{"id":63193,"date":"2010-06-21T00:01:10","date_gmt":"2010-06-20T22:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63193"},"modified":"2021-07-22T09:08:16","modified_gmt":"2021-07-22T07:08:16","slug":"eigenwillige-verzweigung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/06\/21\/eigenwillige-verzweigung\/","title":{"rendered":"Eigenwillige Verzweigung"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die seit 1988 in Deutschland lebende iranische K\u00fcnstlerin und Schriftstellerin w\u00e4hlt in ihrem Gedichtband, der auf dem Cover neun farbige Reproduktionen aus ihrem malerischen Oeuvre zeigt, eine ber\u00fchmte literarische Figur, die zum Sinnbild kapitalistischer Ausbeutung geworden ist. In der vorliegenden Publikation, auf deren R\u00fcckseite Sheila Aghapour mit einem Zitat aus dem Titelgedicht abgebildet ist, wird Oliver Twist zum Symbol der leidenden Stra\u00dfenkinder von Teheran: \u201eDie Stra\u00dfenmenschen \/ sie weinen nicht vor Angst \/ sie altern vor ihrer Zeit\u201c (S. 83). Sie sind abh\u00e4ngig von den \u201eHerren des Opiums \/ deren Seelen l\u00e4ngst gestorben \/ sie rufen die S\u00fcchtigen in den Tod.\u201c (S. 83)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Aghapours Gedichte sind leidenschaftliche Anklageschriften gegen das unmenschliche Regime der Mullahs, deren religi\u00f6ser Fanatismus voller Zynismus ist, unter deren Gew\u00e4ndern die teuren Anz\u00fcge der Haute Couture ihren absurden Hass auf den dekadenten Westen widerspiegeln. Aghapours Verse, die oft apodiktisch ausformuliert sind, sind voller Sehnsucht nach einer heilen Welt, die der kranken Welt diametral entgegensteht: \u201eIch schaue die Welt \/ wie sie an den Menschen erkrankt.\u201c (S. 56). Und diese Menschen tragen \u201edas Lachen \u2013 das Weinen \u2013 das Leben \/ die \u2026Vernichtung in sich \u2026\u201c(S. 56) Und das lyrische Ich? Es m\u00e4andert zwischen den Welten, dem Kosmos und dem Chaos der Erde, sowie zwischen der Welt des Exils und ihrer Heimat. Noch st\u00e4rker allerdings erweist sich der Wunsch, \u201eEins in zwei Welten\u201c (vgl. S. 9) zu sein: \u201eich l\u00f6se mich im Ozean der Welten auf \/ Ich werde Staub \/ der kleinste Teil des Kosmos \u2026 An der Grenze der Liebe \/ steige ich \u2013 wie ein Keim \/ in zwei Welten empor.\u201c (S. 9). Dass der Lyrikerin im Kampf mit den Heucheleien der Mullahs auch weniger gl\u00fcckliche Wendungen verwendet, mag der \u00dcbersetzung aus dem Persischen geschuldet sein: \u201eDie Nabelschnur des Schicksals \/ wurde geschmiedet durch die Rufe des Muezzins \/ die gewaltsam in mir vertieften \/ was ich niemals verleugnen kann.\u201c (S. 9) Auch in \u201eReisende\u201c erweisen sich die lyrischen \u201eBilder\u201c im Original sicherlich von einer pr\u00e4genden Kraft, im Deutschen hingegen klingt \u201eSie kettete \/ den Hauch der Nacht \/ an die Ufer \u2026\u201c (S. 10) ein wenig manieristisch. Ebenso trifft ein solcher Eindruck auf die philosophischen Sentenzen zu. \u201eChaos des Kosmos\u201c setzt mit einer einpr\u00e4gsamen Erinnerung an die Kindheit ein, geht zur Bewertung des Philosophen \u00fcber, der sich \u201ezu jeder Wirkung \/ \u2026 seine Ursache\u201c schaffe, um im Bild des Derwisch mystisch zu enden: \u201eF\u00fcr den Derwisch \/ das alles ist gleichg\u00fcltig \/ und ein Dichter kann \/ als Gefang\u2019nen im Spiegel \/ den Mond sich halten\u201c (S. 17).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Deutlich und markant klingt das lyrische Ich von Shahla Aghapour immer dann, wenn es um die Verteidigung der elementaren Menschenrechte im Iran geht. Sie klagt die M\u00e4nner an, weil sie den Frauen die Wahrheit vorenthalten, wie in \u201eReise\u201c: \u201eIch sah einen Mann \/ der einen Kerker erbaute \/ um die Wahrheit darin zu verbergen \/ und eine geduldige Mutter \/ die all ihre Familie im Kriege verloren ..