{"id":63109,"date":"2023-06-16T00:01:00","date_gmt":"2023-06-15T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63109"},"modified":"2022-02-25T16:39:58","modified_gmt":"2022-02-25T15:39:58","slug":"was-gibt-es-in-der-kunst-zu-verstehen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/06\/16\/was-gibt-es-in-der-kunst-zu-verstehen\/","title":{"rendered":"Was gibt es in der Kunst zu \u201averstehen\u2018?"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1.<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinem 1973 erschienenen Aufsatz \u201aThick Description: Toward an Interpretative Theory of Culture\u2018 (dt. <em>Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur<\/em>) benennt der amerikanische Ethnologe Clifford Geertz ein seiner Ansicht nach grundlegendes Problem der im weitesten Sinne zur Kulturwissenschaft z\u00e4hlenden Disziplinen: \u201eDie Gewohnheitss\u00fcnde vieler deutender Ans\u00e4tze \u2013 sei es zur Untersuchung von Literatur, von Tr\u00e4umen, Symptomen oder Kulturen \u2013 besteht darin, da\u00df es ihnen an begrifflicher Pr\u00e4zision fehlt\u201c (Geertz 1987: 34). Ein Sachverhalt, auf das auch der Spiritus Rector der \u201aCambridge School\u2018 der Ideengeschichte, der Historiker Quentin Skinner, aufmerksam macht, wenn er in seinem Aufsatz \u201a\u00dcber Interpretation\u2018 anmahnt, dass eine genauere Begriffsbestimmung dringend erforderlich sei, werden doch zentrale Begriffe \u201evon den verschiedenen Fraktionen (\u2026) mit fast schon verbrecherischer Ungenauigkeit benutzt\u201c (Skinner 2009a: 8). Es mag in der einen oder anderen kulturwissenschaftlichen Disziplin in den letzten 30, 40 Jahren mittlerweile erfreuliche Fortschritte in dieser Hinsicht gegeben haben \u2013 im Bereich der Disziplinen, die sich mit den verschiedenen K\u00fcnsten in der einen oder anderen Form besch\u00e4ftigen, scheint es jedoch noch etwas Nachholbedarf zu geben. Dies beginnt bei dem schlechthin grundlegenden Begriff all dieser Disziplinen \u2013 \u201aKunst\u2018<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> \u2013 und f\u00fchrt, wenn wir uns mit dem besch\u00e4ftigen, was so unbefangen \u201aKunst\u2018 genannt wird, geradewegs zu einem Begriff, mit dem im Kunstkontext \u00e4hnlich sorglos umgegangen wird: \u201averstehen\u2018.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir davon sprechen, ein Werk, welcher Kunstgattung auch immer, \u201averstehen\u2018 zu wollen, m\u00fcssen wir uns zun\u00e4chst einmal vor Augen halten, dass wir als je Einzelner nicht als Solit\u00e4r monadisch in einer Blase existieren. Wir sind als je Einzelner vielmehr stets in eine Epoche, eine Kultur, Gesellschaft, soziale Gruppe, Sprachgemeinschaft, Ethnie eingebettet: in eben die spezifische Lebenswelt, in der wir sozialisiert wurden. Aus ihrer Haut k\u00f6nnen wir niemals ganz raus, k\u00f6nnen niemals ganz von ihr abstrahieren. Auch k\u00f6nnen wir sie niemals zur G\u00e4nze explizieren und ihren je spezifischen Einfluss auf das einzelne Individuen genau bemessen (so mag etwa in Kleinstgesellschaften der Einzelne in seinem Verhalten und Denken in weiten Teilen determiniert sein, in gr\u00f6\u00dferen Gesellschaften, zumindest in abendl\u00e4ndisch gepr\u00e4gten, besitzt er demgegen\u00fcber jedoch einen mehr oder weniger gro\u00dfen Freiraum zur Entscheidungsfindung. Was leider nicht zwingend positive Konsequenzen hat. Wusste doch schon Kant nur zu gut, dass mit der durch unsere Vernunft gewonnenen \u201aFreiheit zu\u2018 noch nichts gewonnen ist. Denn sie bedeutet erst einmal nur die Freiheit zum Anrichten des gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Schadens<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a>). Ebenso wenig k\u00f6nnen wir aus der Haut der Sprache (<em>der<\/em> Sprache: als nicht z\u00e4hlbares Substantiv<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> [mass noun], <em>nicht<\/em> unserer jeweiligen Einzelsprache \u2013 das w\u00e4re purer Whorfismus<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a>) heraus, wenn wir unsere Gedanken verfassen. Insofern gilt diese Beschr\u00e4nkung generell bei all unseren Bem\u00fchungen, etwas \u201averstehen\u2018 zu wollen. Und damit eben auch bei allen kulturellen Ph\u00e4nomenen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was nun f\u00fcr die Rezipienten und Interpreten gilt, gilt ganz \u00e4hnlich f\u00fcr die, von denen die Rezipienten und Interpreten gerne annehmen, dass sie etwas zu \u201averstehen\u2018 geben: die k\u00fcnstlerisch Schaffenden. Sie existieren mit ihren Ambitionen und Intentionen, mit ihrem k\u00fcnstlerischen Konzept und Gestaltungswillen ebenso wenig monadisch in einer Blase, sondern sind ihrerseits ebenso eingebettet in <em>ihre<\/em> jeweilige Epoche, Kultur, Gesellschaft, soziale Gruppe, Sprachgemeinschaft, Ethnie: in eben die spezifische Lebenswelt, in der sie sozialisiert wurden. Was die Frage aufwirft, ob Rezipienten und Interpreten die Ergebnisse des Kunstschaffens, die Artefakte (ob nun physischer, mentaler oder transitorischer Art) unabh\u00e4ngig von dieser Art kontextueller Gebundenheit \u201averstehen\u2018 k\u00f6nnen. Wie soll nun aber der Rezipient oder Interpret, der nicht aus seiner kulturellen und sprachlichen Haut kann, die k\u00fcnstlerisch Schaffenden resp. deren Werke \u201averstehen\u2018 k\u00f6nnen, die wom\u00f6glich aus einer Epoche, Kultur, Gesellschaft, sozialen Gruppe, Sprachgemeinschaft, spezifischen Lebenswelt stammen, die <em>nicht<\/em> die ist, in der er sozialisiert wurde? Dar\u00fcber hinaus hat der derart gehandicapte Rezipient und Interpret auch noch die undankbare Aufgabe, die zeit-, kultur-und sozialisationsvarianten Faktoren, die Denken und Handeln der k\u00fcnstlerisch Schaffenden je individuell spezifisch beeinflussen, extrahieren, explizieren, analysieren und individuell bemessen zu m\u00fcssen, um zu einer m\u00f6glicherweise bestehenden K\u00fcnstlerintention, zum k\u00fcnstlerischen Konzept und individuellem Gestaltungswillen vorzudringen. Wer mag den Anspruch erheben, diese diversen Herkulesaufgaben auch nur ansatzweise befriedigend bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a>?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine andere, prinzipielle Frage ist: Vorausgesetzt, es gibt etwas zu \u201averstehen\u2018 \u2013 was gibt es in welcher k\u00fcnstlerischen Gattung zu \u201averstehen\u2018? Und falls es in der jeweiligen k\u00fcnstlerischen Gattung etwas zu \u201averstehen\u2018 gibt: Ist das, was es zu \u201averstehen\u2018 gibt, in allen k\u00fcnstlerischen Gattungen gleich? Ist es bei allen Werken einer k\u00fcnstlerischen Gattung gleich? Auch bei allen Werken eines K\u00fcnstlers\/einer K\u00fcnstlerin einer k\u00fcnstlerischen Gattung? Also: Ist der Begriff \u201averstehen\u2018, den wir gerne so unbefangen verwenden, wenn wir von Eugen Gomringers oder Erich Jandls Lyrik sprechen, der Gleiche wie der (rekurriert er auf das gleiche Ph\u00e4nomen?), den wir bezogen auf Alfred D\u00f6blins Roman \u201aBerlin Alexanderplatz\u2018 verwenden? Wenden wir den gleichen Begriff \u201averstehen\u2018 an, wenn wir von Aristophanes, Shakespeare, Murasaki Shikibu oder Kalidasa, von Francois Villons Lyrik oder von Lennon\/McCartneys Song \u201aLet it be\u2018 sprechen? Ist der Begriff \u201averstehen\u2018, der in der Literatur Anwendung findet, der, der in den Gattungen Ballett, Theater, Oper, bildende Kunst oder Performance Anwendung findet? Wenn ich das <em>Schwarze Quadrat<\/em> von Kasimir Malewitsch \u201averstehen\u2018 will \u2013 geht es dann um das gleiche \u201averstehen\u2018 wie bei Salvator Dali oder Marcel Duchamp? Will uns Ulrich Erben mit seiner Malerei etwas zu \u201averstehen\u2018 geben? Und wenn ja (oder: wenn nicht): Wie ist dann dieses Verstehen zu \u201averstehen\u2018? K\u00f6nnen wir Gerhard Richters Farbfl\u00e4chen \u201averstehen\u2018 und wenn ja: wie \u2013 und was genau haben wir dann \u201averstanden\u2018? Was ist mit Imi Knoebels oder Blinky Palermos Minimal Art? Nutze ich den gleichen Begriff \u201averstehen\u2018, wenn ich Pablo Picassos <em>Guernica<\/em> auf der einen Seite und seine vielen tausend Keramiken auf der anderen Seite \u201averstehen\u2018 will? Was ist mit den Werken, die namenlose indigene \u201aK\u00fcnstler\u2018 auf Bali, in Australien oder Amazonien gemacht haben? Ist f\u00fcr diese der gleiche Begriff \u201averstehen\u2018 (und auch: \u201aKunst\u2018) anwendbar wie f\u00fcr die Arbeiten eines Ulrich R\u00fcckriem? Und wie sieht die Sache bei Phidias oder Lysistratos und\/oder ihren Skulpturen aus? Wie bei der Wandmalerei in der H\u00f6hle von Altamira?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es handelt sich hierbei um die ganz grunds\u00e4tzliche Frage, ob der Begriff \u201averstehen\u2018 nicht zumindest entsprechend der jeweiligen Kunstgattungen, der jeweiligen Kulturen (ist der Kunstwissenschaftler da nicht eher Ethnologe oder Anthropologe?) oder der jeweiligen Epochen (ist der Kunstwissenschaftler da nicht eher Historiker oder Anthropologe?) aufgeschl\u00fcsselt werden muss: Was \u201averstehen\u2018 wir eigentlich, wenn wir einen Roman, ein Theaterst\u00fcck, eine Kom\u00f6die oder visuelle Poesie \u201averstehen\u2018? Was, wenn wir eine Jazz-Komposition \u201averstehen\u2018, einen Madrigal, Alban Berg, Richard Wagner, Erik Satie, einen Pop-Song, Jimi Hendrix, John Cage oder Kh\u00f6\u00f6mej, den mongolischen Kehlgesang? Kann man <em>Kind of Blue<\/em> von Miles Davis \u201averstehen\u2018? Und wenn ja: Was hei\u00dft das? Was hei\u00dft: Ich \u201averstehe\u2018 <em>Der Nussknacker<\/em> oder <em>Schwanensee<\/em>; was, ich \u201averstehe\u2018 Pina Bausch? Oder Michelangelo, Caravaggio, Rembrandt, Goya, Ensor, Degas, Arp, Marc, Moore, Polke, Helmut Schweizer? Ja: Geben die k\u00fcnstlerisch Schaffenden in ihren Werken immer etwas zu \u201averstehen\u2018? Gibt es in ihren Werken immer etwas zu \u201averstehen\u2018<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a>? Und falls ja: Handelt es sich dabei durchg\u00e4ngig um das gleiche Ph\u00e4nomen? Oder verwenden wir lediglich stets das gleiche Wort \u201averstehen\u2018 f\u00fcr g\u00e4nzlich unterschiedliche Dinge? Einmal angenommen, k\u00fcnstlerisch Schaf-fende w\u00fcrden <em>weder<\/em> die Intention verfolgen, mit ihrem Werk etwas beim Rezipienten zu bewirken<a href=\"#_ftn7\">[7]<\/a>, ihn also zu etwas Bestimmten zu bewegen<a href=\"#_ftn8\">[8]<\/a> (<em>perlocutionary force<\/em>) <em>noch<\/em> mit den Artefakten, im Sinne Quentin Skinners gedeutet als diskursive Beitr\u00e4ge in Form illokution\u00e4rer Akte, in kulturelle Kontexte zu intervenieren \u2013 kann es bei k\u00fcnstlerischen Werken dann \u00fcberhaupt um Deutung gehen, um etwas aus dem Kosmos des Begriffs \u201averstehen\u2018? Gibt es also bei den Dingen, denen der Einzelne die Bezeichnung \u201aKunstwerk\u2018 zuschreibt oder die wir in \u00dcbereinstimmung mit der allgemein akzeptierten Zuschreibung \u2013 \u201eder intersubjektive Konsens einzelner oder mehrerer Sprachgemeinschaften\u201c (Schm\u00fccker 2001: 17) \u2013 \u201aKunstwerk\u2018 nennen, stets in irgendeiner noch zu bestimmenden Weise etwas zu \u201averstehen\u2018? Oder ist das nicht auch schon eine jener Projektionen, gespeist aus der jeweiligen Lebenswelt, der jeweils relativen, zeit-, kultur- und\u00a0 sozialisationsvarianten Perspektive, die Quentin Skinner als \u201amythology of doctrines\u2018 bezeichnete?