{"id":63222,"date":"2015-02-12T00:01:00","date_gmt":"2015-02-11T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63222"},"modified":"2022-05-29T06:04:51","modified_gmt":"2022-05-29T04:04:51","slug":"koestliche-miniaturen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/02\/12\/koestliche-miniaturen\/","title":{"rendered":"K\u00f6stliche Miniaturen"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a0<em><span style=\"color: #999999;\">&#8222;\u2026 die Dinge sind (.) das, was sie scheinen \u2013 und hinter ihnen. ist nichts&#8220;<\/span><\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Jean Paul Sartre<\/span><\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen W\u00f6rter weglassen,<\/em> sagt Markt Twain auf der Seite 6. Und sp\u00e4testens hier, bevor die Miniprosa-St\u00fccke beginnen, ist der\/die Leser\/in verbl\u00fcfft. Geschichten entstehen im Auge. Na, das kann ja heiter werden. Und schon geht es los. Mann und Frau, die in einem Bett liegen, das aus einem Roman ist. Und was will die Frau? Mehr lachen. Und auf der Bettkante? Da sitzt eine Katze. Die kann nicht lachen, sagt der Mann. Die braucht Sprechwerkzeuge, um zu lachen, sagt der Mann. Falsch geraten, sagt nicht die Frau. Denn die Katze schnurrt, also lacht sie. Und Mann und Frau schnurren den ganzen Abend, die Katze versucht zu lachen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer an dieser Stelle noch r\u00e4tselt, der st\u00fcrzt sich sofort in den n\u00e4chsten Text: die Fete. Frau und Mann wollen sich vergn\u00fcgen. Fete hei\u00dft Fest, sagt der prinzipienfeste Mann. Sie sagt danser, er sagt tanzen und begibt sich aufs Klo. <em>Denn tanzen ist denken im kleineren Raum, brummelt der Mann. <\/em>Doch das Badezimmer dehnt sich aus. Und das Klopapier verwandelt sich in eine Fahne der Unendlichkeit. Und die Frau?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch eine Mini-Seance \u00fcber Mann und Frau? Aber ja. Das Netz ist, wenn es nicht gehackt wird, ein wunderbares elektronisches, naja, wir wissen es schon. Und f\u00fcr die Frau? Das Netz ist nichts f\u00fcr kleine Fische, sagt der Mann, der in einem Buch liest. Und wie geht das Duell um das h\u00f6here Wissen aus? Falsch gefragt! Der Mann sucht nach Ziesel, Wiesel, Dusel und Muh im Buch, die Frau hat ihr Notebook zugemacht. Man m\u00fcsse nicht alles wissen, sagt sie.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und jetzt erwarten Sie von dem Rezensenten, dass er klugschw\u00e4tzt. Der sitzt aber l\u00e4ngst selbst auf der Couch. Schaut zu, wie der Mann einen Hammer und einen Nagel an ihm vorbeitr\u00e4gt, um ein Bild an der Wand zu befestigen. Und die Frau? Die hat die Beine auf die Couch gelegt, die Augen geschlossen. Und der Mann? Der verl\u00e4sst auf Zehenspitzen mit einem Blick auf die Frau das Zimmer. Und der Rezensent? Er begibt sich mit der Frau auf Zehenspitzen ins Bild.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00f6chste Zeit \u00fcber das Verh\u00e4ltnis der allt\u00e4glichen toten und lebendigen Gegenst\u00e4nde zu ihren Benutzern zu reden. Da klingelt das Handy des Mannes und die Katze h\u00e4lt ihr Ohr an das Ger\u00e4t. Und sie wei\u00df wie der Mann, dass die Stimme der Frau wie ein Stein klingt. Komisch oder? Und zu Weihnachten gehen Frau und Mann mit ihren Engeln ins Bett. Sie wissen, dass die Engel ihnen schweigend Antworten geben, auf Fragen, die sie ihnen nicht gestellt haben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Gl\u00fccklicherweise drehen jetzt K\u00fche die Locken oder auch umgekehrt. Wir sind in der Mitte des Bandes angekommen. Der Mann ist verschwunden, und die Frau bew\u00e4ltigt alleine das Leben. Zumindest solange, wie die K\u00fche ihre Locken drehen und solange die Frau im S\u00fcden mit der Frau im Norden redet. Und was macht die Frau? Sie denkt zwischen zwei L\u00f6wenk\u00f6pfen; sie sammelt Rosenbl\u00e4tter auf, legt sie in einen Korb, der atmet, weil er eine Arche geworden ist, in der die Zeit Wellen schl\u00e4gt; sie atmet ein und aus, w\u00e4hrend sie in dem kleinen Prinzen liest und der Staub im B\u00fccherregal und im Zimmer sich ausbreitet, solange, bis die Frau den kleinen Prinzen einatmet.