{"id":63199,"date":"2012-10-06T00:01:00","date_gmt":"2012-10-05T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63199"},"modified":"2021-07-22T12:07:18","modified_gmt":"2021-07-22T10:07:18","slug":"rumaeniendeutsche-literatur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/06\/rumaeniendeutsche-literatur\/","title":{"rendered":"Rum\u00e4niendeutsche Literatur"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Begriff deutsche Literatur aus Rum\u00e4nien oder die Wortsch\u00f6pfung \u201arum\u00e4niendeutsche\u2019 Literatur impliziert eine doppelte Zugeh\u00f6rigkeit: einerseits zum deutschen Sprachraum und der deutschen Literatur, und andererseits zu einem geographischen Raum, der die besondere Entwicklung und auch Eigenst\u00e4ndigkeit dieser Literatur gepr\u00e4gt hat.\u201c (S. 10) Olivia Spiridon geht in ihrer fundierten, wohl abgewogenen Einleitung von drei methodischen Ans\u00e4tzen bei der Festlegung einer sog. Minderheitenliteratur aus. Sie verweist mit dem Blick auf die innovative Rolle der Prager deutschen Literatur auf das kreative Potential der sog. kleinen Literaturen, in denen der intensive Umgang mit \u201esprachlicher Armut\u201c durch dessen intensives \u201eVibrieren-Lassen\u201c des \u201eausgetrockneten Wortschatzes\u201c oft ein unerwartetes sprachliches und stilistisches Potenzial hervorgebracht werde. Solche Identit\u00e4tskonstruktionen in einem Inselgebiet wie der deutschen Sprache in S\u00fcdosteuropa und seit 1918 in Rum\u00e4nien \u00e4u\u00dferten sich in einer hohen Priorit\u00e4t, die durch die besondere Sprachpflege entstanden sei. Dieser Prozess schlage sich \u201eoft in stilistisch elaborierten Texten nieder.\u201c (S. 8) Um diesen Jahrhunderte andauernden Vorgang zu umrei\u00dfen, gibt Spiridon einen kurzen \u00dcberblick \u00fcber die sozio-politische Einbettung der regionalen Dialekte, die von den deutschsprachigen Siedlern seit dem 13. Jahrhundert (Siebenb\u00fcrgen) und dem fr\u00fchen 18. Jahrhundert (Banat) benutzt wurden. In einem dritten Schritt beschreibt sie den literarischen Kontext nach dem Zweiten Weltkrieg, indem sie zun\u00e4chst vier Perioden unterscheidet, in denen die deutsche Umgangsprache unter unterschiedlichen repressiven Bedingungen existierte und die Literatursprache sich unter dem Druck der doktrin\u00e4ren Staatsideologie des Marxismus-Leninismus behaupten musste. 1945-1953 als Phase der Stalinisierung, 1953 bis Anfang der 1960er Jahre als kleine Liberalisierung, die 1960er Jahre als partielle Renaissance des b\u00fcrgerlichen Realismus und als Beginn einer komplexen Experimentalisierung und die 1970er Jahre schlie\u00dflich als eine Phase, in der sich der Einfluss westeurop\u00e4ischer literarischer Str\u00f6mungen wie auch die Verarbeitung neomarxistischer Ideen unter anderem auch in der Textproduktion der \u201eAktionsgruppe Banat\u201c niederschlug. Die Zur\u00fccknahme der kulturellen Liberalisierung durch das kommunistische Regime seit Mitte der 1970er Jahre, der sich verst\u00e4rkende Einfluss der deutschsprachigen Minderheitenliteratur auf die rum\u00e4nische Literatur, sp\u00e4testens ausgel\u00f6st durch die Anthologie \u201eM\u00e4\u00dfiger bis starker Wind\u201c (1982, Hg. Peter Motzan) und die seit Mitte der 1980er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland einsetzende Anerkennung