{"id":63137,"date":"2011-09-25T00:01:00","date_gmt":"2011-09-24T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63137"},"modified":"2021-08-05T07:04:07","modified_gmt":"2021-08-05T05:04:07","slug":"magische-zeitreise-durch-das-banat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/09\/25\/magische-zeitreise-durch-das-banat\/","title":{"rendered":"Magische Zeitreise durch das Banat"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Prosaautor und Lyriker Johann Lippet (Jahrgang 1951) hat seit seiner Ausreise 1987 aus Rum\u00e4nien mit einer Reihe von Romanen, Erz\u00e4hlungen und Gedichtb\u00e4nden wie auch einer \u201eChronologie einer Bespitzelung durch die Securitate\u201c der schriftstellerischen und poetischen Aufarbeitung seiner sp\u00e4ten Kindheits- und Jugendjahre gewidmet. Nach der R\u00fcckkehr seiner Eltern aus \u00d6sterreich in den rum\u00e4nischen, \u00fcberwiegend deutschsprachigen Banat im Jahre 1956 erlebte er im d\u00f6rflichen Milieu eine Kindheit, in der die Begegnung mit idyllischen Naturr\u00e4umen von der unbarmherzigen Konfrontation mit Schule und sprachlicher Entfremdung begleitet war. Seine <em>Dorfchronik<\/em>, ein Roman, der 2010 ebenfalls im <em>Pop-Verlag <\/em>publiziert wurde, setzte sich mit diesen Erfahrungen auseinander.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Das hier vorliegende Gedichtbuch mit dem bizarr anmutenden Titel besteht aus zwei Teilen. Das I. Buch bedient sich dreier unterschiedlicher Darstellungsverfahren, die in den Abschnitten \u201eDerweil\u201c \/ \u201eHyperlinks\u201c \/ \u201eHinfort\u201c ausgef\u00fchrt werden. Das II. Buch, das unter der \u00dcberschrift \u201efort\/schreiben\u201c sich mit der Anrufung der Kindheit besch\u00e4ftigt, irritiert den Leser bei der ersten Begegnung mit dem Text in zweifacher Hinsicht. Es ist der, abweichend von der normalen Leserichtung um 90 Grad gedrehte Text und der Textfluss, in dem beschreibende Elemente h\u00e4ufig in eine innere Rede \u00fcbergehen, wobei das einleitende Adverb \u201aderweil\u2018 eine Gleichzeitigkeit des Reflexionsstroms signalisiert. Das schreibende Ich ist hier gleichsam mit dem entstehenden Text verbunden, geht in dem Gedankenstrom unter, so als ob von Anfang an es sich dem Schwall der S\u00e4tze unterwirft:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>will einfach denken und sagen der nebel l\u00f6st sich auf die<br \/>sonne kommt hervor es regnet und mich dr\u00fcber freuen.<\/em> (S. 11)<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Die Verwendung der grammatischen Zeit erweist sich in den drei Teilen des I. Buchs als Schl\u00fcssel zur Erfassung der poetischen Visionen, die in allt\u00e4gliche Beobachtungen eingebettet sind. \u201eDerweil\u201c-Reflexionen laufen in der Gegenwart ab, w\u00e4hrend die \u201eHyperlinks\u201c st\u00e4ndig zwischen den laufenden \u00dcberlegungen im Pr\u00e4sens und dem Innehalten in der Vergangenheit schwanken. Dieses Pendeln erzeugt eine st\u00e4ndige Unruhe in den Handlungsstr\u00e4ngen, die mal folgerichtig, mal von alogischen Tr\u00e4umen erf\u00fcllt sind. Besonders markant ist eine abschlie\u00dfende Passage (S. 48f.), in der inszenierte Verleumdungen und staatsfeindliche \u00c4u\u00dferungen zum Gegenstand k\u00f6rperlichen und seelischen Leides werden. Der Teil \u201eHinfort\u201c arbeitet die traumatischen Erlebnisse der Ausreise aus dem Banat auf. Hier tritt ein Erz\u00e4hler auf, der noch einmal in die d\u00f6rfliche Erlebniswelt abtaucht, wo er tr\u00e4umend und wachend die Gestalt von Haus- und Nutztieren wahrnimmt.<br \/>Erst im II. Buch, als es um die \u201eAnrufung der Kindheit\u201c geht, entfaltet sich ein lyrisches Ich. Es wendet sich an ein Du, von dem der Erz\u00e4hler hofft, es k\u00f6nne ihn unterst\u00fctzen bei seiner Erinnerungsreise durch die Kindheit. Dort ist die Rede von der verlogenen patriotischen Erziehung in der rum\u00e4nischen Grundschule. Magische Klangkraft besitzt f\u00fcr Lippet auch die d\u00f6rfliche Rede, das Geschw\u00e4tz der alten Weiber, das Geschnatter der G\u00e4nse, das Gezwitscher der V\u00f6gel \u2013 und je l\u00e4nger der Leser sich diesem Lautschwall hingibt, desto mehr zeichnen sich Konturen am d\u00f6rflichen Himmel ab:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Diesen Himmel, luftige Daunen schwebend im unendlichen Blau,<br \/>Selbst die staubgepuderte Saumelk am Wegesrand, \u00fcber Nacht taufrisch<\/em> (S. 129).