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist nicht abzusehen, wie diesem ungenauen, undifferenzierten Gebrauch des Begriffs \u201averstehen\u2018 im Kontext k\u00fcnstlerischer Werke Einhalt geboten werden kann. Vielleicht w\u00e4re in einem ersten Schritt eine grunds\u00e4tzliche Reflexion \u00fcber den Gegenstand der Betrachtung angebracht, bevor dieser in den Fokus tritt. In einem Rahmen, der weiter gefasst ist als die engen Grenzen, die uns die Sichtweise der Kunstwelt setzt: den der Kultur resp. des kulturellen Systems. Ein solches Modell liefert der Ethnologe Clifford Geertz. Sein Kulturbegriff \u201eist ein semiotischer\u201c (Geertz 1987: 9). Angelehnt an \u00dcberlegungen von Max Weber vertritt er die Auffassung, \u201eda\u00df der Mensch ein Wesen ist, das in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe verstrickt ist\u201c (ebd.: 9), wobei er \u201eKultur als dieses Gewebe\u201c (ebd.: 9) betrachtet. So gesehen ist Kultur, und damit alle kulturellen Ph\u00e4nomene, zu denen naturgem\u00e4\u00df unsere Sprache ebenso geh\u00f6rt wie das, was von uns so unbefangen \u201aKunst\u2018 genannt wird, demnach die Gesamtheit \u201egesellschaftlicher Ausdrucksformen\u201c (ebd.: 9), die es zu deuten gilt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Konsequenterweise wird von Geertz im Rahmen seines semiotischen Ansatzes \u201emenschliches Verhalten als symbolisches Handeln\u201c (Geertz 1987: 16; Kunst ist f\u00fcr ihn als ein kulturelles System eine der \u201esymbolischen Dimensionen sozialen Handelns\u201c [ebd.: 43]) beschrieben. Ziel dieses Ansatzes ist es, \u201eda\u00df er uns einen Zugang zur Gedankenwelt der von uns untersuchten Subjekte erschlie\u00dft, so da\u00df wir \u2013 in einem weiterem Sinne des Wortes \u2013 ein <em>Gespr\u00e4ch<\/em><a href=\"#_ftn9\">[9]<\/a>mit ihnen f\u00fchren k\u00f6nnen\u201c (ebd.: 35, Hervorhebung S.O.). Solche \u201aGespr\u00e4che\u2018 sind als soziale Interaktionen \u201eim Grunde ein sozialer Diskurs\u201c (ebd.: 27). Mit Paul Ricoeur sagt Geertz, dass \u201ewir unter dem beim Sprechen \u201aGesagten\u2018 jene intentionale Ver\u00e4u\u00dferlichung verstehen, die f\u00fcr das Ziel des Diskurses konstitutiv ist; sie bewirkt, da\u00df das <em>Sagen<\/em> zur <em>Aus-sage<\/em> werden will\u201c (ebd.: 28). Allerdings ist der Gegenstand der Betrachtung \u201ekein unbearbeiteter sozialer Diskurs\u201c (ebd.: 29). Wir haben als Interpreten und Rezipienten \u201ekeinen direkten Zugang zu diesem Diskurs\u201c (ebd.: 29). Als Beobachter, ja selbst als <em>teilnehmender<\/em> Beobachter, muss der Ethnologe<a href=\"#_ftn10\">[10]<\/a>, der in unserem Fall als Literatur- oder Kunstwissenschaftler, Kulturphilosoph oder Kunstkritiker etc. auftritt, sich immer seiner \u201eeigenen, ganz spezifischen, kulturell bedingten Rolle\u201c (ebd.: 29) bewusst sein und darf sich nicht \u201ef\u00fcr etwas anderes (\u2026) halten als einen interessierten Beobachter\u201c (ebd.: 29). Unsere Interpretationen sind also keine Interpretationen erster Ordnung. Die liefert nur der, der in der jeweiligen Epoche, Kultur, Gesellschaft, soziale Gruppe, Sprachgemeinschaft, Ethnie, in eben der spezifischen Lebenswelt sozialisiert wurde. Die Interpretationen hingegen, die wir als Beobachter, selbst als teilnehmender Beobachter, liefern, sind stets \u201eFiktionen, und zwar in dem Sinn, da\u00df sie \u201aetwas Gemachtes\u2018 sind, \u201aetwas Hergestelltes\u2018 \u2013 die urspr\u00fcngliche Bedeutung von <em>fictio<\/em>\u201c (ebd.: 23).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kulturtheorie soll, im Rahmen dieser grunds\u00e4tzlichen, niemals zu eliminierenden Einschr\u00e4nkungen, \u201edas \u201aGesagte\u2019 des sozialen Diskurses\u201c aufdecken (ebd.: 39) und damit die \u201eVorstellungsstrukturen, die die Handlungen unserer Subjekte bestimmen\u201c (ebd.: 39). \u201eEine gute Interpretation von was auch immer (\u2026) versetzt uns mitten hinein in das, was interpretiert wird\u201c (ebd.: 26). Eine <em>gute<\/em> Interpretation ist aber immer das, was Geertz in Anlehnung an den britischen Sprachphilosophen Gilbert Ryle \u201edas komplizierte intellektuelle Wagnis der \u201adichten Beschreibung\u2018\u201c (ebd.: 10) nennt. Kern dieser \u201a<em>dichten Beschreibung<\/em>\u2018 ist \u201edas Herausarbeiten von Bedeutungsstrukturen (\u2026) und das Bestimmen ihrer gesellschaftlichen Grundlage und Tragweite\u201c (ebd.: 15). Eine wahre K\u00e4rrnerarbeit, bei der der Interpret \u201eeine Vielfalt komplexer, oft \u00fcbereinander gelagerter oder ineinander verwobener Vorstellungsstrukturen, die fremdartig und zugleich ungeordnet und verborgen sind\u201c (ebd.: 15), erfassen muss. Und das eingedenk des Umstands, dass das, \u201ewas wir als unsere Daten bezeichnen, in Wirklichkeit <em>unsere<\/em> Auslegungen davon sind, wie andere Menschen ihr eigenes Tun und das ihrer Mitmenschen auslegen\u201c (ebd.: 14, Hervorhebung S.O.). Wir gehen also immer schon in gewisser Weise mit einem Vor-Urteil, mit einer impliziten, uns zumeist gar nicht explizit bewussten und oft auch gar nicht von uns explizierbaren Interpretation an die Dinge heran: \u201e(W)as wir zum Verst\u00e4ndnis (\u2026) brauchen, (schleicht) sich als Hintergrundinformation (ein), bevor die Sache selbst untersucht wird\u201c (ebd.: 14). Mit anderen Worten: \u201eSchon auf der Ebene der Fakten (\u2026) erkl\u00e4ren wir, schlimmer noch: erkl\u00e4ren wir Erkl\u00e4rungen\u201c (ebd.: 14).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kultur besteht, so Geertz, \u201eaus sozial festgelegten Bedeutungsstrukturen\u201c (ebd.: 19), also aus \u201e\u00f6ffentlichen Code(s)\u201c (ebd.: 11). Nun sind aber, und dies muss kritisch erg\u00e4nzend angemerkt werden, solche Bedeutungsfestlegungen nicht vom Himmel gefallen, sind solche \u00f6ffentlichen Codes nicht einfach <em>per se<\/em> gegeben. Sie wurden vielmehr in einem Prozess sozialer Interaktion<a href=\"#_ftn11\">[11]<\/a> generiert, der <em>strukturell<\/em> stets von der intentionalen singul\u00e4ren Gebrauchsweise eines Wortes (der Sprecher-Bedeutung<a href=\"#_ftn12\">[12]<\/a>), eines Zeichens oder Codes ausgeht. \u00dcber den perpetuierten Gebrauch des Sprechers kann sie sich zur Regularit\u00e4t auswachsen. Und weil sich andere, ohne dass sie dies beabsichtigt haben und ohne dass es ihnen bewusst ist, vielleicht eines sch\u00f6nen Tages dieser Gebrauchsweise anschlie\u00dfen, wird sie so \u00e0 la longue als kollektives Resultat ihrer unz\u00e4hligen, zumindest partiell gleichgerichteten individuellen Handlungen von jedem Einzelnen g\u00e4nzlich unbeabsichtigt zur episodalen Regel des Gebrauchs eines Wortes, zu einem sozial festgelegten Zeichen oder Code. Dies beschreibt den Weg von der singul\u00e4ren Sprecher-Bedeutung \u00fcber die etablierte Bedeutung hin zur konventionellen Bedeutung eines \u00c4u\u00dferungstyps. Diese in diesem Sinne sozialen Festlegungen sind aber durchaus nicht in Stein gemei\u00dfelt. Sie unterliegen, wie wohl alle soziokulturellen Ph\u00e4nomene, einem steten Wandel. Und dieser stete Wandel erfolgt ebenfalls in einem Prozess sozialer Interaktion unz\u00e4hliger intentional handelnder Akteure, deren individuelle Handlungen <em>in toto<\/em> ungeplante, nicht-intendierte Handlungsfolgen zeitigen, die von keinem der am Prozess beteiligten Akteure so intendiert waren \u2013 am Beispiel des Sprachwandels hat dies der Linguist Rudi Keller<a href=\"#_ftn13\">[13]<\/a> exemplarisch aufgezeigt. Ein Epiph\u00e4nomen der Beteiligung der Sprecher an diesen Prozessen sozialer Interaktion ist das <em>implizite<\/em> Wissen um die Regeln des in einer Sprachgemeinschaft allgemein akzeptierten Gebrauchs der Worte und damit die Internalisierung der Bedeutung: Die Regeln sind \u201eerworbene Dispositionen\u201c (Ryle 1969: 48), sie werden uns \u201ezur zweiten Natur\u201c (ebd.: 49). So sehr, dass wir imstande sind, diese Art von Regeln anzuwenden, ohne sie jedoch im reflexiven Sinne zu kennen oder gar aufsagen zu k\u00f6nnen. Und weil sie uns derart zur \u201azweiten Natur\u2018 geworden sind, k\u00f6nnen wir sie, anders als die, die <em>nicht<\/em> mit ihnen aufgewachsen und so in sie hineingewachsen sind, \u201eim Schlaf\u201c (ebd.: 51), erfolgen unsere Reaktionen \u201eautomatisch\u201c (ebd.: 51). Vielleicht kann deshalb \u201eein ausl\u00e4ndischer Sprachstudent nicht so korrekt deutsch sprechen (\u2026) wie ein deutsches Kind, wie sehr er auch die deutsche Grammatik beherrscht\u201c (ebd.: 49).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnlich wie diesem ausl\u00e4ndischen Sprachstudenten mag es auch dem Ethnographen ergehen, der in Gestalt des Literatur- oder Kunstwissenschaftlers, des Kulturphilosophen oder Kunstkritikers etc. auftritt und durch eine \u201adichte Beschreibung\u2018 versucht, sich in unserem kleinen Planspiel der Bedeutung des \u201aGesagten\u2018 in den sozialen Diskursen der Kunstwelt als bestenfalls teilnehmender Beobachter zu n\u00e4hern. Dies gilt jedoch nur f\u00fcr die Synchronie \u2013 f\u00fcr soziale Diskurse der Vergangenheit gilt nicht einmal diese eingeschr\u00e4nkte Zugangsweise. Dort kommt auch die dichteste Beschreibung nicht \u00fcber den Status einer Hypothese, Spekulation und letztlich nicht verifizierbaren Interpretation hinaus, so umfangreich, eloquent und anspruchsvoll sie auch immer sein mag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Einzig jene dichte Beschreibung, an dem unser <em>Kunstethnograph<\/em> nicht nur als (teilnehmender) <em>Beobachter<\/em>, sondern als unmittelbar <em>Beteiligter<\/em> teilgenommen hat, kann Ergebnisse liefern, die eine gewisse Validit\u00e4t beanspruchen k\u00f6nnen. Dabei handelt es sich um die Kultur, Gesellschaft, soziale Gruppe, Sprachgemeinschaft, in die der Kunstethnograph hineingeboren wurde. Bei der Eruierung der Bedeutung des \u201aGesagten\u2018 in den sozialen Diskursen der Kunstwelt in der Diachronie und in <em>allen anderen<\/em> Epochen, Kulturen, Gesellschaften, sozialen Gruppen und Sprachgemeinschaften wird er hingegen jeweils vor dem gleichen, grunds\u00e4tzlichen Dilemma stehen:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er versteht <em>nichts<\/em> \u201aim Schlaf\u2018.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Clifford Geertz davon spricht, dass Kultur \u201eaus sozial festgelegten Bedeutungsstrukturen\u201c (Geertz 1987: 19), aus \u201e\u00f6ffentlichen Code(s)\u201c (ebd.: 11) besteht, die es mithilfe der \u201adichten Beschreibung\u2018 zu interpretieren und zu \u201averstehen\u2018 gilt, dann bezieht er sich auf die in einer Epoche, Kultur, Gesellschaft, sozialen Gruppe, Sprachgemeinschaft bereits etablierten resp. konventionalisierten Bedeutungen <em>jedweder<\/em> im weitesten Sinne kommunikativer \u00c4u\u00dferungen im Rahmen sozialer Diskurse. Versteht nun der (teilnehmende) Beobachter das \u201aGesagte\u2018, also die sozialen Diskurse der vom ihm zu untersuchenden Personen, nicht \u201aim Schlaf\u2018, weil er nicht mit ihnen gemeinsam sozialisiert wurde, so kann er versuchen, im realen Gespr\u00e4ch das \u201aGesagte\u2018 zu verifizieren, es aufzuschreiben. Diese M\u00f6glichkeit der Verifizierung bleibt ihm in der r\u00fcckblickenden Betrachtung vergangener \u201a\u00c4u\u00dferungen\u2018 resp. sozialer Diskurse als Ethnologe, Historiker, Politik-, Kunst- oder Literaturwissenschaftler nat\u00fcrlich aus naheliegenden Gr\u00fcnden versagt \u2013 da st\u00f6\u00dft selbst die dichteste Beschreibung an ihre nat\u00fcrlichen Grenzen (welche anderen M\u00f6glichkeiten zur Verifizierung hat er sonst?).