{"id":63145,"date":"2010-04-29T00:01:00","date_gmt":"2010-04-28T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63145"},"modified":"2021-10-25T09:05:38","modified_gmt":"2021-10-25T07:05:38","slug":"mein-blut-sei-der-strasse-ein-labsal","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/04\/29\/mein-blut-sei-der-strasse-ein-labsal\/","title":{"rendered":"\u201eMein Blut sei der Stra\u00dfe ein Labsal\u201c"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine schockierende Inszenierung von Selbsterh\u00f6hung, Selbsterniedrigung und Selbstbeweinung nennt Nyota Thun die \u201eTrag\u00f6die Wladimir Majakowski\u201c in ihrer Monographie <em>Ich \u2013 so gro\u00df und so \u00fcberfl\u00fcssig<\/em> \u00fcber den Futuristen und Revolutionss\u00e4nger Majakowski. Mit dem Poem \u201eIch\u201c hatte er sich im Mai 1913 in einem selbst gestalteten Poesieb\u00e4ndchen (Auflage 300) seinem Publikum pr\u00e4sentiert. Ohne literarischen Erfolg freilich. Erst die \u201eTrag\u00f6die\u201c hinterlie\u00df einige nennenswerte Eindr\u00fccke. Roman Jakobson, renommierter Literaturwissenschaftler, bezeichnete den Auftritt des skandalumwitterten Wolodja als Szenarium, nachdem er den Film seines Lebens abspult. In ihm g\u00e4be es einen Hauptdarsteller und \u201eeinige \u00fcbrige Darsteller, die unmittelbar w\u00e4hrend der Handlung angeworben werden\u201c. In der Tat, wer die erste Seite der \u201eTrag\u00f6die\u201c aufschl\u00e4gt, findet ihn als Hauptdarsteller, w\u00e4hrend die Nebenrollen in skurrile M\u00e4nner und fragw\u00fcrdige Frauen aufgeteilt sind. Und am Ende der zwei Akte? Majakowski im Epilog: \u201eIhr seid es, die ich hier \/ beschrieb, \/ arme Rattenviecher\u2026\u201c, die er gerne ern\u00e4hren w\u00fcrde, wenn er einen Busen h\u00e4tte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Jahr 1913, in dem der Zweiakter entstand, war auch in der russischen Literaturszene von Umbr\u00fcchen, Skandalen und Mythenbildungen gepr\u00e4gt. Vom italienischen Futurismus mit der Zentralfigur Marinetti beeinflu\u00dft, hatte das bereits 1912 verk\u00fcndete Manifest der russischen Futuristen dem Dichter eine Funktion zugewiesen. Er war es, der die kulturellen Traditionen \u00fcber den Dampfer der Geschichte werfen wollte, der sein Kunst-Ich stilisierte, sich an dem Schock der braven B\u00fcrger erg\u00f6tzte. Majakowski, wie Burljuk und Krucenych damals noch Futurist, inszenierte in seiner \u201eTrag\u00f6die\u201c nunmehr den Bruch mit der futuristischen Losung, in der das Dichter-Ich zur persona non grata erkl\u00e4rt wurde. Dichtung entfaltete sich jetzt in ihm als Widerspruch zwischen dem selbst-erfundenen Mythos von der Dichter-Vita und der Verbindung von Biographie mit Wortkunst. In der \u201eTrag\u00f6die\u201c, hei\u00dft es:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: justify;\"><em>Als Dichter<br \/>radierte ich aus<br \/>die Grenzen von ,und\u2018 und ,euch\u2018.<br \/>Suchte Schwestern im Leichenschauhaus<br \/>k\u00fc\u00dfte solche, die scheckig verseucht.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweifellos ist hier der Dichter selbst das Thema seiner Poesie. In ihr entwirft er f\u00fcr sich alle Rollen, ist er selbst real, im Gegensatz zu den symbolgeladenen Gedichten von Aleksandr Blok, bei dem die Menschen Schachfiguren sind. Doch das poetisierte Leben, das Majakowski inszeniert, treibt er nicht bis an den Rand der Selbstzerst\u00f6rung. Das gelingt ihm erst am Ende der 1920er Jahre.<br \/>In den ersten Monaten des Jahres 1914 begann Majakowski mit der Arbeit an dem Poem \u201eWolke in Hosen\u201c (\u201eOblako w stanach\u201c), das Aleksander Nitzberg (im Gegensatz zu den bisherigen Nachdichtungen von v. Guenther, Huppert, Toss und Dedecius) in ein \u201eW\u00f6lkchen in Hosen\u201c verwandelt. Mit einer beinahe einleuchtenden Erkl\u00e4rung. Das Russische kenne zwei verschiedene Ausdr\u00fccke f\u00fcr ,Wolke\u2018: tu\u010da und oblako, der zweite bedeute zartes W\u00f6lkchen (Obwohl eher die Diminutivform ,oblatschko\u2018 zutreffend ist).<br \/>Doch Majakowski liefert nach Nitzberg in seinem Essay\u201e Wie macht man Verse\u201c einen kl\u00e4renden Beweis. Er, Majakowski, habe einer Nachbarin im Zug von Saratow nach Moskau erkl\u00e4rt, er sei ein W\u00f6lkchen, um ihr seine Loyalit\u00e4t zu demonstrieren. Quod demonstrandum est: Im Prolog des Poems donnert der Dichter:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: justify;\"><em>Wollt Ihr,<br \/>ich werde vom Fleisch ganz wild sein.