<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Manchmal mutet dieser Rede- und Lautfluss wie ein Spaziergang durch sp\u00e4tromantisch beschworene Landschaften an, manchmal bricht die Rede ab, stottert, signalisiert die St\u00f6rungen in der Wahrnehmung aus der Perspektive des sp\u00e4ten 20. Jahrhunderts. Dann wieder ist ein gleichsam nostalgisches Abgleiten in unbewusste Tiefe zu beobachten, in denen die Sprachschichtungen aus dem sp\u00e4ten Mittelalter aufbewahrt, pl\u00f6tzlich an die Oberfl\u00e4che einer Gegenwart schie\u00dfen, in der diese d\u00f6rfliche Welt im Banat verschwunden ist. Und deshalb beschw\u00f6rt der Autor die Erinnerung an absinkende sprachliche Welten. Auf mehr als f\u00fcnf Seiten (vgl. S. 122\u2013129) ist eine Liste mit Begriffen abgedruckt, auf der ein ganzes Arsenal von Regionalismen zum lauten Mitlesen animiert und Dialektforscher neugierig machen sollte.<br \/>Im \u201eNachtrag\u201c scheint diese verloren gegangene Welt der Kindheit noch einmal auf:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Im Kopf geht wieder das Rad, M\u00fchlenrad, angetrieben vom Strom<br \/>der Erinnerung, perpetuum mobile, f\u00f6rdert zutage speist den Flu\u00df<br \/>in den wir, du und ich, hineingerissen<\/em>\u2026 (S. 158).<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Doch je energischer dieses sich erinnernde Ich in den Strom hinabgleitet, desto aussichtsloser ist es, auf den Grund zu gelangen. Was dort auf der Scholle geblieben ist, bleibt hinter dem Vorhang zur\u00fcck:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>den Vorhang ein f\u00fcr allemal zu\u2026 endg\u00fcltig Schlu\u00df<\/em><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">So endet dieses Poem, in dem eine untergegangene Kindheit auf ungew\u00f6hnliche Weise erfasst wird. Elementare Lust am Kreat\u00fcrlichen mischt sich mit ideologischen Krebsgeschw\u00fcren und hinterl\u00e4sst einen gallenbitteren Nachgeschmack.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Johann Lippet, ein renommiertes Mitglied der <em>Aktionsgruppe Banat<\/em>, hat mit dem hier vorliegenden ungew\u00f6hnlich eindrucksstarken Gedichtband ein bedeutsames literarisches Dokument geschaffen, das die deutsche Literatursprache und die Dialektforschung in mehrerer Hinsicht bereichert. Aufgrund der \u00dcberlagerung unterschiedlicher Sprachschichten bringt es unerwartete Rhythmen hervor, die auch den wortsemantischen Feldern zahlreiche Impulse liefern; die ausgegrabenen Archaismen beleben in der Konfrontation mit der gegenw\u00e4rtigen deutschen Verkehrssprache auch die Rezeption des Poems. Es ist ein Werk, das erst in der lautstarken Rezitation seine Klangkraft gewinnt und nicht, wie der Titel assoziiert, erst im Papierkorb seine Tuchf\u00fchlung mit dem Leser aufnimmt!<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p><strong>Tuchf\u00fchlung im Papierkorb<\/strong>. Ein Gedichtbuch von Johann Lippet. erscheint im Pop Verlag, Ludwigsburg 2012<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/Tuchfu\u0308hlung_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89253 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/Tuchfu\u0308hlung_Cover-188x300.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/Tuchfu\u0308hlung_Cover-188x300.jpg 188w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/Tuchfu\u0308hlung_Cover-260x416.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/Tuchfu\u0308hlung_Cover-160x256.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/Tuchfu\u0308hlung_Cover.jpg 312w\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Prosaautor und Lyriker Johann Lippet (Jahrgang 1951) hat seit seiner Ausreise 1987 aus Rum\u00e4nien mit einer Reihe von Romanen, Erz\u00e4hlungen und Gedichtb\u00e4nden wie auch einer \u201eChronologie einer Bespitzelung durch die Securitate\u201c der schriftstellerischen und poetischen Aufarbeitung seiner sp\u00e4ten&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/09\/25\/magische-zeitreise-durch-das-banat\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":89253,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[443,1158],"class_list":["post-63137","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-johann-lippet","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63137","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63137"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63137\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63137"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63137"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63137"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}