{"id":63179,"date":"2019-06-21T00:01:00","date_gmt":"2019-06-20T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63179"},"modified":"2022-03-01T14:24:01","modified_gmt":"2022-03-01T13:24:01","slug":"zurueck-in-visegrad","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/21\/zurueck-in-visegrad\/","title":{"rendered":"Zur\u00fcck in Vi\u0161egrad"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201e&#8220;Herkunft&#8220; ist ein Buch \u00fcber meine Heimaten, in der Erinnerung und der Erfindung. Ein Buch \u00fcber Sprache, Schwarzarbeit, die Stafette der Jugend und viele Sommer. Den Sommer, als mein Gro\u00dfvater meiner Gro\u00dfmutter beim Tanzen derart auf den Fu\u00df trat, dass ich beinahe nie geboren worden w\u00e4re. Den Sommer, als ich fast ertrank. Den Sommer, in dem Angela Merkel die Grenzen \u00f6ffnen lie\u00df und der dem Sommer \u00e4hnlich war, als ich \u00fcber viele Grenzen nach Deutschland floh. &#8222;Herkunft&#8220; ist ein Abschied von meiner dementen Gro\u00dfmutter. W\u00e4hrend ich Erinnerungen sammle, verliert sie ihre. &#8222;Herkunft&#8220; ist traurig, weil Herkunft f\u00fcr mich zu tun hat mit dem, das nicht mehr zu haben ist. In &#8222;Herkunft&#8220; sprechen die Toten und die Schlangen, und meine Gro\u00dftante Zagorka macht sich in die Sowjetunion auf, um Kosmonautin zu werden.\u201c<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Sa\u0161a Stani\u0161i\u0107<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u2026 ein Zahnarzt aus Schlesien, ein alter Bremser aus Jugoslawien und ein f\u00fcnfzehnj\u00e4hriger Sch\u00fcler ohne Karies und wie wir alle drei vor nichts in der Welt Angst hatten.\u201c (173) Wenn Dr. Heimat, der Zahnarzt aus dem Emmertsgrund in der N\u00e4he von Heidelberg, wo auch die Eltern und der Gro\u00dfvater von Sa\u0161a nach ihrer Flucht aus Visegrad ihr vorl\u00e4ufiges Zuhause finden, seine jugoslawischen Nachbarn zum Angeln und zum Picknick am Neckar einl\u00e4dt, dann entsteht f\u00fcr die Gefl\u00fcchteten und in Deutschland Geduldeten ein Gef\u00fchl der Geborgenheit. Ein vor f\u00fcnfzig Jahren nach S\u00fcddeutschland Vertriebener, der seine neuen Nachbarn mit Lebensmitteln versorgt, der Sa\u0161as von Karies befallene Z\u00e4hne kostenlos saniert, der seinem Patienten, soweit der es mit seinem Fl\u00fcchtlings-Deutsch versteht, etwas \u00fcber die Ausbeutung der arbeitenden Klasse erz\u00e4hlt \u2026 das liest sich wie die M\u00e4r von der wunderbaren Geborgenheit im fremden Land. Doch die raue Realit\u00e4t, die Ankunft in Deutschland, die beh\u00f6rdliche Duldung, das Zusammenleben in Notunterk\u00fcnften oder Fl\u00fcchtlingsheimen gestaltet sich ganz anders, wie uns der Ich-Erz\u00e4hler Sa\u0161a berichtet. Es ist ein Augenzeugenbericht, nicht chronologisch vorgetragen. Das w\u00fcrde den Leser m\u00f6glicherweise langweilen. Vielmehr springt er zwischen seinen bosnischen Herkunftsorten, dem Dorf Oskoru\u0161a, in der N\u00e4he von Vi\u0161egrad, wo seine Gro\u00dfmutter Kristina noch bis 2009 lebt, und seinen Ankunfts- und Pendelorten in Deutschland hin und her. Getrieben von der Zuneigung f\u00fcr und der Sorge um Kristina, die ihn in seiner Kindheit liebevoll umsorgt hat. Ihr gilt seine Hingabe, mit ihr redet er auch in der Ferne, selbst dann noch, als sie an Demenz leidend, ihn nicht mehr erkennt, und im Finale es seinen Lesern \u00fcberl\u00e4\u00dft, wie diese sich das Ende der Story \u00fcber seine Herkunft \u2013 nach Empfehlung des Autors &#8211; selbst ausdenken, fast wie multiple choice, und ziemlich pfiffig.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Nein, eine Biografie sieht anders aus. Sa\u0161a Stani\u0161i\u0107 n\u00e4hert sich behutsam seinem vorl\u00e4ufigen Zufluchtsort in Deutschland, beginnt mit einem Brief an die Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde, schreibt \u00fcber seine Heimat, schwankt zwischen Ehrlichkeit (keine Religion, unter Heiden aufgewachsen), Verzweiflung (meine Biografie ist von der Drina weggesp\u00fclt), Komik (meine Geburt wurde mithilfe einer Saugglocke erheblich verk\u00fcrzt) und behutsamem Umgang mit einer deutschen Beh\u00f6rde (w\u00e4hle keine zotigen Worte, das k\u00f6nnte nach hinten losgehen!). Und dann geht es wirklich los: Schlittenfahren ins Ungewisse, Ich und der Krieg 1991 in Bosnien mit Fu\u00dfballreportagen und der Aufz\u00e4hlung aller Haustiere, die Sa\u0161a in seiner fr\u00fchen Kindheit ganz lieb hatte. Eben noch ist der Leser in dem 16-Seelendorf Oskoru\u0161a, schwupps, schon rennt Sa\u0161a in Hamburg die Elbe entlang und verk\u00fcndet stolz: \u201eIch habe einen deutschen Pa\u00df.