{"id":63154,"date":"2020-12-12T00:01:00","date_gmt":"2020-12-11T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63154"},"modified":"2022-02-20T16:56:51","modified_gmt":"2022-02-20T15:56:51","slug":"eine-rueckschau-auf-das-hoelderlinjahr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/12\/12\/eine-rueckschau-auf-das-hoelderlinjahr\/","title":{"rendered":"Eine R\u00fcckschau auf das H\u00f6lderlinjahr"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Monotheismus der Vernunft, Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst.<\/em><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber das Verh\u00e4ltnis von Poesie und Geld vor dem Hintergrund der Lebensumst\u00e4nde, denen Friedrich H\u00f6lderlin zwischen 1795 und 1798 in Frankfurt am Main ausgesetzt war, ist bislang nur wenig publiziert worden. Umso notwendiger sei es deshalb, sagt der Autor der biografischen Erz\u00e4hlung, endlich einmal \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zwischen dem Dichter und dem Banker aus unterschiedlichen Perspektiven zu fabulieren. Vorausgesetzt, es gibt ausreichende Quellen, um \u00fcber die drei Jahre w\u00e4hrenden Begegnungen zwischen dem Hauslehrer H\u00f6lderlin und Jacob Gontard, einem angesehenen Gesch\u00e4ftsmann mit franz\u00f6sischen Vorfahren, dessen Ehefrau Susette und deren Sohn Henry ausgiebig erz\u00e4hlen zu k\u00f6nnen. Reichen denn die Belege \u00fcber die Darlegung eines gesch\u00e4ftlichen Verh\u00e4ltnisses zwischen Protagonisten, deren Berufe sich so fundamental unterscheiden? Mit gewissen Bedenken, w\u00fcrde da wohl ein professioneller Biograf sagen, obwohl es ja einen gut recherchierten Briefwechsel zwischen H\u00f6lderlin und seinem Bruder, der Mutter und seinen Freunden g\u00e4be. Nicht zu vergessen die 17 Liebesbriefe, die Susette \u201eihrem\u201c Friedrich nach dessen unfreiwilligen R\u00fcckzug aus dem Hause des Bankiers geschickt hat. Und wie l\u00f6st der Autor nun diese Aufgabe? Er will eine alternative biografische Methodik umsetzen, denn \u201ewer alles ausschlie\u00dflich und streng auf belegbare Fakten herunterbrechen m\u00f6chte, handelt legitim, ist aber nicht der Leser, der sich von diesem Buch gr\u00f6\u00dften Gewinn versprechen sollte.\u201c (S. 9)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein gewagtes Unternehmen also, wenn es nicht die strenge, biografisch aufgelistete Aufteilung des Erz\u00e4hlstoffes in sieben Kapiteln mit sorgf\u00e4ltig nach Jahren und Monaten aufgeschl\u00fcsselten Zeitangaben g\u00e4be. Au\u00dferdem \u00a0ein ausf\u00fchrliches Nachwort, eine kommentierte Auswahlbibliografie und eine F\u00fclle von Anmerkungen. Zudem sind die einzelnen Kapitel mit Zwischen\u00fcberschriften versehen, die auf Namen, Orte, Stimmungen, Zeitungsausschnitte, gesellschaftliche Ereignisse, Titel von Gedichten verweisen. Ein wohldosierter Lesestoff also, den ein Wir-Erz\u00e4hler mithilfe von biografisch verb\u00fcrgten Ereignissen, hypothetischen Vermutungen, dokumentarisch belegten Aussagen und erfundenen Dialogen vor uns ausbreitet. Besonders reizvoll erweist sich dabei der Wechsel der Zeitebenen, innerhalb derer der Erz\u00e4hler zwischen dokumentarisch nachgewiesenen Ereignissen in der historisierten Vergangenheit, den Zwiegespr\u00e4chen der Protagonisten in einer fingierten Gegenwart und den Vermutungen \u00fcber \u201etats\u00e4chliche\u201c Abl\u00e4ufe im Futur pendelt.