{"id":63252,"date":"2021-04-25T00:01:00","date_gmt":"2021-04-24T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63252"},"modified":"2022-03-01T07:45:23","modified_gmt":"2022-03-01T06:45:23","slug":"begleiter-bei-spaziergaengen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/25\/begleiter-bei-spaziergaengen\/","title":{"rendered":"Begleiter bei Spazierg\u00e4ngen"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mund der Wahrheit als Abbildung auf dem Paperback in Kombination mit einem pfiffigen Titel \u2013 er verspricht mehr als die halbe Wahrheit \u00fcber Rom, denn wer immer sich einen ersten haptischen, lexikalischen und optischen Eindruck von diesem Text-Bild-Band verschafft, der ist \u00fcberrascht. Die Autorin und Fotografin Ilse Hehn kombiniert \u2013 im Gegensatz zu den zahlreichen Hochglanz-Romf\u00fchrern mit ihren pathetisch aufgeladenen Highlights \u2013 pr\u00e4gnant ausformuliertes kunsthistorisches Wissen, witzig-lakonische Kommentare zu ber\u00fchmten Kathedralen, Kirchen und Denkm\u00e4lern, kritische Beobachtungen zum r\u00f6mischen Alltag und eine Palette von f\u00fcnfundsechzig Farbfotografien, die kontrastreich aus wechselnden Perspektiven den \u00e4u\u00dferen Glanz und den inneren Zerfall Roms erfassen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese auf den ersten Blick und nach den Eingangss\u00e4tzen \u00fcberraschenden Eindr\u00fccke verdichten und provozieren zugleich. Auf der Seite 14 treffen die Beschreibung <em>Palatin I<\/em> und die Abbildung <em>Forum Romanum und Palatin <\/em>aufeinander. Schon der Eingangskommentar wirkt befremdend:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHeute bringen Ruinen [des <em>Palatin<\/em>] eine eigene Welt hervor. Zerfressen, verwittert. Der Tod frisst Steine.\u201c Und wenig sp\u00e4ter: \u201eIch empfinde den Ort d\u00fcster \u2013 ein weitfremdes Land, in dem Pinien wie Fallschirme am Himmel h\u00e4ngen.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur eine Seite weiter ein fotografischer Ausblick auf die <em>Farnesischen G\u00e4rten<\/em> unter der lexikalischen Rubrik <em>Palatin II.<\/em> Nun ist der Blick von s\u00fc\u00dflichen D\u00fcften lichtblauer Glyzinien begleitet und die Autorin gelangt zu einem ganz anderen Eindruck:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e\u2026 Rom, diese l\u00e4rmende, hektische Stadt, gew\u00e4hrt dir hier, was du sonst vergeblich in ihr suchst: Harmonie und Ruhe.\u201c (S. 16)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei weitere Beispiele aus diesem so ungew\u00f6hnlich gestalteten \u201eFremdenf\u00fchrer\u201c, der mit seinen Licht- und Schatten wie auch Tages- und Abendbilder nicht nur reizgeladene architektonische Kontraste liefert, sondern auch in die turbulente mythische und realhistorische Vergangenheit einf\u00fchrt, belegen dies eindrucksvoll. Zum einen die <em>Cordonata<\/em>, \u201eMichelangelos gro\u00dfr\u00e4umiger und von beiden Dioskuren Castor und Pollux flankierter Rampenaufstieg\u201c (S. 20) auf den Kapitolsplatz bei Tage und zum anderen zwei Seiten danach <em>Abend auf dem Kapitol<\/em>: \u201eDie Dioskuren ruhen aus, ihre Pferde sind getr\u00e4nkt. Am Himmel verw\u00e4sserte Tinte \u2026\u201c. Gibt es eindrucksst\u00e4rkere Passagen f\u00fcr eine wirkungsvolle Darstellung von ber\u00fchmten Sehensw\u00fcrdigkeiten abendl\u00e4ndischer Architektur? Im Gegensatz zu den Glanzpostillen der branchen\u00fcblichen Rom-F\u00fchrer erlebt der Benutzer von \u201eRoms Flair in flagranti\u201c auf vielschichtige Weise seinen Gang durch die r\u00f6mische Hauptstadt als kontrastreiche Wanderung mit vielen syn\u00e4sthetischen Effekten. Das hei\u00dft: er sp\u00fcrt mit der Autorin seine und ihre Seelenstimmung beim Blick auf legendenreiche Geb\u00e4ude unter der Einwirkung von unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten, er schlendert mit ihr durch die Gassen der Altstadt, l\u00e4sst sich beim Blick auf die Engelsburg und die Engelsbr\u00fccke von dramatischen Episoden aus der Geschichte des Vatikans hinrei\u00dfen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die unz\u00e4hligen Skulpturen in den Museen und Kirchen? Welche historischen Figuren und mythenumrankten Gestalten erfasst die Kamera aus welchen Perspektiven? So schwer die Auswahl f\u00e4llt, sie markiert besonders gelungene Abbilder, wie die <em>Fragmente der Kolossalstatue Konstantins <\/em>(S. 31), den \u201eEtwassp\u00e4tgetauften\u201c (I.H.) ersten christlichen Kaiser, oder <em>Apoll vom Belvedere\u00a0 <\/em>(S. 45), den die Autorin besonders w\u00fcrdigt, nicht zuletzt auch weil der ber\u00fchmte Kunsthistoriker Winchelmann die Skulptur als \u201edas h\u00f6chste Ideal der Kunst unter allen Werken des Altertums\u201c bezeichnete. Zwei weitere Beispiele, die bezeugen, wie die K\u00fcnstlerin Hehn ihren ausgew\u00e4hlten Skulpturen huldigt und ihre Empfindungen auf ihre gespannt lesenden Betrachter\/innen \u00fcbertr\u00e4gt. In der Kirche <em>San Pietro in Vincoli<\/em> entdeckt sie im rechten Seitenschiff die m\u00e4chtige Skulptur <em>Moses<\/em> von Michelangelo: \u201eDer K\u00f6rper voll \u00fcberm\u00e4chtiger zur\u00fcckged\u00e4mmter Kraft, die Augen mit dem bohrend strengen, unbewegten Blick, gewaltige nackte Arme, H\u00e4nde, in denen fl\u00fcssiges Erz statt Blut zu flie\u00dfend scheint.