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Definieren wir tentativ f\u00fcr unser Planspiel Artefakte als \u201aGespr\u00e4chsbeitr\u00e4ge\u2018 zu dem sozialen Diskurs namens \u201aKunst\u2018. Und konzentrieren uns dabei auf Artefakte der letzten circa 150 &#8211; 200 Jahre, die von Kunstschaffenden erschaffen wurden, die, wie wir, in europ\u00e4isch gepr\u00e4gten Kulturen aufgewachsen sind. Wenn wir diese Artefakte als Teile einer sozial festgelegten Bedeutungsstruktur, eines \u00f6ffentlichen Codes im Sinne Geertz\u2018 \u201averstehen\u2018, k\u00f6nnen wir als <em>Kunstethnographen<\/em> darauf hoffen, dass wir das k\u00fcnstlerisch \u201aGesagte\u2018 \u201aim Schlaf verstehen\u2018 und als (teilnehmende) Beobachter mit dem einen oder anderen noch lebenden Kunstschaffenden \u201ains Gespr\u00e4ch kommen\u2018, um so einen veritablen Beitrag zur Bedeutungsexplikation zu leisten. Allerdings beschr\u00e4nkt sich dieser Zeitraum aus verst\u00e4ndlichen Gr\u00fcnden auf die letzten maximal 90 Jahre (Tote tragen nicht nur keine Karos, sie reden auch nicht mehr mit uns). Bei allen anderen m\u00fcssen wir hoffen, dass die \u201ediachronische Identit\u00e4t\u201c (Keller 2014: 132), die uns eine gewisse Verst\u00e4ndnissicherung eigentlich nur \u00fcber drei, maximal vier Generationen hinweg gew\u00e4hrleistet, noch l\u00e4nger w\u00e4hrt. Aber selbst wenn das der Fall sein sollte: Es n\u00fctzt uns wenig. Denn wir stehen bei all diesen Kunstschaffenden aus den europ\u00e4isch gepr\u00e4gten Kulturen der letzten circa 150 &#8211; 200 Jahre vor einem weiteren, ganz grunds\u00e4tzlichen Problem: Im Gegensatz zu einem Gro\u00dfteil der Artefakte ihrer Vorg\u00e4nger besitzen die Artefakte <em>dieser<\/em> k\u00fcnstlerisch Schaffenden, ganz gleich, welcher Kunstgattung ihre Artefakte nun zugeordnet werden, eines in der Regel kaum noch \u2013 konventionale, sozial festgelegte Bedeutungsstrukturen resp. \u00f6ffentliche Codes. Da hilft uns dann auch die dichteste Beschreibung im Sinne Geertz\u2018 nichts mehr: Mit ihr l\u00e4sst sich in diesem Fall nichts \u201averstehen\u2018. Es sei denn, wir kippen unsere Pr\u00e4misse. Und bitten nicht nur sozial festgelegte Bedeutungsstrukturen zum \u201aGespr\u00e4ch\u2018, sondern auch singul\u00e4re<a href=\"#_ftn14\">[14]<\/a> (mir ist allerdings nicht bekannt, ob Geertz je diesen Fall in Erw\u00e4gung gezogen hat).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf konventionale Bedeutungsstrukturen in sozialen Diskursen hebt nun auch Quentin Skinner ab, wenn er sich auf den englischen Philosophen und Sprechakttheoretiker John L. Austin berufend sagt, dass f\u00fcr diesen \u201edas Verst\u00e4ndnis illokution\u00e4rer Akte (\u2026) fest etablierte sprachliche Konventionen voraussetzt, da\u00df diese Konventionen, und nicht die Absichten der Sprecher, letztlich f\u00fcr die Bestimmung illokution\u00e4rer Akte entscheidend sind\u201c (Skinner 2009b: 67). Einmal angenommen, wir k\u00f6nnten mit <em>jeder<\/em> im weitesten Sinne kommunikativen Diskursform, die potentiell auf einen \u00f6ffentlichen Code resp. eine konventionale Bedeutungsstruktur rekurriert, also auch mit den k\u00fcnstlerischen Ent-\u00c4u\u00dferungen, den Artefakten, einen illokution\u00e4ren Akt vollziehen. Dann k\u00e4men wir nicht umhin, das Faktum anzuerkennen, \u201eda\u00df Texte (\u2026) Autoren haben und da\u00df Autoren \u00fcber bestimmte Absichten verf\u00fcgen, wenn sie Texte schreiben\u201c (ebd.: 82). \u00dcbersetzt f\u00fcr unser Planspiel hie\u00dfe das: \u201aWir m\u00fcssen anerkennen\u201a dass Artefakte Urheber haben und dass Urheber \u00fcber bestimmte Absichten verf\u00fcgen, wenn sie Artefakte schaffen.\u2018 Jede Rede, jeder Text, jedes Artefakt stellt einen intentionalen Eingriff, eine Intervention in die \u201eallgemeinen diskursiven Kontexte ihrer Zeit\u201c (ebd.: 81) dar. Wir m\u00fcssen deshalb nicht nur die Bedeutung des Gesagten und die \u201eillocutionary forces\u201c (Austin 1979: 117) verstehen \u2013 wir m\u00fcssen auch die \u201ein der \u00c4u\u00dferung selbst bestehenden Interventionen\u201c (Skinner 2009b: 80) in bestimmte Diskurse in bestimmten Kulturen in bestimmten Epochen angemessen zu verstehen suchen. Um dies aber tun zu k\u00f6nnen, um also die \u201euntersuchten Texte (sprich: Artefakte, S.O.) zur\u00fcck in diejenigen kulturellen und diskursiven Kontexte zu stellen, in denen sie urspr\u00fcnglich verfa\u00dft wurden\u201c (ebd.: 88), m\u00fcssen wir bestimmen, um welche \u201abestimmten Absichten\u2018 es sich handelt, die ein Diskursteilnehmer \u2013 in unserem Fall also ein k\u00fcnstlerisch Schaffender \u2013 mit den \u201ain dem Artefakt selbst bestehenden Interventionen\u2018 verfolgt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Will ich die Bedeutung moderner Artefakte \u201averstehen\u2018, ergibt sich bei Skinner das gleiche Problem wie bei Geertz: Sowohl Skinners Bedeutung des Gesagten und die <em>illocutionary forces<\/em> als auch Geertz\u2018 sozial festgelegte Bedeutungsstrukturen sind konventional. Moderne Artefakte hingegen, zumindest die von europ\u00e4isch gepr\u00e4gten Kunstschaffenden, gehorchen in der Regel aber <em>nicht<\/em> bedeutungsstiftenden Konventionen. Im Gegenteil: Das moderne und zeitgen\u00f6ssische Kunstschaffen in den europ\u00e4isch gepr\u00e4gten k\u00fcnstlerischen Gattungen kennt kaum noch konventionale Bedeutungsstrukturen, das hei\u00dft: keine Regeln des Gebrauchs. Da w\u00fcrde es uns also auch wenig nutzen, wenn wir gemeinsam mit den jeweiligen Kunstschaffenden im Sandkasten gespielt h\u00e4tten: Selbst unter solchen Idealbedingungen k\u00f6nnten wir die Werke moderner Kunst nicht \u201aim Schlaf verstehen\u2018, setzt dieses \u201averstehen\u2018 doch den Bestand von Regeln des Gebrauchs voraus, die im steten Prozess sozialer Kooperation perpetuiert und internalisiert werden. Die aktuellen \u201aSprachen\u2018 der einzelnen K\u00fcnste sind jedoch weitgehend singularisiert (schon deshalb k\u00f6nnen sie, Wittgensteins Privatsprachen-Argument vor Augen, keine Sprachen im eigentlichen Sinne sein). Es kann also bestenfalls eine <em>hypothetische<\/em> singul\u00e4re \u201aK\u00fcnstler-Bedeutung\u2018 angenommen werden, die in dem jeweiligen Werk ihren Ausdruck findet. Womit wir wieder bei dem in Kap. 1 angesprochenen Problem w\u00e4ren, was wann in welcher Gattung bei welchem k\u00fcnstlerisch Schaffenden resp. bei welchem Artefakt wie zu \u201averstehen\u2018 ist und was man unter \u201averstehen\u2018 versteht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>4.<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was also tun, wenn man Kunst \u201averstehen\u2018 will? Diese Frage f\u00fchrt uns schnurstracks zum Ausgangspunkt dieses Aufsatzes zur\u00fcck: Vor ihrer Beantwortung hat die kritische Reflexion des Gebrauchs zumindest der zentralen Begriffe zu stehen, mit denen wir im sozialen Diskurs der \u201aKunst\u2018 operieren. Denn sonst laufen wir Gefahr, h\u00f6chst beredte Antworten auf Fragen zum Verst\u00e4ndnis von Texten, Artefakten und sozialen Diskursen zu finden, die aber kaum Aussagewert haben<a href=\"#_ftn15\">[15]<\/a>: Wer sein Hemd am Hals falsch anf\u00e4ngt zu kn\u00f6pfen, kann im weiteren Verlauf noch so sorgsam weiterkn\u00f6pfen \u2013 am Hemdsaum wird er feststellen, dass, wer falsch anf\u00e4ngt, auch falsch aufh\u00f6rt (sollte man meinen; leider erscheint vielen ihr fehlerhaftes Resultat nicht als fehlerhaft, sondern als v\u00f6llig tragbar). Diesen Fehler gilt es nicht nur zu erkennen, es gilt ihn auch zu vermeiden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So ist der zentrale Begriff \u201averstehen\u2018, wendet man ihn auf all die verschiedenen Aspekte des sozialen Diskurses der \u201aKunst\u2018 an, grunds\u00e4tzlich zu reflektieren und zu hinterfragen. Damit wir, wenn wir denn zu einem befriedigenden und allgemein akzeptierten Ergebnis kommen sollten, auch wissen, wovon wir reden, wenn wir ihn verwenden. Damit wir sicher sind, dass, wenn wir ihn verwenden, auch alle \u00fcber das Gleiche reden. Und damit wir alle wissen, wor\u00fcber man wirklich reden kann und wor\u00fcber man vielleicht besser schweigen sollte, weil es vielleicht de facto nichts zu reden gibt \u2013 <em>much ado about nothing<\/em>. Bevor wir also vom \u201aVerstehen\u2018 der \u201aKunst\u2018 reden, gilt es den Begriff \u201averstehen\u2018, wie auch den der \u201aKunst\u2018, pr\u00e4zise zu bestimmen und sorgf\u00e4ltig zu differenzieren, damit sich die Chancen erh\u00f6hen, darauf aufbauend eine halbwegs stimmige Theorie des Kunstverstehens entwickeln zu k\u00f6nnen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber \u2013 m\u00fcssen wir nicht vielleicht sogar noch einen Schritt weiter zur\u00fcckgehen? Um \u201edas \u201aGesagte\u2019 des sozialen Diskurses\u201c (Geertz 1987: 39) und damit die \u201eVorstellungsstrukturen, die die Handlungen unserer Subjekte bestimmen\u201c (ebd.: 39), aufzudecken, bedarf es laut Geertz einer \u201adichten Beschreibung\u2018: \u201e(D)as Herausarbeiten von Bedeutungsstrukturen (\u2026) und das Bestimmen ihrer gesellschaftlichen Grundlage und Tragweite\u201c (ebd.: 15). Nun rekurrieren aber sowohl Skinners Bedeutung des Gesagten und Illokution als auch Geertz\u2018 sozial festgelegte Bedeutungsstrukturen und \u00f6ffentliche Codes auf die konventionale Bedeutung. Diese ist aber, wie wir gesehen haben, entweder nicht mehr (da die \u201aEnt-\u00c4u\u00dferungen\u2018, die Artefakte, in vergangenen Zeiten gemacht wurden) oder nur sehr bedingt (da die \u201aEnt-\u00c4u\u00dferungen\u2018, die Artefakte, in anderen Kulturen, Gesellschaften, sozialen Gruppen, Sprachgemeinschaften gemacht wurden) in Ryles Sinne \u201aautomatisch\u2018 zu verstehen. Eben dies ist nur dem m\u00f6glich, der, streng genommen, in derselben Epoche, Kultur, Gesellschaft, sozialen Gruppe, Sprachgemeinschaft aufgewachsen ist wie der jeweilige Urheber der Artefakte. Au\u00dferdem fehlt all dem ein entscheidender Aspekt, auf den bereits Skinner aufmerksam gemacht hat, dessen Tragweite er aber, wie mir scheint, nicht recht absah: Wir m\u00fcssen nicht nur die konventionalen Aspekte verstehen \u2013 wir m\u00fcssen <em>auch<\/em> die \u201ein der \u00c4u\u00dferung selbst bestehenden Interventionen\u201c (ebd.: 80) angemessen zu verstehen suchen, sind sie doch Eingriffe in die \u201eallgemeinen diskursiven Kontexte ihrer Zeit\u201c (ebd. 81). Dabei m\u00fcssen wir anerkennen, \u201eda\u00df Texte (\u2026) Autoren haben und da\u00df Autoren \u00fcber bestimmte <em>Absichten<\/em> verf\u00fcgen, wenn sie Texte schreiben\u201c (Skinner 2009b: 82).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bevor wir fortfahren, bedarf es eines kurzen Exkurses. Denn der Begriff \u201aAbsicht\u2018 ist mit Vorsicht zu genie\u00dfen \u2013 er ist zweideutig. Diesem Umstand \u201eist es zu verdanken, da\u00df <em>intentional<\/em> bisweilen mit <em>geplant<\/em> verwechselt wird\u201c (Keller 2014: 27): Es gibt eine Absicht, die einen Vorsatz ausdr\u00fcckt und auf eine zuk\u00fcnftige Handlung ausgerichtet ist. Dieser Vorsatz ist ein Plan, eine \u201eAbsicht, etwas zu tun\u201c (ebd.: 27). Und es gibt eine Absicht, die der Erf\u00fcllung des Zwecks einer Handlung dient: Es ist dies \u201edie Absicht, in der etwas getan wird\u201c (ebd.: 27). Ein Beispiel: Wenn ich die <em>Vorsatzabsicht<\/em> habe, mit dem Auto von A nach B zu fahren, so impliziert die Umsetzung meines Vorsatzes zahllose Handlungen, die allesamt zwar auch intentional, aber weder geplant noch bewusst oder gar vors\u00e4tzlich sind: Kuppeln, Schalten, Gas geben, Lenken u.v.a.m. Diese Handlungen erfolgen nach Ma\u00dfgabe der <em>Zweckabsichten<\/em>, sie entsprechen damit der \u201eAbsicht, in der etwas getan wird\u201c (ebd.: 27). Dies bedeutet: \u201eIntentional und planvoll sind keine Synonyme; intentional und unbewusst sind keine Gegens\u00e4tze\u201c (ebd.: 29).