{"id":63148,"date":"2017-10-21T00:01:00","date_gmt":"2017-10-20T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63148"},"modified":"2022-04-02T07:27:08","modified_gmt":"2022-04-02T05:27:08","slug":"eigenwillige-innovative-betrachtung-von-heimat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/21\/eigenwillige-innovative-betrachtung-von-heimat\/","title":{"rendered":"Eigenwillige, innovative Betrachtung von Heimat"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der fantasievoll von Marto O\u2018Sigma gestaltete Einband, auf dem unten links Offenbach am Main als Schild und rechts unten die Abbildung des r\u00f6misch-katholischen Doms in Temeswar zu sehen ist, verweist auf der schriftlichen wie auch auf der bildsymbolischen Ebene auf eine ungew\u00f6hnliche Reise. Es ist die Darstellung des Stoffdrachens auf dem schwarzen Hintergrund des Titeleinbands, der den Betrachter bei dessen vergleichendem Blick auf den Titel des Gedichtbandes zun\u00e4chst irritiert und ihn zu der Frage bewegt: Geht die poetische Reise der Autorin durch die Heimat hindurch oder verfolgt sie ein bestimmtes Ziel?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Biografie von Katharina Eismann gibt darauf in Stichworten eine vorl\u00e4ufige Antwort: 1964 unter Donauschwaben, Ungarn und Serben in Temeswar\/Timi{oara geboren, 1980 in die Bundesrepublik Deutschland emigriert, in den 1990er Jahren Studium der Slawistik, \u00dcbersetzerin f\u00fcr Englisch, Spanisch und Franz\u00f6sisch. Dann der \u201eQuer- einstieg in ein Kreativunternehmen im Frankfurter Osthafen\u201c (S. 105), eine stattliche Anzahl von Gedichten, Auftritte auf Kleinstb\u00fchnen und eine beginnende Karriere als Organisationsmanagerin. Und nun der Gedichtband von einer Reise mit einem \u201ePaprikaraumschiff, (das) \u201emein Traum- schiff (ist)\u201c. Es ist eine Reise voller \u00dcberra- schungen, Sascha, Sven und Stolly gewid- met, eingeleitet durch ein tiefgr\u00fcndendes Vor-Wort von J\u00fcrgen Eichenauer, Leiter im<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Haus der Stadtgeschichte in Offenbach. Er gibt einen umfassenden Einblick in die wechselvolle Geschichte der Donauschwaben, indem er Katharina Eismanns poetisches Schaffen als einen Versuch wertet, von Offenbach aus eine eigenwillige, innovative Betrachtung von Heimat vorzunehmen. Es sind geografische und kulturhistorische \u00dcberlagerungen, Ergebnisse von milit\u00e4rgeschichtlichen Verwerfungen und rassistischer Vernichtung. Rostende Gassen in Temeswar, brennende Synagogen in Offenbach, r\u00fccksichtslose st\u00e4dtebauliche Eingriffe \u2013 die Palette der Einschnitte in die Wahr- nehmung der Main-Monopole Offenbach und der Stadt Temeswar an der Bega ist umfassend. Doch Katharinas Gedichte, die aus der oralen Tradition der mittelalterlichen Marktschreierinnen und Marktschreier r\u00fchren, verbinden lustvolle Erinnerungen mit scharfer Kritik an den \u201eS\u00fcnden\u201c der nahen Vergangenheit. Das einleitende \u201eApfelst\u00fcck aus Offenbach\u201c beweist es in voller L\u00e4nge. Hier spricht kein gef\u00fchliges lyrisches Ich, hier geht es von Anfang an um erlebte, fantasievoll aufgeladene Stadtgeschichte. Am Lili-Tempel, jenem vom Ende des 18. Jahrhundert stammenden Pavillon am Main, \u201ehetzt Goethe \/ im morschen Zaubermantel \/ durch borstige Schilflieder&#8230;\u201c; das Apfelst\u00fcck am Markth\u00e4uschen wird \u201eam Stammtisch der Dialekte\u201c von zischenden Apfelbetreibern vertilgt; in \u201eMarktsituationen in f\u00fcnf Akten\u201c am Offenbacher Marktplatz tauchen K\u00e4seminister auf und \u201eder Brotengel hat die mehlige Sch\u00fcrze \/ von Ostern bis Weihnachten umgebunden.\u201c Das sind Sah- nest\u00fcckchen, gebacken in der deftigen Tradition von oraler Volkspoesie, gemischt mit Leckerbissen aus urbanen Konditoreien!