{"id":63239,"date":"2021-12-19T00:01:00","date_gmt":"2021-12-18T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63239"},"modified":"2022-02-20T07:30:51","modified_gmt":"2022-02-20T06:30:51","slug":"zeitverschobene-perspektive","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/12\/19\/zeitverschobene-perspektive\/","title":{"rendered":"Zeitverschobene Perspektive"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Signalwort \u201aKatyn\u2019, die Abbildung einer jungen Pilotin auf dem Buchumschlag und die Aussage der amerikanischen Flugpionierin Amelia Earhart (1897-1939) \u201eDer Flug ist das Leben wert\u201c (vgl. S. 5) bilden die ersten Leitlinien dieses au\u00dfergew\u00f6hnlichen Briefromans der polnischen Autorin Maria Nurowska. \u201aKatyn\u2019 \u2013 das ist der reale und zugleich symbolbeladene Ort in der N\u00e4he von Smolensk, an dem im Zeitraum zwischen April und Anfang Mai 1940 etwa 4400 polnische Offiziere vom sowjetischen Geheimdienst erschossen wurden. Sie waren in der zweiten H\u00e4lfte des September 1939 nach der Kapitulation der polnischen Armee in sowjetische Gefangenschaft geraten und auf Befehl Stalins unter brutaler Mi\u00dfachtung des V\u00f6lkerrechts ermordet worden. Unter ihnen befand sich auch eine Frau, die bekannte Fallschirmspringerin und Angeh\u00f6rige der polnischen Luftwaffe, Janina Lewandowska. Die \u00e4lteste Tochter des polnischen Generals Dowbor-Mu\u015bnicki, eine eigenst\u00e4ndige, hochreflektierte Pers\u00f6nlichkeit mit au\u00dfergew\u00f6hnlichen technischen und musischen Gaben, bildet in dem vielschichtig konstruierten Roman die reale und zugleich fiktive Handlungstr\u00e4gerin. Pers\u00f6nliche Briefe von ihr sind verschollen. Erst der zuf\u00e4llige Fund von zahlreichen Briefen aus den Gr\u00e4bern der in Katyn ermordeten polnischen Offiziere erm\u00f6glichte der Autorin den Zugang zu Briefdokumenten, in denen die Protagonistin h\u00e4ufig genannt wurde.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Plot dieses au\u00dfergew\u00f6hnlichen Briefromans setzt mit einer schockierenden Nachricht ein. Der in Blackpool lebende Mieczys\u0142aw Lewandowski, Ehemann von Janina, erh\u00e4lt 1997 aus Polen ein P\u00e4ckchen mit einem Brief und einem gesondert verpackten Notizheft mit Angaben \u00fcber den Absender. Ein gewisser Professor Popielski, in der Zwischenzeit verstorben, habe 1945 von Professor Gerhard Butz, Leiter der Exhumierung der Leichen in Katyn, sieben Sch\u00e4del erhalten. Aus Furcht vor dem sowjetischen Geheimdienst NKWD wie auch dem polnischen Sicherheitsdienst habe er diese Sch\u00e4del heimlich aufbewahrt. Bei der nach 1990 erfolgten ersten Inspizierung der Sch\u00e4del im heimlichen Aufbewahrungsort, dem Institut f\u00fcr Rechtsmedizin in Breslau, stellte sich heraus, dass ein Sch\u00e4del von einer Frau, vermutlich der im Fr\u00fchjahr 1940 in Katyn erschossenen Janina Lewandowska, stammte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der an diese Einf\u00fchrung sich anschlie\u00dfende Briefroman in der vorz\u00fcglichen \u00dcbersetzung von Marta Kijowska besteht aus zwei Textbl\u00f6cken: 1) den in kursiven Lettern abgedruckten fiktiven Briefen von Janina Lewandowska aus Koselsk, einem der vom NKWD im Sp\u00e4therbst 1939 eingerichteten Gefangenenlager. Datiert zwischen Dezember 1939 und April 1940, \u00fcbermitteln sie aus der Position einer Ich-Erz\u00e4hlerin sowohl eine F\u00fclle von biografischen Angaben aus der Kindheit, der Jugend und aus den turbulenten Berufsjahren von Janina als auch ausf\u00fchrliche Berichte \u00fcber ihr Leben und Wirken als Kriegsgefangene im Lager von Koselsk. Ein betr\u00e4chtlicher Teil dieser fiktiven Aufzeichnungen besteht aus leidenschaftlichen Bekenntnissen zu \u201eihrem Mietek\u201c, von dem Janina nach ihrer abrupten