<br \/><br \/><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Spricht Skinner also von bestimmten Absichten, die ein Autor (resp. in unserem Fall: ein Kunstschaffender) verfolgt, wenn er einen Text schreibt (resp. in unserem Fall: ein Artefakt erstellt), so handelt es sich dabei um eine spezifische Art intentionaler Handlungen: um die mit <em>Vorsatzabsichten<\/em> durchgef\u00fchrten Handlungen, zu deren Durchf\u00fchrung der Vollzug diverser <em>Zweckabsichten<\/em> erforderlich ist \u2013 um Eingriffe in den diskursiven Kontext durch ein Artefakt. Diese Eingriffe sind, als individuell intendierte, mit Vorsatz geplante und bewusst vollzogene Handlungen, <em>nicht<\/em> konventional. Wir k\u00f6nnen die Intentionen des Kunstschaffenden also grunds\u00e4tzlich nicht \u201aautomatisch\u2018 verstehen, selbst wenn wir in der gleichen Epoche, Kultur, Gesellschaft, sozialen Gruppe, Sprachgemeinschaft wie der Kunstschaffende als Urheber des Artefakts sozialisiert worden w\u00e4ren, sondern allein in einem reflexiven Akt der Interpretation. Um jedoch eine realistische Chance zu haben, die Artefakte als Eingriffe in die sozialen Diskurse angemessen zu verstehen, m\u00fcssen wir nicht nur \u00fcber relevantes Kontextwissen verf\u00fcgen, wir m\u00fcssen uns auch dar\u00fcber im Klaren sein, dass derartige Intentionen im Rahmen kommunikativer Handlungen nicht \u201aleer\u2018 sind, sich also nicht im Vollzug des Eingriffs ersch\u00f6pfen. Sie sind vielmehr stets mit der dar\u00fcber hinaus gehenden Absicht verbunden, beim Rezipienten etwas zu bewirken, ihn zu etwas zu bewegen:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><br \/>A erschafft Artefakt x, um damit in den Diskurs y einzugreifen und intendiert, <em>dadurch<\/em> eine ganz bestimmte Wirkung bei B zu erzielen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Terminologie des britischen Sprachphilosophen John L. Austin k\u00f6nnen wir diesen dar\u00fcber hinaus gehenden Akt als <em>Perlokution<\/em><a href=\"#_ftn16\">[16]<\/a> (perlokution\u00e4ren Akt), also als den nicht-konventionalen Akt identifizieren, der die Absicht des Sprechers bezeichnet, bestimmte Wirkungen beim Angesprochenen zu erzielen: \u201eproducing of effects which is characteristic of the perlocutionary act\u201c (Austin 1962: 117). Und weiter: \u201eWe must distinguish actions which have a perlocutionary object (convince, persuade) from those which merely produce a perlocutionary sequel. Thus we may say\u201a I tried to warn him but only succeeded in alarming him\u2018\u201c (ebd.: 117). Austin unterscheidet also Perlokutionen \u201ewhich have a perlocutionary object from those which merely produce a perlocutionary sequel\u201c. Das hei\u00dft: Es gibt Perlokutionen, die nur eine \u201aperlocutionary sequel\u2018 (\u201aperlokution\u00e4res Nachspiel\u2018) erzeugen, aber kein \u201aperlocutionary object\u2018 (\u201aperlokution\u00e4res Ziel\u2018) haben. Und es gibt Perlokutionen, die ein \u201aperlocutionary object\u2018 haben <em>und<\/em> \u201aa perlocutionary sequel\u2018 erzeugen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Sinne ist das Artefakt als Eingriff in den sozialen Diskurs zu verstehen, durch den bei B \u201egewisse Wirkungen erzielt werden\u201c sollen (Austin 1979:\u00a0 137, auch Searle 1983: 42). Diese generelle Struktur l\u00e4sst sich damit auf eine ganz allgemeine Formel bringen:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">A will bei B <em>durch<\/em> x etwas bewirken.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eZum Beispiel kann ich jemanden durch Argumentieren <em>\u00fcberreden<\/em> oder <em>\u00fcberzeugen<\/em>, durch Warnen <em>erschrecken<\/em> oder <em>alarmieren<\/em>, durch Auffordern <em>dazu bringen, etwas zu tun<\/em> (\u2026). Die in der Aufz\u00e4hlung kursiv gedruckten Ausdr\u00fccke bezeichnen perlokution\u00e4re Akte\u201c (Searle 1983: 42). Sie k\u00f6nnen zum Beispiel darin bestehen, dass der Kunstschaffende nicht nur mithilfe seines Artefaktes in den sozialen Diskurs eingreifen will, um B f\u00fcr die moderne Kunst zu begeistern (perlokution\u00e4res Ziel resp. perlocutionary object), sondern auch, um B dazu zu bewegen, ihn f\u00fcr einen gro\u00dfartigen K\u00fcnstler zu halten, ein Artefakt von ihm zu kaufen, fortan bei jeder Begegnung weiche Knie zu bekommen (perlokution\u00e4res Nachspiel resp. perlocutionary sequel). Wobei f\u00fcr das perlokution\u00e4re Nachspiel gilt: \u201e(I)t <em>may<\/em> be done with the design, intention, or purpose of producing them\u201c (Austin 1962: 101, Hervorhebung S.O.). Mit anderen Worten: Das \u201aNachspiel\u2018 der Perlokution kann ein \u201aintendiertes\u2018, es kann aber auch ein \u201anicht-intendiertes Nachspiel\u2018 sein \u2013 wenn zum Beispiel B nicht begeistert, sondern angewidert ist. Und er A fortan mit Verachtung straft.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>5.<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit unserer vorl\u00e4ufigen Bestimmung der <em>Perlokution<\/em> als intentionalen singul\u00e4ren und damit nicht-konventionalen Akt, mit dem ein Kunstschaffender A durch das Artefakt in einen diskursiven Kontext eingreift (ein Eingriff, der mit der Vorsatzabsicht verbunden ist, eine bestimmte Wirkung bei einem Rezipienten B zu erzielen), begegnen wir einer anderen Bestimmung: der des prim\u00e4ren Ziels der Kommunikation \u2013 <em>jemanden durch etwas zu etwas zu bewegen<\/em>. Bedingung der M\u00f6glichkeit gelungener sprachlicher Kommunikation ist zwar eine zumindest ausreichende Beherrschung der im Gespr\u00e4ch verwendeten Sprache durch die Gespr\u00e4chsteilnehmer, das hei\u00dft im alltagssprachlichen Sinne das Verstehen dieser Sprache. Aber im Gegensatz zum landl\u00e4ufigen Verst\u00e4ndnis ist Verst\u00e4ndigung \u201enicht \u201ader Zweck\u2018 der Sprache, sondern allenfalls einer unter vielen (wenn auch ein wichtiger)\u201c (Keller 2014: 135; cf. Wittgenstein 1977: 17, PU \u00a73). Es gibt unz\u00e4hlige andere, zumeist vorrangige Ziele der sprachlichen Kommunikation: Ich l\u00fcge und betr\u00fcge. Flirte. F\u00fchre hinters Licht. Halte Small-Talk, schwinge Reden, treibe Werbung, feuere meine Mannschaft leidenschaftlich an oder frage als Standesbeamter, ob er oder sie sie oder ihn zum Mann oder zur Frau nehmen will. Will andere von mir begeistern. Will sie auf andere Gedanken bringen. Aufregen. Ver\u00e4rgern. \u00c4ngstigen. Erschrecken. Inspirieren. All diesen F\u00e4llen ist strukturell eines gemeinsam: A will mit Vorsatzabsicht<a href=\"#_ftn17\">[17]<\/a> Einfluss auf B nehmen, also eine bestimmte Wirkung durch das, was er sagt, bei B erzielen. Mit anderen Worten: A will B <em>durch<\/em> das, was er tut (sagt, schreibt, gestaltet etc.), zu etwas Bestimmten bewegen. Formal formuliert:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">A will B <em>durch<\/em> x zu etwas bewegen (A will bei B <em>durch<\/em> x etwas bewirken).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese grundlegende, rein deskriptive Formel sprachlich-kommunikativer Handlungen entspricht der, mit der wir Eingriffe in den sozialen Diskurs durch eine \u201a\u00c4u\u00dferung\u2018 (hier im weitesten Sinne verstanden) als einen <em>perlokution\u00e4ren<\/em> Akt beschrieben haben: durch einen Text, eine Aussage, ein Artefakt. Es scheint dies also nicht nur ein durchgehendes Merkmal dialogisch konstituierter, kooperativer Gespr\u00e4chssituationen zu sein, sondern generell <em>aller<\/em> kommunikativen Akte im Rahmen der Diskurse im sozialen Kontext. Auch die der \u201aGespr\u00e4che\u2018, die <em>nicht<\/em> auf ein Gespr\u00e4ch aus sind, also nicht auf das klassisch-dialogische Konstrukt von Rede und Widerrede. So wie es bei dem \u00fcberwiegenden Teil der durch Kunstschaffende geschaffenen Artefakte der Fall ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die kommunikative Funktion<a href=\"#_ftn18\">[18]<\/a> des \u201aJemanden-durch-etwas-zu-etwas-bewegen-wollen\u2018 k\u00f6nnte, angelehnt an Austins Begriff der \u201eillocutionary forces\u201c (Austin 1962: 99), vorl\u00e4ufig als <em>perlocutionary force<\/em> bezeichnet werden, die hier wirksam wird. Indem diese perlocutionary force im Rahmen <em>dialogischer <\/em>Konstrukte seitens der Initiatoren, in diesem Fall der Sprecher\/Autoren, darauf abzielt, die (potentiellen) Gespr\u00e4chspartner im Rahmen des Eingriffs in einen sozialen Diskurs (Skinner) zu einer Reaktion <em>erster<\/em> Ordnung zu bewegen (\u201a\u00fcberreden, \u00fcberzeugen, alarmieren\u2018 et al.) und sie dar\u00fcber hinaus zu einer wie auch immer gearteten Replik, zu einer Reaktion <em>zweiter<\/em> Ordnung zu provozieren, w\u00fcrde sie zur treibenden, konstituierenden Kraft des Gespr\u00e4chs werden \u2013 und damit zum entscheidenden Impuls einer sich fortschreibenden Kommunikation, zum Motor des <em>dialogischen<\/em> Konstrukts. Die inh\u00e4rente Provokation des (potentiellen) Gespr\u00e4chspartners zu einer Reaktion zweiter Ordnung setzt das Gespr\u00e4ch in Gang. Ist doch die <em>perlocutionary force<\/em> der antwortenden Reaktion ihrerseits wiederum darauf ausgelegt, beim Initiator des Gespr\u00e4chs (oder anderen potentiellen Gespr\u00e4chsteilnehmern) seinerseits eine antwortende Reaktion auszul\u00f6sen (ad infinitum). Dieses Konstrukt ist in der jeweiligen Synchronie in den jeweiligen zeitgeschichtlichen, kulturellen, ethnischen, gruppenspezifischen, sprachlichen et al. Kontext eingebettet (ob dieser Eingriff nun ge- oder misslingt, also erfolgreich ist oder nicht, steht auf einem ganz anderen Blatt). Angenommen, wir greifen in einen solchen sozialen Diskurs ein, indem wir etwas sagen oder schreiben. Weiter angenommen, wir erzielen <em>dadurch<\/em> beim Rezipienten eine bestimmte Wirkung: Wir <em>\u00fcberzeugen<\/em> ihn (Perlokution). Dann kann dies die unmittelbar beabsichtigte Folge unseres Handelns, das <em>intendierte<\/em> perlokution\u00e4re Ziel (<em>perlocutionary object<\/em>, Austin 1979: 134, Austin 1962: 117) sein \u2013 eine Wirkung erster Ordnung. In dem <em>intendierten<\/em> perlokution\u00e4ren Nachspiel (<em>perlocutionary sequel<\/em>, Austin 1979: 134 und Austin 1962: 117), der zustimmenden Replik, k\u00f6nnten wir dann eine Wirkung zweiter Ordnung sehen. Allerdings k\u00f6nnen wir auch unser <em>intendiertes<\/em> perlokution\u00e4re Ziel verfehlen. So zum Beispiel, wenn sich der Angesprochene durch unsere Argumentation partout nicht \u00fcberzeugen lassen will. Schlimmer noch: Statt der intendierten Zustimmung \u00e4u\u00dfert dieser vehemente Kritik an unserer Auffassung und gie\u00dft sie in eine schroffe Replik. Was eine Reaktion zweiter Ordnung darstellen w\u00fcrde, die wohl als ein <em>nicht-intendiertes<\/em> perlokution\u00e4res Nachspiel zu werten w\u00e4re. Ebenso wie seine damit verbundene Irritation \u00fcber unsere bescheidenen F\u00e4higkeiten, die ihn wom\u00f6glich dazu veranlasst, uns einen zuvor bereits erteilten Arbeitsauftrag wieder zu entziehen. Womit wir dann bei einer Reaktion dritter Ordnung w\u00e4ren (diese Reaktionskette lie\u00dfe sich vermutlich endlos weiterf\u00fchren).