wo Peer Quer mich an der Einfahrt zum Kloster mit seiner Rostlaub abholt. Motorr\u00e4\u00adder \u00fcberho\u00adlen dr\u00f6hnend, auf der Krekeler H\u00f6h sch\u00fctteln Osterglocken gl\u00fchende K\u00f6pf.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>unbekannt und unbew\u00e4ltigt<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der exorbitanten Tasse Darjee\u00adling seh ich mich im angestammten Sessel sitzen, weiterle\u00adsen in Dieter Fortes <em>Haus auf meinen Schultern<\/em>, der Romantrilogie, die den 2. Weltkrieg, insbesondre den Luftkrieg aus Sicht der Bev\u00f6lkerung schildert. Ein Buch, von dem W. G. Sebald behauptet, es exi\u00adstiere nicht. W\u00e4hrend ich die W\u00f6rter auf\u00adnehm, die sich im Kopf zu Bildget\u00f6s verformen, blick ich bisweilen hoch, betracht im Garten bl\u00fchende Blumen, Narzissen, Osterglocken, Primeln, beobacht das Schattenspiel von \u00c4sten, St\u00e4mmen, Zweigen der Eberesch, des Bergahorns. Das Bild des am Vorabend verstorbnen Papstes scheint unvermittelt vorm geistigen Aug auf (im blin\u00adden Fleck : Bomben im Irak, in Thailand, Marburg-Virus in Angola). Ich wart auf das Schlu\u00df\u00adresultat des Fu\u00dfball\u00adspiels der M\u00fcnchner L\u00f6wen gegen die K\u00f6lner Gei\u00dfb\u00f6cke, hier geht\u2019s, am 27. Spieltag, um den Aufstieg in die Bundesliga. Ich les : <em>Am anderen Morgen, als alle den Raum verlie\u00dfen, lag er immer noch da und bewegte sich nicht und starrte in den Himmel und war tot. Der Junge sah noch lange diesen dunklen, bewegungslosen Klumpen, f\u00fcr den sich keiner interessiert hatte, das Lied und den schreien\u00adden Gesang verga\u00df er nie mehr<\/em>. Kurz zuvor wird Louis Armstrong erw\u00e4hnt (die Amerikaner sind in das St\u00e4dtchen einmar\u00adschiert), und ich such die CD raus, um <em>C\u2019est si bon<\/em> zu h\u00f6\u00adren. Sekun\u00adden sp\u00e4\u00adter, gegen halb f\u00fcnf, klin\u00adgelts Telefon (was selten ist an einem Sonntagnach\u00admittag). Ich leg das Buch auf den Tisch, dr\u00fcck die Stoptast am Player. Das Dis\u00adplay auf dem H\u00f6rer verr\u00e4t nichts au\u00dfer : Unbekannt. Ich meld mich, h\u00f6r unvermittelt die Stimm von Axel Kutsch. Ich halt den Film an, katapultier mich zur\u00fcck zum 27. M\u00e4rz 2015, greif nach Friederike Mayr\u00f6ckers 2005 erschienenen <em>Ge\u00adsammelten Gedichten<\/em>, find schnell das Gedicht, das ich such :<\/p>\r\n\u00a0<\/div>\r\n<div class=\"field field-name-body\"><em style=\"letter-spacing: 0.05em;\">ein \u00fcberaus sch\u00f6nes und blaues Man\u00f6ver \/<\/em>\r\n<p><em>Lilien auf die Brust gemalt \/ <\/em><br \/><em>f\u00fcr Thomas Kling<\/em><\/p>\r\n<p>in den Haaren die Lindenbaumf\u00e4cher<br \/>nordafrikanischer Kn\u00f6tchenfrucht<br \/>springen im funkelnden Wind n\u00e4mlich<br \/>zu Boden gesch\u00fcttelt vom zaubrischen<br \/>Schopf oder Duft oder H\u00f6lderlins Jugendlocke<br \/>oder es steigt ein H\u00fcndchen schwammig<br \/>ins herbeigerufene Taxi<br \/>oder es stehen weisze Tennisschuhe zum Trocknen<br \/>in der Sonne am offenen Fenster<br \/>oder man liegt ausgestreckt mit w\u00e4chsernen<br \/>Ohren auf einer Bank im Halbschatten des Baumes<br \/>welcher die Herzschl\u00e4ge z\u00e4hlt<br \/>\/ einer heiligen Caterina von Siena<br \/>mit dem Lilienstab vor den weiszen, vor den<br \/>halbge\u00f6ffneten Augen<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\"> \u00a0<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>sehschlitze \u2219 sektionsergebnis \u2219 stimmen<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Film l\u00e4uft weiter, ich seh, wie ich mich wundre, Kutsch und ich haben doch erst tags zuvor lange miteinander gesprochen. Mir ist klar, da\u00df er anruft, um etwas Au\u00ad\u00dferordentliches mitzu\u00adtei\u00adlen. Ich rechne, gern schon mal hoffnungslos optimistisch, mit einer guten Botschaft, h\u00f6r nach kurzer Begr\u00fc\u00ad\u00dfung : \u00bbThomas Kling ist tot.\u00ab Kutsch hats von Markus Pe\u00adters erfah\u00adren. An Karfrei\u00adtag, eine gute Woch zuvor erst, haben wir stundenlang <em>beisamm\u2019<\/em> gesessen und, begeistert, \u00fcber Thomas Kling bzw. dessen gerade erschienenes Buch <em>Auswer\u00adtung der Flugdaten<\/em> gesprochen, intensi\u00adv, ja, be\u00adrauscht \u00fcber ein Buch gesprochen, das sich im ersten Kapitel so radikal mit dem Tod ausein\u00adander\u00adsetzt \u2013 und jetzt diese Mitteilung. Ein Schlag vor den Kopf. Wir reden, in Gedanken irgendwo und sehr weit weg, \u00fcber Thomas Kling, z\u00e4hlen ihn zu den Vorreitern der Lyrik der letzten 20 Jahre, fl\u00fcchten in Floskeln, faseln von her\u00adbem Ver\u00adlust usw. (Ich wei\u00df, ich wei\u00df, Herr Wittgen\u00adstein, die W\u00f6rter versagen : <em>Wovon man nicht sprechen kann, dar\u00ad\u00fcber mu\u00df man schweigen<\/em>.) Wir beenden das Ge\u00adspr\u00e4ch nach weniger als vier Minuten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>warnun\u2019! \u2219 wasserstandsbericht \u2219 wespen \u2219 wespen 2 \u2219 wespen 3<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ein Vers kann sich wie gereimt anh\u00f6ren, ohne da\u00df er einen Reim hat<\/em>, f\u00e4llt Eckermann auf, und Goethe wei\u00df nat\u00fcrlich, wann das der Fall ist : <em>Es liegt im Rhythmus<\/em>. Thomas Kling geht einen gro\u00dfen Schritt weiter, indem er katego\u00adrisch jede wie auch immer schwindelweichgesp\u00fclte Alternativ ausschlie\u00dft : <em>Gedichte sind immer vom Rhythmus gepr\u00e4gt, sonst sind es keine Gedichte<\/em>. \u2013 \u2013 \u2013 Am Sonntag, dem 23. Mai 2010, steh ich, berauscht von Marino Formentis Klavierkonzert <em>Kurt\u00e1g\u2019s Ghosts<\/em>, vor Thomas Klings Haus auf der Raketen\u00adstation Hombroich. Nie bin ich ihm pers\u00f6n\u00adlich begegnet, wir haben nicht einmal telefo\u00adniert, einander einen Brief geschrieben. Christina D\u00f6ring im Gespr\u00e4ch mit Enno Stahl :<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">&#8222;Thomas Kling war ein sehr impulsiver, ein, das wissen wir, liebenswerter, geradezu z\u00e4rtlicher Autor, sowohl im Umgang mit nahezu t\u00e4glichen Anrufen, Telefonaten, Erkundigungen nach dem Wohlbefinden, dem Durch\u00adsprechen von Kritiken, B\u00fcchern anderer Autoren, das Sichten sozusagen der Konkurrenz, das auf der einen Seite. Nehmen wir sein Schreiben, den Schreibprozess, das Entstehen seiner Manuskripte, so war er hier ein Lyriker, mit dem man auch sehr leicht umgehen konnte, in dem Sinne, dass er aller Kritik gegen\u00fcber sehr auf\u00adgeschlossen war, sehr hellh\u00f6rig war. Und er hat niemals um ein Gedicht gestritten, wenn ich der Meinung war, das passt hier nicht rein, oder das f\u00e4llt ab oder das ist schw\u00e4cher.