{"id":63196,"date":"2011-11-20T00:01:00","date_gmt":"2011-11-19T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63196"},"modified":"2021-07-22T10:18:35","modified_gmt":"2021-07-22T08:18:35","slug":"die-reale-welt-der-doerfler-im-banat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/11\/20\/die-reale-welt-der-doerfler-im-banat\/","title":{"rendered":"Die reale Welt der D\u00f6rfler im Banat"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein raffinierter Erz\u00e4hler, der mal aus kindlicher Perspektive, mal aus der Sicht eines allwissenden Chronisten berichtet, mal auch in die Rolle eines unzuverl\u00e4ssigen, ja sogar naiven Erz\u00e4hlers schl\u00fcpft, wenn er sein Hinterland, die d\u00f6rfliche Welt des Banat, beschreibt. Und in dieser rustikalen Welt, die sich der sozialistischen Denk- und Handlungsweise ann\u00e4hern soll, tummeln sich Figuren, die aus der Sicht des so wendigen Erz\u00e4hlers mit wunderlichen, mitunter skurrilen Eigenschaften ausgestattet sind. Wie zum Beispiel der ungarische Schafhalter Mikulasch, ein Mann unbestimmten Alters, mit roten Backen und einem verwilderten Bart, der scharf nach Schafstall riecht. Oder der junge Schrameck, ein begnadeter Trompeter, der bei verschiedenen feierlichen Anl\u00e4ssen politisch nicht opportune Lieder bl\u00e4st und deshalb von den Parteioberen misstrauisch be\u00e4ugt wird. Aber bei besonderen Anl\u00e4ssen, wie der feierlichen ersten F\u00fctterung der Wunderk\u00fche aus dem kapitalistischen Holland im staatlichen Kuhstall, ist er gefragt. Weil seine Trompete so machtvoll die st\u00fcmperhaften Hurraschreie der Dorfbewohner bei der Generalprobe \u00fcbert\u00f6nt. In der Zwischenzeit, bevor die gro\u00dfen Tiere in ihren Wolgas kommen, hat der Parteisekret\u00e4r vom Rayon, der Genosse Marcu, alle auf Vordermann gebracht. Auch die Melkerinnen, die Tierpflegerinnen und die Dorf\u00e4ltesten, denn Ordnung und Hygiene m\u00fcssen sein. Zusammen mit dem Agronom und dem Tierarzt sorgt er deshalb daf\u00fcr, dass alle einen wei\u00dfen Kittel anziehen, ihre Haare waschen, sogar ihre Fingern\u00e4gel polieren. Auch die Gegenst\u00e4nde rund um den Kuhstall m\u00fcssen dran glauben: sie werden gewei\u00dft, denn, so Marcu, Kalk ist gesund und gut gegen jegliches Ungeziefer.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch die reale Welt der D\u00f6rfler im Banat steht im krassen Gegensatz zu dieser erzwungenen verkalkten Ordnung. Sie bildet gleichsam eine Fassade, hinter der sich das eigentliche Leben abspielt. Und \u00fcber diese Menschen, die Nachfahren der schw\u00e4bischen Einwanderer aus der fr\u00fchen Neuzeit, aber auch rum\u00e4nischer und ungarischer Herkunft, manchmal auch Umsiedler aus der Sowjetunion sind, wei\u00df der Erz\u00e4hler viel mehr Bescheid als die Offiziellen, die aus dem rum\u00e4nischen Kernland in die nord\u00f6stliche Provinz geschickten Aufpasser. Manchmal sogar streicht sein Blick wie auf einem R\u00f6ntgenschirm durch das Innenleben all dieser von einem j\u00e4mmerlich tristen Alltag gequ\u00e4lten Menschen. Wie in den sechs Episoden, die unter dem Titel Nachtzug aus der Perspektive der D\u00f6rflerin Katharina aus Nitzkydorf, dem Geburtsort des Autors, die triste Welt der M\u00e4nner beschreiben, die irgendwohin zur Arbeit fahren, \u00fcberm\u00fcdet, mit leeren Blicken. Und wenn im Morgengrauen sich die Konturen der flachen Landschaft abzeichnen, dann erfasst sie der Erz\u00e4hler so: \u201eAm Rande der Stadt stehen w\u00fcste Friedhofe. Massengr\u00e4ber, blumenlose, graslose. Die gefallenen Fabriken mit ihren tausend amputierten Gliedma\u00dfen. \u2026 Die Landschaft ist hier eine Krankheit. Der Fluss ist schwarz. In der Bersau schwimmen kleine, \u00f6lbefleckte Leichen.\u201c (S. 136f.) Er ist \u00fcberhaupt ein omnipr\u00e4senter auktorialer Erz\u00e4hler, dem es gelingt, immer wieder aus der Weltwahrnehmung seiner Personen einige wenige Augenblicke aufzuzeichnen, so wie Katharina beim verschwommenen Blick auf die vor\u00fcber fliegenden traurigen, kahlen H\u00fcgelk\u00e4mme ihr Leben reflektiert, das \u201ewie ein fremder, verschlissener Vorhang aus dem Hals\u201c h\u00e4ngt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Je l\u00e4nger sich der Leser in diese d\u00f6rfliche Welt am Rande von industrialisierten Landstrichen vertieft, desto mehr vergeht ihm das kichernde Lachen \u00fcber die skurrilen, vom Schicksal geschlagenen Zeitgenossen, desto mehr wird ihm bewusst, wie die \u00dcberlebenden des Russlandfeldzuges und die vielen nach Russland deportierten Deutschen unter der Erinnerungen an ihre toten Verwandten und ihre eigenen Erlebnisse leiden. Mehr noch: wie sie sich im rum\u00e4nischen kommunistischen Regime durchschlagen m\u00fcssen. Egal, ob es alte Nazis waren, ob sie auf Gedeih und Verderben dem nationalkommunistischen Staat dienen, mit dem roten Parteib\u00fcchlein in der Hosentasche, wie der harmlose rotnasige Farmleiter im Niemandsland oder der hinterlistige Parteisekret\u00e4r Brumaru, oder die russischen Melker, die in den Baracken gleich hinter dem Dorf hausen, \u201ezwischen Lumpen und Schafsfellen, auf den Matratzen voller L\u00e4use.