{"id":63191,"date":"2007-04-21T00:01:00","date_gmt":"2007-04-20T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63191"},"modified":"2021-07-22T08:14:27","modified_gmt":"2021-07-22T06:14:27","slug":"kira-iorgoveanu-mantsu","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/04\/21\/kira-iorgoveanu-mantsu\/","title":{"rendered":"Kira Iorgoveanu-Mantsu"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die DichterInnen der kleinen V\u00f6lker in Europa sind in vieler Hinsicht benachteiligt. Ihre Stimmen verlieren sich am Rande der poetischen Str\u00f6me aus den sprachm\u00e4chtigen V\u00f6lkern, ihre Texte f\u00fchren ein Aschenputtel-Dasein zwischen der aufgeputzten Lyrikb\u00e4nden der lyrischen Nobelpreistr\u00e4ger und ihre poetischen Karrieren verlieren sich zwischen Brotberufen und gelegentlichen Ver\u00f6ffentlichen in irgendwelchen Anthologien, die schon bald nach ihren Premieren auf staubigen Bibliotheksregalen ein trauriges Dasein f\u00fchren. Der vorliegende, liebevoll mit Abbildungen k\u00fcnstlerischer Werke ausgestattete Band mit dem doppelten Titel auf mazedoromanisch und franz\u00f6sisch 20007 in Belgien erschienen, k\u00f6nnte ein \u00e4hnliches Schicksal erwarten, wenn, ja wenn es nicht um eine besonders wertvolle Sammlung von Gedichten und einigen Prosatexten aus einer Sprache handelt, in der in f\u00fcnf s\u00fcdosteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern auf isolierten Sprachinseln kommuniziert wird. Das Mazedoromanische, eine romanische Sprache, die gegenw\u00e4rtig im S\u00fcden von Rum\u00e4nien und von Bulgarien sowie in den Grenzgebieten zwischen Griechenland, Albanien und Makedonien benutzt wird. F\u00fcr die \u00dcbersetzerin und Sprachwissenschaftlerin, die der Anthologie eine Bibliografie beigesteuert hat, Dr. Mariana Bara, sind es die Abk\u00f6mmlinge der seit 148 v. Chr. romanisierten autochthonen Makedonier, Thraker, Illyrer und Griechen. Zu diesem Zeitpunkt schufen die r\u00f6mischen Eroberer die Macedonia Provincia, in deren Achse sich die Via Egnatia erstreckte, eine Stra\u00dfe, die das italienische Kernland mit der Adria verband. Auf diesem Territorium siedelten die Aroumains, wie sie Bara nennt, eine Volksgruppe, die rund eine Million Menschen umfasste. In den folgenden Jahrhunderten wurden sie aufgrund von Kriegen und administrativen Ma\u00dfnahmen aus ihren urspr\u00fcnglichen Siedlungsgebieten vertrieben und bildeten seit dem 18. Jahrhundert eine Diaspora, die im 20. Jahrhundert neben den f\u00fcnf Siedlungsgebieten auch verstreute Inseln in Nordamerika aufweist.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In ihrer fundierten Einf\u00fchrung benutzt die Herausgeberin, Kira Iorgoveanu-Mantsu, Philologin und Redakteurin, den Begriff \u201aMac\u00e9donarmans\u2019 (Mazedoromanisch), um die These von dem urspr\u00fcnglichen Siedlungsgebiet der Makedonier zu untermauern. Dabei bezeichnet sie die Makedonienst\u00e4mmigen als \u201eRum\u00e4nen vom S\u00fcden der Donau\u201c, die vom Norden, dem romanisierten Danubien, abstammen (vgl. S. 8). In ihren folgenden Ausf\u00fchrungen bezieht sie sich auf Studien des Linguisten Johann Thunmann (Untersuchungen \u00fcber die Geschichte der \u00f6stlichen europ\u00e4ischen V\u00f6lker, Leipzig 1774) und vor allem auf die umfangreiche rum\u00e4nische linguistische Forschung des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie hatte den Begriff \u201aarom\u00e2n\u2019 (fr. aroumain) eingef\u00fchrt, um zu zeigen, dass \u201edie beiden V\u00f6lker, das balkanische Latein im Norden (die Rum\u00e4nen) und im S\u00fcden der Donau (die Mazedorum\u00e4nen) ein einziges Volk darstellen.\u201c (S. 9) Was die g\u00e4ngige Terminologie im internationalen Verkehr betrifft, so habe sich, so Mantsu, zu Beginn des 21. Jahrhundert das Makedonarm\u0101n (fr. mac\u00e9donarman) durchgesetzt und ist auch in den Empfehlungen des Europarats festgeschrieben. Als europ\u00e4ische Literatursprache ist das Mazedoromanische seit 1997 anerkannt und erfreut sich unter der Obhut von Vasile Barba, Pr\u00e4sident der Union f\u00fcr die mazedoromanische Sprache und Kultur, seit 1984 einer regen Publikationst\u00e4tigkeit. Der Sturz der kommunistischen Regime in Rum\u00e4nien, Bulgarien und Albanien hat seit 1990 diese Ver\u00f6ffentlichungsaktivit\u00e4ten auch in diesen drei L\u00e4ndern verst\u00e4rkt. Die vorliegende Anthologie mit Gedichten von Autoren aus den verschiedenen Siedlungsgebieten sei, so Mantsu, ein Zeugnis der Wiederaneignung einer spezifischen Identit\u00e4t, ein Sieg der Dichter, die \u2026 den Sieg der Sprache verk\u00fcnden. Sie ist ihre Antwort auf die historischen und linguistischen Spekulationen, die Verwirrung um ihre Vergangenheit und ihre Kultur stiften.