{"id":63215,"date":"2015-12-28T00:01:42","date_gmt":"2015-12-27T23:01:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63215"},"modified":"2022-04-02T15:37:30","modified_gmt":"2022-04-02T13:37:30","slug":"boehmische-nachkriegsgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/12\/28\/boehmische-nachkriegsgeschichte\/","title":{"rendered":"B\u00f6hmische Nachkriegsgeschichte"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinter dem lapidaren Titel des autobiographisch verb\u00fcrgten Berichts des tschechischen Schriftstellers und B\u00fcrgerrechtlers Franti\u0161ek \u0160ediv\u00fd (Jg. 1927) verbirgt sich eines der schrecklichsten Kapitel der b\u00f6hmischen Nachkriegsgeschichte: die Produktion von Uranerz f\u00fcr die nach 1945 in der Sowjetunion einsetzende Herstellung von Atombomben. Dr. Nancy Aris von der s\u00e4chsischen Beh\u00f6rde f\u00fcr die Verwaltung der Stasi-Unterlagen verweist in ihrem Vorwort daraufhin, dass der Abbau des Urans unter menschenunw\u00fcrdigen, brutalen Bedingungen erfolgte und eine gemeinsame, bislang kaum bekannte s\u00e4chsisch-tschechische Leidensgeschichte auf dem Gebiet des Erzgebirges darstelle. In ihr widerspiegelten sich die Praktiken zweier menschenm\u00f6rderischen Diktaturen, der eben milit\u00e4risch beendeten Naziherrschaft und der beginnenden Sowjetdiktatur in der Besatzungszone zwischen 1945 und 1949 wie auch in der 1949 etablierten DDR. Beide Diktaturen markierten und hinterlie\u00dfen ihre blutigen Spuren: mit der \u00dcbernahme von KZ-Lagerpraktiken als auch mit den menschenverschlei\u00dfenden Methoden des in der Sowjetunion etablierten und nach 1945 in tschechoslowakischen Gef\u00e4ngnissen und Arbeitslagern \u00fcbernommenen GULAG-Verfahrensweisen. Durch dieses System von 18 Zwangsarbeitslagern auf dem tschechoslowakischen Territorium wurden im Zeitraum zwischen 1945 und 1964 zehntausende \u00fcberwiegend politische H\u00e4ftlinge geschleust, mit vielen aufgrund von Mangelern\u00e4hrung, Arbeitsunf\u00e4llen in den unzureichend abgesicherten Bergstollen, gescheiterten Fluchten und Folterungen verursachten Todesf\u00e4llen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinem ausf\u00fchrlichen \u00dcberblick \u00fcber die Geschichte des Uranabbaus und die Uran-Lager in B\u00f6hmen verweist der Zeithistoriker Franti\u0161ek B\u00e1rt\u00edk einleitend auf die notwendige transnationale Darstellung des Uranabbaus. Er wurde von der Sowjetunion nach 1945 auf beiden staatlichen Territorien forciert vorangetrieben und erfolgte auf tschechischer Seite zwischen 1945 und 1950 vor allem unter Einsatz deutscher Kriegsgefangenen wie auch so genannter Retributionsgefangener (nach 1945 als Kollaborateure des Naziregimes verurteilt). In dem Zeitraum zwischen 1945 und 1989 wurden in den Bergwerken im Joachimsthaler Gebiet (Jach\u00fdmov) mehr als 3000 Tonnen Uran unter unterschiedlichen technischen Bedingungen, aber immer zu Lasten der bis in die 1960er Jahre zwangsweise rekrutierten Arbeitskr\u00e4fte, die f\u00fcr extrem gesundheitssch\u00e4dliche Zwangsarbeit bis in die 1950er Jahre eine sehr geringe Entlohnung erhielten. B\u00e1rt\u00edk klassifiziert die einzelnen Phasen des Arbeitslagersystems von dem NS-Kriegsgefangenenlager (1940-1945) bis zu dem so genannten Uran-Besserungs-Arbeitslager (1949-1953), beschreibt minuti\u00f6s die Lebensumst\u00e4nde der Zwangsarbeiter, unter denen viele, die aufgrund politischer Motive verurteilt waren, und verweist auf die 511 Personen, die beim Uranabbau f\u00fcr die Sowjetunion infolge von Arbeitsunf\u00e4llen, Krankheiten und Suizid ums Leben kamen. Der analytische und beschreibende Charakter seiner Ausf\u00fchrungen erm\u00f6glicht nicht zuletzt die Einordnung des autobiografischen Leidensberichts des H\u00e4ftlings Pavel, ein Name, den der Autor \u0160ediv\u00fd benutzt, um gleichsam eine gewisse psychische Distanz zu seinem Ich herzustellen. Sie bildet eine Schutzfunktion, die diesen ersch\u00fctternden autobiografischen Bericht in vieler Hinsicht f\u00fcr den Leser transparenter erscheinen l\u00e4sst. Es handelt sich um einen beinahe zw\u00f6lfj\u00e4hrigen Zwangsaufenthalt, den Frantisek unter unmenschlichen Bedingungen zwischen 1952 und 1964 in Untersuchungsgef\u00e4ngnissen, im ostm\u00e4hrischen Gef\u00e4ngnis Mirov und als Zwangsarbeiter in verschiedenen Uranerzgruben im Jach\u00fdmov-Gebiet verbrachte. Der Ausgangspunkt: eine Gruppe junger