&#8220;<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mitte der 1990er Jahre beginnt die wortw\u00e4h\u00adrend intensi\u00adver gewor\u00addene Auseinandersetzung mit dem Werk Thomas Klings, die in der Zeit jener ersten Ann\u00e4herung Raufen und Ringen um jeden w\u00f6rtlichen Gel\u00e4ndegewinn bedeutet. Das Bit\u00adzeln, Kribbeln, Pric\u00adkeln, das ich heut mehr denn je beim Lesen Klingscher Gedichte erleb, war von Beginn an da. Grund genug, am Ball zu bleiben \u2013 eben wegen der <em>eckn kantn<\/em>, der <em>an\u00admut und rohheit in st\u00fcckn<\/em>, die die Gedichte Thomas Klings auf so markante Art kennzeichnen. Olaf H. Hauge, der Norweger, schreibt 1948 ins Tagebuch (das An\u00adfang 2015 in Klaus Anders\u2019 \u00dcbertra\u00adgung als <em>Mein Leben war Traum \u2219 Aus den Tageb\u00fcchern 1924-1994<\/em> in der Edition Rugerup erscheint) : <em>Ein Lyriker soll seinen Blick nicht auf die Leser richten, sondern auf ein Ma\u00df, das wir nicht kennen, er soll immer weiter gehen, obwohl ich ihn mir gut als einen Kommen\u00adden denken kann. Was ich meine: Er soll nicht in die Runde schauen, auf die Wirkung seiner W\u00f6r\u00adter, son\u00addern bei sich bleiben, hingeris\u00adsen, au\u00dfer sich, so wie ein Kind spielt.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>erfassung \u2219 erprobung \u2219 ethnom\u00fchle \u2219 ende<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich Klings Gedichte les, bin ich hochgradig konzentriert, dabei distanziert \u203acool\u2039; hier ge\u00adschieht, naturgem\u00e4\u00df, was stets beim Lesen eindrucksstarker Gedichte geschieht : Die lyrische Tiefen\u00adstruk\u00adtur \u00fcber\u00adtr\u00e4gt sich auf den Leser, Kling ist als Autor der Installationsmei\u00adster, ich als Leser zwangsl\u00e4ufig (m\u00f6g\u00adlichst souver\u00e4ner) Gesell, sein Gedicht nennt er nicht \u203aGedicht\u2039, sondern : <em>Sprachinstallation<\/em>, die anar\u00adchisch, bissig, knochig ist, hier <em>glitscht<\/em>, <em>sp\u00fclt<\/em>, <em>br\u00f6ckelt<\/em> es \u2013 horizontal, verti\u00adkal, <em>erster vogelherd (vorwerk) \/\/ lerche, die zungn und himmel verschraubt. \/ garne im blick, blickgaze, \u2026 und stellt sich \/ als vogelsteller vor, als vogelherd. \/ schnappt irgend etwas zu?<\/em> Im <em>Jahrbuch der Lyrik 2015<\/em> st\u00f6\u00dft mich, auf Seite 134, Michael Busel\u00admeiers <em>Polarfuchs <\/em>mit har\u00adter Schnauze an :<em> Wie mich der Dichter Thomas Kling \/ anrief \/ ein einziges Mal \u2013 \/\/ der sonst scharf dekla\u00admierte \/ wirbelnd \/ die Worte zersang \/\/ hauchte kaum h\u00f6rbar ins Handy \/ ich habe Krebs kratze ab im Mai \/kann leider nichts mehr bei- \/ tragen zu deinem neuen Wunderhorn \/ nun musst du\u2019s allein richten \/ in Ruhe kr\u00e4chzte er fror \/\/ dieser Moment als ich wankte \/ und mich am Stuhl festhielt \/ der heiser knarzte (Polarfuchs) \/ Mensch machs gut \/ verfluch\u00adtes Ende in Schrecken \/ im Schlund \/ die blaue Zunge Lunge \/ Sprachspielver\u00adlust<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>rotor \u2219 raketenstation \u2219 radiologisch \u2219 ragazza \u2219 ruma<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMancher Weg mag nach Rom f\u00fchren (oder sonstwohin), an <em>Westw\u00e4rts 1 &amp; 2<\/em> f\u00fchrt kein Weg vor\u00adbei\u00ab, schreib ich in <em>Flickenteppich \u2219 Blicke auf Brinkmann<\/em>, und fahr fort : \u00bbWer im Lyrikdiskurs mitre\u00addet, ohne die\u00adses Gedichtbuch zu lesen, der soll halt weiter mitreden. Geredet wird ja viel, wie ich gelegent\u00adlich h\u00f6r. Ich kann da nicht mitreden. <em>Bist du nicht alt genug zu schweigen?<\/em> (hei\u00dfts in Joseph Roths Roman <em>Hiob<\/em> \u2026)\u00ab. Das gilt, da bei\u00dft die Maus keinen Faden ab, genauso f\u00fcr Thomas Klings gro\u00dfes Gedichtbuch <em>Gesammelte Ge\u00addichte 1981 \u2013 2005<\/em>, das mich entscheidend dabei unterst\u00fctzt, das Lebenschaos, wenn schon nicht zu meistern, so doch immerhin, ein bi\u00dfchen wenigstens, auf Di\u00adstanz zu halten, und so les ich und les und les : <em>Was ist das Chaos? Eine masse, ungestalt, \/ Wo jedes element sich im geheimen h\u00e4lt, \/ Dazu verschieden ist die sonn\u2019 im Chaos bald \/ Geord\u00adnete wirrnis der elemente<\/em>, les ich auf Seite 583 im Sonett <em>Francesco Maria Santinelli (1627\u20131697)<\/em>, sto\u00df dort auch auf das Wort : <em>entsetzlich<\/em>. \u2013 \u2013 \u2013 Was spricht dagegen, Thomas Kling (der 1990 den RDB-Preis der Stadt K\u00f6ln er\u00adh\u00e4lt) in einem Atemzug mit Rolf Dieter Brink\u00admann zu nennen? Beide haben, sich Tag f\u00fcr Tag verausgabend, rastlos Zuflucht in \u2013 chronisch beargw\u00f6hnter \u2013 Sprach suchend : <em>\u00fcberdr\u00fcssig aller, die mit Worten, Worten, aber keiner Sprache daherkommen<\/em> (Tomas Transtr\u00f6mer), sich Welt als \u2013 immer\u00adfort belauertem \u2013 Wort neu erfindend, am selben Stamm ge\u00adschnitzt \u2013 jeweils vom andren End aus, geh\u00f6ren, <em>O Captain! My Captain!<\/em>, derselben <em>Dead Poets\u2019 Society<\/em> an wie Franz Kafka, der am 14. Au\u00adgust 1913 an Felice Bauer schreibt : <em>Ich habe kein literarisches Interesse, sondern bestehe aus Litera\u00adtur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.