\u201c (S. 15)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was also haben die in ihrer mazedoromanischen Sprache dichtenden Autoren wieder entdeckt? Ist sie \u201eein Schrei, durchsetzt von Leid und Nostalgie, ein Alarmsignal\u201c? (Vgl. S. 16) Ist die \u00fcber 2000 Jahre alte Sprache in Gefahr? Mit welchen poetischen Mitteln will sie sich retten? In welcher Weise \u00e4u\u00dfern sie ihren Stolz auf Alexander den Gro\u00dfen? Welche kulturellen Elemente aus der R\u00f6merzeit siedeln sich in ihren Texten an? Wie werden sie in der zeitgen\u00f6ssischen Kultur der Moderne und deren postmodernistischen Ausdifferenzierungen verarbeitet? Das \u00e4lteste Zeugnis in der Anthologie, deren Texte nach dem Geburtsjahr der Autoren angeordnet sind, geh\u00f6rt Constantin Colimitra (1910-2001), der \u00fcber seine Sprache (limba) dichtet: Meine Wurzeln steigen \/ In die entfernten H\u00f6hen \/ Und ich kann nicht verbergen \/ Dass meine Mutter ein sch\u00f6ner Stern war! (S. 20f. \u00dcbertragung WS) Er bezeichnet seine Sprache, nach seiner von Empathie erf\u00fcllten Reise zu seinen Vorfahren, als \u201ehonigs\u00fc\u00df und frisch wie eine Rose.\u201c Verzweifelt hingegen klingt der Gesang der Mazedoromanen bei Steryiu Dardaculi, einem 1947 in Griechenland geborenen Dichter: \u201eDie ungl\u00fccklichen Mazedoromanen zerstreuen sich \/ so wie Bl\u00e4tter im Wind \u2026 \/ Sie verlieren ihre Br\u00e4uche und ihre Sprache \/ Ihr Haus und ihren antiken Hof \u2026\u201c (S. 118) Und Toma Enache (Jg. 1970), in der Dobrucha (Rum\u00e4nein) geboren, beschreibt Das Herz der Armans\u201c: \u201eDas Herz der Armans muss ausgegraben werden \/ denn es bewohnt einen zu anderen Gef\u00fchlen erhobenen K\u00f6rper \/ Das Herz der Armans muss wieder entdeckt werden \/ bedeckt und exhumiert, denn ohne es \/ stirbt der Arman!\u201c (S. 294).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sieben Abbildungen mit gegenst\u00e4ndlichen und abstrakten Motiven schm\u00fccken die Anthologie, verleihen ihr eine Atmosph\u00e4re, die zwischen rustikalen Elementen einer vergangenen Kultur und einem Blick auf moderne Ornamentik schwankt. Sie vermitteln also die fl\u00fcchtigen Impressionen einer Diaspora-Gemeinschaft, die um ihr Erbe k\u00e4mpft.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Nachwort aus der Feder von Nicolas Trifon reflektiert die Situation der Autoren, die sich des Mazedoromanischen bedienen. Es wendet sich gegen jegliche Versuche, diese auf so wunderbare Weise gerettete Sprache zu verstaatlichen, sie an eine nationale Kultur anzuketten. Die im wallonischen Belgien erschienene Anthologie, finanziell unterst\u00fctzt von mehreren Stiftungen, entstanden auf der Grundlage von unerm\u00fcdlichem Flei\u00df und hohem Engagement, ist nicht nur ein Beweis f\u00fcr europ\u00e4ische Offenheit, sondern vor allem ein Zeugnis der vielstimmigen Kultur Europas. Die beigef\u00fcgte Bibliographie und die zahlreichen Verweise auf Sekund\u00e4rliteratur runden den in jeglicher Hinsicht \u00fcberzeugenden Eindruck einer gelungenen Publikation ab. Dank auch der zahlreichen \u00dcbersetzerInnen, die die mazedoromanischen Originaltexte in ein fl\u00fcssiges, gut rezitierbares Franz\u00f6sisch verwandelt haben.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div id=\"attachment_89236\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/04\/Kira-Mantsu.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-89236\" class=\"wp-image-89236 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/04\/Kira-Mantsu-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/04\/Kira-Mantsu-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/04\/Kira-Mantsu-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/04\/Kira-Mantsu-260x260.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/04\/Kira-Mantsu-160x160.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/04\/Kira-Mantsu.jpg 472w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-89236\" class=\"wp-caption-text\">Kira Iorgoveanu-Mantsu. Photo: Pop-Verlag<\/p><\/div>\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Noi, poetslji a populiloru njits. Nous, les po\u00e8tes des petits peuples<\/strong>. Po\u00e8mes en macedonarman (Aroumain). Choix des po\u00e8mes, notes bio-graphiques, introduction: Kira Iorgoveanu-Mantsu. Traductions: Mariana Bara, Nicolas Trifon. Crombel: Charleroi 2007, 333 S.<\/p>\r\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Die DichterInnen der kleinen V\u00f6lker in Europa sind in vieler Hinsicht benachteiligt. 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