{"id":63247,"date":"2020-12-26T00:01:34","date_gmt":"2020-12-25T23:01:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63247"},"modified":"2023-01-16T13:32:27","modified_gmt":"2023-01-16T12:32:27","slug":"reisen-in-ferne-laender","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/12\/26\/reisen-in-ferne-laender\/","title":{"rendered":"Reisen in ferne L\u00e4nder"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Franz Hohlers Ich-Erz\u00e4hler ist dort, wo Begegnungen mit virtuellen Zeitzeugen sich pl\u00f6tzlich in reale Situationen verwandeln, in denen er sich als hilfsbereiter B\u00fcrger erweist, der Fl\u00fcchtlinge an das rettende Ufer in Europa zieht. Doch eine solche Vermutung k\u00f6nnte den Leser auf eine falsche F\u00e4hrte locken. Der den Band mit Kurzerz\u00e4hlungen einleitende Text \u201eNach Europa\u201c enth\u00e4lt nur auf den ersten Blick einen phantasiegeladenen Leitgedanken. Denn die Titelerz\u00e4hlung \u201eFahrplanm\u00e4\u00dfiger Aufenthalt\u201c beruht sicherlich auf einem realen Erlebnis, das der Erz\u00e4hler w\u00e4hrend einer Eisenbahnfahrt im Schwabenland hatte. Es ist die unerwartete Begegnung mit der Nazi-Vergangenheit in der Form eines Ausstellungsbesuchs, der ihn so in den Bann zieht, dass er beinahe seinen Anschlusszug auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof verpasst.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Reisen in ferne L\u00e4nder bilden in Hohlers Texten ein unersch\u00f6pfliches Sujet, egal, ob es die Begegnungen mit noch lebenden \u2013 oder auch l\u00e4ngst in Gef\u00e4ngnissen gestorbenen &#8211; russischen Dichtern in Moskau und Petersburg sind, es ein Sonntagsspaziergang durch Kiew ist, er seine Beobachtungen \u00fcber den Bildungseifer junger Usbeken in Taschkent verwundert aufzeichnet oder er im benachbarten Appenzell eine peinliche Begegnung auf einem Bahnhofs-WC hat, immer warten seine Leser\/innen auf ein unerh\u00f6rtes \u201ereales\u201c Ereignis. \u00a0Und das passiert leider nicht allzu oft. Sicherlich, da taucht auch mal ein Balkong\u00e4rtner auf, der seinen \u00c4rger als braver Schweizer B\u00fcrger \u00fcber Asylbewerber, der \u201eden Einheimischen verdr\u00e4ngt\u201c, zum Ausdruck bringt, w\u00e4hrend er einen Tomatenstrauch w\u00e4ssert. Oder der st\u00e4ndig auf der Suche nach einem anderen Land befindliche Erz\u00e4hler landet in einem Capetta-Wald im Hoch Avers. Dort freut er sich, dass er sich nun \u201eweit entfernt vom menschlichen Regelwerk mit Taktfahrpl\u00e4nen und Versicherungspolicen\u201c befindet und ein \u201eGast des Wipfelrauschens, ein Gast des St\u00e4mmeknarrens\u201c geworden ist. In solchen meisterhaft mit spitzer Feder aufgezeichneten Texten lauert ein anarchischer Geist, der sich \u00fcber die brave Naivit\u00e4t und die verborgene Missgunst seiner Zeitgenossen lustig macht oder sogar Gott, den allm\u00e4chtigen Sch\u00f6pfer, und einen Teufel ins Spiel bringt, der mit einem Eisberg \u00fcber den Untergang der Welt einen Deal macht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ja, die unersch\u00f6pfliche Phantasie von Franz Hohler macht selbst nicht vor den immer noch geheiligten Br\u00e4uchen unseres Alltags halt. Da reden eine Scheidungsquote und ein Hoffnungsschimmer vor einer Trauung in ironischem Unterton miteinander, w\u00e4hrend bereits ein illusion\u00e4rer Schimmer auf die Hochzeitsringe f\u00e4llt, die sich das Brautpaar nur wenig sp\u00e4ter \u00fcberzieht; da sucht ein echter Prinz per Inserat eine Prinzessin, und ungeachtet der Standesunterschiede entsteht aus der Verbindung ein gl\u00fcckliches Paar, obwohl die Prinzessin nur eine Bauzeichnerin war.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Der Ich-Erz\u00e4hler ist auch ein begeisterter Konzertbesucher, der, von einem guten Freund eingeladen, in einem Konzertsaal landet, in dem die Besucher schweigend auf den\u00a0 Beginn einer Veranstaltung warten, in der der Solist sich durch eine ausgefeilte Gestik und Mimik auszeichnet, ohne dass er einen Ton hervorbringt. Die Seance endet \u00a0in einer Pause, in der das Publikum geduldig auf den zweiten Teil des Konzerts wartet, in dem der Solist nun \u201efrontal zum Publikum auf seine(m) Stuhl sa\u00df, die Arme verschr\u00e4nkte und die Augen verschlo\u00df und in dieser Haltung ein halbe Stunde verblieb.\u201c Das dankbare Publikum erhebt sich am Ende des Konzerts, w\u00e4hrend sich der Solist stumm verbeugt. Ger\u00fchrt und begeistert von soviel Ergebenheit und Pioniergeist bem\u00fcht sich der Erz\u00e4hler nur wenige Wochen danach, als das Trio \u201aStille Wasser\u2019 auftreten wollte, um eine Eintrittskarte. Leider ist dieses Konzert seit einigen Wochen bereits ausverkauft.