einzelner Prosawerke schufen auch die Voraussetzung f\u00fcr ein st\u00e4rkeres Selbstbewusstsein der Autoren und forcierten die Autonomisierung des Kulturbetriebs im Banat, in Bukarest und in Siebenb\u00fcrgen. Die Ergebnisse schlugen sich in zahlreichen Prosab\u00e4nden nieder, die Olivia Spiridon eingehend kommentiert. Der trotz Publikationsverboten und eines ausgekl\u00fcgelten Zensursystems sich dynamisierende Prozess fand aufgrund der freiwilligen Ausreise und der Zwangs-Emigration zahlreicher Autoren Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre ein vorl\u00e4ufiges Ende.<br \/>Dass dieser Kulturverdr\u00e4ngungsprozess parallel zur systematischen Unterwanderung und Bespitzelung einzelner Personen durch die Staatssicherheit ablief, geh\u00f6rt zu den schlimmen Begleiterscheinungen, unter denen die so innovative rum\u00e4niendeutsche Literatur noch \u00fcber zwanzig Jahre nach dem Umbruch leidet. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist Herta M\u00fcller, die Literaturnobelpreistr\u00e4gerin des Jahres 2009, bedauerlicherweise in dieser Anthologie nicht vertreten. Ihre Ablehnung, so Spiridon, \u201ewird im Zusammenhang mit der von \u00e4lteren Konflikten zerfurchten literarischen Szene der Rum\u00e4niendeutschen besser verst\u00e4ndlich. Sie ist aber auch im Kontext der aktuellen Auseinandersetzungen der deutschen Schriftsteller aus Rum\u00e4nien zum Thema Schuld oder Mitschuld an der erlebten Repression zu verorten.\u201c (S. 33) Dar\u00fcber hinaus f\u00fchle sie sich weder zur Banater Dorfgemeinschaft noch der konservativen deutschen Minderheit zugeh\u00f6rig, auch in ihrer Wahlheimat Berlin sei sie eine Fremde in einer entfremdeten Welt. <br \/>Der Herausgeberin dieser lobenswerten Anthologie ist daf\u00fcr zu danken, dass sie sich kritisch und distanziert zu den skurrilen Mechanismen des \u00fcberwachten Kulturbetriebs \u00e4u\u00dfert, indem sie deren Aufkl\u00e4rung der Totalitarismusforschung \u00fcberl\u00e4sst und sich bem\u00fcht, die literarischen Qualit\u00e4ten ihrer ausgew\u00e4hlten Texte in den Mittelpunkt zustellen. Deshalb legt sie auch ihre Auswahlkriterien offen: Repr\u00e4sentativit\u00e4t der Autoren f\u00fcr die verschiedenen Entwicklungsphasen, thematische wie auch formal-stilistische Vielfalt wie auch der literarische Wert, keine Texte aus dem Kanon des sozialistischen Literaturverst\u00e4ndnis, keine Erinnerungsb\u00fccher, Memoiren oder Werke aus der oral history. Diese klare Regelung findet auch in der angestrebten Rezeption ihrer m\u00fchevoll zusammengestellten Anthologie ihren Niederschlag. Sie m\u00f6ge einen substantiellen Beitrag zur Vermittlung von \u201e\u00fcberkreuzten Geschichten\u201c leisten, in denen alternative Geschichtsdeutungen zum Tragen kommen und \u201edie Erkenntnis der G\u00fcltigkeit mehrerer Wirklichkeitsversionen\u201c sich abzeichne. Au\u00dferdem soll die Lekt\u00fcre der meist in Ausz\u00fcgen abgedruckten Texte von 25 Autoren und einer (!) Autorin \u201ezur Herausbildung eines Gesp\u00fcrs f\u00fcr Fremdheit, Differenz und Anderssein\u201c, also zum interkulturellen Lernen, beitragen.