{"id":63142,"date":"2000-04-21T00:01:00","date_gmt":"2000-04-20T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63142"},"modified":"2022-03-01T05:27:22","modified_gmt":"2022-03-01T04:27:22","slug":"gefaehrliche-serpentinen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/21\/gefaehrliche-serpentinen\/","title":{"rendered":"Gef\u00e4hrliche Serpentinen"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u2013 Rum\u00e4nische Lyrik der Gegenwart. \u2013<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sich bisher \u00fcber die zeitgen\u00f6ssische rum\u00e4nische Lyrik in Deutschland kundig machen wollte, der musste sich mit einer k\u00e4rglichen Auslese begn\u00fcgen. Diese L\u00fccken hat der Lyriker und Prosaiker Dieter Schlesak nun in seiner Funktion als Herausgeber, Kommentator und \u00dcbersetzer mit dem volumin\u00f6sen Sammelband <em>Gef\u00e4hrliche Serpentinen<\/em> offensichtlich geschlossen. Obwohl dennoch einige wichtige Namen nicht auftauchen (Azap, Andritoiu, Grigurcu, Heroa, Zilieru). In neunzehn thematischen Feldern geordnet, pr\u00e4sentiert Schlesak nicht nur die umfassendste \u00dcbersicht \u00fcber eine Gattung, die besonders unter der Zensur und den Publikationsverboten leiden musste, er kann auch \u00fcber ein erstaunliches Reservoir an Poeten verf\u00fcgen, die gemeinsam mit dem Herausgeber und gelernten \u00dcbersetzer die Gedichte ins Deutsche \u00fcbertragen haben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ausgew\u00e4hlten Leitmotive, meist einem lyrischen Text entnommen, erweisen sich als Pfade in einer Landschaft, in der die \u00dcberlebenden die Toten beneiden. \u201eMan hat einen Toten gefunden\u201c (Matei Visniec), \u201eMesser zwischen den Bl\u00e4ttern\u201c \u2013 so hei\u00dfen die Texte oder Subtexte, auf die sich die Selektion des Herausgebers bezieht. Sie greifen nicht nur das Todesmotiv auf, sie signalisieren auch den semantischen Entleerungsprozess (\u201eAls die Dinge aus ihrem Namen fielen\u201c), sie warten auf die \u201eWirkung einer Dosis \/ t\u00f6dlichen Lebens\u201c (Marin Sorescu), sie zeichnen die grotesken Ans\u00e4tze auf, einen Marxismus mit totalit\u00e4ren Mitteln zu installieren, was Mircea Dinescu in seinem h\u00f6hnischen Gedicht \u201eEin Bes\u00e4ufnis mit Marx\u201c so formuliert: \u201eMarx, mon vieux, hierzulande \/ w\u00fcrde man dich schleunigst halbieren \/ und umerziehen. Sogar die \u00f6stlichen K\u00fche, die fr\u00fcher \/ neben der Bahnlinie grasten, sich einbilden, eine Art von Lokomotive zu sein, und keine Milch mehr geben, wird \/ dir angelastet\u201c (S. 146).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders auff\u00e4llige Themen sind Identit\u00e4tsverlust und nationalpathologische Symptome. Andrei Zanca rechnet in \u201ePu\u00dfta auf der Hirnhaut pulsierend (Fragment)\u201c mit der systematischen Verdummung der pannonischen Menschen durch die \u201eDirektoren und Pr\u00e4sidenten in unserer Schwammepoche\u201c (S. 165) ab, indem er die Flucht ins Exil als einen \u201eAusbruch aus einer Heilanstalt\u201c bezeichnet. Wie waghalsig die R\u00fcckkehr Rum\u00e4niens nach Europa \u201enach 50 Jahren gewaltsamer Russifizierung\u201c ist, sieht Augustin Pop so: \u201eRum\u00e4nien (m\u00fcsste) endlich cocacolisiert werden\u201c und das entstehenden demokratischer Regime sollte von \u201ePanzern(n) der NATO \/ in ihrer Hochform (\u00fcberwacht)\u201c werden. Und welche Funktion sollte nun der Westen f\u00fcr Rum\u00e4nien spielen? Der neue Stern der rum\u00e4nischen Literatur, Mircea Cartarescu, ist skeptisch, ob die westliche Kultur f\u00fcr seine Landsleute vorbildhaft sein k\u00f6nnte, denn hinter der sch\u00f6nen Oberfl\u00e4che sei \u00fcberhaupt nur Oberfl\u00e4che, die \u201ekomplexer ist als jede Tiefe\u201c (S. 182).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei thematische Felder sind besonders reich best\u00fcckt: \u201eLacrimae rerum\u201c und \u201emysteri\u00f6ses Verschwinden\u201c. Auf ihnen werden die \u201eEngel mit h\u00e4ngenden Fl\u00fcgeln\u201c und die Propheten auf den Marktplatz getrieben, wo sie hingerichtet werden. Niemand wei\u00df, weshalb sie sterben m\u00fcssen, vielleicht \u201eWeil sie zu m\u00fcde waren\u201c (Ana Blandiana). Im \u201eMysteri\u00f6sen Verschwinden\u201c lauert der Tod \u00fcberall: als krebsartiges Geschw\u00fcr, als Todesstunde, als fleischfressende schwarze Blume, als Todesmaske, in der Gestalt des Totenbuches, und im letzten Gedicht des Bandes \u201eFlugunterricht\u201c (Nichita Stanescu), lauert der Tod als unabwendbarer Risikofaktor f\u00fcr den waghalsigen Flieger.