<\/em>Kling beschleift die W\u00f6rter, Brinkmann h\u00e4m\u00admert die W\u00f6r\u00adter mit geradezu dr\u00f6hnend mono\u00adtonen Anaphern in die K\u00f6pf. Beide, bildwortbeses\u00adsene Erneue\u00adrer, wollen die <em>morsch<\/em> ge\u00adwordne Sprach aufp\u00f6beln \u2013 aktuell, frei, gegen\u00adw\u00e4rtig, glaubw\u00fcrdig, leben\u00addig, <em>absolument moderne<\/em>, wahr\u00adhaft \u00fcberzeitlich zeitgem\u00e4\u00df ma\u00adchen. Kling hat, glaub ich, mehr Gemeinsamkeiten mit Brink\u00admann, als ihm lieb ist. So sehr Thomas Kling sich mit Ste\u00adfan George identifi\u00adziert, so sehr distanziert er sich von Brink\u00admann. Beim Lesen der Neuaus\u00adgab von <em>Westw\u00e4rts 1 &amp; 2<\/em> f\u00e4llt mir wieder auf, da\u00df auch Brinkmann, gesprochne Sprach zum Vorbild nehmend, mit Elisionen arbeitet. Kein Lyriker (vergleichbar in dieser Hinsicht dem Prosaautor Arno Schmidt) hat gesprochne Sprach \/ Slang \/ Jargon so konsequent in lyrisches Argot verwandelt hat wie Tho\u00admas Kling, dessen Ge\u00addichte ich beim Lesen immer wieder vor mich hinfl\u00fcstre : \u2026 <em>wenn dia\u00adgnose steht ersma\u2019 frantic. \/ wie man eint\u00e4ufte in meine brust, \/ rumfuhrwerkte darin und loren proben \/ abtrans\u00adportier\u00adten, nix von gemerkt \u2013 frantic<\/em>. So gewinnen sie eine erwei\u00adterte Dimension, die Kling ja unbe\u00addingt vor\u00adschwebt \u2013 wobei ich freim\u00fctig einr\u00e4um, da\u00df mir Klings Gedichte beim Lesen n\u00e4her sind als bei dessen Vortrag. Ich wei\u00df, er gilt als gro\u00dfer Performer; es liegt wohl in erster Linie daran, da\u00df ich mehr der mit dem inn\u00adren Ohr lau\u00adschende \u203aLeser\u2039 bin. Hans Bender : <em>Splendid isola\u00adtion. Ich, allein, mit einem Buch. <\/em>That\u2019s it \u2013 und drum geh ich in diesen Notizen auch nicht n\u00e4her auf jene ge\u00adwichtige Kom\u00adponent Klingscher Klang\u00adkunst ein.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>tarnfarbe \u2219 troerinnen \u2219 tapetnordnun\u2019<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur\u00fcck im Sessel. Versuch weiterzulesen im <em>Haus auf meinen Schultern<\/em>. Les eine Seit, blick hoch, les, Bensch fl\u00fcstert mir zwischendurch zu, die K\u00f6lner h\u00e4tten sich, ohne ein Tor zu erzielen, ein magres Unent\u00adschieden erspielt (womit auch Michael Lentz, Matthias Politycki, Lutz Seiler kaum zufrie\u00adden sind), ich wink ab, die Sonn ist hinterm Haus verschwunden, ich m\u00fc\u00dft mich ins E\u00dfzim\u00admer set\u00adzen, um die sonnen\u00ad\u00fcberflutete Wiese zu \u00fcberblicken, auf der die vielen noch blattlosen B\u00e4ume, Str\u00e4u\u00adcher stehn, die ich im Lauf der Zeit gepflanzt hab. Wieder klingelt das Telefon. Es ist, zum Gl\u00fcck, f\u00fcr Mrs Columbo. Ich geh die Trepp run\u00adter in den Raum, den Axel Kutsch <em>Lyrikka\u00adbi\u00adnett<\/em> nennt und in dem zwischen B\u00fcchern der Rechner steht, den ich hoch\u00adfahr, um mit der Niederschrift dieser Zeilen anzufangen. Ich steh noch mal auf, geh zum Regal mit den B\u00fc\u00adchern der K-Autoren : K\u00e4st\u00adner, Kirsch, Kirsten, Klabund, Kolbe, Koneffke, Kre\u00adchel, Krolow, Kr\u00fcger, Kuhligk, K\u00fchn, Ku\u00adnert, Kutsch, \u2026, greif das Dut\u00adzend Kling-B\u00fccher raus.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>unbewaffnet \u2219 umgelegt<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst bl\u00e4ttre ich in <em>erprobung herzst\u00e4rkender mittel<\/em>, <em>geschmacksver\u00adst\u00e4rker<\/em>, <em>brennstabm<\/em>, \u00bb<em>nacht.sicht.ger\u00e4t<\/em>\u00ab, dem 1994 bei Suhrkamp er\u00adschienenen Sammel\u00adband, der die ersten vier Lyrik\u00adb\u00e4nde Klings umfa\u00dft, in de\u00adnen es immer wieder auf \u00e4tzende, bellende, auch sarkastische, zyni\u00adsche Sprachart und Sprech\u00adweis zur Sach geht, sodann in <em>ge\u00adschmacksver\u00adst\u00e4rker<\/em>, das ich zus\u00e4tzlich als Einzelausgab hab (mein erstes Klingbuch \u00fcberhaupt : Mit Thomas Klings <em>sendeschluss<\/em> aus <em>ge\u00adschmacksverst\u00e4rker<\/em> sowie kurzem Kommentar zum Buch endet der Hauptteil der 1999 erschienenen Monographie <em>Ohne Punkt &amp; Komma <\/em>: \u00bbUnd \u00fcber\u00adhaupt, womit wurde die Lyrik der 90er Jahre denn ei\u00adgentlich eingel\u00e4u\u00adtet? Nein, nein, nicht im allge\u00admeing\u00fclti\u00adgen Sinn, der Ihnen jetzt vielleicht in den Kopf schie\u00dft, ganz konkret will ich mich festle\u00adgen, auf ein einziges Buch : Thomas Klings <em>geschmacksver\u00adst\u00e4rker<\/em> von 1989. Hier sind Gedichte aus den Jahren 1985\/88 versam\u00admelt, die Vorreiter sind f\u00fcr (s)einen dominanten, repr\u00e4sentativen Stil der 90er Jahre, mit dem eine Reihe von Dichtern sich besonders intensiv ausein\u00adandergesetzt hat : Mar\u00adcel Beyer, Dieter M. Gr\u00e4f, Norbert Hum\u00admelt, Ingo Jacobs, Stan La\u00adfleur, Enno Stahl sind Namen, die mir im Klingschen Kontext einfal\u00adlen.\u00ab <em>Ich glaube, das liegt auf der Hand, und dar\u00fcber kann es keinen Streit geben, er hat mit seinen Gedichtsprachen die junge Generation enorm beeinflusst, und jedes von ihm erschienene Gedichtbuch hat eine neue Rezeption ausgel\u00f6st, er war ein Impulsgeber im Bereich des Lyrischen.