{"id":63233,"date":"2021-05-20T00:01:00","date_gmt":"2021-05-19T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63233"},"modified":"2022-03-01T07:24:44","modified_gmt":"2022-03-01T06:24:44","slug":"daseinsberechtigung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/05\/20\/daseinsberechtigung\/","title":{"rendered":"Daseinsberechtigung"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer einen gemeinsamen Plot sucht zwischen einer Erz\u00e4hlung aus der Feder des renommierten sizilianischen Schriftstellers Nino Vetri \u00a0(Jg. 1964) und Notizen, die aus dem Tagebuch des norwegischen Autors Stig S\u00e6terbakken (1966-2012) stammen, der wird vor ein schwierig zu l\u00f6sendes Problem gestellt. Bereits die beiden Texttitel lenken die Aufmerksamkeit des Lesers auf ganz unterschiedliche thematische Felder. Die Notizen des aus dem mittelnorwegischen Lillehammer stammenden Stig Saeterbakken verweisen auf kurze Beobachtungen, sind pointierte, philosophisch untermauerte Aussagen zu Kunst und Leben. Der Titel der Erz\u00e4hlung des aus Palermo stammenden und dort als Buchh\u00e4ndler arbeitenden Vetri irritiert durch seine Kombination von musikalischer und kubistischer Klangf\u00e4rbung. Auf den ersten Blick also zwei v\u00f6llig unterschiedliche Textsorten und auf den zweiten Blick h\u00f6chst differierende kulturelle Felder, auf denen die literarischen Reflexionen ablaufen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nils Saeterbakkens Notate unter der \u00dcberschrift \u201aNichts davon handelt von mir\u2019 setzen ein mit einer doppelten Vision von l\u00e4hmender und produktiver Angst; Nino Vetris Erz\u00e4hlung beginnt mit einem Verweis auf einen Gaukler, mit dem ein autokommunikatives Ich kommuniziert. Also Vorsicht, liebe Leser*innen, professionelle Theaterwelt in der Gestalt eines Magiers trifft hier auf einen M\u00f6chtegern-Phantasten, der sich Wagner III. nennt. Er schleicht st\u00e4ndig um das Stadttheater herum, bel\u00e4stigt den Theaterdirektor, weil er unbedingt sein geniales St\u00fcck \u201aSuite f\u00fcr eine viertel Kuh\u2019 inszenieren will. Ab und zu mal verschwindet er aus der Stadt, kommt wieder und erz\u00e4hlt \u00fcberall, auf welchen B\u00fchnen der Welt er soeben inszeniert habe. Ungebremster Tatendrang wechselt sich mit Depressionen ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEr hatte pl\u00f6tzlich Angst vor den Leuten. (\u2026) Er hatte Angst, den Verstand zu verlieren. Oder besser, er dachte, er sei der einzig Vern\u00fcnftige \u2026 er sei als einzig Vern\u00fcnftiger unter all den Verr\u00fcckten ein vernunftbegabtes Wesen geblieben und das ihn das mit der Zeit in den Wahnsinn treiben w\u00fcrde.\u201c (S. 74)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und hat es Wagner den Dritten in den Wahnsinn getrieben? Der Plot in Negris Erz\u00e4hlung endet mit einer unerwarteten Wende. Wagner der Dritte stirbt und der Theaterdirektor ger\u00e4t einige Jahre danach in eine schwere Bredouille. Er soll abgesetzt werden, weil seine Inszenierungen zu langweilig seien. Da erinnert er sich an das St\u00fcck des verstorbenen Phantasten, die \u201eSuite f\u00fcr eine viertel Kuh\u201c, dessen Text der Ich-Erz\u00e4hler gl\u00fccklicherweise aufbewahrt hat. Es wird eine sensationelle Ur-Auff\u00fchrung, mit einer auf den B\u00fchnenboden schei\u00dfenden Kuh, einem urkomischen Monolog Mama Papa Kacke, der vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen wird und dazu f\u00fchrt, dass Richard Wagner der Dritte in die Theatergeschichte eingeht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die Notate von Saeterbakken? Ist es zum Zweck einer vorsichtigen vergleichenden Bewertung angebracht, auf die schicksalhaften Verwerfungen in der Biographie des im Jahre 2012 freiwillig aus dem Leben scheidenden Schriftstellers zu verweisen? Sind die Passagen in seinen Notizen, in denen er \u00fcber seine st\u00e4ndig schwankenden existentiellen Erfahrungen mit seinem Leben \u00fcberzeugend berichtet, irgendwie vergleichbar mit der verr\u00fcckten Geschichte von der Kuh, die \u2026? Zun\u00e4chst: es sind zwei unterschiedliche Kulturmodelle, die aufeinandertreffen, die rauhe nordeurop\u00e4ische Lebenswelt in Lillehammer, in der