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der britische Sprachphilosoph H. Paul Grice hat f\u00fcr den ersten und damit entscheidenden Schritt einer im allt\u00e4glichen Sprachgeschehen permanent erfolgenden Bedeutungsgenese (die in der Diachronie mit einem ebenso stetig erfolgenden, zumeist von uns unbemerkt ablaufenden Sprachwandel einhergeht) innerhalb einer Sprachgemeinschaft \u2013 strukturell beginnend bei der singul\u00e4ren Situationsbedeutung eines einzelnen Sprechers und bei der konventionellen Bedeutung einer Sprachgemeinschaft als nicht-intendierte episodale Handlungsfolge vor\u00fcbergehend endend \u2013 ein idealtypisches handlungstheoretisches Modell sprachlich-kooperativer Interaktionen entwickelt. Es beschreibt, wie sich die Bedeutung einer \u00c4u\u00dferung explizieren l\u00e4sst, wenn das, was der Sprecher mit ihr meint, vom Angesprochenen nicht schon durch den R\u00fcckgriff auf den konventionellen Sprachgebrauch, sondern erst im Rahmen einer dialogisch strukturierten Situation durch das Erkennen der \u201ereflexive(n) Intention\u201c (Liedtke 2016: 37) des Sprechers verst\u00e4ndlich ist. Um die kommunikative Intention (die Sprecher-Intention), also das mit der \u00c4u\u00dferung Gemeinte, sowie die intendierte Wirkung (die Sprecher-Bedeutung) verstehen zu k\u00f6nnen, muss der Angesprochene eine interpretative Leistung<a href=\"#_ftn19\">[19]<\/a> erbringen und \u00fcber relevantes Kontextwissen verf\u00fcgen \u2013 zu letzterem geh\u00f6rt unter anderem das Wissen um \u201ekulturelle Praktiken, au\u00dferdem Einsch\u00e4tzungen der aktuellen Situation und schlie\u00dflich das, was im Diskurs vorher gesagt oder im Text vorher geschrieben wurde\u201c (Liedtke 2016: 38):<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">i. A intendiert, dass B erkennt, dass A mit seiner \u00c4u\u00dferung a beabsichtigt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">ii. A intendiert, dass B dessen Intention (i.) erkennt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">iii. A intendiert, dass B erkennt, was A mit seiner \u00c4u\u00dferung a beabsichtigt, indem B dessen Intention (ii.) erkennt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses handlungstheoretische Modell<a href=\"#_ftn20\">[20]<\/a> lie\u00dfe sich, bricht man es auf seine grundlegende Struktur herunter, grunds\u00e4tzlich mit Kellers Beschreibung der vorrangigen Funktion der Kommunikation wie auch mit Skinners Vorstellung von dem Text (und ganz allgemein: der \u00c4u\u00dferung) als den intentionalen Eingriff eines Autors in den sozialen Diskurs zur Deckung bringen:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">A will B <em>durch<\/em> x zu etwas bewegen \u2013 n\u00e4mlich zur Erkenntnis dessen, was A meint.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sollte also die <em>perlocutionary force<\/em> die treibende Kraft eines jedes dialogischen Konstrukts sein, so ist sie gegebenenfalls auch die jenes sozialen Diskurses in unserem Planspiel: des intentionalen Eingriffs durch ein Artefakt. Hier liegt, analog zu unserer Feststellung zum Ziel sprachlicher Kommunikation, der Gedanke nahe, dass das Ziel bzw. \u201aZweck\u2018 der Kunst (zumindest des \u00fcberwiegenden Teils moderner Kunst), nicht Verst\u00e4ndigung, wom\u00f6glich nicht einmal Verstehen, Verst\u00e4ndnis oder Verst\u00e4ndlichkeit ist, sondern vielmehr, dass ein Kunstschaffender mit perlokution\u00e4rer Kraft einen potentiellen Rezipienten durch sein Werk, genauer gesagt: durch dessen Rezeption seines Werks, zu etwas zu bewegen will. So k\u00f6nnte sich, was bei der ersten, automatisch ablaufenden und einer Introspektion nicht zug\u00e4nglichen Rezeption<a href=\"#_ftn21\">[21]<\/a> eines Artefakts nahe l\u00e4ge, die perlokution\u00e4re Kraft, noch vor jeder rationalen, interpretativen Aneignung, als eine <em>Inspiration zur Assoziation<\/em> \u00e4u\u00dfern. Im Gegensatz zur Intention in einem klassischen Gespr\u00e4ch, die dialogisch konstituiert ist, zeichnet sich die Intention in den in der Regel <em>nicht<\/em> dialogisch konstituierten \u201aGespr\u00e4chen\u2018 der verschiedenen Kunstgattungen jedoch dadurch aus, dass sie hinsichtlich der Reaktion, zumindest in der modernen bildenden Kunst, vielfach maximal offen ist (weshalb es in dieser Hinsicht \u201aoffene Kunstwerke\u2018 sind): Es ist zwar eine Reaktion resp. Wirkung intendiert, aber keine bestimmte. Insofern l\u00e4sst sich vielleicht allein durch eine \u201adichte Beschreibung\u2018 \u00e0 la Geertz eruieren, ob der Rezipient vom Kunstschaffenden qua Rezeption des Artefakts \u2013 das einen k\u00fcnstlerischen Eingriff in bestimmte soziale Diskurse in bestimmten Kulturen in bestimmten Epochen darstellt, den es angemessen zu verstehen gilt \u2013 zu etwas Bestimmtem bewegt werden soll. Ob es also ein <em>intendiertes <\/em>perlokution\u00e4res Ziel oder ein <em>intendiertes <\/em>perlokution\u00e4res Nachspiel gibt und wenn ja: welches. Oder ob der Kunstschaffende, einigerma\u00dfen paradox, gerade <em>nicht-intendierte<\/em> perlokution\u00e4re Nachspiele intendiert (ob dann wohl, wenn all dies geleistet ist, davon gesprochen werden kann, dass wir das Werk \u201averstanden\u2018 haben?).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei wesentliche Aspekte gilt es bei einer <em>Inspiration zur Assoziation<\/em>, der vom Kunstschaffenden beim Rezipienten intendierten <em>automatischen<\/em>, nicht der Reflexion zug\u00e4nglichen <em>geistigen<\/em> Reaktion, der in der Regel eine physische und\/oder psychische Reaktion vorausgeht (cf. Anm. 21), die vom Rezipienten weder gesteuert werden kann noch ihm in diesem Moment bewusst wird, zu beachten:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<ol class=\"wp-block-list\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>Es ist ein Mythos, dass ein Artefakt, das nach allgemein akzeptierter Auffassung zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Kultur\/Sprachgemeinschaft\/sozialen Gruppe \u201aKunstwerk\u2018 oder schlicht \u201aKunst\u2018 genannt wird, imstande ist, etwas auszusagen. Anzuregen. Zu bewirken. Auszul\u00f6sen. Zu verstehen zu geben. Oder auch, dass es verstanden werden will. Nichts dergleichen vermag ein Artefakt zu tun. Hier findet eine unzul\u00e4ssige Anthropomorphisierung und Vitalisierung statt, wird das grammatische Subjekt mit dem Handlungssubjekt verwechselt. Ein \u00e4hnliches Ph\u00e4nomen finden wir bei der Rede von der \u00a0Sprache, die sich wandelt. So als sei sie ein \u201eanimal rationale mit allerhand wundersamen F\u00e4higkeiten\u201c (Keller 2014: 24). Dabei ist doch, wie es der Philosoph Lambert Wiesing auf den Punkt bringt, \u201evollkommen unzweifelhaft (\u2026), dass tote, materielle Gegenst\u00e4nde welcher Art auch immer prinzipiell nicht das Subjekt einer Handlung sein k\u00f6nnen\u201c (Wiesing 2013: 43). Ganz egal, ob es sich nun um eine physische, mentale \u00a0oder transitorische Entit\u00e4t handelt: Ein Artefakt ist ein Artefakt, kein <em>animal rationale<\/em>, kein selbstt\u00e4tig agierendes, intelligibles und zu einer Planung bef\u00e4higtes Handlungssubjekt. Es hat keine Interessen, keine Ambitionen, keine Intentionen. Und erst recht kein Bewusstsein. Es ist von Menschen erdacht, erschaffen, entwickelt, programmiert etc. Bisweilen sogar von diesen mit zielgerichteten Interessen, Ambitionen und Intentionen geschaffen, zu denen manchmal auch solche Interessen, Ambitionen und Intentionen geh\u00f6ren wie die, etwas <em>durch<\/em> eben diese Entit\u00e4ten auszusagen. Mit ihnen anzuregen. Etwas zu bewirken. Auszul\u00f6sen. Zu verstehen geben (aber: nicht jedes Bild wird mit diesem Ziel gemalt, nicht jeder Song damit komponiert, nicht jedes Gedicht damit geschrieben etc.). Aber das Handlungssubjekt ist in keinem dieser F\u00e4lle ein mythisches Wesen namens \u201aKunstwerk\u2018 resp. \u201aKunst\u2018, sondern stets ein Mensch oder eine Gruppe von Menschen, vielleicht sogar ein von Menschen programmierter Algorithmus. Wenn ein Werk etwas \u201atut\u2018, dann bestenfalls im naturwissenschaftlichen Sinne von Ursache und Wirkung. So kann zum Beispiel eine bestimmte Frequenz physische und wom\u00f6glich sogar psychische Konsequenzen zeitigen. Dieses Ph\u00e4nomen kann sich nun durchaus ein Kunstschaffender zunutze machen und es gezielt, geplant, bewusst und intendiert einsetzen. Wie gesagt: die K\u00fcnstlerin\/der K\u00fcnstler, nicht aber das Artefakt. Die K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler sind nicht monadisch in eine Welt singul\u00e4rer Humanoide geworfen, sondern stets kontextuell eingebettet: in ihre Lebenswelt, Zeit, Kultur, Sprachgemeinschaft, soziale Gruppe, Sprache. Dabei handelt es sich um Kontexte, in denen die soziokulturellen Ph\u00e4nomene zum gr\u00f6\u00dften Teil in einem nun schon sattsam bekannten Prozess der unsichtbaren Hand<a href=\"#_ftn22\">[22]<\/a> als kollektive, nicht-intendierte Handlungsfolgen millionenfacher gleichgerichteter individueller intentionaler Handlungen generiert werden; Kontexte, die sich bis ans Ende unserer Tage als kooperativ handelnde Wesen im intersubjektiven Verbund in der Diachronie wandeln, in unser implizites, reflexiv von uns nicht g\u00e4nzlich zu explizierendes Wissen eingehen und dabei als Basis all unserer Handlungen diese in je individueller Weise bestimmen.<\/li>\r\n<\/ol>\r\n\r\n\r\n\r\n<ul class=\"wp-block-list\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>Die mit perlokution\u00e4rer Kraft vorgetragene Intention der Kunstschaffenden, also die Intention, die Rezipienten durch die Rezeption des Artefakts zu einer automatischen, nicht der Reflexion zug\u00e4nglichen geistigen Reaktion (der Inspiration zur Assoziation) zu bewegen, kann nur dann erfolgreich sein, wenn eine entsprechende Disposition, eine <em>Empf\u00e4nglichkeit<\/em> seitens der Rezipienten besteht: die <em>dispositionelle<\/em> Grundverfassung als <em>conditio sine qua non<\/em>, dass sich ein Rezipient durch das Artefakt \u00fcberhaupt zu etwas bewegt, inspiriert <em>f\u00fchlen<\/em> <em>kann<\/em> \u2013 die <em>muleta<\/em>, das rote Tuch, kann f\u00fcr den Stier kein sprichw\u00f6rtlich rotes Tuch sein. Ihm fehlen, wie \u00fcbrigens den meisten S\u00e4ugetieren, Farbrezeptoren f\u00fcr rotes Licht. Er ist nach heutigem Stand der Forschung also rot-blind. Besteht nun aber keine angemessene <em>dispositionelle<\/em> Grundverfassung zur Rezeption seitens der Rezipienten, die von physischen Dispositionen \u00fcber kulturell und bildungsbedingten Dispositionen bis zu spezifisch individuellen Dispositionen alle nur denkbaren umfassen kann, kann das Artefakt von den Rezipienten <em>nicht<\/em> in dem vom Kunstschaffenden intendierten Sinn als ein f\u00fcr sie, die Rezipienten, relevantes Zeichen, als Code, Eingriff in einen sozialen Diskurs, \u201aGespr\u00e4chsangebot\u2018 etc. wahrgenommen werden: Sie haben schlicht keinen Sinn daf\u00fcr. Und solange sich kein Rezipient findet, der f\u00fcr dieses \u201aGespr\u00e4chsangebot\u2018 einen Sinn im Sinne der Intention des Kunstschaffenden hat, der sich also nicht durch das Artefakt unmittelbar und automatisch inspiriert <em>f\u00fchlt<\/em>, bleibt das Werk ein Werk und wird nie zu einem Kunst-Werk: Rezipienten sind, im Gegensatz zu den Kunstschaffenden, zwar nicht konstitutiv f\u00fcr das <em>Werk<\/em>, sind aber als \u201eMitspieler\u201c<a href=\"#_ftn23\">[23]<\/a> konstitutiv f\u00fcr das <em>Kunst-Werk<\/em>. Im Ganzen k\u00f6nnen wir strukturell vier Aggregatzust\u00e4nde einer einzigen Entit\u00e4t differenzieren:<\/li>\r\n<\/ul>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><br \/><strong>1.<\/strong> <strong>Kl\u00f6tze, Klumpen, Krach und Kritzeleien<\/strong> -&gt;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das faktische Artefakt: kontextlos und damit rein hypothetisch gegeben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><br \/><strong>2. Werk<\/strong> -&gt;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das im lebensweltlichen, intersubjektiven Kontext entstandene, noch unrezipierte Artefakt des Kunstschaffenden (physischer, mentaler oder transitorischer Art).