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die Reise nach dem Banat, die Donau entlang, in der vision\u00e4ren Gestalt einer Nomadenbraut? Die \u00fcberbordende Fantasie und das Gesp\u00fcr f\u00fcr soziale Bruchzonen schaffen immer neue unerwartete Bildfetzen. Da ist es eine Pizzi-Chefin, eine Mafiatante aus \u201eder gr\u00fcnschlammigen \/ Aktionszentrale \/ an der Donau\u201c, da \u201eflucht Orban von der Kettenbr\u00fccke\u201c in Budapest und da sitzt ein Mokkaf\u00fcrst in der Josefstadt, einem Stadtteil von Temeswar, \u201ez\u00e4hlt seine Wertpapiere \/ mit einem Satz \/ macht er einen Satz nach Balkanova.\u201c Und die Ankunft in der ungekr\u00f6nten Haupt- stadt vom Banat? Da dr\u00f6hnt \u201eBalkangepolter\u201c, da rumpelt die Tuba im wilden Getrubel, da \u201elamentiert der Br\u00e4utigam\/ wer hat meine Braut entf\u00fchrt \/ Salto im Lamento.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Katharinas Vorrat an originellen Wortsch\u00f6pfungen in Verbindung mit gewagten Bildkombinationen scheint unersch\u00f6pflich. Hier kreiert eine Poetin unerwartete Gedankenspr\u00fcnge, ohne schwindlig zu werden, hier \u00fcberlagert sich Vergangenheit mit einer Gegenwart, in der die Akteure auf ihrem Weg vom Main \u00fcber die Donau zur Bega ihre eigenst\u00e4ndigen Wahrnehmungen von vagabundierender Heimat machen. Es ist eine sich aufl\u00f6sende Heimat, in der die Poetin mit Vehemenz, hoher Kreativit\u00e4t und unbek\u00fcmmerter Schaffenslust in ihrem \u201ePaprikaraumschiff\u201c dicht \u00fcber der sichtbaren Realit\u00e4t fliegend ihre lustigen und gewagten Visionen einer umgedrehten Welt schafft.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Reise durch die Heimat<\/strong>. Von Offenbach nach Temeswar\u201c. Gedichte von S. Katharina Eismann. Gr\u00f6\u00dfenwahn Verlag Frankfurt\/M. 2017<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Reise-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89433 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Reise-172x300.jpg\" alt=\"\" width=\"172\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Reise-172x300.jpg 172w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Reise-588x1024.jpg 588w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Reise-768x1336.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Reise-883x1536.jpg 883w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Reise-1177x2048.jpg 1177w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Reise-560x974.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Reise-260x452.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Reise-160x278.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Reise-scaled.jpg 1471w\" sizes=\"auto, (max-width: 172px) 100vw, 172px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der fantasievoll von Marto O\u2018Sigma gestaltete Einband, auf dem unten links Offenbach am Main als Schild und rechts unten die Abbildung des r\u00f6misch-katholischen Doms in Temeswar zu sehen ist, verweist auf der schriftlichen wie auch auf der bildsymbolischen Ebene&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/21\/eigenwillige-innovative-betrachtung-von-heimat\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2489,1158],"class_list":["post-63148","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-s-katharina-eismann","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63148","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63148"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63148\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102503,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63148\/revisions\/102503"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63148"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63148"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63148"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}