die Akteure die meiste Zeit in ihren Wohnungen oder in Bergh\u00fctten verbringen, w\u00e4hrend die sizilianische Lebenswelt sich eher auf Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen abspielt. Im Hinblick auf die mit lebensphilosophischen Betrachtungen verdichteten Aufzeichnungen des norwegischen Autors, der st\u00e4ndig mit seiner Daseinsberechtigung k\u00e4mpft, f\u00e4llt dem Rezensenten eine Textpassage auf, in der das Recht des Tagebuchschreibers auf die Umst\u00fclpung der Welt in einem pl\u00f6tzlichen Gewaltakt betont wird:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIst er uns nicht bekannt, jener gro\u00dfartige erl\u00f6sende Zustand, der einen bef\u00e4llt, wenn etwas in einem zu Bruch geht, wenn es klick macht, wenn alle innere Kontrolle verloren geht, wenn es endlich hei\u00dft: loco, wenn einen nichts mehr zur\u00fcckh\u00e4lt und alles seine Form verliert, wenn der Unterschied zwischen innen und au\u00dfen zusammenf\u00e4llt und wenn man nicht mehr das eigene Durcheinander von dem der Umwelt auseinanderhalten kann. Und dann Sekunden sp\u00e4ter, sieht man das zerschlagene Inventar, den maltr\u00e4tierten K\u00f6rper, die rauchenden Ruinen. Man hat eine neue Welt geschaffen.\u201c (S. 134)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und diese \u201eneue\u201c Welt schafft sich in dem n\u00f6rdlichen Kulturraum eine andere Pr\u00e4gung als in dem s\u00fcdeurop\u00e4ischen Kulturraum. W\u00e4hrend Saeterbakken sich immer wieder die Frage nach einem wirklich sinnvollen Leben stellt (und schlie\u00dflich freiwillig aus dem Leben scheidet), entwirft Vetri eine phantasiegeladene Gegenwelt mit einem Protagonisten, dessen skurrilen k\u00fcnstlerischen Vorstellungen seine Lebenswelt transzendieren und erst post mortem auf die Zustimmung der n\u00e4chsten Generation st\u00f6\u00dft. Soweit der Versuch, einen offensichtlichen kulturellen Unterschied zwischen beiden Texten zu erl\u00e4utern. Und der vermutete gemeinsame Plot zwischen beiden Texten? Die gelungene und mi\u00dfgl\u00fcckte Kreation von \u201eneuen\u201c Welten. Und dar\u00fcber hinaus eine anregende Lekt\u00fcre, viele lebensphilosophische Einsichten bei der Lekt\u00fcre der Notizen von Saeterbakken mit dem provokanten Untertitel \u201eNichts davon handelt von mir\u201c und viel Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die \u201everr\u00fcckte\u201c Welt von Wagner dem Dritten.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"177\" height=\"300\" class=\"wp-image-63237\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Saeterbakken_Lillehammer.jpg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Saeterbakken_Lillehammer.jpg 177w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Saeterbakken_Lillehammer-160x271.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 177px) 100vw, 177px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>LILLEHAMMER \u2013 PALERMO oder: Suite f\u00fcr eine viertel Kuh<\/strong> \/ Notizen und eine Erz\u00e4hlung, von Stig S\u00e6terbakken \/ Nino Vetri. Edition.fotoTapeta 2019<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wer einen gemeinsamen Plot sucht zwischen einer Erz\u00e4hlung aus der Feder des renommierten sizilianischen Schriftstellers Nino Vetri \u00a0(Jg. 1964) und Notizen, die aus dem Tagebuch des norwegischen Autors Stig S\u00e6terbakken (1966-2012) stammen, der wird vor ein schwierig zu l\u00f6sendes&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/05\/20\/daseinsberechtigung\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2501,2500,1158],"class_list":["post-63233","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-nino-vetri","tag-stig-saeterbakken","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63233","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63233"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63233\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101348,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63233\/revisions\/101348"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63233"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63233"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63233"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}