{"id":63207,"date":"2015-04-18T00:01:00","date_gmt":"2015-04-17T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63207"},"modified":"2022-04-02T19:06:39","modified_gmt":"2022-04-02T17:06:39","slug":"erinnerung-an-lackierte-fotos","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/04\/18\/erinnerung-an-lackierte-fotos\/","title":{"rendered":"Erinnerung an lackierte Fotos"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer Bilder mit Texten \u00fcberschreibt, sie mit grafischen Signalen und malerischen wie auch Collage-Feldern versieht, wer bereits im Titel des vorliegenden Gedichtbandes signalisiert, dass seine \u201eTage Ost \u2013 West\u201c gleitend ineinander flie\u00dfen, der geht mit seinen poetischen Visionen nicht auf Reisen, f\u00fcr den sind die Bilder stets an Ort und Stelle in sich gebrochen. Und aus diesen Splittern formen sich andere Visionen, in denen die geografischen Topoi nur Versatzst\u00fccke bilden. Dieses poetologische Verfahren setzt die Autorin in mehrfacher Hinsicht ein. In dem in drei gro\u00dfe Abschnitte aufgeteilten Band operiert sie mit Zitaten, literarischen Subtexten und der formalen Benennung von Orten und Gem\u00e4lden, spielt sie mit der Dynamik von Worten und Zahlen und bewirkt auf diese Weise eine Interferenz von Schrift und Wort wie auch von Farbe und Raum. Doch damit nicht genug: Gemeinsam mit den rhetorischen Verfahren, die den vorgelegten poetischen Texten einen anziehenden und zugleich sperrigen Reiz verleihen, entsteht damit f\u00fcr Leser und Betrachter eine besondere Herausforderung. Sie geraten in die Versuchung, Wortgebilde getrennt von kunstvollen Abbildungen wahrzunehmen, mehr noch: sie klammern sich an die Nennung von Orten und L\u00e4ndern und leiten davon den Begriff \u201aReiseliteratur\u2018 ab. Sicherlich ist die Autorin gereist, zweifellos ist die aus dem rum\u00e4nischen Banat stammende Dichterin in verschiedenen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern und in \u00c4gypten gewesen, unbestritten gibt es Passagen, in denen sie fremdsprachliche Termini benutzt, um ihre kulturelle und sprachliche Vertrautheit mit den jeweiligen Landschaften zu signalisieren. Doch die komplexe Verarbeitung ihrer Eindr\u00fccke erzeugt eine in sich gebrochene Wahrnehmung von Welt, die sie mit mehrfachen Zitaten aus T.S. Eliots \u201eWaste Land\u201c belegt. Diese Welt sei, so T.S. Eliot, ein Haufen zerbrochener Bilder, in der selbst der tote Baum kein Obdach mehr bilde. Unter Verweis auf diese Vision streift sie jegliche Idylle wie l\u00e4stige Gedanken ab, bem\u00fcht sich um diskursiv aufgeladene visuelle Eindr\u00fccke, die sie in Texten verarbeitet. Sie sind in unterschiedliche Rhythmen gestaltet und bedienen sich eigenwilliger poetischer Metaphern.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem ersten thematischen Abschnitt \u201aDIE HEIMAT, DIE ZUNGE\u2018 ist ein gleichnamiges Gedicht dem Mitbegr\u00fcnder der Aktionsgruppe Banat, Werner Kremm, gewidmet. Er lebt und arbeitet als einziger der aus diesem Kreis stammenden Intellektuellen weiterhin als Journalist in Rum\u00e4nien. Kennzeichnend f\u00fcr den mit sarkastischen und ironisch gebrochenen Aussagen verdichteten Text ist das fehlende poetische Ich, das durch ein \u201eAch, du lieber Augustin\u201c, nach dem Canetti-Zitat \u201eHeimat, gerettete Zunge \u2026\u201c, zu Beginn des Gedichts ersetzt wird. Die dem Zirkuskasperl-Motiv folgende Zeile: \u201eAlles ist hin\u201c fehlt und wird durch die Aussage \u201edie Kunst am Rande \/ des Nichts zu leben als sei alles in Ordnung.\u201c (S. 25) erg\u00e4nzt. Und die Nennung des Ortes, in dem sich die folgenden Visionen verdichten? Temeswar oder eine andere rum\u00e4nische Stadt oder \u201eein Ort jenseits der Wand\u201c ? Auf jeden Fall ein Ort, an dem sich ein undurchsichtiger gesellschaftlicher Wandel abzeichnet, wo der \u201edemokratische(n) Schlamm \/ \u2026 sich langsam \u00fcber das Roma-Gold (schiebt)\u201c, wo \u201edie Pampa \u2026 an den Westen (verloren)\u201c geht. Sind solche gebrochenen Wortbilder die typischen Reisebilder, in denen Gedichte-Leser (gibt es die noch?) ihre lackierten Urlaubserinnerungen wiederfinden?