\u201c (S. 140) Doch der stets schweifende Blick des Erz\u00e4hlers entdeckt noch viel mehr: die Welt der benachteiligten Frauen, die, oft geschieden, sich mit einem kl\u00e4glichen Lohn ihre Kinder durchbringen m\u00fcssen; das m\u00fchselige Leben einer unverheirateten Lehrerin, die zum Gesp\u00f6tt der D\u00f6rfler wird; eine Fantasie-Welt aus der j\u00fcngsten Vergangenheit, und die Suche nach einer tr\u00f6stlichen Welt, wie in der abschlie\u00dfenden kleinen Erz\u00e4hlung, in der ein Rabe aus der Welt der d\u00f6rflichen Ahnen auftaucht und die Dorfbewohner aus ihrem Schlaf wecken m\u00f6chte. Doch vergebens. Selbst in den noch existierenden Kirchen, in denen die evangelischen, katholischen oder orthodoxen Gl\u00e4ubigen ihr Seelenheil finden, scheint die Erinnerung an die Ahnen im d\u00f6rflichen Leben immer mehr zu schwinden. Noch sind es die Frauen, die in ihren Trachten und in bunten H\u00e4ubchen da und dort die vorderen Reihen in Dorfkirchen f\u00fcllen, w\u00e4hrend die M\u00e4nner sich l\u00e4ngst in die Dorfkneipen verzogen haben. Sicher aber ist, dass in den D\u00f6rfern des Banats mit ihrer einstigen deutschst\u00e4mmigen Bev\u00f6lkerung die tradierten Br\u00e4uche verschwinden, die Friedh\u00f6fe ver\u00f6den und sich eine ethnisch gemischte Bev\u00f6lkerung ansiedelt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Fazit des Autors, der in einem Banater Dorf aufgewachsen ist und deshalb mit dieser Welt von Kindheit an mit allen Nuancen vertraut, ist trotz seines bodenst\u00e4ndigen Humors von Melancholie und Trauer bestimmt. Er ist der letzte heute in Temeswar lebende Vertreter der \u201eAktionsgruppe Banat\u201c. Sie musste sich Mitte der 1970er Jahre auf Druck der rum\u00e4nischen Beh\u00f6rden aufl\u00f6sen und ihre Vertreter haben in der Zwischenzeit in der deutschen und internationalen literarischen \u00d6ffentlichkeit einen bedeutenden Platz erhalten. Umso mehr Aufmerksamkeit sollte diesem Erz\u00e4hlband gewidmet werden, weil die in ihm auftretenden Figuren nun ein d\u00f6rfliches Erbe antreten, das ihre schw\u00e4bischsprachigen einstigen Bewohner in mehr als vier Jahrhunderten geschaffen haben und das nunmehr einer neuen Art von multikulturellen Gemeinschaft weichen muss. Die Figuren in Waitz\u2019 fiktionaler Welt \u00fcbernehmen gewisse Traditionen, wohnen teilweise in den verlassenen H\u00e4usern und bedienen sich auch bestimmter \u00fcberlieferter kultureller Br\u00e4uche. Ob sie die sich herausbildende d\u00f6rfliche Mischkultur mit ihren unterschiedlichen Sprachgruppen mit tragf\u00e4higen Werten versehen, k\u00f6nnte sich in dem hier vorliegenden Erz\u00e4hlbandes bereits abzeichnen. Auf jeden Fall f\u00fchrt der Autor den Leser aus der nationalkommunistischen Welt des sp\u00e4ten Ceau\u00e7escu-Regime hin\u00fcber in postkommunistische Lebensweisen, vermittelt ihm die Denkart der kleinen Leute, macht sich lustig \u00fcber die erstarrten Rituale vor allem der M\u00e4nnerwelt, hat keine Scheu vor der Benutzung auch ungarischer oder rum\u00e4nischer Begriffe und schafft auf diese Weise ein eindrucksvolles Panorama einer randst\u00e4ndigen Mischkultur, die viel lebendiger als manche Monokultur ist.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/11\/Balthasar-WaitzKra\u0308hensommer-und-andere-Geschichten-aus-dem-Hinterland.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-89255\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/11\/Balthasar-WaitzKra\u0308hensommer-und-andere-Geschichten-aus-dem-Hinterland.jpg\" alt=\"\" width=\"126\" height=\"180\" \/><\/a>Kr\u00e4hensommer und andere Geschichten aus dem Hinterland<\/strong>, von Balthasar Waitz. Temeswar (Cosmopolitan Verlag) 2011, 205 S., ISBN 978-973-8903-97-5\u00a0<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Es ist ein raffinierter Erz\u00e4hler, der mal aus kindlicher Perspektive, mal aus der Sicht eines allwissenden Chronisten berichtet, mal auch in die Rolle eines unzuverl\u00e4ssigen, ja sogar naiven Erz\u00e4hlers schl\u00fcpft, wenn er sein Hinterland, die d\u00f6rfliche Welt des Banat,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/11\/20\/die-reale-welt-der-doerfler-im-banat\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":89255,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2493,1158],"class_list":["post-63196","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-balthasar-waitz","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63196","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63196"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63196\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63196"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63196"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63196"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}