<br \/>Bei der Umsetzung ihrer Pr\u00e4sentation bedient sie sich eines g\u00e4ngigen Verfahrens in literarischen Anthologien: ein biobibliografischer Vorspann mit dem Passbild des jeweiligen Autors und einem l\u00e4ngeren Textauszug aus dem jeweils ausgew\u00e4hlten Werkt. Sicherlich ist dies ein abgesichertes Verfahren, die Phalanx der m\u00e4nnlichen Vertreter der Minderheitenliteratur alphabetisch vorzustellen. Eine alternative Pr\u00e4sentation nach Generationen oder Sujets h\u00e4tte das ohnehin aufwendige editorische Unternehmen \u00fcberfordert. <br \/>Auf diese Weise wird ein Leser mit ganz unterschiedlichen Thematiken, Sujets und narrativen Verfahren konfrontiert. Mit einem Symbol beladenen Tierm\u00e4rchen stellt sich Wolf von Aichelburg (1912-1994) vor; Hans Bergel (1925) erz\u00e4hlt von einer d\u00fcsteren Gef\u00e4ngnisepisode aus seinem Roman \u201eTanz in Ketten\u201c; Andreas Birkner (1911-1998) verwandelt physische H\u00e4sslichkeit in moralisch begr\u00fcndete Sch\u00f6nheit; Ingmar Brantsch (1940) berichtet von den Qualen einer Integration; der bereits in der Vorkriegszeit erfolgreich publizierende Oskar Walter Cisek (1897-1966) entf\u00fchrt seine Leser in \u201eVor den Toren\u201c in die d\u00f6rfliche Welt Rum\u00e4niens; der durch seine Montagetechnik \u00fcberzeugende Arnold Hauser (1929-1988) ist mit drei Erz\u00e4hlungen vertreten; Franz Heinz (1929), Literaturwissenschaftler und Prosaist wie auch Franz Hodjak (1944) widmen sich den komplexen interkulturellen Thematiken, indem sie ihre Protagonisten von Rum\u00e4nien nach Deutschland auf die Reise schicken; Johann Lippet (1951), der vor allem die Dorfwelt im Banat in seinen Romanen und Poemen thematisiert, ist mit der ethnologisch verdichteten Erz\u00e4hlung \u201eDer Totengr\u00e4ber\u201c vertreten, Gerhard Ortinau (1953) schafft in \u201eNotdichter 1937\u201c dramaturgisch verdichtete Erz\u00e4hlsituationen; Carmen Elisabeth Puchianu (1956), Literaturwissenschaftlerin, Erz\u00e4hlerin und Lyrikerin beschreibt in ihrem Text \u201eDie Falle\u201c aus einer auktorialer Position die vermutete Durchsuchung einer Pfarrerei; Georg Scherg (1917-2002), im ber\u00fcchtigten Kronst\u00e4dter Schriftsteller-Prozess zu zwanzig Jahren Haft verurteilt, ist mit einem Auszug aus seinem Roman \u201eParaskiv, Paraskiv\u201c (1976) vertreten; Eginald Schlattner (1933), manipulierter Zeuge der Anklage in diesem Prozess, seit seinem ersten Roman \u201eDer gek\u00f6pfte Hahn\u201c ein erfolgreicher Romancier, bezeugt in \u201eDas Klavier im Nebel\u201c die Rechtswillk\u00fcr im Nachkriegs-Rum\u00e4nien; der 1934 in Sch\u00e4\u00dfburg geborene Dieter Schlesak, seit 1969 in Deutschland und Italien lebend, reflektiert in dem Fragment aus \u201eVaterlandstage und die Kunst des Verschwindens\u201c in der Form einer collagierten Erinnerung seine dem Erz\u00e4hler entfremdete Heimat; Paul Schuster (1930-2004), engagierter F\u00f6rderer der jungen Literatur, seit 1972 in West-Berlin wirkend, brilliert in dem Fragment aus seinem Roman \u201eHuftritt\u201c mit einem Wechsel aus historisch-distanzierten und umgangssprachlichen Erz\u00e4hlweisen; Richard Wagner (1952), aus dessen umfangreichen Werk die Herausgeberin vier experimentell aufgeladene Kurzgeschichten aus den fr\u00fchen 80er Jahren ausgew\u00e4hlt hat, zeichnet sich durch seine ironisch gebrochenen und sarkastisch angereicherten plots aus; Balthasar Waitz\u2019 (1950) Dorfgeschichten aus den 1980er Jahren schaffen aufgrund des trockenen, schwarzen Humors der Protagonisten