<\/em> (Christian D\u00f6ring)<\/p>\r\n\u00a0\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">sendeschluss<\/span><\/p>\r\n\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 zackn, faltnw\u00fcrfe, ge<br \/>tr\u00e4nkter nabel; unterm geweihten<br \/>hirschn vermischt sich der speichel,<br \/>ein entstehendes nach mitternacht<br \/>zungenbild;<br \/>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 flackernde couch,<br \/>dar\u00fcber geht das schattenrangeln,<br \/>b\u00fcndige umklammerung; \u00fcberm kleider-<br \/>berg (dunkler bausch) gest\u00f6hnte<br \/>schrankwand: un\u00fcberh\u00f6rbares weis-<br \/>ses rauschn, gebauschtes dunkel,<br \/>hingehuscht<\/div>\r\n<div class=\"field field-name-body\">\u00a0\r\n<p style=\"text-align: right;\"><em>namensreste \u2219 nekropolen \u2219 notgrabun\u2019<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich leg das Buch aus der Hand, nachdem ich hier ein Wort, dort einen Vers gelesen, nein, in er\u00adster Linie die graphische Gestaltung der Gedichte, die Anordnung der Verse be\u00adtrachtet hab, greif zum K\u00fcnstlerbuch <em>w\u00e4nde machen<\/em>(Kleinheinrich, M\u00fcnster 1994), dem Buch mit Aquarellen und Gedich\u00adten, das Kling gemeinsam mit der K\u00fcnstlerin Ute Langanky macht. Ist <em>w\u00e4nde machn<\/em> mein \u203aprimus inter pares\u2039 unter den B\u00fcchern Thomas Klings? (Habs dreimal komplett gelesen \u2026) Die von mir vor allen andren bevor\u00adzugte <em>Sprachinstallation<\/em> Thomas Klings (die ich sicherlich mehr als ein Dut\u00adzend Mal gelesen hab) ist jedenfalls das 12strophige Urbangebilde <em>Manhattan Mund\u00adraum<\/em>, gespickt mit <em>granit\u00adplattn, organbank, hotelheiz\u00adk\u00f6rper, nachtthier, satellitnphotos, na\u00adgelschluchtn, schwirr\u00adfl\u00fcg\u00adler, morsche palisadn, rostplackn, schwarzgl\u00fc\u00adhende suppe, steinbrei, der dickt<\/em>, das geradezu fa\u00dfbar, f\u00fchlbar das Kling\u00adsche For\u00adschen nach dem Ursprung der W\u00f6rter, das Aus\u00adschw\u00e4rmen und Ein\u00addrin\u00adgen in alle erreichba\u00adren Schich\u00adten menschlicher Existenz, <em>knatternde schatten<\/em>, das Zerhacken und Zerbr\u00f6seln, <em>man mu\u00df das Mate\u00adrial kalt halten<\/em> (Gottfried Benn), Zentrifugieren, Amalga\u00admieren offenbart, nachzule\u00adsen im mit total gegenw\u00e4rtigen, asso-, dissonanten, katachresischen, metaphori\u00adschen, spr\u00f6\u00adden, syn\u00e4sthetischen, ono\u00admatopoetischen, simultani\u00adschen, <em>Mundr\u00e4ume<\/em> ausleuchtenden Wort\u00adkombinatio\u00adnen verdichteten Lyrikband <em>morsch<\/em>, der 1996 bei Suhr\u00adkamp erschien) :<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"field field-name-body\">\u00a0<span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">Manhattan Mundraum<\/span>\r\n<p>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 1<\/p>\r\n<p>die stadt ist der mund<br \/>raum. die zunge, textus;<br \/>stadtzunge der granit:<br \/>geschmolzener und<br \/>wieder aufgeschmo-<br \/>lzner text. beiseite-<br \/>gesprochen, abgedun-<br \/>kelt von der hand: die<br \/>ruinen, nicht hier, die<br \/>z\u00e4hnung z\u00e4hlung der<br \/>stadt!, zu bergn zu ver-<br \/>bergn! die gez\u00e4hltn, die<br \/>mit den wei\u00dfn gebissn,<br \/>die aus den blickn ent-<br \/>ferntn: die gesperrtn.<br \/>maulsperre, mundh\u00f6hle<br \/>die stadt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">. \u00a0<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>gegnsprech \u2219 gebr\u00fcll \u2219 greisenzischen<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lyrikdoktor Jakob Stephan (alias Steffen Jacobs) stellt in <em>Lyrische Visite<\/em> (Haffmanns, Z\u00fcrich 2000) keine allzu g\u00fcnstige Diagnos im Hinblick auf die durchg\u00e4ngige rezeptive Verwert\u00adbarkeit der Ge\u00addichte dieses Buchs : <em>In morsch nun fallen wohlfeile Pose und h\u00f6herer Sinn ein ums an\u00addere Mal auseinan\u00adder<\/em>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>dresden \u2219 drift \u2219 dorne<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicolai Kobus h\u00e4lt dagegen : <em>Mit morsch, so scheint es, hat Thomas Kling sein Schreiben im synapsn-slang perfektio\u00adniert. Mit beeindruckender Souver\u00e4nit\u00e4t verf\u00fcgt er \u00fcber sein Arsenal an poetischen Gestaltungsmit\u00adteln: Kaum ei\u00adner bricht derzeit virtuoser Zeilen auf und um, bewegt sich leichter durch das perma\u00adnente Wechsel\u00adspiel von Demon\u00adtage und Rekonstruktion, dem Bescha\u00adben und erneuten \u00dcberschriften verwirrender Palimpseste<\/em>. Dabei gelingen Tho\u00admas Kling unterschiedlichste Tonarten, so \u00fcberrascht er, beispiels\u00adweis, mit diesem vollkommen anders als <em>manhattan mundraum\u00a0<\/em>klingenden Gedicht :<\/p>\r\n\u00a0\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">der m\u00f6nch von montaudo<\/span><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">:<\/span><\/p>\r\n<p>plazer<\/p>\r\n<p>und es gef\u00e4llt mir sehr im sommer<br \/>an quelle oder flu\u00df mich aufzuhaltn;<br \/>und gr\u00fcn di wiese, blumenflor unds<br \/>singn sanft die kleinen v\u00f6gel;<br \/>und meine geliebte, insgeheim,<br \/>es schnell mal mit mir macht.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>endorphinaussch\u00fcttung \u2219 eifelbrief \u2219 echtfoto<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die beiden gleichartig gestalteten, wespengelb strahlenden Gedichtb\u00fccher <em>Fernhandel<\/em> (DuMont, K\u00f6ln 1999) und <em>Sondagen<\/em> (DuMont 2002) fallen in die Augen. <em>Fernhandel<\/em> verbl\u00fcfft mit Formen, die ich so bislang bei Kling nicht kenn. Die seit sp\u00e4testens 1989 pr\u00e4sente, immer wieder auf Haltbar\u00adkeit er\u00adprobte \u203atypische\u2039 Klingform erweitert sich mit lang\u00adversigen, endlose Soldatenkolon\u00adnen des 1. Welt\u00adkriegs heraufbe\u00adschw\u00f6renden Dreizeilern, sind etwas so bei Kling noch nicht Geseh\u00adnes mit <em>frakturstem\u00adpel<\/em>, <em>lazarett<\/em>, <em>ver\u00adbandsplatz<\/em>. Und da\u00df (und wie!) er sich, beispielsweis, mit dem letzten mittel\u00adal\u00adter\u00adlichen Minnes\u00e4nger Oswald von Wol\u00adkenstein befa\u00dft, macht diesen (in der \u00d6ffent\u00adlich\u00adkeit mitunter unnahbar wirken\u00adden) Kling auf einmal unvermutet zug\u00e4nglich \u2013 auch sprachlich : Da er\u00adkenn ich, wie kongenial nachzuempfinden dieser hypersensible Typ in der Lag ist. Narrative Simultan\u00adcollagen, extrem rhetorische attributive Kombina\u00adtionen zu Bildern aus dem 1. Weltkrieg \u2013 k\u00fchle Elegien? Thomas Kling lesen hei\u00dft sich die volle lyrische Dr\u00f6hnung ge\u00adben : Diese anti\u00adkisie\u00adrende, assoziative, dichte, hommagierende, inten\u00adsive, kritische, lautmalende Art, Gedichte zu verfas\u00adsen, Wort zu Wort zu setzen, cool, selbstgewi\u00df, kompromi\u00dflos, <em>es tut mir leid: gedicht ist nun einmal: sch\u00e4del\u00admagie<\/em>, l\u00e4\u00dft mich auch diesmal nicht los, bestimmt, wie oft schon, das wei\u00adtre Ta\u00adgesge\u00adschehn (von der Nacht ganz zu schweigen). Diese for\u00adcierte Lyrik ist bewu\u00dftseinserwei\u00adterndes Ge\u00adnu\u00dfgift, anschei\u00adnend nicht jeder\u00admanns Sach, immer wieder kom\u00admen mir geradezu feindse\u00adlige T\u00f6n von Autoren zu Ohren, die offenbar \u00fcberfordert sind mit die\u00adsen sprachsprengen\u00adden W\u00f6r\u00adtern, Versen, Strophen, die den Leser zu h\u00f6ch\u00adster Aufmerksamkeit provoziern : <em>Das Gedicht duldet nur keine Un\u00adduldsamkeit<\/em>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><em>retina \u2219 rostschutz \u2219 r\u00fcben\u00e4cker \u2219 reste<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Thomas Kling hat die fieberhafte Aufbruchstimmung in der Lyrik der 1990er Jahre ma\u00dfgeb\u00adlich ge\u00adpr\u00e4gt, sein lyrisches und essayistisches Werk (das er im letzten Buch endg\u00fcltig ineinander ver\u00adschr\u00e4nkt) konsequent vorangetrieben, perfektio\u00adniert. Das zeigt sich erneut in den poly\u00adglotten <em>Sonda\u00adgen<\/em>, die Hein\u00adrich Detering so umschreibt :<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">2Sehr weit hinab geht diese Fahrt, aus den Nato-Bunkern in den Hades der Eury\u00addike, zu Mars und Minerva, zu Spr\u00fc\u00adchen Anaximanders und des delphischen Ora\u00adkels, die Kling der \u00bbGriechischen Anthologie\u00ab nachdichtet, und in die dionysischen La\u00advastr\u00f6me unterhalb aller Geschichte. Immer tiefer, von der Gegenwart im ersten Kapi\u00adtel bis in die antiken Anf\u00e4nge des vorletzten, senkt sich das poetische \u00bbbleilot\u00ab in jenen \u00bbbrunnenbereich\u00ab, den man wohl un\u00adergr\u00fcndlich nennen sollte. Wer mit Kling in die Schl\u00fcnde der Vergangenheit hinabgefahren ist, sieht nach dem Wieder\u00adauftauchen die Gegenwart mit anderen Augen \u2013 die erstarrten Basalte in den lich\u00adten Ge\u00adh\u00f6lzen der Eifel bei\u00adspielsweise, hinter der aufgegebenen Raketenstellung von Hombroich, dort, wo Kling heute lebt: \u00bbbr\u00f6ckelig eine ausgegl\u00fchte \/ vom besengin\u00adster bald \/ schon beleuchtete gegend\u00ab. Bis zur Ver\u00adschmel\u00adzung durchdringen sich die Zeiten und Medien, die Kriege der angels\u00e4chsischen Helden und die der Nato, die Per\u00adgamente und die Tonb\u00e4n\u00adder, der Kiel der archaischen Boote und der gleichna\u00admige Reichskriegsha\u00adfen.&#8220;<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>fundangaben \u2219 falknerei \u2219 frustfunk \u2219 f\u00fcnfter findling<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit <em>Fernhandel<\/em>, <em>Sprachspeicher<\/em>, <em>Botenstoffe<\/em> sowie <em>Auswertung der Flugdaten<\/em> geh\u00f6rt <em>Sondagen<\/em> zu den f\u00fcnf h\u00f6chst ausgefallenen lyrischen bzw. essayistischen B\u00fcchern, die zeigen, wie stark sich der K\u00f6lner DuMont Buchverlag f\u00fcr den Dichter Thomas Kling eingesetzt hat. (Den kolossalen Schlu\u00dfpunkt setzt man 2006 mit den 976 Seiten umfassenden <em>Gesammelten Gedichten<\/em>.) In <em>Sondagen<\/em> les ich u.a. die Fortschreibung des grandiosen Gedichts<em> Man\u00adhattan Mundraum<\/em>. Immerfort assoziierend, entwic\u00adkelnd, feilend, h\u00e4mmernd, mei\u00dfelnd, recherchierend, st\u00f6bernd, zupackend zeigt Kling \u2013 vielleicht auch beseelt von der Vorstellung, die deut\u00adschsprachige Lyrik habe sich seit ihren Anf\u00e4ngen mit <em>Merseburger Zauberspr\u00fcchen<\/em> und <em>Lorscher Bienensegen<\/em> konsequent auf ihn hin entwickelt : <em>nu fliuc du, vihu minaz, hera \/ nu fliegt, meine bienen, her<\/em> \u2013 mit inkompara\u00adblen virtuos-kom\u00adple\u00adxen Wortklanggebilden wie <em>Kiel<\/em> und <em>villa im rheinland<\/em> (usw.) auch in <em>Sondagen<\/em>, was er auf der Pfann hat, eigne Forde\u00adrungen konsequent einl\u00f6send : <em>Gedichte sind immer vom Rhyth\u00admus gepr\u00e4gt, sonst sind es keine Gedichte. Wenn jetzt offenbar in den letzten, in den allerletzten Jahren wieder betont werden mu\u00df, da\u00df ein Gedicht aus Rhyth\u00admus und Musikalit\u00e4t besteht, dann ist das ein Armutszeugnis. Das ist absolut die Vorausset\u00adzung, da ver\u00adliere ich kein Wort dar\u00fcber, au\u00dfer im Moment<\/em>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>luft \u2219 landschaftdurchdringun\u2019<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kling geh\u00f6rt zu den Dichtern, die <em>ins Offene<\/em>, in die Totale der Jetztzeit dr\u00e4ngen. Ohne die Essay\u00adb\u00fc\u00adcher <em>Itinerar<\/em> und <em>Botenstoffe<\/em> w\u00e4r Thomas Klings lyrisches Werk und insbesondre dessen tiefge\u00adhende Wurzeln unvoll\u00adst\u00e4ndig skizziert. <em>Iti\u00adnerar<\/em>, 1997 bei Suhrkamp erschienen, wird, nach einem dampf\u00adhammerm\u00e4\u00dfi\u00adgen ersten Kapitel, in dem Kling in der von ihm so bewu\u00dft gepfleg\u00adten Atti\u00adt\u00fcde von oben herab und pauschal die Lyrikproduktion gleich mehrerer Jahrzehnte in die Regen\u00adtonne kloppt, zu einem poetologischen Leseabenteuer mit immer wieder feurig formu\u00adlierten Ein\u00adblicken, die mich derart bezaubern, da\u00df ich mit Erreichen der letzten Seit zum Surfer im Atlantik bzw. Pazi\u00adfik mutier : <em>Ge\u00addichte lesen und h\u00f6ren wird zum Wellenritt in riffreicher Zone<\/em>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>unmitte \u2219 unerreichbar \u2219 ulmenkrankheit<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In <em>Botenstoffe<\/em> l\u00e4\u00dft sich der Spracharch\u00e4ologe Thomas Kling in Essay und Ge\u00adspr\u00e4ch, begeisternd, belusti\u00adgend, ka\u00adpri\u00adzi\u00f6s, (zumeist) ex\u00adtrem