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4testens an dieser Stelle seiner Lekt\u00fcre fragt sich der Leser nach dem Sinn von soviel fantastischen Spielereien mit der Realit\u00e4t. Und der Rezensent ist aufgefordert, sich auf die Suche nach einer Erkl\u00e4rung f\u00fcr die spezifische Art der Fiktionalit\u00e4t zu machen, die w\u00e4hrend der Lekt\u00fcre dieser Erz\u00e4hlungen erzeugt wird. \u201eDichterleben\u201c, so nennt sich der letzte Text, in dem der in der Ich-Form plaudernde Hohler bekennt, dass er gerne Dichter sei. Ihn am\u00fcsiere, wenn er bei seinen h\u00e4ufigen Lesungen vor allem im deutschsprachigen Raum mit Max Frisch verwechselt werde, woraufhin er sich dann als D\u00fcrrenmatt offenbare. Doch damit nicht genug. So sei er zum Beispiel am Vorabend des Irakkriegs 1993 in Heerbrugg aufgetreten und habe dort \u201eDona nobis pacem\u201c gesungen. Andererseits freue er sich auch, wenn ihn jemand auf der Stra\u00dfe anspreche und sich dar\u00fcber wundere, dass er noch lebe. Ja, so ein Dichterleben ist eben anstrengend. Vor allem, weil sich so ein Anarchoflipper wie der Franz Hohler beim Lesen russischer klassischer Romane und Novellen sich zu schnell mit den dort auftretenden bizarren Figuren identifiziert. Was eben auch zu st\u00e4ndigen Kollisionen mit seiner Alltagsrealit\u00e4t f\u00fchrt, wie w\u00e4hrend der Lekt\u00fcre der \u201eKreutzersonate\u201c von Lew Tolstoj. St\u00e4ndig rutscht der Ich-Erz\u00e4hler in den dramatischen Handlungsablauf des Romans, sieht, wie Posdnyschew seine Ehefrau ermordet, w\u00e4hrend er auf seiner Bahnreise in die Schweiz den \u201eRhein zwischen den Felsen hinabdonnert\u201c (S. 101). Und noch verwunderlicher: \u201eNach einer halben Stunde hatte der M\u00f6rder (Posdnyschew, W.S.) eine einj\u00e4hrige Gef\u00e4ngniszeit hinter, wurde darauf jedoch vom Gericht freigesprochen \u2026\u201c. Nanu, fragt sich der geduldige Leser, doch der von der \u201eKreutzersonate\u201c so eingenommene Leser fragt sich, ob denn der Ich-Erz\u00e4hler noch mit der Eisenbahn in der Schweiz unterwegs sei oder ob er mit dem vom Gericht freigesprochenen Posdnyschew nach Paris fahre. Auf jeden Fall eine ziemlich verwirrende Geschichte, wenngleich der Erz\u00e4hler schlie\u00dflich doch noch im Z\u00fcricher Hauptbahnhof ankommt. Aber in welchem mentalen Zustand, fragt sich der verwirrte Leser? Oder ist der nur am\u00fcsiert angesichts einer solch skurrilen Geschichte?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Sei es wie es sei, die Kurzgeschichten des wohlbekannten Schweizer Schriftstellers und Humoristen versprechen einen besonderen Lesegenuss, denn bevor den Leser der Verdru\u00df \u00fcber \u201eewige\u201c Reisegeschichten mit fahrplanm\u00e4\u00dfigen Aufenthalten irgendwo zwischen Moskau, Stuttgart oder Z\u00fcrich nerven k\u00f6nnte, befreit ihn Hohler mit seinen anarchischen Einf\u00e4llen aus den Fesseln seines Alltags. Also dann, viel Spa\u00df beim Zeitvertreib zwischen den Aufenthalten!<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-63250\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Hohler_Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"276\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Hohler_Cover.jpg 280w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Hohler_Cover-228x300.jpg 228w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Hohler_Cover-260x342.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Hohler_Cover-160x210.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Fahrplanm\u00e4\u00dfiger Aufenthalt<\/strong>, von Franz Hohler, Luchterhand 2020<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Franz Hohlers Ich-Erz\u00e4hler ist dort, wo Begegnungen mit virtuellen Zeitzeugen sich pl\u00f6tzlich in reale Situationen verwandeln, in denen er sich als hilfsbereiter B\u00fcrger erweist, der Fl\u00fcchtlinge an das rettende Ufer in Europa zieht. Doch eine solche Vermutung k\u00f6nnte den&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/12\/26\/reisen-in-ferne-laender\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1167,1158],"class_list":["post-63247","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-franz-hohler","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63247","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63247"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63247\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100476,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63247\/revisions\/100476"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63247"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63247"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63247"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}