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie geschickt der kommentierende Erz\u00e4hler dabei agiert, verdeutlicht die Pr\u00e4sentation des j\u00fcdischen Bankiers Mayer Amschel Rothschild, der \u00fcber die Frankfurter Zeil geht. \u201eDer Mann war bereits weit gekommen, von einem bescheidenen Leben in der Judengasse hatte er es unter Frankfurter H\u00e4ndler und Bankiers gebracht\u201c, sagt der Erz\u00e4hler und f\u00fcgt hinzu: \u201eAber niemand, auch H\u00f6lderlin nicht, kam auf die Idee, dass dieser Mayer Amschel Rothschild der Erste einer Dynastie war, die die m\u00e4chtigste Gelddynastie des kommenden Jahrhunderts werden w\u00fcrde\u2026\u201c (S. 109). Und w\u00e4hrend der Erz\u00e4hler \u00fcber diesen wagemutigen Mann berichtet, der beim Bankier Gontard in die Lehre gegangen war, bezieht er H\u00f6lderlin in seine \u00dcberlegungen zum Verh\u00e4ltnis von Poesie und Geld zur\u00fcck: \u201eH\u00f6lderlin h\u00e4tte beim Anblick Rothschilds sp\u00fcren k\u00f6nnen, welche Wagnisse ein Handelsmann und mehr noch ein Bankier eingehen muss. Er h\u00e4tte sehen k\u00f6nnen, wie offen das Dach war, unter dem die Bankiers ihre Gesch\u00e4fte trieben, wie schutzlos sie dem Geschick ausgeliefert waren, \u2026\u201c Doch der ahnungslose Dichter H\u00f6lderlin sp\u00fcrte es nicht. Stattdessen schreibt er an dem Gedicht \u201ePalingenesie\u201c und der Erz\u00e4hler kommentiert es: \u201edas ist in der stoischen Kosmologie die Wiederherstellung der Welt nach der Apokalypse.\u201c (S. 112)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das Verh\u00e4ltnis H\u00f6lderlins zu seinem Brotherren, dem Banker Gontard? Er habe die gl\u00fccklichste Zeit seines Lebens in Frankfurt verbracht, ist auf der R\u00fcckseite des liebevoll gestalteten Hard-Cover-Einbandes zu lesen. Ist das eine stimmige Aussage oder nur eine geschickte Werbung? Der im Fr\u00fchjahr 1797 urpl\u00f6tzlich ausbrechende Streit zwischen Gontard, Susette und dem Dichter verweist indes auf eine anwachsende Spannung zwischen den Akteuren. \u00dcber deren Ursachen \u00e4u\u00dfert sich der Autor unter Bezugnahme auf unterschiedliche Quellen. Im Unterkapitel \u201aGl\u00fcck\u2019 (vgl. S. 154f.) listet er sie auf: Marie R\u00f6tzer, langj\u00e4hrige Hausangestellte, zu der H\u00f6lderlin eine tiefe Zuneigung empfand, verl\u00e4\u00dft die Gontards, um zu heiraten. Friedrichs gequ\u00e4lt-intimes Verh\u00e4ltnis zu Madame Susette l\u00f6st in ihm Mattigkeit und Mutlosigkeit aus, gleichzeitig w\u00e4chst seine Zuneigung zu ihr. Der ganz von seinem Banker-Metier eingenommene Gontard sp\u00fcrt etwas, was er noch nicht artikulieren kann. Das hei\u00dft: Geld und Poesie, die keinen Draht zueinander gefunden haben, l\u00f6sen einen Streit aus, der aus Mangel an authentischen Quellen, eine kommentierende und zugleich lebendig anmutende, theatralische Darlegung findet. Und in den Entscheidungstag, den 25. September 1797 m\u00fcndet, an dem nicht nur Gontard \u00fcber den anma\u00dfenden, respektlosen\u00a0 Hauslehrer H\u00f6lderlin w\u00fctet, sondern auch den Dichter veranla\u00dft, \u00fcber die Ansammlung von geistlosen Patriziern zu l\u00e4stern, die ihm das Leben, Liebe, Treue, Sch\u00f6nheit, Vaterland stehlen w\u00fcrden. Woraufhin der in seiner Ehre als Bankier und verm\u00f6gender Patrizier gekr\u00e4nkte Gontard seinen \u201eundankbaren\u201c Hauslehrer auffordert, noch einmal ein Gedicht aufzusagen, um zu zeigen, \u201ewas sonst noch in seinem Kopf umgeht. Der so ma\u00dflos gekr\u00e4nkte Dichter verl\u00e4sst noch in derselben Nacht seinen Brotgeber.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier k\u00f6nnte die biografische Erz\u00e4hlung enden, wenn es nicht Susette gegeben h\u00e4tte, die ihrem Friedrich nur wenige Tage nach diesem Eklat den ersten Liebesbrief schreibt, die sich h\u00e4ufig heimlich mit ihm trifft, aus deren Briefen der Autor zitiert, wenn Henry ihn nicht flehentlich bittet, seinen Unterricht fortzusetzen. Doch der so geforderte Autor zieht sich allm\u00e4hlich zur\u00fcck, l\u00e4sst H\u00f6lderlins ber\u00fchmte Elegie \u201eBrod und Wein\u201c abdrucken, teilt seinen Leser\/innen mit, dass die ungl\u00fcckliche Susette am 22. Juni 1802 an Schwindsucht verstorben sei, w\u00e4hrend ihr Friedrich noch 41 Jahre gelebt habe, davon nur drei oder vier Jahre \u201ebei vollem Bewusstsein.