kenntnis\u00adreich, polemisch \u00fcber biographi\u00adsche, hi\u00adstorische, ph\u00e4no\u00admenologi\u00adsche, poetologische Wurzeln der von ihm verfa\u00dften Gedichte aus; ich les das Buch nicht blo\u00df von der ersten zur letzten Zeil mit hochintensivem Interesse und gro\u00dfem Ge\u00adwinn, son\u00addern leg es (was mich an den erzwungenen Bauerntausch beim Schach erinnert) immer wie\u00adder zur Seit, um in von Kling zitierten Gedichte nachzuschlagen und <em>w\u00e4nde machen<\/em>, das Aquarell\u00adgedicht\u00adbuch, komplett wiederzulesen, zu betrachten, was mir in der Nacht Tr\u00e4ume be\u00adschert, von de\u00adnen manch einer vielleicht blo\u00df tr\u00e4umen kann. Leser, was willst du mehr, Autor, was willst du mehr? \u2013 \u2013 \u2013 Dich\u00adtung werde von allen ge\u00admacht, betont Lau\u00adtr\u00e9amont, und Thomas Kling geh\u00f6rt zu den, im \u00fcbri\u00adgen auch kongenial \u00fcbersetzenden Autoren, die nicht nachlassen, zu betonen, wie wesentlich vor\u00adgefundne Spra\u00adch und Dichtung f\u00fcr den Macher von Gedichten ist : <em>Ohne Kennt\u00adnis der Spra\u00adche, der Sprach- und Literaturge\u00adschichte ist nichts zu ma\u00adchen<\/em>, wei\u00df Kling, was Olaf H. Hauge so beglaubigt : <em>Die Kenntnis des Fremden f\u00fchrt uns nicht fort von uns selber, sondern zur\u00fcck zu den eigenen Quellen<\/em>. Zugleich macht Kling in <em>Botenstoffe<\/em> deut\u00adlich, ge\u00adgen wel\u00adche Reimerrieg er sich unmi\u00dfverst\u00e4ndlich ver\u00adwahrt. Was Lau\u00adtr\u00e9amont im tief\u00adsten Sinn vielleicht meint, ist, da\u00df Dichtung von der ganzen Menschheit ge\u00admacht wird und sich der ein\u00adzelne Dich\u00adter zur Mensch\u00adheit verh\u00e4lt wie das K\u00f6rperteil zum Or\u00adga\u00adnis\u00admus \u2013 eins durch alles, alles durch eins. Oder mit andrem Bild : Der Dichter ist das scha\u00admanisie\u00adrende Mitglied der menschli\u00adchen Gesell\u00adschaft, die, natur\u00adgem\u00e4\u00df, unentwegt \u2013 in allen Ni\u00adschen und Schichten \u2013 Dich\u00adtung her\u00advor<u>ruft<\/u>. In diesem Buch \u00fcber Ge\u00addichte und deren Autoren ist Thomas Kling, wie immer enga\u00adgiert, leiden\u00adschaftlich, kompro\u00admi\u00df\u00adlos, auf bissige und facettenrei\u00adche Art mit dem befa\u00dft, was die Welt \u2013 ich stell das mal so in den Klangraum \u2013 <em>im Innersten zusammenh\u00e4lt<\/em> :<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888; letter-spacing: 0.05em;\">Oswald von Wolkenstein tut das, was des Dichters ist \u2013 er l\u00e4\u00dft Namen f\u00fcr sich ar\u00adbei\u00adten. Das Ge\u00addicht verzich\u00adtet auf an\u00adekdotische Nacherz\u00e4hlung, zieht Knapp\u00adheit vor, durch diese Wirkung erzie\u00adlend. Das Ge\u00addicht reicht sei\u00adnen Lesern und H\u00f6rern das In\u00adstantpulver, das wir, le\u00adsend, zum Getr\u00e4nk aufsch\u00e4umen lassen k\u00f6n\u00adnen. So l\u00f6st der Dichter sich auf im eigenen Produkt.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888; letter-spacing: 0.05em;\">Kurz: Zeitgen\u00f6ssische Dichter sollen ruhig aufs Ganze gehen \u2013 also keine Zuge\u00adst\u00e4nd\u00adnisse an die zehn Le\u00adser mehr, tats\u00e4chlich mu\u00df das Gedicht auf einer Ebene voll funktionie\u00adren \u2013 mit dem nicht augen- und ohren\u00adf\u00e4lli\u00adgen, dem subma\u00adritimen Teil des Eisbergs kann sich, so sie nichts Besseres vor\u00adhat, die Taucher\u00adriege der Phi\u00adlolo\u00adgie befas\u00adsen.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888; letter-spacing: 0.05em;\">Mallarm\u00e9 betont, der Vers und alles Geschriebene m\u00fcsse, weil aus dem gesprochenen Wort hervorgegan\u00adgen, im\u00adstande sein, die Pr\u00fcfung durch das Gesprochenwer\u00adden und den Vortrag zu bestehen. Zun\u00e4chst ein\u00admal sind meine Gedichte aber sehr vom Skripturalen abh\u00e4ngig. Sie kommen aus dem Gelesenen, nicht aus dem Ge\u00adh\u00f6r\u00adten, wobei die semantischen Mehrfach-Aufladungen, die bei der wiederholten Lekt\u00fcre augen- und ohren\u00adf\u00e4llig wer\u00adden, nur der schriftliche Text leisten kann. Nat\u00fcrlich ist das Live-Erlebnis f\u00fcr den Vor\u00adtrag eine hochwichtige Angelegenheit. Und da komme ich eben wirklich von der Auftrittsebene, also von ei\u00adner Genealo\u00adgie, die letztend\u00adlich in die Vorschriftlichkeit zur\u00fcckgreift. Das Live-Erlebnis war schon bei ei\u00adnem Ste\u00adfan George, um die Zeit um 1900, eine ganz wichtige Erfahrung. Nat\u00fcrlich steckt auch wieder der Ge\u00addanke des Dichters als Blut\u00adzeuge und zugleich Erl\u00f6serfigur dahinter, und heute, in dieser Umbruchzeit, die wir erleben, Richtung Mitte, geht das auch wieder ein bi\u00dfchen zu diesem Religionsersatz hin, obwohl das kei\u00adner zugeben w\u00fcrde. Das ist klar. Der Dichter zum Anfassen.<\/span><\/p>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"field field-name-body\">\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>grabungskampagne \u2219 galgnzettel \u2219 grenzmuseum \u2219 gewebeprobe \u2219 gesang<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Thomas Kling geh\u00f6rt seit Anfang der 1990er Jahre bis 2005 zu den vom Feuilleton bevorzugten, vielfach vorgestellten Lyrikern, ver\u00adgleichbar mit Ernst Jandl und Robert Gernhardt. Unter Kolle\u00adgen bleibt er bis heut heftig um\u00adstritten. Kontroversen geht er nicht aus dem Weg. Ohne mit der Wimper zu zucken, schl\u00fcpft er auch mal in die Roll des kl\u00e4ffen\u00adden Pin\u00adschers, wenn er etwa seine Ab\u00adlehnung der Gruppe 47 und der Ly\u00adrik nach 68 betont. Und was bringts, derart un\u00addiffe\u00adren\u00adziert Rolf Dieter Brink\u00admann an\u00adzup\u00f6beln, dessen Werk niederzumachen? Der Oberfl\u00e4chen- <em>und<\/em> Tiefen\u00adstruktur des chao\u00adtisch kra\u00adchenden Col\u00adla\u00adgen\u00adbuchs <em>Rom, Blicke<\/em> wird er mit den paar l\u00e4ppi\u00adsch hinge\u00adschmi\u00dfnen Bemer\u00adkungen nicht nur nicht gerecht, Kling scheint sie nicht begreifen zu k\u00f6n\u00adnen. Da\u00df der so hoch\u00adgelehrte \u2013 und sich, bei aller total intendierten Sa\u00adloppheit, durch\u00adweg in\u00adtellek\u00adtuell inszenie\u00adrende \u2013 Tho\u00admas Kling pl\u00f6tz\u00adlich auf derart stamm\u00adhirnge\u00adlenkte Re\u00adaktionen zur\u00fcckge\u00adwor\u00adfen wird : denkmerk\u00adw\u00fcrdig. (Sind die Brinkmannschen r\u00f6mischen Blicke dem Sprach\u00adextremisten Kling etwa zu extrem?) Jedenfalls : Solcher Art P\u00f6belei kennt zumeist eine Richtung blo\u00df : Sie f\u00e4llt auf den P\u00f6bler zu\u00adr\u00fcck. Wenn ich \u00fcber an\u00addre sprech und schreib, <em>other men are lenses through which we read ourselves<\/em>(Emerson), sprech und schreib ich vorder\u00adhand \u00fcber mich.