{"id":63265,"date":"2020-04-06T00:01:35","date_gmt":"2020-04-05T22:01:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63265"},"modified":"2022-03-01T12:41:53","modified_gmt":"2022-03-01T11:41:53","slug":"katzbuckelei","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/04\/06\/katzbuckelei\/","title":{"rendered":"Schluss mit der Katzbuckelei"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4testens seit der Ver\u00f6ffentlichung seines Romans \u201eDie Tagesordnung\u201c (2017), f\u00fcr den er den hoch dotierten Prix Goncourt erhielt, ist Eric Vuillard, 1968 in Lyon geboren, \u00a0der Vertreter eines neuen Genres in der franz\u00f6sischen Erz\u00e4hlliteratur geworden. Er verzichtet auf eine opulente Entfaltung gro\u00dfer historischer Themen zugunsten der Fokussierung auf einzelne Geschehnisse, in denen sich politische Triebkr\u00e4fte schlaglichtartig entfalten. Die Voraussetzungen daf\u00fcr bestehen nicht nur in der Umsetzung von spezifischen narrativen, syntaktischen und stilistischen Verfahren. Vielmehr noch kennt er sich in der neueren franz\u00f6sischen Geschichte wie auch in der mythisierten amerikanischen Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts aus. Au\u00dferdem sp\u00fcrt er die mitteleurop\u00e4ischen revolution\u00e4ren Abl\u00e4ufe im sp\u00e4ten Mittelalter wie auch der fr\u00fchen Neuzeit auf. So erfasst er in \u201e14. Juli\u201c (2018) die Franz\u00f6sische Revolution ebenso unter spezifischen Blickwinkeln wie auch die Anf\u00e4nge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in \u201eDie Tagesordnung\u201c. Und in dem gerade erschienenen \u201eDer Krieg der Armen\u201c beschreibt er fokusartig gewaltgeladene Abl\u00e4ufe vor und w\u00e4hrend des deutschen Bauernkriegs zwischen 1524 und 1525. Zwischen den Buch-Kapiteln \u201aDie Geschichte von Thomas M\u00fcntzer\u2019 und \u201aM\u00fcntzer enthauptet\u2019 z\u00fcndet er ein Feuerwerk, das eine Reihe von eigenwilligen Themen aufgreift. Es sind biografische Fakten, die Kindheit und Jugend von Thomas M\u00fcntzer markieren, und theologische Argumente, die auf das im 16. Jahrhundert von Glaubensk\u00e4mpfen ersch\u00fctterte kirchliche Lehrwerk verweisen. Au\u00dferdem setzt sich Vuillard mit der Entstehung des Druckgewerbes auseinander, das die Verbreitung der Flugschriften erm\u00f6glichte. Er berichtet \u00fcber die Bauernrevolten im England des 14. Jahrhunderts, wirft Schlaglichter auf M\u00fcntzers fr\u00fche T\u00e4tigkeit als Prediger im s\u00e4chsischen Zwickau und als engagierter Beobachter der hussitischen Revolte gegen die katholische Kirche in Prag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Um 1520 vollzieht M\u00fcntzer eine radikale inhaltliche Wende in seinen Predigten. Sein Wort wendet sich gegen Latein als die Amtssprache der Kirche, es klagt in seinen Messen im s\u00e4chsisch-anhaltinischen Allstedt einen verbitterten Christus an, es revoltiert gegen die christliche Vernunft des Erasmus von Rotterdam. Das Wort M\u00fcntzers will nun eine Seele verk\u00f6rpern, die das Ritual und die Taufe ablehnt. Ja, so betont es Vuillards meandernder Erz\u00e4hler, dieser M\u00fcntzer revoltiert in deutscher Sprache gegen den Kurf\u00fcrsten Friedrich, schreit \u201ejetzt ist Schluss mit dem honigs\u00fc\u00dfen Ton, Schluss mit der Katzbuckelei\u201c und wird von der Obrigkeit vorgeladen. Und diese ist erz\u00fcrnt, will Rechtfertigung von dem Prediger M\u00fcntzer, der den Traum Nebukadnezars zitiert, in dem alle Reichen vernichtet werden sollen. M\u00fcntzer aber geht noch weiter in seiner Schm\u00e4hung der Regenten. \u201eDas von jeher beschworene brave Volk Gottes\u201c ersetzt er nun in seinen Predigten durch \u201eein anderes, aufdringlicheres, hitzigeres Volk, ein echtes Volk.\u201c Und dieses Volk, so Vuillard, \u201estinkt, es murrt, aber es denkt auch.\u201c (S. 36) Und es h\u00f6rt auch dem Prediger zu, der den M\u00e4chtigen zuruft: T\u00f6tet die gottlosen Regenten, denn sie \u201e\u00fcberlassen uns nichts, weder Brot noch Freiheit.