\u201c (S. 62) Und dann der abschlie\u00dfende Sprung hin\u00fcber zu einer Skulptur von Salvador Dali (S. 127), einzig allein um die Unfa\u00dfbarkeit von Sch\u00f6nheit mit den Worten von Albrecht D\u00fcrer zu verdeutlichen. Che bello, ruft da der Tourist und bl\u00e4ttert verwundert im Bildband zur\u00fcck, um sich wieder an den Bild-Text-Legenden zu erfreuen: <em>Spanische Treppe, Palazzo Zuccari<\/em> mit den zwei m\u00e4chtig aufgerissenen M\u00e4ulern, die <em>Kaiserforen<\/em>, die <em>Kapitolinische W\u00f6lfin mit Romulus und Remus<\/em>, <em>Vittoriano<\/em>, Alter des Vaterlands, \u201eein Monument, das nach Pathos stinkt\u201c (I.H.), das <em>Pantheon<\/em>, das allen G\u00f6ttern Roms gewidmet ist, <em>Piazza di Trevi<\/em> mit dem ber\u00fchmten Brunnen, <em>Piazza del Popolo<\/em>, oder der <em>Piazza\u00a0 Napoleone<\/em>. Noch mehr gef\u00e4llig? Also zur\u00fcck in die Kirchen und Kathedralen, um verwunderte Blicke auf Caravaggios <em>Bekehrung des Paulus<\/em> in der Cerasi-Kapelle von Santa Maria del Popolo zu werfen oder in der Sixtinischen Kapelle das gewaltige Deckenfresco von Michelangelo Buonarottis <em>Das j\u00fcngste Gericht und Erschaffung der Welt<\/em> in staunender Vergessenheit zu betrachten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und was ist nun mit Roms <em>Flair in flagranti<\/em>? Auf der Seite 52 hat die Fotografin eine Trattoria in der Via della Pace das einheimische Rom entdeckt. Ihr Schnappschu\u00df erfasst eine verwitterte Fassade und zwei Tischreihen, an denen salopp gekleidete G\u00e4ste sitzen. Der Duft von spaghetti, cannelloni und saltimbocca alla Romana occa weht durch die Gasse, und die mit der r\u00f6mischen Speisekarte vertraute Autorin bestellt eine Antipasta Breslaula, Salte occa und dazu einen Colle Pinchio. Beim Lesen und Betrachten solcher Passagen in Ilse Hehns Rom-Cicerone verdichtet sich der Eindruck einer syn\u00e4sthetischen Wahrnehmung von Kulturgeschichte, in der die lexikalische Information und die optische Widerspiegelung der Kunst- und Alltagsobjekte immer wieder mit subjektiv aufgeladenen Emotionen versehen werden. Auf diese Weise entsteht ein Kaleidoskop aus lebendig pr\u00e4sentiertem Wissen in Begleitung von dichten Gef\u00fchlen einer K\u00fcnstlerin. Ein \u00fcberzeugendes Beispiel ist der Text <em>Romanesco<\/em> (vgl. S. 120) mit einem Auszug aus einem Sonett des ber\u00fchmten r\u00f6mischen Dialektdichters Giuseppe Gioachino Belli (1791-1863), in dem Papst Gregor XVI. angeklagt. Wird. Eine solche Verkn\u00fcpfung von volkst\u00fcmlicher Literatur, Kritik an kirchlichen W\u00fcrdetr\u00e4gern und deren Widerspiegelung im Kommentar der Autorin geh\u00f6rt zu den besonderen Qualit\u00e4ten eines Kunstbandes, in dem Rom nicht nur \u201ein flagranti\u201c erwischt wird, sondern vor allem seine unwiderstehliche Anziehungskraft und seinen \u00fcberzeitlichen Glanz entfacht. Er ist deshalb ein unbedingt zu empfehlender Begleiter bei Spazierg\u00e4ngen durch die r\u00f6mische Metropole.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-63255\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/roms-flair-Cover-649x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"162\" height=\"256\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Roms Flair in flagranti<\/strong>, von Ilse Hehn. POP Verlag, 2020<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Der Mund der Wahrheit als Abbildung auf dem Paperback in Kombination mit einem pfiffigen Titel \u2013 er verspricht mehr als die halbe Wahrheit \u00fcber Rom, denn wer immer sich einen ersten haptischen, lexikalischen und optischen Eindruck von diesem Text-Bild-Band&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/25\/begleiter-bei-spaziergaengen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2495,1158],"class_list":["post-63252","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ilse-hehn","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63252","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63252"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63252\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101349,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63252\/revisions\/101349"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63252"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63252"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63252"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}