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>direktleitung \u2219 dr\u00fcckt \u2219 dreharbeitn<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Alphatier vertr\u00e4gt kein Alphatier im selben Stall. Kein Ries k\u00e4m auf die Idee, sich mit dem Zwerg zu befassen. Zu Thomas Klings auff\u00e4lligen Eigenarten geh\u00f6rt unbedingt, radikal abzuleh\u00adnen. Bissig, herblassend, polemisch, vehement kanzelt er nicht blo\u00df ein\u00adzelne Existenzen ab, nein, ganze Dekaden werden im Hand\u00adstreich erledigt. Interessant in diesem Zusammenhang der Auf\u00adtakt des Aufsatzes <em>Zu den deutschsprachigen Avantgar\u00adden<\/em> in <em>Lyrik des 20. Jahrhunderts<\/em> (Sonderband text+kritik, M\u00fcn\u00adchen 1999) : <em>Im Rahmen des allgemeinen Kassensturzes ist nichts so billig geworden wie das Abqualifi\u00adzieren der \u00e4sthetischen Avantgarden<\/em>. Vom Prinzip her tut Kling nichts and\u00adres, auch wenn es sich bei ihm oft \u2013 aber nicht nur \u2013 um Nachhut oder Etappenhas han\u00addelt. Axel Kutsch betont, da\u00df ein funktio\u00adnieren\u00addes Ensemble nicht nur aus Stars beste\u00adhe. Was f\u00fcr Mu\u00adsik und Fu\u00dfball gilt, gilt gleicherma\u00dfen f\u00fcr die Poeterey. Ins Schw\u00e4rmen ger\u00e4t Kling, wenn es um Ste\u00adfan George (der eben\u00adfalls aus Bingen am Rhein stammt) und dessen Gedichte geht. Auch die subtile Auseinanderset\u00adzung mit Ge\u00addichten von Horaz, Salvatore Quasimodo, Konrad Bayer, Peter Hu\u00adchel, Christine La\u00advant, Friederike May\u00adr\u00f6cker, Dieter Roth, Sa\u00adbine Scho, Marcel Beyer verdeut\u00adlicht Klings Vorlieben sowie die poeti\u00adsch-poetologische Grun\u00addierung seiner Gedichte, ziselierte Kopfge\u00adburten, in deren Tiefenstrukturen sich auch dramati\u00adsche, epische, dokumentari\u00adsche Merk\u00admale finden. Das ar\u00adch\u00e4\u00adneologi\u00adstische Werk Thomas Klings \u00fcberrascht bei jedem Wiederlesen mit assoziativ, leidenschaft\u00adlich, formbewu\u00dft umgesetzten Vorstellun\u00adgen, die die sy\u00adstema\u00adtische au\u00dferordentlich hellh\u00f6rige, augenaufrei\u00dfende Auseinan\u00adder\u00adsetzung mit Mensch, Sprach, Ge\u00adschicht, Gesell\u00adschaft, Krankheit, Kunst, Landschaft, Lyrik, Welt offenbaren; die kaltge\u00adschwei\u00dfte, rasante, raum\u00f6ffnende <em>Sprachin\u00adstallation<\/em> Klings ist \u00e4sthe\u00adtisch, charismatisch, idiosynkratisch, lin\u00adguistisch, histo\u00adrisch, poetologisch, proso\u00addisch, rhetorisch, soziolo\u00adgisch, w\u00f6rtlich zehnfach fun\u00addiert.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>auflehnung \u2219 abrede \u2219 anamnese<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Gl\u00fccksfall <em>Sprachspeicher<\/em>. 200 deutsche Gedichte vom 8. bis 20. Jahrhundert. Hemmungslos eigenwil\u00adlig, viele Stimmen verwerfend bzw. ignorierend (daf\u00fcr sehr wenige \u2013 vor allen andren : Stefan George \u2013 glorifizierend), w\u00e4hlt Thomas Kling aus, nichts als den eignen, meinmesserschar\u00adfen Blick gelten lassend, den er, auch apodiktisch, herablassend<em> \u2013 da\u00df Ingeborg Bachmanns St\u00e4rke eher nicht im Ge\u00addicht zu suchen ist, d\u00fcrfte sich inzwischen herumgesprochen haben<\/em> \u2013 in kapiteleinleitenden Auslassun\u00adgen verdeut\u00adlicht : <em>Sprach\u00adspeicher<\/em> ist Klings eigenwilliges Haus\u00adbuch deutschsprachiger Ly\u00adrik. Es ist begei\u00adsternd, nicht kanonisierte Gedichte bekann\u00adter\/ber\u00fchmter Autoren zu lesen; die Lek\u00adt\u00fcre dieser kaprizi\u00f6\u00adsen Aus\u00adwahl ist herrlich an- und aufregende Achterbahnfahrt (auf die ich im \u203awahren\u2039 Rummel\u00adleben gut und gern verzichten kann). Kling stellt betont Au\u00dfenseiter, Unter\u00adsch\u00e4tzte, (fast) Verge\u00dfne ins Rampenlicht : Nor\u00adbert C. Kaser, Christine Lavant, Reinhard Priess\u00adnitz, Hans Rosenpl\u00fct, Walter Serner \u2026<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>taghimmel \u2219 trestern \u2219 tonspur<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlie\u00dflich : <em>Auswertung der Flugdaten<\/em>. Das Buch gibt keine Ruh, in keinem Vers, in keiner Zeil. Die Lekt\u00fcre w\u00fchlt auf. Sp\u00fcrbar die fiebernde Vitalit\u00e4t, das Schreibenwollen \u2013 und Schreibenk\u00f6n\u00adnen \u2013 bis zum letzten, allerletzten Atemzug. (Jean Kriers 2014 erschienenes Gedichtbuch <em>Eingriff, stern\u00adklar<\/em> ver\u00admittelt das in vergleichbarer Art.) Hier schreibt einer um sein Leben. Hier arbeitet einer am Ver\u00adm\u00e4cht\u00adnis. <em>Auswertung der Flugdaten<\/em> ist ein atemberaubendes Buch, das ich mit aufgeri\u00dfnen Augen les, Vers f\u00fcr Vers, Gedicht f\u00fcr Gedicht, Zeil f\u00fcr Zeil, Essay f\u00fcr Essay. Thomas Kling lesen, das wird l\u00e4ngst klar geworden sein f\u00fcr Leser, die Kling noch nicht kennen und die ich mit die\u00adsem Es\u00adsay \u2013 von wegen auf die falsche, nein, nein : auf die Klingsche F\u00e4hrte locken will, ist nicht das Lesen, das man sich vorstellen mag, wenn man das Wort \u00bblesen\u00ab im landl\u00e4ufigen Sinn versteht. Das geht hier nicht mal so eben <em>aus der lameng<\/em> (O-Ton Kling). Genauso wie Kling ein lyrischer Schwerar\u00adbei\u00adter ist, ein Bergmann, im Fl\u00f6z h\u00e4ngend, Schicht um Schicht abschlagend, um ans Inner\u00adste zu geraten, lebensbedrohliche Teufels\u00adbrocken furchtlos um sich herumfliegen l\u00e4\u00dft, mu\u00df auch ich bereit sein, ihm \u00fcberallhin zu folgen. Hier gibts nix f\u00fcr umsonst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>epitaph \u2219 empedokles \u2219 elstermusen \u2219 endi<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Titel <em>Auswertung der Flugdaten<\/em> deutet zun\u00e4chst auf ganz and\u00adres Terrain als \u203aUntertage\u2039. Hier hats of\u00adfenbar den Totalabsturz gege\u00adben, der Poetpilot kriegt die Black Box noch einmal mit bei\u00adden H\u00e4nden zu fassen, jetzt gehts mit letzter Leidenschaft an die Auswer\u00adtung der Flugdaten. Ist Tho\u00admas Kling der reinkar\u00adnierte Ikarus, der den Sturz \u00fcberlebt? Es sieht ganz danach aus : Auf dem Buchumschlag als auf dem Soc\u00adkel stehnde, in die Ferne blickende Skulptur erstarrt \u2013 verbild\u00adlicht er mit dieser Pos sein Gedicht <em>mai\u00adland, ambrosianische litanei 2<\/em>, das ich immer wieder mit stummer Anteilnahm les? \u2013, seh ich den Dich\u00adter Thomas Kling hoch vorm zerfallnen, efeube\u00adwachsnen Knus\u00adper\u00adh\u00e4uschen. <em>Auf nichts kommt es an als darauf, Atem zu haben, atmen zu k\u00f6n\u00adnen, zu wissen und am Leben zu bleiben<\/em>. (William Faulkner, <em>Absa\u00adlom, Absalom<\/em>) Kapitel 1 : Vorh\u00f6ll mit endlo\u00adsen wei\u00dfen G\u00e4n\u00adgen, schwarz offengeleg\u00adten Innereien \u2013 Dich\u00adter, Pati\u00adent, Hauer, Steiger (au\u00dfer sich, rasend, wild). Kapitel 2 : Es plappert die M\u00fchle, mahlt, malt, spricht. <em>Alliterative, (binnen\u00adreimende) ma(h)lende Bildgedichte: das licht steht staubig \u2013 \/ st\u00e4ubchen-str\u00f6mung in der t\u00fcr. \/\/ die sonne, feuer\u00adm\u00fchle\/ die euch gemah\u00adlen hat, geht scharf. \/\/ so steht das licht \u2013 \/ steht staubig in der t\u00fcr<\/em>\u00ab \u2013 \u2013 \u2013 <em>Was bleibt, ist ein vielsagen\u00adder Vers, der dann doch zu wenig sagt<\/em>. Kapi\u00adtel 3 : <em>Die Anachoretische Land\u00adschaft <\/em>\u2026 <em>Um nicht vor lebensscham verrecken \/ Zu m\u00fcssen \u2013 so nehm\u2019 ich farbe an.<\/em> Kapitel 4 : <em>Zum Gem\u00e4ldege\u00addicht<\/em> : <em>Es geht also darum, das Bildkunstwerk (\u00bbGem\u00e4hld\u00ab) zum Sprechen zu bringen, besser gesagt, ihm eine zweite \u2013 eine dichterische \u2013 Sprache zur Seite zu stellen.<\/em> Kapitel 5 : <em>Die Himmels\u00adscheibe von Nebra <\/em>:<em> \u2026 schauen wir \/ zur\u00fcck<\/em>. Kapitel 6 : <em>Vergil. Aeneis \u2013 Triggerpunkte<\/em> : \u2026 <em>stimmband in aufl\u00f6sung begriffen. \u2013 \u2013 \u2013 <\/em>Hubert Win\u00adkels \u00fcber <em>Auswertung der Flugdaten<\/em> : <em>Der neue Kling-Band beginnt also mit einer fulminanten Reihe von K-Gedich\u00adten: K wie Kranken\u00adhaus und Krieg, der in ihm herrscht \u2013 wie K\u00f6rper und Konkretion, die ihn zum Datum macht, wie K\u00e4lte und Kunst, die jedes Weh\u00adleid einfrieren in Wort und Bild<\/em>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>nachtmaschine \u2219 natur \u2219 (normal)<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Thomas Kling stirbt am 1. April 2005, dem Tag, an dem ich, beseelt <em>und<\/em> \u00fcberw\u00e4ltigt von der <em>Auswer\u00adtung der Flugdaten<\/em>, mehr denn je der \u00dcber\u00adzeugung bin, er h\u00e4tt den Lungenkrebs, vorl\u00e4ufig wenigstens, einigerma\u00dfen geb\u00e4ndigt. Als die Todesanzeigen, die ein Bekannter f\u00fcr mich ausgeschnit\u00adten hat, aus dem Briefumschlag fallen, seh ichs, endg\u00fcltig, schwarz auf wei\u00df : <em>Der 5. Juni 1957 in Bingen am Rhein geborene Thomas Kling ist tot.<\/em><\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":21235,\"sizeSlug\":\"large\"} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/dumont_kling.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-80443\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/dumont_kling-219x300.jpg\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/dumont_kling-219x300.jpg 219w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/dumont_kling-260x356.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/dumont_kling-160x219.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/dumont_kling.jpg 280w\" sizes=\"auto, (max-width: 219px) 100vw, 219px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192 Einen Essay \u00fcber das Tun von Theo Breuer als\u00a0Herausgeber, Essayist und nicht zuletzt als Lyriker lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12773\">hier<\/a>. \u2013 Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>literatur und tod d literatur, des wisz jo ist a gaunz a diaffs grob wo kaana drin waas ob a jemoes a r aufaschde\u00adhung hod Ernst Jandl \u00a0 arnikabl\u00e4ue \u2219 aber annette \u2219 ausgerottete augn Freunde aus Kindertagen wundern sich&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/04\/01\/notizen-zu-thomas-kling\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":99954,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[84,144],"class_list":["post-63286","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-theo-breuer","tag-thomas-kling"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63286","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63286"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63286\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99955,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63286\/revisions\/99955"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99954"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63286"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63286"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63286"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}