<br \/>himmlisch wechselnd die Farbnuance,<br \/>wollt Ihr,<br \/>ich werde tadellos mild sein,<br \/>ein W\u00f6lkchen in Hosen, statt eines Manns.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Poem ist, nach Ansicht des amerikanischen Russisten Brown, \u201edas erste Gedicht, in dem das Leiden des lyrischen Helden die konventionelle urbane B\u00fchnenszenerie transzendiert, hin\u00fcbergeht in das Universum auf der Suche nach einem Vater und einem Urgrund.\u201c Es entsteht zwischen dem Sommer 1914 und dem Fr\u00fchjahr 1915. Sein Inhalt bezieht sich auf eine katastrophale Erfahrung, die in vier Aufschreien (das Poem wurde auch als Tetraptychon bezeichnet!) erz\u00e4hlt wird. Nitzberg charakterisierte sie als \u201eeine triviale Liebesgeschichte mit ungl\u00fccklichem Ausgang\u201c, die der Dichter zum kompletten Scheitern, \u201ezu einer totalen Ich-Verbrennung hyperbolisiert\u201c.<br \/>Der Hauptschuldige in dieser Katastrophe ist ein alttestamentarischer Gott, der das Ich zerst\u00f6rt, die Sprache der Menschen verwirrt, den Traum von der Revolution zerschl\u00e4gt und schlie\u00dflich auch die Ursache f\u00fcr das Scheitern der Liebe, die zu Beginn des Poems thematisiert wird. Das lyrische Ich begehe deshalb den Gottesmord und bleibe, so Nitzberg, wie in der Trag\u00f6die allein zur\u00fcck.<br \/>Die Anerkennung als Dichter war ihm nach seinen fulminanten Auftritten in Moskau und Petersburg sicher. Ossip Brik steuerte nach der Drucklegung des Poems eine begeisternde Rezension bei, in der er aus der Perspektive des Lesers schrieb:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: justify;\"><em>Wir Gefangene Leprosoriens haben endlich unseren Dichter-Propheten bekommen.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war ein Dichter, der sein Publikum endlich wieder mit Brot, und nicht mit scheu\u00dflichem S\u00fc\u00dfgeb\u00e4ck versorgte.<br \/>In der Zwischenzeit wissen wir, da\u00df es nicht nur die \u201eprophetischen\u201c Aussagen waren, die die Bewunderung hervorriefen, sondern eine Reimtechnik, die Nitzberg in seinem Nachwort ausf\u00fchrlich als Stammreim (als klanglicher Kern eines Wortes) bezeichnet. Dieser neue Reim lasse die W\u00f6rter in ihrer Totalit\u00e4t miteinander verschmelzen.<br \/>Die von Nitzberg in vieler Hinsicht zu Recht kritisierte \u00dcbertragung des Majakowskischen Poems durch Huppert gewinnt in der hier vorgelegten Version nunmehr an Dynamik. Sie wird auf Grund der strafferen Rhythmisierung der Verse und der genaueren Semantisierung erreicht. Trotzdem neigt der \u00dcbersetzer noch zu einer Stilisierung, die stellenweise komisch wirkt. So hei\u00dft es im 4. Aufschrei:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: justify;\"><em>Mein Blut sei der Stra\u00dfe ein Labsal mehr,<br \/>Blumen klebt sie dem Staub der Sultane an.<br \/>Und die Sonne umh\u00fcpft als Salome<br \/>die Erde<br \/>das Haupt des Iokonaan<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber solche Konstrukte entstehen immer dann, wenn Nitzberg Endreime bewahren will, und sie auf Kosten der narrativen Klarheit opfert. Doch solche kleineren M\u00e4ngel k\u00f6nnen den \u00fcberzeugenden Gesamteindruck nicht schm\u00e4lern. Eine gelungene Ausgabe, die auch durch das typographische Design von Urs Engeler markiert wird.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p><strong>W\u00f6lkchen in Hosen<\/strong>, Gedichte von Wladimir Majakowski. Hg. Urs Engeler<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/Majakowski.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-89242\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/Majakowski.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"313\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/Majakowski.jpg 200w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/Majakowski-192x300.jpg 192w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/Majakowski-160x250.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Eine schockierende Inszenierung von Selbsterh\u00f6hung, Selbsterniedrigung und Selbstbeweinung nennt Nyota Thun die \u201eTrag\u00f6die Wladimir Majakowski\u201c in ihrer Monographie Ich \u2013 so gro\u00df und so \u00fcberfl\u00fcssig \u00fcber den Futuristen und Revolutionss\u00e4nger Majakowski. 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