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch \u201eAm Rande von Kairo\u201c &#8211; in dem mit der Losung \u201aZIEH LEINE, POESIE\u2018 beginnenden zweiten Abschnitt &#8211; sind die poetisch aufgeladenen Bilder nichts als \u201ezerkratzte Traumschlacke im\/ Gel\u00e4chter der Sprache\u201c (S. 37). Beabsichtigt die Autorin etwa ihren Lesern\/ H\u00f6rern mit solchen Gegenbildern den Spa\u00df am Reisen und der Lust am Schauen zu nehmen? Auf keinen Fall! Vielmehr kratzt sie am Lack der Oberfl\u00e4chen, \u00f6ffnet den Blick auf die d\u00fcstere politische Gegenwart, gr\u00e4bt sich in die Untiefen der Geschichte, verbindet die historischen Linien mit den noch vorhandenen Spuren. So wie in der NEKROPOLE im \u00e4gyptischen Benni Hassan, einer Anlage mit vielen Felsengr\u00e4bern, wo die Namenlosen \u201eauf Papierfetzen kodifiziert (sind)\u201c. Oder die FAHRT NACH ABU SIMBEL mit bewaffnetem Geleit, dem Ort in Nubien, wo der bekannte Tempel des Ramses II. stehen geblieben ist, wo die Angst vor einem terroristischen \u00dcberfall st\u00e4ndig pr\u00e4sent ist? Oder die Nahaufnahmen vom \u00c4GYPTISCHEN FR\u00dcHLING, wo \u201eein Volk aus dem Schweigen gehoben\u201c wird, und der Westen zuschaut und \u201esagt ein Fr\u00fchling ist ein Fr\u00fchling ist ein Fr\u00fchling.\u201c (S. 46)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch eine bittere Kostprobe? Bitte sehr! \u201eIM WINTER MOSKAU\u201c und kursiv \u201eIn memoriam Marc Chagall\u201c. Ein auf den ersten Blick leicht zu dekodierender Text. Roter Platz, Basilius-Kathedrale, Spasskij-Turm \u2013 ja, das sind die Merkzeichen der anheimelnden touristischen Erinnerungen an Moskau. Noch etwas mehr? Kathedrale, Ikone, aha, sie steht jetzt vor einem Ikonostas, der Bilderwand mit den vielen Heiligen, auf unterschiedlichen H\u00f6hen platziert. Jetzt noch eine dunkel vibrierende Stimme eines Popen? Nein, ihr poetisierter Blick fl\u00fcchtet urpl\u00f6tzlich in die Bilder von Marc Chagall, in die \u201esanften Augen der Pferde\u201c (S. 67), an einen Ort, dort in Witebsk, \u201ewo der Samowar als vollendete Sonne\u201c (leuchtet). Hmm, da fehlt leider der bittere Verweis darauf, dass der arme Chagall von den Kommissaren der roten Wahrheit vertrieben wurde und von Witebsk aus im Sp\u00e4therbst 1941 die verbliebenen Juden von den SS-Schergen in die Gaskammern deportiert wurden. Oder ist es das grenzenlose Gef\u00fchl der Dichterin, die durch den Chagallschen Bildraum fliegen und alles vergessen will?<br \/>Besonders hervorzuheben sind die Gedichte \u201eAMNESIE DER SCHRIFT\u201c und \u201eSCHRIFT\u201c, mit den Zus\u00e4tzen Interferenzen versehen, wie auch \u201eV\u00c0RVINTER\u201c und \u201eAUS DER VERT\u00c4UUNG\u201c, mit den Zus\u00e4tzen Palimpseste (vgl. S. 93ff.). Sie korrespondieren mit den jeweils auf der Seite gegen\u00fcber abgedruckten Bildmontagen, \u00fcbermalter Malerei und \u00fcbermalter bzw. \u00fcberschriebener Fotografie. In diesen Bild-Texten vibriert das Wechselverh\u00e4ltnis von Schrift und Sprache, von taktilen, auditiven und visuellen Schichten solange, bis die \u00dcberschreibungen in den Bildr\u00e4umen eine neue Lautschrift signalisieren. Sie gr\u00e4bt sich in diese Bilder ein und verleiht ihnen eine in den deutschsprachigen Poesielandschaften ungew\u00f6hnliche Aussagekraft. Und sie k\u00f6nnte lauten: Reise in die tieferen Schriften anderer Kulturen, grabe deren Subtrakte aus und beginne einen Dialog, in welchem du deine Vielstimmigkeit nicht in der Erinnerung an lackierte Fotos verschwendest, sondern sie als st\u00e4ndige Herausforderung in dir sp\u00fcrst.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"250\" height=\"360\" class=\"wp-image-63209\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Hehn_Cover.jpg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Hehn_Cover.jpg 250w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Hehn_Cover-208x300.jpg 208w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Hehn_Cover-160x230.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tage Ost-West<\/strong>. Gedichte und \u00dcberschreibungen von Ilse Hehn. Ludwigsburg (Pop-Verlag) 2015<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wer Bilder mit Texten \u00fcberschreibt, sie mit grafischen Signalen und malerischen wie auch Collage-Feldern versieht, wer bereits im Titel des vorliegenden Gedichtbandes signalisiert, dass seine \u201eTage Ost \u2013 West\u201c gleitend ineinander flie\u00dfen, der geht mit seinen poetischen Visionen nicht&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/04\/18\/erinnerung-an-lackierte-fotos\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2495,1158],"class_list":["post-63207","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ilse-hehn","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63207","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63207"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63207\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102533,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63207\/revisions\/102533"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63207"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63207"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63207"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}