{"id":63135,"date":"2001-04-21T00:01:00","date_gmt":"2001-04-20T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63135"},"modified":"2022-03-01T05:29:48","modified_gmt":"2022-03-01T04:29:48","slug":"wege-in-eine-steinerne-welt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/21\/wege-in-eine-steinerne-welt\/","title":{"rendered":"Wege in eine steinerne Welt"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Titel zu den 61 minimalistischen Gedichten entstammt, wie der Autor in einem kurzem Nachwort uns mitteilt, einer Begegnung mit einem Stein, der sich im Hof eines Weihers befand. Auf der Suche nach einer Heimst\u00e4tte f\u00fcr ihn, die m\u00f6glicherweise auf einem nicht mehr existierenden j\u00fcdischen Friedhof lag, beginnt das lyrische Ich eine Reise, auf der die elementaren Dinge dieser Erde stets die wesentliche Rolle spielen. In den Eingangsversen \u201eNach Empedokles\u201c sind es zun\u00e4chst Meer und Erde, Tod und Liebe, dann erweisen sich die Jahreszeiten Winter und Sommer als Begleiter einer Reise, die \u201eso lang wie der Fall von einer hohen Br\u00fccke\u201c ist. Die \u00e4u\u00dferen Gebilde sind in der lyrischen Wahrnehmung so \u201eunendlich und doch begrenzt von Traum und (vom) Zerfall der S\u00e4tze\u201c. Auch der Abstieg in die Kindheit bringt keine Geborgenheit: \u201eAm gegenw\u00e4rtigsten sind wir in der Trennung\u201c, hei\u00dft es da. Erst die anschlie\u00dfenden lyrischen Bilder offenbaren ein Ich, das sich zu erkennen gibt:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>und verbergen darf ich mich nicht unter den Lidern<br \/>wenn du den Blick von mir abwendest.<\/em><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Krynickis lyrisches Ich sucht hinter den unaussprechbaren Worten eine Ahndung von Erkenntnis, die es im Augenblick des Erkennens nur noch als Spiegelung wahrnimmt. In \u201eDas Banner des Surrealismus\u201c will sich ein dichterisches Ich in der Literaturgeschichte wiederfinden. Ein Versuch, der scheitert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Zwiegespr\u00e4ch mit seinem (wiedergefundenen) Gedicht erweist sich dieses als skeptischer Kommentator seines Strebens, eine gemeinsame Sprache zu finden. Kurz entschlossen schneidet es ihm die Zunge ab und erkundigt sich danach, was sein Autor noch zu sagen habe. Irritierend in solchen poetischen Konstrukten ist die lakonische Stimmlage, die auch in dem Gedicht \u00fcber den polnischen Dichter Tadeusz Peiper als Traktat \u00fcber die falschen Prophezeiungen zum Ausdruck kommt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Peiper \u201eglaubte an die Sendung der neuen Kunst. Er hatte den Verdacht. \/ da\u00df die Rivalen seinen Einf\u00e4llen auflauerten. Da\u00df sie falsche Boten \/ schickten, Frauen, verf\u00fchrerische Agentinnen fremder \/ Literaturen. D\u00e4monen der Schnelle. Vampire mit unsichtbaren F\u00e4ngen \/ bewaffnet.\u201c \u2013 so beginnt Krynickis Poem, in dem der geniale Dramatiker, Theatermacher und Romancier, Ignacy Witkiewicz, sich als der gro\u00dfe Gegenspieler von Peiper erweist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der zweite Teil des Gedichtbandes besteht aus aphorismenartig gestalteten lyrischen Entw\u00fcrfen, die sich ganz unterschiedlichen Themen \u2013 in aller K\u00fcrze \u2013 widmen. Buddha und Christus werden verglichen, jedoch ein Unterfangen, das vergeblich ist:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><em>umsonst verbirgst du dich<br \/>in so vielen Verk\u00f6rperungen.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hiobs Schuld steht neben biographischen Reminiszenzen, und bei der Lekt\u00fcre der Schriften von Fromm f\u00e4llt dem lyrischen Ich nicht mehr ein, als:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Der Nekrophile hat verloren<br \/>und der Sadist hat die Herrschaft \u00fcber uns erlangt.<\/em><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Na und, fragt sich der Rezensent, der immer schneller durch das B\u00e4ndchen mit dem konzeptuell anregenden Einband bl\u00e4ttert. Dann und wann aber taucht das lyrische Ich wieder auf, nimmt Positionen an, wenn es sich zum Beispiel um die Poetik von Zbigniew Herbert handelt. Ihm verdankt der Lyriker Krynicki vor allem in den siebziger Jahren wertvolle Anregungen. In einem kurzen Text aus dem Jahre 1987 blitzen diese Gedankenassoziationen wieder auf. In einem Zitat aus dem Werk des 1998 verstorbenen, sicherlich bedeutendsten polnischen Lyrikers, setzt sich Krynicki mit der \u201es\u00fcndigen Zunge\u201c auseinander, \u201emit der ich nicht mehr sprechen will\u201c, weil er sich der heiligen Sprache nicht w\u00fcrdig f\u00fchle.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Leider verliert der Leser \u2013 nicht zuletzt \u2013 auf Grund der Verknappungen in der lyrischen Diktion immer wieder den gedanklichen Faden, der in der \u00dcbertragung von Esther Kinsky nicht immer \u00fcberzeugend gezogen ist. Dennoch: ein kleiner Band voller unerwarteter Reflexionen, die sparsam aneinander gef\u00fcgt, den Leser in eine neue steinerne Welt f\u00fchren, deren Geheimnisse nicht gel\u00fcftet werden.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Stein aus der Neuen Welt<\/strong>. Gedichte von Ryszard Krynicki. Ins Deutsche \u00fcbertragen von Esther Kinsky. Rospo, Hamburg 2000<\/p>\r\n<div id=\"attachment_89231\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2001\/04\/Ryszard_Krynicki.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-89231\" class=\"wp-image-89231 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2001\/04\/Ryszard_Krynicki-300x240.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"240\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2001\/04\/Ryszard_Krynicki-300x240.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2001\/04\/Ryszard_Krynicki-260x208.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2001\/04\/Ryszard_Krynicki-160x128.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2001\/04\/Ryszard_Krynicki.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-89231\" class=\"wp-caption-text\">Ryszard Krynicki, Photo: R. Komorowski<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Titel zu den 61 minimalistischen Gedichten entstammt, wie der Autor in einem kurzem Nachwort uns mitteilt, einer Begegnung mit einem Stein, der sich im Hof eines Weihers befand. 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