tschechischer Studenten, die Widerstand zwischen 1948 und 1952 leistet gegen die kommunistische Herrschaft, wird verraten, es folgen erpresste Gest\u00e4ndnisse und die Verurteilung zu langj\u00e4hrigen Haftstrafen. Pavel wird zu einer Freiheitsstrafe von 14 Jahren verurteilt. Was er in diesen Jahren an Schikanen, k\u00f6rperlichen Strafen, Entbehrungen, Erniedrigungen durch das Wachpersonal erlebt, geh\u00f6rt in der vorliegenden Aufzeichnung zu den anschaulichsten Dokumenten der tschechoslowakischen Gef\u00e4ngnisgeschichte. \u0160ediv\u00fds n\u00fcchterner Bericht, aus einer gewissen zeitlichen Distanz geschrieben, zeichnet sich durch die genaue Beschreibung der Untersuchungsmethoden der Staatssicherheit, der Zust\u00e4nde in den verwahrlosten Gef\u00e4ngnissen, der Mangelkost f\u00fcr die Gefangenen und der brutalen Ausbeutung ihrer Arbeitskraft aus. Seine durch Sachberichte angereicherten Beobachtungen der Arbeitsbedingungen beim Abbau des Uranerzes bilden eine anschauliche Bereicherung der Darlegung des Historikers B\u00e1rt\u00edk, der im heutigen Museum Vojna als Direktor arbeitet. Zahlreiche im Text abgedruckte Fotodokumente vermitteln dem Leser sicherlich nur distanzierte Eindr\u00fccke von dieser H\u00f6lle und dem Fegefeuer, wie \u0160ediv\u00fd die Lebensbedingungen in den Lagern charakterisiert. Dennoch erlauben sie einf\u00fchlsame Einblicke in die Reste einer einstigen Horrorwelt. Als Pavel nach einem Antrag auf Haftverk\u00fcrzung im Jahre 1964 freigelassen wird, erwartet ihn weder seine Mutter (die zwei Jahre vorher an Krebs gestorben war; an deren Beerdigung er nicht teilnehmen durfte) noch n\u00e4here Verwandte. Er musste nun sein Leben v\u00f6llig neu gestalten. Erst nach 1989 konnte Franti\u0161ek \u0160ediv\u00fd die Ver\u00f6ffentlichung seiner Leidensgeschichte in die Wege leiten. Dass nunmehr die deutsche Ausgabe seines autobiografischen Berichts erscheint, verdankt er den Bem\u00fchungen des S\u00e4chsischen Beauftragten f\u00fcr die Stasi-Unterlagen Lutz Rathenow, seiner Stellvertreterin Nancy Aris, Andreas Sch\u00f6nfelder von der Umweltbibliothek Gro\u00dfhennersdorf und nat\u00fcrlich der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig, die in ihrer Schriftenreihe sich besonders um die Aufarbeitung der kommunistischen Gewaltherrschaft nach 1945 bem\u00fcht.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Uran-Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-82826 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Uran-Cover-189x300.jpg\" alt=\"\" width=\"189\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Uran-Cover-189x300.jpg 189w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Uran-Cover-260x412.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Uran-Cover-160x253.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Uran-Cover.jpg 281w\" sizes=\"auto, (max-width: 189px) 100vw, 189px\" \/><\/a>Uran f\u00fcr die Sowjetunion, <\/strong>von Franti\u0161ek \u0160ediv\u00fd. Mit einer Einf\u00fchrung von Franti\u0161ek B\u00e1rt\u00edk. Leipzig (Evangelische Verlagsanstalt) 2015, 229 S., 9,90 \u20ac. ISBN 978-3-374-04033-9. (Schriftenreihe des S\u00e4chsischen Landesbeauftragten Stasi-Unterlagen, Bd. 15).<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Hinter dem lapidaren Titel des autobiographisch verb\u00fcrgten Berichts des tschechischen Schriftstellers und B\u00fcrgerrechtlers Franti\u0161ek \u0160ediv\u00fd (Jg. 1927) verbirgt sich eines der schrecklichsten Kapitel der b\u00f6hmischen Nachkriegsgeschichte: die Produktion von Uranerz f\u00fcr die nach 1945 in der Sowjetunion einsetzende Herstellung&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/12\/28\/boehmische-nachkriegsgeschichte\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2496,1158],"class_list":["post-63215","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-frantisek-sedivy","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63215","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63215"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63215\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102526,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63215\/revisions\/102526"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63215"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63215"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63215"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}