{"id":63227,"date":"2017-01-11T00:01:06","date_gmt":"2017-01-10T23:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63227"},"modified":"2022-04-02T11:32:24","modified_gmt":"2022-04-02T09:32:24","slug":"wolkenbuendel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/01\/11\/wolkenbuendel\/","title":{"rendered":"Wolkenb\u00fcndel"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Gedichte \/ im gras \/ am himmel \/ unter der sonne &amp; im schnee, so lautet der Untertitel der Publikation, die nicht nur beim Betrachten des Einbandes eine F\u00fclle von Assoziationen ausl\u00f6st, sondern auch durch die Gestaltung der Zahl zwoelf sofort ins Auge f\u00e4llt. Ein dunkelblauer Kosmos, flirrendes Licht, das zahlreiche Wolkenb\u00fcndel erleuchtet und eine stilisierte Haubenmeise (?), die auf dem vorletzten Buchstaben der zwoelf etwas signalisiert, was die Autorin in einer doppelten Botschaft ank\u00fcndigt: f\u00fcr das kind, \/ das mich wach kitzelte und lausche meinem atem \/ und warme sommerluft \/ str\u00f6mt in mich hinein. Taktile, auditive, visuelle und haptische Elemente treffen hier aufeinander und schaffen schon vor den ersten Leseeindr\u00fccken eine wachsende Erwartung. Gesteigert wird sie noch durch das Vorwort aus der Feder von Francesco Fiorentino, einem Professor f\u00fcr Germanistik aus Rom. Unter dem Motto \u201eWie Poesie ein unsch\u00e4tzbares Medium der \u00d6ffnung zum Fremden sein kann\u201c zeichnet Fiorentino die \u00e4sthetischen Konturen der Gedichte von Tamara Labas nach, indem er deren \u201ewundervolle(n) Bilder der Entfremdung, der Verfremdung und der sch\u00f6nen Fremdheit zwischen Natur und Menschen, zwischen Menschen und Menschen\u201c hervorheben. Es sind vor allem zwei Begriffe, die wesentliche Aussagen in den vorliegenden Gedichten b\u00fcndeln: Natur und kulturelle Traditionen, deren Inhalte sich vehement ver\u00e4ndern und deren Ausdrucksformen einen oft erschreckenden Wandel erleben. Natur, so Fiorentino, sei in diesen Gedichten \u201enicht zuletzt ein Transit-Raum, durchquert von Menschen, die alle Migranten sind.\u201c Mehr noch: \u201eUnsere Vergangenheit ist eine migrante geworden; keine feste kulturelle Tradition kann sie zusammenhalten. Sie lebt in der Form von Scherben.\u201c Und diese in Scherben zerfallene Tradition rufe \u201eSpuren des inneren Sinns\u201c hervor, die in den vorliegenden Gedichten vor dem zeitlichen Hintergrund von zw\u00f6lf Monaten aufgedeckt werden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geh\u00f6rt zu den besonderen Merkmalen des aufwendig gestalteten Gedichtbandes, dass der 12-Jahreszeitzyklus von M\u00e4rz bis Februar jeweils zu Beginn eines neuen Monats mit einem Doppelblatt eingeleitet wird. Auf ihm sind in lateinischen, manchmal auch in griechischen Lettern auf hellgrauem Hintergrund kurze Texte, manche bruchst\u00fcckhaft, andere in Zitat-Form abgedruckt, die auch auf die folgenden Gedichte verweisen. Auf diese Weise entsteht eine wachsende Spannung in der Erwartung der folgenden Gedichte, deren Inhalte sich oft auf besondere Merkmale von Jahreszeiten beziehen, aber vor allem das Lebensgef\u00fchl der Autorin lustvoll beschreiben. Dabei bedient sie sich eines lyrischen Ich, das in immer neue Gew\u00e4nder und Stimmungen schl\u00fcpft, so wie im einleitenden Gedicht, einem Dialog mit einem Grash\u00fcpfer, dem es einen Kuss gibt. Wer nun vermutet, hier entfalte sich ein Sentimentalismus, der seinen Lesern\/innen ein naives Verh\u00e4ltnis zur Natur einrede, der liegt ziemlich schief. Tamara Labas gelingt es mit der spielerischen, leidenschaftlichen, k\u00f6rperintensiven und zugleich kritischen Darlegung einer sorgf\u00e4ltig beobachtenden Lyrikerin einen anderen Zugang zu Natur zu erreichen. Er ist, wie der Text \u201eDunkle Muschelschale\u201c aus dem grauen Monat November eindrucksvoll zeigt, von Gl\u00fccksmomenten erf\u00fcllt, weil \u201ezwischen himmel und erde \/\u2026 \/ wo bunte blumen wachsen \/ weil ihre samen verstreut vom wind \/ aus aller herren l\u00e4nder \/ dazwischen irgendwo (bin) ich.