Trennung in Poznan kurz vor dem \u00dcberfall der Hitler-Armeen auf Polen keine Nachricht mehr erhalten hat. Und 2) den in der Gestalt eines personalen Er-Erz\u00e4hlers umgesetzten Bericht von Mieczys\u0142aw Lewandowski \u00fcber seine abenteuerliche Flucht aus seinem okkupierten Vaterland nach Westeuropa und England, wo er als Kampfflieger in der Royal Navy eingesetzt den Zweiten Weltkrieg \u00fcberlebte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Worin bestehen die besonderen narrativen und kompositionellen F\u00e4higkeiten der Autorin, unterschiedlich konstruierten Plots so miteinander zu verkn\u00fcpfen, dass die beiden Textbl\u00f6cke eine beinahe in sich geschlossene Einheit bilden? Zun\u00e4chst ist die stilistische und syntaktische Gestaltung der Briefe von Janina zu loben. Die Erinnerungen an ihre Kindheit mit der fr\u00fch verstorbenen Mutter, die Beschreibung ihres strengen Vaters, der die Erziehung der vier Kinder \u00fcbernehmen musste, seine Entlassung aus dem Armeedienst als General aufgrund seiner harschen Kritik an der Politik des damaligen Staatschefs, Marschall Pi\u0142sudki, das Leben auf dem Gutshof Patorowo in der N\u00e4he von Posen \u2013 all diese Passagen vermitteln einen anschaulichen Eindruck vom Leben in der zweiten polnischen Republik. Ebenso dicht ist die Darlegung des rauen Alltags im Gefangenenlager Koselsk. Janina erweist sich dort in der einf\u00fchlsamen Beschreibung von Seiten ihrer Erz\u00e4hlerin als kluge Beraterin von oft verzweifelten M\u00e4nnern. Andererseits ist es auch ihre enge Freundschaft mit Pater Zi\u00f3\u0142ko, der ihr seelsorgerisch beisteht, ihr Selbstbewu\u00dftsein st\u00e4rkt. Dazu geh\u00f6ren ihre Lager-Auftritte als S\u00e4ngerin und Kabarettistin, ihre couragierte Selbstbehauptung und ihre psychischen N\u00f6te, ihre Lebensklugheit und manche anderen Eigenschaften, die \u00fcberzeugend beschrieben werden. Ebenso eindrucksvoll ist die Beschreibung ihrer feministischen Einstellung gegen\u00fcber den meist in paternalistischen Vorurteilen befangenen M\u00e4nnern.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und noch eine andere hoch zu lobende Qualit\u00e4t dieses Briefromans. Aufgrund der zeitverschobenen Perspektive aus der Sicht zweier Zeitzeugen, die in den kriegerischen Strudel des Weltkrieges geworfen werden, entsteht ein \u00fcberzeugender Einblick in die tragische Geschichte Polens zwischen 1920 und 1945 unter Nutzung ganz unterschiedlicher Quellen. Sicherlich aber h\u00e4tte das Nachwort von Maria Nurowska in der deutschen vorliegenden Fassung noch etwas ausf\u00fchrlicher sein k\u00f6nnen. Die deutschsprachigen Leser\/innen, die bereits in den 1980er und 1990er Jahren ihr wachsendes Interesse an der Lekt\u00fcre von Nurowskas Romanen zeigten, w\u00e4ren gerne noch eindringlicher in das ungew\u00f6hnliche Leben der Irena Lewandowska eingeweiht worden. \u00dcbersetzte Ausz\u00fcge aus den ausf\u00fchrlichen Interviews mit der Autorin aus Anlass dieser \u201eBriefe aus Katyn\u201c in polnischen Zeitschriften w\u00fcrden der Erf\u00fcllung dieses Wunsches sicherlich gerecht werden!<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-63242\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Katyn_Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"153\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Katyn_Cover.jpg 306w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Katyn_Cover-184x300.jpg 184w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Katyn_Cover-260x424.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Katyn_Cover-160x261.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 153px) 100vw, 153px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Briefe aus Katyn<\/strong>, von Maria Nurowska. 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