\u201c (S. 45) Und sie klagt die iranische Diktatur an: \u201eWo unser Land ist \/ das Land der Diktatoren und der Willk\u00fcr \/ wo man Frauen steinigt \/ und Menschen erh\u00e4ngt \/ dort ist unser Land \/ &#8211; Wo man die Freiheit erniedrigt \/ und die Menschenw\u00fcrde foltert \u2026\u201c. Sie weckt den Widerstandswillen der reformerischen Kr\u00e4fte, indem sie ihre ganze Trauer \u00fcber den Tod der Studentin Neda zum Ausdruck bringt, die im Sommer 2009 bei Unruhen in Teheran erschossen wurde: \u201eIch bedecke deinen Hals mit Sternenk\u00fcssen \/ er ist rot \/ rot wie der Mohn \/ rot wie die Blume Arghavan.\u201c (S. 78)Andererseits entwirft Aghapour oft Bilder einer idyllischen Erde, die in ihrer persischen Muttersprache augenscheinlich eine blumenreiche Ornamentik entfalten, in ihrer deutschen Verkehrssprache jedoch verschwimmende Eindr\u00fccke hinterlassen. In \u201eTraum des Lebens\u201c vergleicht sie ein anzustrebendes Paradies mit ihrer erlebten Realit\u00e4t, in der Elend, Krieg und Mordanschl\u00e4ge vorherrschen, um nach einer Welt \u201eohne Schranken, eine \u201aWelt ohne Hass\u2019 (S. 60) zu rufen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich ist Shahla Aghapour auch eine orientalische M\u00e4rchenerz\u00e4hlerin, die ihre H\u00f6rer und Leser in ein Fest der Sterne am Ende aller Galaxien f\u00fchren will. Unter dem Titel \u201e1001 Nacht\u201c entfaltet sie ihre wuchernden Bilder vom duftendem Erdgeruch, den Ges\u00e4ngen der Kanarienv\u00f6gel und den Geheimnissen der G\u00f6tter. In dieser ornamental ausgeschm\u00fcckten Poesie liegt der ganze Reiz des vorliegenden Bandes, dem man sich noch einige handgemalte Bilder der K\u00fcnstlerin als Illustration gew\u00fcnscht h\u00e4tte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Es bleibt der Eindruck, dass die Mehrzahl der Texte von einer eigenwilligen Verzweigung der lyrischen Felder gepr\u00e4gt ist, so wie es in \u201eEssenz\u201c lautet. \u201eIch bin \/ ein gespaltener Kern \/ ein Teil der Essenz \/ aus der Quelle des Alls.\u201c (S. 97). Sind es die psychischen Leiden des langj\u00e4hrigen deutschen Exils, die Shahla immer wieder in ihrem Gedankenfluss schwanken lassen? Entwickeln ihre lyrisch verdichteten Bilder immer dann erst ihre Wirkung, wenn sie im B\u00fcndnis mit ihren k\u00fcnstlerischen Bildern wirken k\u00f6nnen? Oder sind es die wundervoll geschwungenen Buchstaben der persischen Sprache Firsi, die nach der d\u00fcrftigen Gestalt der deutschen Lettern greifen, um ihnen eine lautliche Qualit\u00e4t zu verleihen, die in unserer Sprache leider nicht in den Geh\u00f6rg\u00e4ngen widerhallt.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Oliver Twist in Teheran<\/strong>. Gedichte von Shahla Aghapour. Ludwigsburg (Pop Verlag) 2010<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/06\/Twist-in-Teheran_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89246 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/06\/Twist-in-Teheran_Cover-210x300.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/06\/Twist-in-Teheran_Cover-210x300.jpg 210w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/06\/Twist-in-Teheran_Cover-260x372.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/06\/Twist-in-Teheran_Cover-160x229.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/06\/Twist-in-Teheran_Cover.jpg 349w\" sizes=\"auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die seit 1988 in Deutschland lebende iranische K\u00fcnstlerin und Schriftstellerin w\u00e4hlt in ihrem Gedichtband, der auf dem Cover neun farbige Reproduktionen aus ihrem malerischen Oeuvre zeigt, eine ber\u00fchmte literarische Figur, die zum Sinnbild kapitalistischer Ausbeutung geworden ist. 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