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein eindrucksstarkes Gedicht, das ebenso wie die Mehrzahl der rund hundert Texte in freien Rhythmen gestaltet ist, leitet den Monat August ein. Der \u201eTanz mit dem wilden Stier im August\u201c erweist sich als Spiel mit dem Leben, wobei die T\u00e4nzerin ihre \u00c4ngste in den Wind schleudert, \u00fcber die Maske lacht, die sich aufl\u00f6st unter der Wirkung ihrer heiteren Unbek\u00fcmmertheit. In diesen Rhythmen, die dann und wann auch aus dem Takt kommen, entfaltet sich eine Gestik, die den Naturraum in einen Spielplatz praller Lebenslust verwandelt. Und wo bleibt das Fremde im interkulturellen Lebensraum, wo die \u201edrohenden Scherben\u201c, die Francesco Fiorentino in seinem Vorwort diagnostiziert hat? Es ist augenscheinlich in den R\u00e4umen dazwischen verschwunden, in denen Tamara Labas ihre lebenslustigen T\u00e4nze auff\u00fchrt. Sie kommuniziert mit allen nat\u00fcrlichen Wesen und f\u00fchrt einen transkulturellen Dialog. Die Voraussetzungen daf\u00fcr hat sie sich in der Auseinandersetzung mit ihrer soziokulturellen Umwelt geschaffen. In der kroatischen Hauptstadt Zagreb geboren, mit ihren Eltern nach Frankfurt am Main ausgewandert, hat sie nach dem Schulbesuch an der Goethe-Universit\u00e4t Germanistik studiert. Erste Ver\u00f6ffentlichungen von Gedichten und Erz\u00e4hlungen in Anthologien folgen. Aufgrund ihrer T\u00e4tigkeit als Herausgeberin einer Anthologie lenkt sie auch Aufmerksamkeit vieler Literaturfreunde auf sich. Au\u00dferdem leitet sie den \u201eLiteraturclub der Frauen aus aller Welt e.V.\u201c, erh\u00e4lt erste Auszeichnungen f\u00fcr ihre lyrischen Werke. Mit der Ver\u00f6ffentlichung des Gedichtbandes \u201ezwoelf\u201c ist ihr nun der Einstieg in die hart umk\u00e4mpfte Kommune der professionellen Lyrikproduzenten gelungen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zwoelf, <\/strong>von Tamara Labas. Frankfurt \/M (Gr\u00f6\u00dfenwahn Verlag) 2017<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/zwo\u0308lf.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89403 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/zwo\u0308lf-176x300.jpg\" alt=\"\" width=\"176\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/zwo\u0308lf-176x300.jpg 176w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/zwo\u0308lf-601x1024.jpg 601w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/zwo\u0308lf-768x1308.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/zwo\u0308lf-902x1536.jpg 902w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/zwo\u0308lf-1203x2048.jpg 1203w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/zwo\u0308lf-560x953.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/zwo\u0308lf-260x443.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/zwo\u0308lf-160x272.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/zwo\u0308lf.jpg 1429w\" sizes=\"auto, (max-width: 176px) 100vw, 176px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Gedichte \/ im gras \/ am himmel \/ unter der sonne &amp; im schnee, so lautet der Untertitel der Publikation, die nicht nur beim Betrachten des Einbandes eine F\u00fclle von Assoziationen ausl\u00f6st, sondern auch durch die Gestaltung der Zahl&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/01\/11\/wolkenbuendel\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2498,1158],"class_list":["post-63227","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-tamara-labas","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63227","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63227"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63227\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102510,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63227\/revisions\/102510"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63227"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63227"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63227"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}