eine distanzierte Haltung gegen\u00fcber deren Herkunft. Auch die drei Erz\u00e4hler Ludwig Schwarz (1925-1981), Walter Gottfried Seidner (1938) und Franz Storch (1927) erweisen sich als eigenwillige Zeugen einer literarischen Landschaft, in der auch der regionale Dialekt, wie bei Schwarz in dessen \u201eDe Kaule-Baschtl\u201c, zu einem erz\u00e4hlerischen Kunstwerk geriert, dessen Mundart \u201ewie ein Schutzschild gegen m\u00f6gliche Eingriffe der Zensur\u201c (Spiridon) wirkte. Den alphabetischen Abschluss der Anthologie bilden Erwin Wittstock (1899-1962) und dessen Sohn Joachim Wittstock (1938), die beide ein umfangreiches erz\u00e4hlerisches Werk aufweisen, in dem der sprachliche Wandel der soziokulturellen Gemeinschaft der Siebenb\u00fcrger Sachsen besonders auff\u00e4llig ist.<br \/>Mit der auch ins Rum\u00e4nische \u00fcbersetzten Anthologie, in der das engagierte, atmosph\u00e4risch ausformulierte Vorwort von Romulus Rusan der Vielstimmigkeit der ausgew\u00e4hlten Texte ein gewisses Leitmotiv verleiht, hat Olivia Spiridon eine Ouvert\u00fcre f\u00fcr eine noch zu schreibende, umfassende Geschichte der sog. rum\u00e4niendeutschen Literatur des 20. Jahrhunderts geschaffen. Ihr Auftakt, mit einer einf\u00fchlsamen Einleitung und in einer &#8211; sicherlich noch nicht vollst\u00e4ndig &#8211; kanonisierten Auswahl, in der m\u00f6glicherweise noch weibliche Stimmen fehlen, sollte der bislang nur eingeschr\u00e4nkten Rezeption einer \u201eMigrantenliteratur\u201c neue Impulse verleihen. Das collagierte Deckblatt der Hard-cover-Ausgabe, die in Zusammenarbeit mit dem Institut f\u00fcr donauschw\u00e4bische Geschichte und Landeskunde in T\u00fcbingen entstanden ist, signalisiert bereits diesen Wunsch: Es ist ein Auge, das inmitten einer Umbruchlandschaft, keineswegs in eine abgeschlossene literarisch gestaltete Landschaft schaut! Sondern vielmehr Aufbruch verhei\u00dft!<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Deutsche Erz\u00e4hler aus Rum\u00e4nien nach 1945. <\/strong>Eine Prosa-Anthologie. Textauswahl, Einleitung und biobibliographische Angaben von OLIVIA SPIRIDON. Mit einem Vorwort von ROMULUS RUSAN. Bukarest (Curtea Veche Publishing) 2012<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eDer Begriff deutsche Literatur aus Rum\u00e4nien oder die Wortsch\u00f6pfung \u201arum\u00e4niendeutsche\u2019 Literatur impliziert eine doppelte Zugeh\u00f6rigkeit: einerseits zum deutschen Sprachraum und der deutschen Literatur, und andererseits zu einem geographischen Raum, der die besondere Entwicklung und auch Eigenst\u00e4ndigkeit dieser Literatur gepr\u00e4gt&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/06\/rumaeniendeutsche-literatur\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":54246,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2494,1158],"class_list":["post-63199","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-olivia-spiridon","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63199","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63199"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63199\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63199"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63199"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63199"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}