\u201c Doch wer nun vermutet, jetzt geht es weiter in new Germany, der ist \u201eLost in the Strange\u201c, wie uns Sasa lakonisch mitteilt. Zur\u00fcck zum Herkunftsort, zum Fest f\u00fcr Vater und Mutter, zu den vertraut knarrenden B\u00f6den in den heimischen Wohnstuben, zu den gruseligen Geschichten \u00fcber Drachent\u00f6ter geht die nostalgische Reise, und ein Hauch deutscher Romantik weht dabei durch das bosnische Dorf. Der Totenkult, die Gr\u00e4ber, die bald niemand mehr betreuen wird, die Schafe, die keine H\u00fcter mehr haben werden \u2026 Ach, da wird einem beim Lesen ganz wehm\u00fctig und bitter zugleich ums Herz, und ein unbestimmtes Gef\u00fchl der Verwirrung entsteht. Vor allem bei Sa\u0161a, der nun seine beh\u00fctete Kindheit aufarbeitet, die ideologischen Verblendungen und L\u00fcgen der jugoslawischen Staatsh\u00fcter erkennt, den Heroenkult um den Diktator Tito begreift, und dann auch vieles \u00fcber die Gr\u00e4ueltaten der nationalistisch verblendeten serbischen und kroatischen Soldateska erf\u00e4hrt. \u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Noch wichtiger aber ist f\u00fcr ihn aber sind die Sozialisation in seinem Ankunftsland, die Schuljahre, die Freunde aus ganz unterschiedlichen L\u00e4ndern, die ARAL-Bande, die Treffen an der Tankstelle, die erste Freundin Rike, die allt\u00e4glichen Plackereien seiner Eltern, die sich in Deutschland trotz ihrer hohen beruflichen Qualifikationen mit niedrig bezahlten, k\u00f6rperlich schwer belastenden Jobs durchschlagen m\u00fcssen &#8211; und dann wieder von ihrem Sohn getrennt werden, weil die Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde sie nach Bosnien zur\u00fcckschickt, w\u00e4hrend Sa\u0161a in Deutschland bleiben darf. Mit zwiesp\u00e4ltigen Gef\u00fchlen, weil er seine geliebte Gro\u00dfmutter nur noch in gr\u00f6\u00dferen zeitlichen Abst\u00e4nden besuchen kann, weil seine ersten literarischen Erfolge auf dem deutschsprachigen B\u00fcchermarkt ihn zwingen, sich zeitlich zu disziplinieren, sich an die Marktgesetze von Erfolg und Absatz anzupassen. Deshalb bedeutet der schmerzliche Abschied von seiner Gro\u00dfmutter auch die Hingabe an seine Herkunft, aus der die fiktionale Verschmelzung von kindlicher Erinnerung und n\u00fcchterner Anpassung an die quasi-moderne Welt geworden ist. Diese Verquickung von sehnsuchtsbeladener, nicht verdr\u00e4ngter Herkunft und literarisierter Ankunft schl\u00e4gt sich in den Schnittbogenmustern seiner ungew\u00f6hnlichen Narrationen wieder. Quicklebendige Dialoge mischen sich mit ironischen Kommentaren zur b\u00fcrokratisierten Ankunftswelt, pointierte Beobachtungen zur Aufnahme der Fl\u00fcchtlinge durch die Beh\u00f6rde und die einheimische Bev\u00f6lkerung \u00fcberlagern sich mit dem vielsprachigen Jargon der Ank\u00f6mmlinge. Das gelingt ihm, weil er alle f\u00fcnf, sechs Seiten einen Wechsel der Szenerie vornimmt, ohne dass Langeweile aufkommt beim Lesen. Kein Wunder, denn die allt\u00e4glichen Vorkommnisse im deutschen Milieu sind wirklichkeitsnah beschrieben und die Herkunftswelt auf dem Balkan spannungsgeladen erfasst. Aus dieser Mischung ist eine Ankunft geworden, deren Lekt\u00fcre uns alle angeht, weil sie uns nicht nur nachdenklich macht, sondern uns stimuliert, uns auf schmerzlich-unterhaltsame Weise lehrt, woher auch wir kommen und wie wir uns denen gegen\u00fcber verhalten, die zu uns kommen. Sa\u0161a Stani\u0161i\u0107 hat uns mit dieser Mischung aus Selbstgespr\u00e4ch, Dialog, Kommentar und vielen anderen Erz\u00e4hlsplittern eine Alltagswelt er\u00f6ffnet, die wir mit Neugier und Verst\u00e4ndigungsbereitschaft wahrnehmen, hoffentlich!<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/HERKUNFT.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-89290\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/HERKUNFT.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"326\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/HERKUNFT.jpg 220w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/HERKUNFT-202x300.jpg 202w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/HERKUNFT-160x237.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><\/a>HERKUNFT<\/strong>, von Sa\u0161a Stani\u0161i\u0107, Luchterhand 2019<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e&#8220;Herkunft&#8220; ist ein Buch \u00fcber meine Heimaten, in der Erinnerung und der Erfindung. 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