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><br \/><strong>3. Kunst-Werk<\/strong> -&gt;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Besteht eine entsprechende <em>dispositionelle<\/em> Grundverfassung seitens des Rezipienten (Mitspielers), so erfolgt, inspiriert durch die perlokution\u00e4re Kraft des Eingriffs in den sozialen Diskurs durch den Kunstschaffenden mittels des von ihm geschaffenen Werks, eine teilnehmende <em>assoziative<\/em> Rezeption des Werks durch den Rezipienten (\u201aMitspieler\u2018), der in der Regel eine unmittelbare physische und\/oder psychische Reaktion vorausgeht. In jedem Moment der teilnehmenden <em>assoziativen<\/em> Rezeption (im Gegensatz zur teilnehmenden <em>interpretativen<\/em> Rezeption) durch den Rezipienten (Mitspieler) wird das Werk von ihm neu aufgefasst, gesehen, gelesen, geh\u00f6rt und mit immer neuen Assoziationen in Verbindung gebracht<a href=\"#_ftn24\">[24]<\/a>. Es sind dies die <em>Kunst-Werke<\/em>, die rein subjektiven, fl\u00fcchtigen Signaturen der Rezipienten, die keinen Bestand haben. Die <em>nicht<\/em> zum Werk selber geh\u00f6ren, sondern der Disposition des Rezipienten geschuldet sind: Besitzt der Rezipient keine diesbez\u00fcgliche Disposition, keine Empf\u00e4nglichkeit, wird das betreffende Werk ihm auch \u201anichts sagen\u2018. Der Schritt nach dieser assoziativ grundierten Rezeption ist die reflexive, rationale, interpretative Rezeption (ob der Rezipient nun durch die teilnehmende <em>assoziative<\/em> Rezeption des Werks zur Interpretation inspiriert wird oder aber seine interpretative Rezeption zum Beispiel im wissenschaftlichen Kontext ganz pragmatisch durch externe Aufgabenstellungen erfolgt, ist an dieser Stelle nicht von Relevanz).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><br \/><strong>4. Kunstwerk<\/strong> -&gt;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>a.<\/strong> Die individuelle intentionale Zuschreibung von etwas als Kunstwerk erfolgt im Rahmen eines singul\u00e4ren Aktes. Aus der Vielzahl intentional gleichgerichteter individueller Zuschreibungen resultiert in einem kollektiven Prozess der unsichtbaren Hand als episodales Ereignis \u2013&gt; <strong>b.<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>b.<\/strong> Die kollektive, allgemein akzeptierte Zuschreibung von etwas als Kunstwerk (die Attribuierung eines Werks als Kunst resp. Kunstwerk) innerhalb einer Sprachgemeinschaft (einer sozialen Gruppe, Kultur, Epoche).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>c.<\/strong> Im fachwissenschaftlichen resp. fachspezifischen Diskurs kann es zu autoritativen Zuschreibungen durch exponierte Vertreter der Kunstwelt kommen, denen gegebenenfalls auch ein Begriff \u201aKunst\u2018 resp. \u201aKunstwerk\u2018 zugrunde liegt, der sich strukturell ausgehend von einem singul\u00e4ren Gebrauch innerhalb dieses Segments der Kunstwelt etabliert hat. Und wenn auch nur f\u00fcr einen bestimmten Kreis f\u00fcr einen bestimmten Zeitraum. Eine solche Zuschreibung kann sich innerhalb dieses Kreises des Kunstdiskurses sehr wohl als intendierte oder zumindest kalkulierte Folge einer Vielzahl gleichgerichteter individueller Handlungen etablieren. Ob sich diese Zuschreibung jedoch dauerhaft und\/oder sogar \u00fcber diesen exklusiven Zirkel hinaus etablieren kann, bleibt indes ebenso fraglich wie die gleichgelagerte Etablierung eines jeden wissenschaftlichen Kunstbegriffs (hier d\u00fcrfte George Dickies institutioneller Kunstbegriff zu verorten sein, bei dem eine Gruppe von Experten einem Artefakt quasi in einem Taufakt den Status eines Kunstwerks verleiht).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>d.<\/strong> Bei der \u00f6konomischen Macht, die insbesondere von exponierten Vertretern diverser Institutionen der Kunstwelt als integraler Bestandteil des Kunstmarkts (Museen, marktbeherrschende Galerien, Auktionsh\u00e4user etc.) ausge\u00fcbt wird, handelt es sich um eine besonders manifeste und die soziokulturell wohl virulenteste Form autoritativer Zuschreibung von etwas als Kunstwerk. Die Attribution eines Werks als Kunstwerk wird im Verbund dieser Vertreter durchaus gezielt, geplant und intendiert vorgenommen. Das kollektive Resultat einer Vielzahl gleichgerichteter Handlungen dieser exponierten Vertreter der schmalen Schicht des Kunstmarktes und ihrer Mitspieler, der K\u00e4ufer, ist somit eher kalkulierte Folge, bei der sich die individuellen Intentionen weitgehend mit dem kollektiven Resultat decken. Diese \u00fcbergriffige Zuschreibung darf jedoch nicht mit der gesellschaftlich allgemein akzeptierten Zuschreibung verwechselt werden, obwohl beide Zuschreibungen durchaus deckungsgleich sein k\u00f6nnen. Was allerdings nicht weiter verwundert. Denn auch wenn die gesellschaftlich allgemein akzeptierte Zuschreibung aus einem Prozess der unsichtbaren Hand resultiert, so ist doch dieser Prozess schon deshalb nicht von \u00f6konomischen Faktoren unabh\u00e4ngig, weil nat\u00fcrlich auch die Vertreter des Kunstmarktes Teilnehmer eben dieses umfassenden soziokulturellen Prozesses sind. Insofern bestimmen sie am Ende vielleicht doch mehr, was innerhalb einer Kultur, Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft als Kunst resp. Kunstwerk gilt, als einem lieb sein kann.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>6.<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201aA will B durch x zu etwas bewegen\u2018<\/em><a href=\"#_ftn25\">[25]<\/a>. Diesen strukturellen Mechanismus haben wir \u00a0in unserem Kommunikationsplanspiel tentativ als die grundlegende diskursive Funktion der perlokution\u00e4ren Kraft bestimmt und dabei auf den verschiedenen Ebenen kommunikativer Praxis vorl\u00e4ufig folgende Erscheinungsformen ausgemacht:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<ol class=\"wp-block-list\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>Nicht Verst\u00e4ndigung, sondern eine wie auch immer sich darstellende Einflussnahme auf den Gespr\u00e4chspartner ist das vorrangige Ziel eines Sprechers in einem Gespr\u00e4ch: A will Einfluss auf B nehmen, also eine bestimmte Wirkung durch das, was er sagt, bei B erzielen. Das hei\u00dft: B durch x zu etwas zu bewegen. So zum Beispiel zu einer Antwort, die wiederum mit perlokution\u00e4rer Kraft das Ziel verfolgen kann, eine Replik von A zu initiieren.<\/li>\r\n<li>Zentrales Momentum des handlungstheoretischen Grundmodells von H. Paul Grice ist das Erkennen der \u201ereflexive(n) Intention\u201c (Liedtke 2016: 37) des Sprechers durch den Angesprochenen. Um die kommunikative Intention (die Sprecher-Intention), also das mit der \u00c4u\u00dferung Gemeinte, sowie die intendierte Wirkung (die Sprecher-Bedeutung) verstehen zu k\u00f6nnen, muss der Angesprochene eine interpretative Leistung erbringen und \u00fcber relevantes Kontextwissen verf\u00fcgen. Dabei l\u00e4sst sich die Intention von A, unabh\u00e4ngig von jeder inhaltlichen Aussage, strukturell ebenfalls darstellen als: <em>A will B durch x zu etwas bewegen<\/em> \u2013 n\u00e4mlich zur Erkenntnis dessen, was A meint.<\/li>\r\n<li>Dem handlungstheoretischen Grundmodell von Grice ist das Prinzip geteilter Intentionalit\u00e4t inh\u00e4rent. Nach Michael Tomasello kennzeichnet es die einzigartige Typik menschlicher Kommunikation und ist Mater seines kooperativen Handelns. Ein Verst\u00e4ndnis des Gemeinten, das noch nicht sozial festgelegt ist und bei dem noch kein gemeinsamer Kontext konstituiert wurde, ereignet sich in einem Prozess kooperativen Handelns, an dem wiederum \u201eProzesse geteilter Intentionalit\u00e4t\u201c (Tomasello 2017: 83) beteiligt sind: Die Variation der <em>perlocutionary force<\/em>, die wir bei Grice ausgemacht haben (\u201a<em>A will B durch x zu etwas bewegen<\/em> \u2013 n\u00e4mlich zur Erkenntnis dessen, was A meint\u2018), w\u00fcrde sich damit als konstitutives Momentum menschlich-kooperativer Interaktion darstellen.<\/li>\r\n<li>In der Terminologie des britischen Sprachphilosophen John L. Austin wird der mit der Lokution und der Illokution verbundene Sprechakt der <em>Perlokution<\/em> als der nicht-konventionale Akt bezeichnet, mit der der Sprecher die Absicht verfolgt, bestimmte Wirkungen beim Angesprochenen zu erzielen. Diese intentionale Handlung lie\u00dfe sich damit ebenfalls auf die ganz allgemeine Formel bringen: \u201a<em>A will bei B durch x etwas bewirken\u2018 <\/em>(ihn zu etwas bewegen).<\/li>\r\n<li>A verfolgt die Intention, B durch die \u00c4u\u00dferung x zu einer Replik zu inspirieren: Dies stellt, so die These, den grundlegenden Impuls f\u00fcr Beginn und Fortf\u00fchrung eines <em>jeden<\/em> dialogisch konstituierten, kooperativen Konstrukts, also der Gespr\u00e4che, Dialoge und Diskurse dar, die auf das klassische Konstrukt von Rede und Widerrede hinauslaufen. Gegebenenfalls ist die <em>perlocutionary force<\/em> sogar die treibende Kraft eines <em>jeden<\/em> sozialen Diskurses, zu dem auch der intentionale Eingriff durch ein Artefakt geh\u00f6ren w\u00fcrde (dialogische Konstrukte sind immer reziprok, soziale Diskurse nicht zwingend \u2013 das ist der grundlegende Unterschied zwischen dem Gespr\u00e4ch und dem \u201aGespr\u00e4ch\u2018).<\/li>\r\n<li>Die Vorsatzabsicht k\u00fcnstlerisch Schaffender, Artefakte zu kreieren, ist, so die These, stets mit einer dar\u00fcber hinaus gehenden, grundlegenden kommunikativen Absicht verbunden: beim potentiellen Rezipienten B eine bestimmte Wirkung zu erzielen, ihn zu etwas zu bewegen, zu etwas zu inspirieren. Hierunter w\u00e4re insbesondere die <em>Inspiration zur Assoziation<\/em> zu fassen: Damit w\u00e4re die perlokution\u00e4re Kraft als grundlegender Impuls zur automatischen Rezeption die Voraussetzung daf\u00fcr, dass aus dem Werk ein Kunst-Werk werden kann (vorausgesetzt, seitens B besteht eine entsprechende dispositionelle Grundverfassung zur Rezeption).\u00a0<\/li>\r\n<li>K\u00fcnstlerisch Schaffende intendieren durch ihr Werk, das physischer, mentaler oder auch transitorischer Art sein kann, beim Rezipienten B eine Reaktion. Dazu geh\u00f6rt die oben angesprochene Inspiration zur automatischen Assoziation. Die Intention kann sich bei dem einen oder anderen k\u00fcnstlerisch Schaffenden aber zudem auch als Intention zur Inspiration einer wie auch immer gearteten intelligiblen, interpretativen, reflexiven \u201a\u00c4u\u00dferung\u2018 \u00e4u\u00dfern. Das intentional mit perlokution\u00e4rer Kraft verfolgte Ziel einer solchen Replik umfasst dabei die gesamte Breite vom einfachen pers\u00f6nlichen Statement des Kunstinteressierten \u00fcber die Interpretation durch die Kunstwissenschaft und Rezeption durch die Kunstkritik bis hin zur wohlwollenden Aufnahme durch den Kunstmarkt. Der grundlegende Mechanismus <em>\u201aA will B durch x zu etwas bewegen\u2018<\/em> erscheint so als durchgehendes Merkmal generell <em>aller<\/em> im realen sozialen Kontext stattfindenden kommunikativen Akte. Auch die der \u201aGespr\u00e4che\u2018, die <em>nicht<\/em> auf ein Gespr\u00e4ch aus sind, also nicht auf das klassisch-dialogische Konstrukt von Rede und Widerrede. So wie es bei dem \u00fcberwiegenden Teil der durch Kunstschaffende erstellten Artefakte der Fall ist, die in der Regel mit ihnen keinen Dialog initiieren wollen.<\/li>\r\n<li>K\u00fcnstlerisch Schaffende greifen durch ihr Werk zudem in die \u201eallgemeinen diskursiven Kontexte ihrer Zeit\u201c (Skinner 2009b: 81) ein. Ihre Artefakte stellen insofern Beitr\u00e4ge sozialer Diskurse dar, die in kulturelle Kontexten eingebunden sind und die, will man sie \u201averstehen\u2018, zur\u00fcck in diejenigen Kontexte gestellt werden m\u00fcssen, in denen sie urspr\u00fcnglich verfasst wurden und einer Bedeutungsexplikation durch die \u201adichte Beschreibung\u2018 harren (wobei in der modernen und zeitgen\u00f6ssischen Kunst diese Beitr\u00e4ge zumeist <em>nicht<\/em> auf Basis sozial festgelegter Bedeutungsstrukturen, also mit konventionalen Zeichen resp. \u00f6ffentlichen Codes, sondern mit singul\u00e4ren \u201aK\u00fcnstler-Intentionen\u2018 verfasst werden). Hier zielt die perlokution\u00e4re Kraft des <em>\u201aA will B durch x zu etwas bewegen\u2018<\/em> nicht zwingend auf eine konkrete Person B, sondern ggf. auf eine \u00d6ffentlichkeit, die Teil dieses sozialen Diskurses ist oder dazu inspiriert werden soll, diesem Diskurs beizutreten.