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinem Nachwort \u201eEin posthumer Blick aus der Zukunft dieser versp\u00e4teten Zeit\u201c spricht Schlesak von einem kurzen Intermezzo von 1945-47 auf dem Weg zu einer Nachkriegsliteratur, die erst 1960 begonnen habe. Dieses Intermezzo sei der einzige Lichtblick f\u00fcr die j\u00fcngere Generation gewesen, die den Versuch unternommen habe, dar\u00fcber hinaus auch die Avantgarde der Vorkriegszeit in ihr Denken einzubeziehen. Sie orientierte sich vor allem an den Werken der drei noch lebenden Dichter Stefan Aug. Doinas (1922), Geo Dumitrescu (1920) und dem letzten Vertreter des rum\u00e4nischen Surrealismus Gellu Naum, dessen poetisches Werk im April 1999 in M\u00fcnster\/Westfalen mit dem Preis f\u00fcr Europ\u00e4ische Poesie (gemeinsam mit seinem \u00dcbersetzer Oskar Pastior) ausgezeichnet wurde. Noch st\u00e4rker sei, so Schlesak mit Verweis auf\u00a0 Naum, der Einfluss der sechziger Generation (Stanescu, gest. 1983; Sorescu, gest. 1996 und Baltag, gest. 1997) gewesen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die meisten Lyriker\/innen der rum\u00e4nischen Nachkriegsgeneration scheinen sich auf einem schmalen Pfad zwischen einer versteinerten Realit\u00e4t und einer okkulten Metaphysik bewegt zu haben und nach 1989 mit einer geistigen Situation konfrontiert worden zu sein, in der der Untergang der repressiven kommunistischen Welt nahtlos in die Katastrophe der posttotalit\u00e4ren Zeit \u00fcbergeht. In seinem Deutungsangebot verweist Schlesak auf zwei Denkrichtungen (wie auch nebeneinander existierende Kulturen): auf die alte Dorfkultur, die Kirchenorthodoxie und die Intellektuellen der 30er Jahre (Eliade, Cioran, Noica) auf der einen und auf die posthistorische Weltkultur auf der anderen Seite. Beide Richtungen w\u00fcrden in der \u201eleeren Spielerei der Postmoderne\u201c so lange mit virtuellen Bedeutungen angereichert, bis sie irgendwann einmal zur Wirkung k\u00e4men. K\u00f6nnte der reiche Vorrat der rum\u00e4nischen Lyrik, so fragt sich der Rezensent, nicht im metaphysischen Cyberspace des 21. Jahrhunderts genutzt werden, um die \u201eSinnsuche\u201c zu beschleunigen? Eine Antwort gibt uns Ioan Alexandru (Jg. 1941) in \u201eHerbst\u201c: \u201eDie Welt f\u00e4llt nun vom Fleisch \/ und Bl\u00e4tter ziehn das gelbe Mark aus ihrem Baum; versetzen es auf den Mond. \/ Die Gebeine unter den H\u00e4usern \/ wachsen nun in den Berg wie \/ Milchz\u00e4hne eines S\u00e4uglings in wei\u00dfe K\u00f6rper.- \/ Die Zeiger fallen ab \/ vom Zifferblatt dieser JahresZeit, \/ sie haben sich hinterr\u00fccks \/ in Gottes Wirbels\u00e4ule gebohrt.\u201c (S. 269)<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span id=\"productTitle\" class=\"a-size-extra-large\"><strong>Gef\u00e4hrliche Serpentinen<\/strong>: Rum\u00e4nische Lyrik der Gegenwart, Hg. Dieter Schlesak (Edition Druckhaus)<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2000\/04\/Serpentinen_COver.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89226 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2000\/04\/Serpentinen_COver-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2000\/04\/Serpentinen_COver-206x300.jpg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2000\/04\/Serpentinen_COver-260x379.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2000\/04\/Serpentinen_COver-160x233.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2000\/04\/Serpentinen_COver.jpg 342w\" sizes=\"auto, (max-width: 206px) 100vw, 206px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2013 Rum\u00e4nische Lyrik der Gegenwart. \u2013 Wer sich bisher \u00fcber die zeitgen\u00f6ssische rum\u00e4nische Lyrik in Deutschland kundig machen wollte, der musste sich mit einer k\u00e4rglichen Auslese begn\u00fcgen. 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