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es zeichnet den Autor Peter Michalzik besonders aus, dass er sowohl in seinem Nachwort als auch in seiner Auswahlbibliografie fundierte quellenkritische \u00dcberlegungen anstellt, die der biografischen Erz\u00e4hlung eine unvergleichbare Dichte in der Darstellung eines schwierigen Sujets verleiht. Umso spannender ist es deshalb auch, weil sein kleines Meisterwerk sich auch in benachbarten Bereichen einer Biografie auskennt: dem philosophischen Essay, der literaturkritischen Plauderei, dem kommentierten Briefwechsel und vielen anderen Subgattungen. Auf diese Weise werden den kundigen Leser\/innen ganz en passent zum Beispiel auch judenkritische \u00c4u\u00dferungen von Friedrich Hegel vermittelt. Eine Lekt\u00fcre also, die neugierig auf weitere Entdeckungen macht, eine Biografie, die eine historisch bedeutsame Umbruchsphase in der deutschen Geld- und Literaturgeschichte vielstimmig dokumentiert. Und ein w\u00fcrdiger Beitrag zum 250. Geburtstag eines genialen Dichters ist!<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Dichter und der Banker<\/strong>, Friedrich H\u00f6lderlin, Susette und Jacob Gontard, geschildert von Peter Michalzik, Reclam, 2020<\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\">\r\n<figure class=\"alignleft\">\r\n<div id=\"attachment_14220\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14220\" class=\"wp-image-14220\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/220px-Hoelderlin_1792.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"294\" \/><p id=\"caption-attachment-14220\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich H\u00f6lderlin, Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792<\/p><\/div>\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Ulrich Bergmann hat das St\u00fcck \u201eDer Tod des Empedokles\u201c neu gelesen und fand ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/03\/25\/der-ueberbau-der-freiheit\/\">Gedicht<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Lesen Sie auch Friedrich H\u00f6lderlins Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14232\">\u00dcber die Verfahrungsweise des poetischen Geistes<\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Monotheismus der Vernunft, Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst. \u00dcber das Verh\u00e4ltnis von Poesie und Geld vor dem Hintergrund der Lebensumst\u00e4nde, denen Friedrich H\u00f6lderlin zwischen 1795 und 1798 in Frankfurt am Main ausgesetzt war, ist bislang nur wenig publiziert worden.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/12\/12\/eine-rueckschau-auf-das-hoelderlinjahr\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98741,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[220,1158],"class_list":["post-63154","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-friedrich-holderlin","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63154","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63154"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63154\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98870,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63154\/revisions\/98870"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98741"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63154"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63154"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63154"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}