<\/li>\r\n<\/ol>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der Bestimmung dieses strukturellen Mechanismus <em>\u201aA will B durch x zu etwas bewegen\u2018<\/em> als grundlegende diskursive <em>Funktion<\/em>, als perlokution\u00e4re Kraft, erteilen wir einer Bestimmung der \u201aKunst\u2018 als funktionsloser Kunst grunds\u00e4tzlich eine Absage: Das, was wir abendl\u00e4ndisch gepr\u00e4gten Kultur-\/Kunstschaffenden und Rezipienten in allgemein akzeptierter Zuschreibung innerhalb einer Kultur, Gesellschaft, Sprachgemeinschaft, sozialen Gruppe \u201aKunst\u2018 nennen, dient stets zumindest <em>diesem<\/em> kommunikativen Zweck. Aber ist nun die Funktionalit\u00e4t der \u201aKunst\u2018 auf diese grunds\u00e4tzliche diskursive Funktion der Artefakte beschr\u00e4nkt oder lassen sich noch weitere ausmachen?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>7.<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit Kant ist der Topos der autonomen, funktionslosen Kunst eine Konstante in der \u00e4sthetischen Theorie. Die Kunst dient, so die herrschende Meinung, keinem \u00e4u\u00dferen Zweck. Diese in ihrem Ursprung idealistische Position findet sich \u00fcbergreifend, selbst in der Systemtheorie. So konstatiert Niklas Luhmann ein \u201eAutonomwerden des Kunstsystems\u201c (Luhmann 2017: 240): Kunst sei zwar in \u201eeine in Funktionssysteme differenzierte Gesellschaft\u201c (ebd.: 241) eingebunden, doch obgleich sie nur eines dieser Funktionssysteme ist, gilt ihr \u201efunktionaler Primat (\u2026) nur f\u00fcr sie selbst. Aber eben deshalb kann sie (\u2026) sich auf ihre eigene Funktion konzentrieren\u201c (ebd.: 241). In diesem Sinne lie\u00dfe sich sagen, so Luhmann, \u201edie Funktion der Kunst (sei es), Welt in der Welt erscheinen zu lassen\u201c (ebd.: 241). Entsprechend fehlt dem Kunstwerk \u201edie Zweckdienlichkeit f\u00fcr soziale Kontexte jeder Art (wirtschaftliche, religi\u00f6se, politische usw.)\u201c (ebd.: 227) \u2013 die Frage, wozu Kunst dient, ist demnach \u201eeine offene, sich selbst annullierende Frage\u201c (ebd.: 227). Wer also diese Frage stellt, so der Philosoph Reinold Schm\u00fccker in seiner erhellenden Analyse \u201aFunktionen der Kunst\u2018, \u201er\u00fchrt an das Dogma der Kunstautonomie\u201c (Schm\u00fccker 2001: 13) und der prinzipiellen Funktionslosigkeit der Kunst, das zumindest f\u00fcr die moderne Kunst mit Nachdruck vertreten wird. Dies f\u00fchrt auf direkten Wege zur fast schon ketzerischen \u201eFrage nach der lebensweltlichen Funktionalit\u00e4t der Kunst\u201c (ebd: 15): Gibt es \u00fcberhaupt eine Kunst ohne \u00e4u\u00dferen Zweck, ohne Nutzen, ohne Funktion?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die deskriptive generelle Autonomiethese der Kunst behauptet, so Schm\u00fccker, die Funktionslosigkeit der Kunst; die normative fordert sie. Wo aber Funktionslosigkeit gefordert wird, wird \u201edie faktische Funktionalit\u00e4t der Kunst immer schon anerkannt\u201c (ebd.: 16). Was nun wiederum gegen die deskriptive Autonomiethese spricht, ist, dass sich bestimmten Formen der Kunst eine gewisse Funktionalit\u00e4t de facto nicht absprechen l\u00e4sst. Dies ist bei der Architektur f\u00fcr jeden unmittelbar ersichtlich, aber durchaus auch f\u00fcr die Musik oder die zeitgen\u00f6ssisch bildende Kunst plausibel: \u201e(D)ass Musik die Funktion haben kann, uns zum Tanz zu animieren, ist ebenso offenkundig wie die Funktion gerade auch der modernen Kunst als Statussymbol, als Indikator \u00f6konomischer und politischer Macht\u201c (ebd.: 16, cf. Ullrich 2000 passim). Nun k\u00f6nnte, um die deskriptive generelle Autonomiethese zu retten, eine radikale Konsequenz gezogen werden: Es werden \u201enur solche Artefakte als Kunstwerke (anerkannt), die funktionslos sind\u201c (ebd.: 17). Von der Frage einmal abgesehen, wie viele Artefakte, sollte dieses Kriterium schl\u00fcssig sein, dann noch als Kunstwerke wohl \u00fcbrig blieben, kontert Schm\u00fccker diesen argumentativen Schachzug mit einer Gegenfrage, deren Konsequenz so wenig romantisch klingt wie schl\u00fcssig ist: \u201eWas, wenn nicht der intersubjektive Konsens einzelner oder mehrerer Sprachgemeinschaften, soll \u00fcber die Zugeh\u00f6rigkeit zur Klasse der Kunstwerke entscheiden?\u201c (ebd.: 17) Und konstatiert konsequenterweise: \u201eWelche Artefakte zur Klasse der Kunstwerke z\u00e4hlen \u2013 die eben nicht mit der Klasse derjenigen Objekte identisch sein muss, die mir oder irgendeinem anderen Sprecher als Kunstwerke gelten \u2013, dar\u00fcber befindet der allgemeine Sprachgebrauch<a href=\"#_ftn26\">[26]<\/a>\u201c (ebd.: 18, cf. Oehm 2019a: 13 und Oehm 2019b: 95, 103;\u00a0 Lu\u0308deking 1998: 203).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer also verneint, dass \u201aKunstwerke\u2018 eine Funktion haben, m\u00fcsste sich wider den allgemeinen Sprachgebrauch nach eigenem Gutd\u00fcnken eben die Artefakte wie Rosinen aus dem Kuchen picken, die zur deskriptiven generellen Autonomiethese passen \u2013 und dies bei der Komprehension der Kunstwerke, also der Menge aller vergangener, heutiger wie auch zuk\u00fcnftiger Kunstwerke, tun m\u00fcssen. Was aber, wenn diese These nur externe Zweckbestimmungen exkludiert, nicht aber interne? Wenn also behauptet wird, \u201edass sich \u201adie Kunst\u2018 irgendein Gesetz gibt, dass ihr eine bestimmte Funktion auferlegt\u201c (ebd.: 18)? W\u00fcrde dies geschehen, h\u00e4tten wir es erneut mit einer unzul\u00e4ssigen Anthropomorphisierung und Vitalisierung zu tun. Von dem Umstand einmal abgesehen, dass es den Begriff \u201adie Kunst\u2018 als Oberbegriff aller k\u00fcnstlerischen Sch\u00f6pfungen erst seit dem sp\u00e4ten 18., fr\u00fchen 19. Jahrhundert gibt, weshalb auch erst seitdem die Gretchenfrage nach dem vermeintlichen Wesen der Kunst <em>Was ist Kunst?<\/em> gestellt werden kann: Auch \u201aKunst\u2018 w\u00fcrde hier zu einem selbstt\u00e4tig agierenden Handlungssubjekt stilisiert werden, \u201edie Rede von <em>der<\/em> Kunst (w\u00fcrde) auf eine Gesamtheit k\u00fcnstlerischer Werke und Praktiken (verweisen), die sich <em>nicht<\/em> (Hervorhebung S.O.) als ein Subjekt begreifen l\u00e4sst, das eine Wahl zu treffen verm\u00f6chte\u201c (ebd.: 18).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Konsequent negieren jedoch selbst die die Funktionalit\u00e4t der Kunst nicht, die, so Schm\u00fccker, geradezu als paradigmatische Vertreter eines kunst\u00e4sthetischen Antifunktionalismus gelten. So notiert Theodor W. Adorno in seinem Opus magnum \u201a\u00c4sthetische Theorie\u2018: \u201eSoweit von Kunstwerken eine gesellschaftliche Funktion sich pr\u00e4dizieren l\u00e4sst, ist es ihre Funktionslosigkeit\u201c (Adorno 2019: 336). Damit bringt er, ebenso wie Kant, der die \u201asch\u00f6ne Kunst\u2018 als eine Vorstellungsart definiert, \u201edie f\u00fcr sich selbst zweckm\u00e4\u00dfig ist, und, obgleich ohne Zweck, dennoch die Kultur der Gem\u00fctskr\u00e4fte zur geselligen Mitteilung bef\u00f6rdert\u201c (Kant 1979: 240, \u00a744), \u201eauf einer Metaebene einen gleichsam h\u00f6heren Zweck ins Spiel, von dem sie annehmen, dass ihm die Kunst kraft ihrer Funktionslosigkeit dient\u201c (Schm\u00fccker 2001: 19).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>8.<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sollte Kunst nun noch anderen Zwecken dienen, so fragt Schm\u00fccker weiter, wann hat sie eine solch bestimmte Funktion? Hier stellen sich ihm drei Fragen:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<ol class=\"wp-block-list\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>\u201e(I)st die Zuschreibung einer Funktion an deren stets erfolgreiche Erf\u00fcllung gebunden?\u201c (ebd.: 20)<\/li>\r\n<li>\u201e(H)\u00e4ngt die Zuschreibbarkeit einer Funktion davon ab, dass sie aktuell erf\u00fcllt wird?\u201c (ebd.: 20)<\/li>\r\n<li>\u201eK\u00f6nnen wir (\u2026) der Kunst als solchen eine Funktion zuschreiben? Oder besitzen nur individuelle Kunstwerke einzelne oder mehrere Funktionen?\u201c (ebd.: 20)<\/li>\r\n<\/ol>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf die ersten beiden Fragen gibt uns Schm\u00fccker eine abschl\u00e4gige Antwort, \u201e(d)enn der Funktionsbegriff zielt auf die potentielle Dienlichkeit einer Sache, nicht auf ihre tats\u00e4chliche Dienstbarkeit in einem einzelnen konkreten Fall\u201c (ebd.: 21, Schm\u00fccker bezeichnet einzelne Kunstwerke als \u201a<em>prim\u00e4re<\/em> Tr\u00e4ger einer Funktion\u2018). Auf die dritte Frage antwortet er ambivalent. Einerseits konstatiert er, dass Funktionen generell nur einem einzelnen Kunstwerk zukommen k\u00f6nnen, andererseits mag er aber nicht ausschlie\u00dfen, \u201edass es Funktionen gibt, die mehreren oder sogar allen Kunstwerken zukommen (\u2026) oder (sich) sogar der Kunst als solcher zuschreiben lassen\u201c (ebd.: 21). Die Bestimmung der \u201eKlasse von Kunstwerken als auch (der) Teilklassen\u201c (ebd.: 21) als \u201e<em>sekund\u00e4re<\/em> Tr\u00e4ger einer Funktion\u201c (ebd.: 22) scheint unproblematisch. Schreibt er diese Bestimmung jedoch auch \u201ader Kunst als solcher\u2018 zu, so stellt sich spontan die Frage: Worum handelt es sich dabei? Hat Schm\u00fccker nicht gerade eben erst selbst der \u201aRede von <em>der<\/em> Kunst\u2018 eine Absage erteilt? Oder unterscheidet er subtil \u201adie Kunst\u2018 von \u201adie Kunst als solche\u2018? Bezieht er sich in seiner Aufz\u00e4hlung auf den Begriff \u201aKunst\u2018, der in der Wesensfrage \u201aWas ist Kunst?\u2018 steckt, dann m\u00fcsste es sich um einen zeit- und kulturinvarianten Begriff \u201aKunst\u2018 handeln (aber handelt es sich bei ihm denn nicht um einen im abendl\u00e4ndischen Diskurs entstandenen, gepr\u00e4gten und selbst Artefakte anderer Kulturen sowie r\u00fcckwirkend Artefakte vergangener Epochen in perfider \u00dcbergriffigkeit subsumierenden Begriff?). Aber wenn doch, wie er schreibt, der intersubjektive Konsens der jeweiligen Sprachgemeinschaft entscheidet, welche Artefakte zur Klasse der Kunstwerke zu z\u00e4hlen sind \u2013 was hat es dann mit der Rede von \u201ader Kunst als solcher\u2018 auf sich? Unterscheidet Schm\u00fccker hier <em>en passant<\/em> zwischen dem, was als Kunst <em>gilt<\/em>, und dem, was Kunst <em>ist<\/em>? F\u00fchrt er eine zeit- und kulturinvariante Eigenschaft ein, die bestimmt, wann ein Artefakt ein Kunstwerk ist? Er\u00f6ffnet er so die M\u00f6glichkeit, dass eine Sprachgemeinschaft etwas nicht als Kunstwerk erachtet, was aber ein Kunstwerk ist, wie auch, vice versa, dass sie etwas als Kunstwerk erachtet, was kein Kunstwerk ist? Sollte dem so sein, w\u00fcrde sich die Frage nach zeit- und kulturinvarianten Kriterien von etwas stellen, was als abendl\u00e4ndisch grundiertes Konzept ganz und gar zeit- und kulturvariant ist: \u201aKunst\u2018.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWelche Funktionen hat Kunst<a href=\"#_ftn27\">[27]<\/a>?\u201c (Schm\u00fccker 2001: 22). Um diese Frage zu beantworten, stellt er im Folgenden drei Kernfragen:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<ol class=\"wp-block-list\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>Gibt es Funktionen, \u201edie allen Kunstwerken gemeinsam sind\u201c (ebd.: 22): die \u201e<em>generellen<\/em> Funktionen der Kunst, die jedes Kunstwerk aufweist\u201c (ebd.: 22)?<\/li>\r\n<li>Wenn es sie gibt: Gibt es eine bestimmte generelle Funktion, die \u201ekunst<em>konstitutiv<\/em>\u201c<a href=\"#_ftn28\">[28]<\/a> (ebd.: 22) ist, die ein \u201eArtefakt zu einem Kunstwerk macht\u201c (ebd.: 22)?<\/li>\r\n<li>Was sind die \u201e<em>potentiellen<\/em> Funktionen (\u2026), die ein Kunstwerk haben kann, aber nicht haben muss\u201c (ebd.: 22)?