{"id":63174,"date":"2020-06-18T00:01:40","date_gmt":"2020-06-17T22:01:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63174"},"modified":"2022-03-01T11:46:04","modified_gmt":"2022-03-01T10:46:04","slug":"aufzeichnungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/06\/18\/aufzeichnungen\/","title":{"rendered":"Aufzeichnungen"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aufzeichnungen von Hans Dilger aus einem sibirischen Gefangenenlager, herausgegeben von Thomas Lindemann in Lindemanns Bibliothek, von seiner Tochter Ursula Jetter, geb. Dilger, mit einer kommentierenden Einleitung versehen, erweisen sich in mehrerer Hinsicht als ein ungew\u00f6hnlich bewegendes Dokument. Die f\u00fcnfzehn Seiten umfassende Einleitung unter der \u00dcberschrift \u201e\u00dcberleben\u201c enth\u00e4lt eine einf\u00fchlsame Beschreibung der Umst\u00e4nde, unter denen die rund vierzig Texte, handschriftlich mithilfe eines Federhalters und violettfarbiger Tinte, auf dunkelbraunes Packpapier aufgetragen, in die H\u00e4nde von Ursula Jetter gelangt sind. Hans Dilger (1906-1984), verheiratet mit Gudrun Dilger, geb. Olson, \u00dcberlebender der Schlacht um Stalingrad, geriet in sowjetische Gefangenschaft. Aus sibirischen Kriegsgefangenenlagern, in denen er mehr als zehn Jahre verbrachte, kehrte er mit dem letzten R\u00fccktransport deutscher Soldaten 1955 in die Bundesrepublik Deutschland zur\u00fcck. In seinem Gep\u00e4ck befanden sich, geschickt versteckt in seinem k\u00e4rglichen Hab und Gut, Packpapierfetzen mit sorgf\u00e4ltig in Druckbuchstaben aufgetragenen Gedichten deutscher Poeten, Briefe biblischer Apostel, Minnelieder aus dem Born der deutschsprachigen Literatur, aber auch \u00fcberraschenderweise ein \u00fcbersetztes Gedicht des renommierten russischen Schriftstellers Konstantin Michajlowitsch Simonow (1915-1979). Das von Ursula Jetter in ihrer Einleitung zitierte Gedicht habe die Gefangenen, \u201ewie man aus Briefen wei\u00df\u201c, am eindringlichsten bewegt. Simonows Gedicht, \u201eeine flehende Bitte an die eigene Frau und Geliebte\u201c (S. 16), das Hans Dilger auf einen Packpapierfetzen in Druckschrift aufgeschrieben hatte und im Klartext in Ursula Jetters Einleitung nachzulesen ist, h\u00e4tte sicherlich den Anlass f\u00fcr einen erg\u00e4nzenden Kommentar geben k\u00f6nnen, um die m\u00f6rderische Sinnlosigkeit von Kriegen und die Verurteilung ihrer Urheber deutlich hervorzuheben. Mehr noch, das Leiden beider V\u00f6lker an der Massenvernichtung an den Fronten und in den anschlie\u00dfenden Gefangenenlagern zum Anlass f\u00fcr eine gemeinsame Ausgabe von Texten in deutscher und russischer Sprache zu nehmen. In diesem Falle w\u00fcrde ein solches, mit \u00e4hnlichen Materialien hergestelltes B\u00fcchlein nicht nur nach \u201eLederstiefeln, Schwei\u00df, Fusel\u201c sondern auch nach Machorka und Filzstiefeln riechen. Und, es w\u00fcrde das \u201eunbeirrbare Festhalten an den der Sprache innewohnenden \u2026 Kr\u00e4ften\u201c (S. 18) mit einer gemeinsamen sprachlichen Energie versehen werden, der Sprache von Rainer Maria Rilke, Johann Wolfgang von Goethe oder Gerhard Hauptmann wie auch von Alexander Puschkin, Konstantin Simonow oder Aleksander Solschenyzin.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine solche Publikation mit deutsch- und russischsprachigen Texten k\u00f6nnte durchaus eine therapeutische Funktion bei der Verhinderung von zuk\u00fcnftigen Kriegen spielen. Im Ged\u00e4chtnis aber der den Zweiten Weltkrieg \u00dcberlebenden sollten diese flehenden Bekenntnisse halb verhungerter Gefangener auch f\u00fcr die nachfolgenden Generationen aufbewahrt bleiben. Sie wurden von einem Mitgefangenen aus dem Ged\u00e4chtnis aufgezeichnet, mit List und Sorgfalt aufbewahrt und in manchen Abendstunden auf elenden Pritschen irgendwo in sibirischen Arbeitslagern vorgelesen. Dass sie der Nachwelt erhalten geblieben sind, dank der mitf\u00fchlenden Sorgfalt der Schriftstellerin und langj\u00e4hrigen Herausgeberin der Literaturzeitschrift \u201eexempla\u201c, Ursula Jetter, erweist sich als kleines Wunder. Auf jeden Fall geh\u00f6rt das sorgf\u00e4ltig gedruckte B\u00fcchlein zu den meist \u00fcbersehenen Kostbarkeiten auf dem schier un\u00fcberschaubar gewordenen B\u00fcchermarkt.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-63176\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/ueberleben-Cover-809x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"202\" height=\"256\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/ueberleben-Cover-809x1024.jpg 809w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/ueberleben-Cover-237x300.jpg 237w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/ueberleben-Cover-768x972.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/ueberleben-Cover-560x709.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/ueberleben-Cover-260x329.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/ueberleben-Cover-160x203.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/ueberleben-Cover.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 202px) 100vw, 202px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00fcberleben<\/strong>: zu Aufzeichnungen aus einem sibirischen Gefangenenlager von Hans Dilger &#8211; von Ursula Jetter, geb. Dilger. Info Verlag GmbH (2018).<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Aufzeichnungen von Hans Dilger aus einem sibirischen Gefangenenlager, herausgegeben von Thomas Lindemann in Lindemanns Bibliothek, von seiner Tochter Ursula Jetter, geb. Dilger, mit einer kommentierenden Einleitung versehen, erweisen sich in mehrerer Hinsicht als ein ungew\u00f6hnlich bewegendes Dokument. 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