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn das so weiter geht, fragt sich der besorgte Leser, dann \u2026 Doch der Mann kommt wieder und die Stille zwischen den T\u00f6nen setzt ein, weil die Katze im Schallloch der Gitarre des Mannes etwas geh\u00f6rt hat. Was ist das nur f\u00fcr eine abstruse Alltagslogik, in der die M\u00fcdigkeit sich auf den Tisch legt, F\u00fc\u00dfe sich in Seismographen verwandeln, Ameisen die Gestalt von Soldaten annehmen? Wenn selbst unschuldige Kinder davon betroffen sind, dann ist es h\u00f6chste Zeit einzugreifen. Ratschl\u00e4ge kann uns, wie die Autorin versichert, der der Schweizer Aphoristiker Bachnonga geben. Die erste Kindheit sei verzwiebelt, die zweite versteinert, sagt der und sofort begreift auch der Rezensent die wundervolle Welt der Kinder. Dort f\u00e4llt nicht nur die Sonne ins Meer sondern auch in die Augen der lieben Kleinen, und die Prinzessin mit der G\u00e4nsebl\u00fcmchenkrone erstarrt um Mitternacht und h\u00f6rt auf zu schielen. Genug mit solchen Albernheiten, sagte sich die Autorin und widmet ihr Finale den gro\u00dfen kosmischen Prozessen und der Politik, wie zum Beispiel dem Gespr\u00e4ch \u00fcber die Europadecke, das mit der folgerichtigen Behauptung einsetzt, dass Europa mit und ohne Stier zu denken sei, weil die Europadecke viele Falten hat und niemand unter die Decke schaut. Und: alles wird wieder logisch sein, wenn die zw\u00f6lf singenden M\u00f6nche in der Klausur den Himmel in ihren Kehlen wieder entdecken k\u00f6nnten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und was f\u00e4llt dem Rezensenten nach der Lekt\u00fcre dieser k\u00f6stlichen Miniaturen ein? Vergleicht er sie mit den albernen, kunstvoll pr\u00e4parierten Szenerien eines Loriots, der auf der Couch sitzend die komischen Ph\u00e4nomene des Alltags mimisch, gestisch und epigrammhaft zu erfassen versucht? Ursula Teicher-Maier \u00fcberschreitet mit ihren \u2013 allerdings nicht immer \u2013 pointierten Schlussfolgerungen die Grenzen der r\u00e4tselhaften Alltagserfahrungen, indem sie die Dinge den Wahrnehmungen der handelnden Personen entzieht und sie gleichzeitig aus den Sph\u00e4ren des Unbewussten zur\u00fcckholt, ohne beim Leser\/H\u00f6rer ein befreiendes Aha auszul\u00f6sen. Stattdessen setzt ein z\u00f6gerndes Lachen ein, das sich nach mehr solcher auf den wackelnden Punkt gebrachten Geschichten sehnt.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>K\u00fche und Locken drehen<\/strong>, von Ursula Teicher-Maier. Ludwigsburg (Pop-Verlag) 2015.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Ku\u0308he-und-Locken-drehen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89347 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Ku\u0308he-und-Locken-drehen-210x300.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Ku\u0308he-und-Locken-drehen-210x300.jpg 210w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Ku\u0308he-und-Locken-drehen-260x371.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Ku\u0308he-und-Locken-drehen-160x228.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Ku\u0308he-und-Locken-drehen.jpg 350w\" sizes=\"auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend<\/strong>\u00a0\u2192 ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>, sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/06\/recap-hungertuchpreis\/\">Recap<\/a> des Hungertuchpreises.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0&#8222;\u2026 die Dinge sind (.) das, was sie scheinen \u2013 und hinter ihnen. ist nichts&#8220; Jean Paul Sartre Schreiben ist leicht. 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