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geh\u00f6rt zu den besonderen Merkmalen der Erz\u00e4hlstruktur in diesem spannungsgeladenen Text, dass die Ursachen f\u00fcr den Ausbruch des Kriegs der Besitzlosen gegen die Reichen bereits im sprachlichen Vorfeld benannt werden. Mund, Zerst\u00f6rung, steht da und es signalisiert den Umbruch vom Zuh\u00f6ren zum Zustimmen und dem Augenblick, in dem das elende Volk aufbricht, um die Worte M\u00fcntzers in die revolution\u00e4re Tat umzusetzen. \u201eJetzt kann man alles sagen! Die Gedanken blitzen, ziehen einander an, diejenige, die keine Worte hinterlassen, fallen f\u00fcr immer.\u201c (S. 38)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wie beschreibt Vuillard die Revolte des gemeinen Mannes? Sie setzt ein mit einer historiografischen Darlegung der Aufstandsgebiete, beschreibt M\u00fcntzers Briefattacken gegen die Landesherren und dessen psychomentale Wandlung, die ihn bef\u00e4higt, sich in einen Zustand eines Gerechtigkeit empfindenden Missionars zu verwandeln. Gleichzeitig habe er sich erfolglos, so Vuillard, um Reformen bem\u00fcht, die in einer kleinkarierten Handwerkerdemokratie endeten. Dar\u00fcber hinaus bricht der Aufstand im th\u00fcringischen M\u00fchlhausen zu fr\u00fch aus. Und weil die b\u00e4uerlichen Haufen, verst\u00e4rkt durch Handwerker und Tagel\u00f6hner, im M\u00e4rz 1525 weder gen\u00fcgend Waffen besa\u00dfen noch einen milit\u00e4risch geschulten Anf\u00fchrer hatten, endete die Schlacht gegen die vereinten f\u00fcrstlichen Armeen im benachbarten Frankenhausen in einem Gemetzel, in dem M\u00fcntzer gefangengenommen und enthauptet wird.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geh\u00f6rt zu den besonderen narrativen und syntaktischen Eigenarten dieses pointierten Textes, dass dessen Erz\u00e4hler im Augenblick der sich abzeichnenden Niederlage der Entrechteten erneut seine Position wechselt. Er stellt ein gleichsam mitf\u00fchlendes Ich dar, das die Abschlachtung der gemarterten K\u00f6rper nicht zu begreifen vermag, das Martyrium der Unterdr\u00fcckten erleidet. Im Vergleich zu den zahlreichen gelehrten historiografischen Abhandlungen und den geschichtsphilosophischen Deutungsgeschichten \u201eDer Krieg der Armen\u201c aus der Feder von Eric Vuillard, hat das Wirken und Scheitern von Thomas M\u00fcntzer eine vielschichtigere Darstellung gefunden. Auf der Grundlage dieses Textes gewinnt die Pers\u00f6nlichkeit des Reformers eine unvergleichbar vielschichtigere Betrachtung, die es dem mitf\u00fchlenden zeitgen\u00f6ssischen Leser erlaubt, zu den Ursachen und dem Ausbruch einer epochalen Revolution vorzusto\u00dfen. Einen wesentlichen Anteil daran hat zweifellos die kongeniale \u00fcbersetzerische F\u00e4higkeit von Nicola Denis. Sie verleiht diesem \u201ebrennenden\u201c Text eine Plastizit\u00e4t, die seine Lekt\u00fcre zwischen Einsichten in die \u201egrausame\u201c Geschichte, Mitgef\u00fchl f\u00fcr die sozial Entrechteten und Wahrnehmung von sp\u00e4tmittelalterlicher deutscher Sprache zu einem unvergesslichen Erlebnis macht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-63267\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Vuillard_Cover-618x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"222\" height=\"444\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Krieg der Armen<\/strong>, von \u00c9ric Vuillard. Aus dem Franz\u00f6sischen von Nicola Denis. Berlin (Matthes &amp; Seitz) 2020<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Sp\u00e4testens seit der Ver\u00f6ffentlichung seines Romans \u201eDie Tagesordnung\u201c (2017), f\u00fcr den er den hoch dotierten Prix Goncourt erhielt, ist Eric Vuillard, 1968 in Lyon geboren, \u00a0der Vertreter eines neuen Genres in der franz\u00f6sischen Erz\u00e4hlliteratur geworden. 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