<\/li>\r\n<\/ol>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem ersten Schritt macht Schm\u00fccker eine Funktion aus, die zwar allen Kunstwerken gemeinsam, nicht aber kunstkonstitutiv sei, weil die Kunst sie \u201emit anderen Gegenst\u00e4nden sinnlicher Wahrnehmung, beispielsweise mit der \u00e4sthetischen Natur, teilt\u201c (ebd.: 23). Es ist dies \u201edie \u00e4sthetische Funktion der Kunst\u201c (ebd.: 23), die \u201eeine \u00e4sthetische Erfahrung hervorzurufen\u201c (ebd.: 23) vermag. Darunter versteht Schm\u00fccker \u201ejede kontemplative, auf einen bestimmten Wahrnehmungsgegenstand gerichtete Aufmerksamkeitskonzentration, die um der Gewahrung der Eigenheit dieses Gegenstandes willen erfolgt\u201c (ebd.: 23). Etwas irritierend ist an dieser Stelle, dass Schm\u00fccker hier etwas postuliert, was er zuvor bei der Rede von der Kunst als \u201eein Subjekt, das eine Wahl zu treffen verm\u00f6chte\u201c oder sich \u201eirgendein Gesetz gibt\u201c (ebd.: 18), zurecht vehement zur\u00fcckweist: dass jedes Kunstwerk imstande ist, eine \u00e4sthetische Erfahrung <em>hervorzurufen<\/em>. Davon einmal abgesehen, dass eine Bedingung der M\u00f6glichkeit, eine solche Erfahrung auch \u201ahervorrufen\u2018 zu k\u00f6nnen, die dispositionell entsprechende Grundverfassung des Rezipienten ist \u2013 Schm\u00fccker spricht von dem \u201aKunstwerk\u2018 so, als w\u00fcrde es sich bei ihm um ein Subjekt handeln, das zu selbstt\u00e4tiger, eigenverantwortlicher Handlung bef\u00e4higt ist. Da taucht es wieder auf, dieses fast mythische Wesen, das seit Jahrhunderten durch die europ\u00e4ische Geistesgeschichte geistert und, in der Gestalt der <em>Kunst<\/em>, beeindruckende Dinge zu tun vermag: Es kann bet\u00f6ren, aufw\u00fchlen, Br\u00fccken in die Gesellschaft bauen, unsere Wahrnehmung sch\u00e4rfen, Ver\u00e4nderungen aufzeigen. Doch diese in der gesamten Kunstwelt seit alters her gebr\u00e4uchliche und kaum hinterfragte Redeweise von der selbstt\u00e4tig agierenden Kunst und dem selbstt\u00e4tig agierenden Kunstwerk verschleiert den wahren Sachverhalt. Wie schon an anderer Stelle gesagt: \u201aDie Kunst\u2018 kann nichts tun, ebenso wenig das Kunstwerk. Wenn \u00fcberhaupt, dann sind es die Kunstschaffenden, die etwas tun. Doch <em>f\u00fchlt<\/em> sich der Rezipient nicht angesprochen, dann geschieht: nichts. Da werden dann weder Br\u00fccken in die Gesellschaft gebaut noch Ver\u00e4nderungen aufgezeigt, da wird nicht bet\u00f6rt, aufgew\u00fchlt, unsere Wahrnehmung gesch\u00e4rft und eben auch keine \u00e4sthetische Erfahrung hervorgerufen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben diese \u00fcbergreifende \u00e4sthetische Funktion stellt Schm\u00fccker eine <em>spezielle<\/em> \u00e4sthetische Funktion, die explizit \u201eauf die Eigent\u00fcmlichkeit der \u00e4sthetischen Erfahrung von Kunstwerken Bezug nimmt\u201c (ebd.: 23): die \u201e<em>kunst\u00e4sthetische Funktion<\/em>\u201c (ebd.: 23). Sie unterscheidet sich in einem Punkt signifikant \u201evon der \u00e4sthetischen Erfahrung anderer Sinnesdinge\u201c (ebd.: 23). N\u00e4mlich \u201edadurch, dass sie in ein <em>Verstehen<\/em> einm\u00fcnden kann und <em>will<\/em>\u201c (ebd.: 24, Hervorhebungen S.O.). Es ist \u201eder Besitz der kunst\u00e4sthetischen Funktion, der ein Artefakt zu einem Kunstwerk <em>macht<\/em>\u201c (ebd.: 24, Hervorhebung S.O.); sie ist \u201edeshalb f\u00fcr Kunst <em>konstitutiv<\/em>\u201c (ebd.: 24, Hervorhebung S.O.). Andererseits ist es aber der intersubjektive Konsens des allgemeinen Sprachgebrauchs, der ein \u201eArtefakt zur Klasse der Kunstwerke <em>z\u00e4hl(t)<\/em>\u201c (ebd.: 18, Hervorhebung S.O.). Das hie\u00dfe aber theoretisch, dass bisweilen Artefakte zur Klasse der Kunstwerke gez\u00e4hlt werden k\u00f6nnen, die <em>nicht<\/em> im Besitz der kunst\u00e4sthetischen Funktion sind, also keine Kunstwerke sind (ob ein Artefakt \u201ediese Funktion erf\u00fcllen kann\u201c (ebd.: 25), ergo dass von bestimmten Artefakten gesagt werden kann, \u201edass sie (\u2026) Kunstwerke <em>sind<\/em>\u201c (ebd.: 25), entscheidet in einem intersubjektiven evaluativen Konsens allerdings wieder, so Schm\u00fccker, die Sprachgemeinschaft).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Schm\u00fccker fasst hier das \u201eKunstwerk (\u2026) als Medium eines diskontinuierlichen Kommunikationsgeschehens\u201c (Schm\u00fccker 2014: 282) auf, das dies als einen \u201eVerweisungszusammenhang eines Zu-verstehen-Gebens und eines Zu-verstehen-Suchens\u201c (ebd.: 282) begreift. Das \u201adiskontinuierliche Kommunikationsgeschehen\u2018 ist jedoch keines im \u201eHorizont des Verst\u00e4ndigungsparadigmas\u201c (ebd.: 282), ist es doch \u201e<em>strukturell<\/em> weder auf die Erzielung eines intersubjektiven Einverst\u00e4ndnisses noch \u00fcberhaupt auf Verst\u00e4ndigung der Interaktanten angelegt\u201c (ebd.: 282). Dem kann nur zugestimmt werden. Wobei eine Anmerkungen gestattet sein darf: An anderer Stelle haben wir gesehen, dass, im Gegensatz zum landl\u00e4ufigen Verst\u00e4ndnis, Verst\u00e4ndigung \u201enicht \u201ader Zweck\u2018 der Sprache (ist), sondern allenfalls einer unter vielen\u201c (Keller 2014: 135; cf. Wittgenstein 1977: 17, PU \u00a73). Das, was f\u00fcr das eine Medium der Kommunikation, das Kunstwerk, laut Schm\u00fccker prinzipiell gilt, gilt laut Keller graduell auch f\u00fcr das andere Medium der Kommunikation, die Sprache. Und damit, so ist zu vermuten, f\u00fcr jedwedes Kommunikationsgeschehen. Was wiederum jedwedes Kommunikationsgeschehen als ein in gewisser Weise <em>diskontinuierliches<\/em> ausweisen w\u00fcrde.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der \u201eInterpretation von Kunstwerken als Medien diskontinuierlicher Kommunikationsprozesse\u201c (Schm\u00fccker 2014: 283) bestimmt Schm\u00fccker Kunstwerke als \u201ekommunikative Zeichen\u201c (ebd.: 283), die einem Rezipienten etwas Bestimmtes mitteilen \u2013 jedoch in der Weise, dass er \u201elediglich mitgeteilt bekommt, <em>da\u00df<\/em> ihm eine bestimmte Mitteilung gilt, ohne da\u00df er deren Inhalt definitiv zu bestimmen verm\u00f6chte\u201c (ebd.: 283). Darin liegt, so Schm\u00fcckers Vermutung, \u201edas Wesen der Kunst\u201c (ebd.: 283). Indem der kunst\u00e4sthetischen Erfahrung also wesentlich ist, \u201edass sie in ein Verstehen einm\u00fcnden <em>kann<\/em>\u201c (ebd.: 24), ohne jedoch auf Verst\u00e4ndigung angelegt zu sein, stellt er sie zwar au\u00dferhalb des \u201aHorizonts des Verst\u00e4ndigungsparadigmas\u2018, aber doch innerhalb eines \u201aHorizonts des Verstehens-Paradigmas\u2018: Die kunst\u00e4sthetische Funktion zielt auf ein Verstehen-k\u00f6nnen, Verstehen-wollen, Zu-verstehen-Geben und Zu-verstehen-Suchen. Dies stellt als diskursive Funktion nicht nur das positive, kunstkonstitutive Momentum dar, sondern auch das negative, abgrenzende. Mit anderen Worten: das differenzierende Merkmal des Kunstwerks gegen\u00fcber anderen Gegenst\u00e4nden sinnlicher Wahrnehmung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Sinne unserer Eingangsfrage \u201aWas gibt es in der Kunst zu \u201averstehen\u2018?\u2018 l\u00e4sst sich an dieser Stelle nat\u00fcrlich fragen, wie denn dieses \u201aVerstehen\u2018, bezogen auf das einzelne Werk, das entsprechende Oeuvre, das einzelne Medium (z.B. Jazz, Rap, Klassik), die jeweilige Gattung (z.B. Musik), Epoche und Kultur, jeweils verstanden werden muss. Oder, wenn es hier ein alle Werke, Medien, Gattungen, Epochen und Kulturen \u00fcbergreifendes Verst\u00e4ndnis von \u201aVerstehen\u2018 geben sollte, wie dieses dann zu verstehen ist. Angenommen, wir w\u00fcrden, ungeachtet dieses ungel\u00f6sten Problemkomplexes,\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00fcber ein intersubjektiv konstituiertes, gemeinsames Verst\u00e4ndnis von \u201aVerstehen\u2018 verf\u00fcgen: Dass die kunst\u00e4sthetische Erfahrung \u201ein den Prozess eines tentativen Verstehens einm\u00fcnden <em>kann<\/em>\u201c (ebd.: 24, Hervorhebung S.O.), lie\u00dfe sich dann nicht, da bin ich mit Schm\u00fccker einig, plausibel bestreiten \u2013 aber <em>will<\/em> die kunst\u00e4sthetische Erfahrung auch darin einm\u00fcnden?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Da es sich auch bei der \u201akunst\u00e4sthetischen Erfahrung\u2018 wohl kaum um ein selbstt\u00e4tig agierendes Subjekt handeln kann, ist der Begriff \u201awill\u2018 hier etwas ungl\u00fccklich gew\u00e4hlt. Impliziert er doch eine zielgerichtete, bewusste, intentionale Handlung seitens der kunst\u00e4sthetischen Erfahrung. Diese sei ihrerseits wiederum auf die Kunstwerke zur\u00fcckzuf\u00fchren, da nur sie eine solch spezifische, in ein Verstehen einm\u00fcndende \u00e4sthetische Erfahrung hervorzurufen verm\u00f6gen. Was aber auch nicht der Fall sein kann, da es sich ja bei den Kunstwerken ebenso wenig um selbstt\u00e4tig agierende Subjekte handelt. Plausibler scheint mir folgende Formulierung zu sein: Bei der kunst\u00e4sthetischen Erfahrung handelt es sich um etwas, was ein <em>Kunstschaffender<\/em> durch ein Artefakt bei einem Rezipienten hervorrufen will. W\u00fcrde diese Formulierung goutiert werden, k\u00f6nnte die Struktur formal so dargestellt werden: Ein Kunstschaffender A will einen Rezipienten B durch ein Artefakt x zu einer kunst\u00e4sthetischen Erfahrung bewegen (in diesem Fall: zu einer, die in ein Verstehen einm\u00fcndet). Oder k\u00fcrzer gesagt: <em>A will B durch x zu etwas bewegen<\/em>. Kunstwerke, verstanden als kommunikative Zeichen, die einem Rezipienten etwas Bestimmtes mitteilen, Medien eines diskontinuierlichen Kommunikationsprozesses und intentionale Eingriffe in die \u201eallgemeinen diskursiven Kontexte ihrer Zeit\u201c (Skinner 2009b: 81) sind, m\u00fcssten damit nicht im \u201aHorizont des Verst\u00e4ndigungsparadigmas\u2018 oder eines \u201aVerstehens-Paradigmas\u2018 gesehen werden, sondern im \u201aHorizont des Beeinflussungsparadigmas\u2018, das wir in unserem Kommunikationsplanspiel als die grundlegende diskursive Funktion der perlokution\u00e4ren Kraft bestimmt haben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>9.<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Von den generellen \u00e4sthetischen Funktionen und der generellen kunstkonstitutiven \u00e4sthetischen Funktion unterscheidet Schm\u00fccker \u201ezwei Arten <em>potentieller<\/em> Funktionen\u201c (Schm\u00fccker 2001: 26, Hervorhebung S.O.): zum einen die kunstimmanenten Zwecken dienenden \u201e(i)nternen Funktionen\u201c (ebd.: 26), zum anderen die \u201eexternen Funktionen\u201c (ebd.: 27). W\u00e4hrend er in einer systematisch differenzierten, gleichwohl noch vorl\u00e4ufigen \u00dcbersicht (cf. ebd.: 28) vier interne Funktionen ausmacht (Traditionsbildungs-, Innovations-, Reflexions-, \u00dcberlieferungsfunktion), f\u00e4chert er die externen Funktionen in sechs Typen auf (kommunikative, dispositive, kognitive, mimetisch-mnestische, dekorative Funktionen), die ihrerseits wiederum in zahlreiche weitere Unterklassen aufgeschl\u00fcsselt werden. Eine beeindruckende Vielfalt verschiedener Funktionen, die es dem Rezipienten erm\u00f6glichen, bei der Rezeption eines Kunstwerks eine entsprechend genaue Zuordnung zu treffen. Mit einer Einschr\u00e4nkung: Als \u201edispositive Funktionen\u201c (ebd.: 28) kennzeichnet Schm\u00fccker die, die unter anderem \u201eein Gef\u00fchl, eine Verhaltensweise oder eine Disposition zu einem bestimmten Verhalten <em>hervorrufen<\/em>\u201c (ebd.: 29, Hervorhebung S.O.). Wie zum Beispiel die Funktionen, die \u201eFreude (\u2026) evozieren\u201c (ebd.: 29), \u201eeine melancholische Stimmung (\u2026) erzeugen\u201c (ebd.: 29) oder auch \u201e<em>Motivation<\/em> zu einem Verhalten\u201c (ebd.: 29) sein k\u00f6nnen. Was unterscheidet dann aber die kunstkonstitutive \u00e4sthetische Funktion, die beim Rezipienten eine \u00e4sthetische Erfahrung \u201ahervorruft\u2018, die in ein Verstehen einm\u00fcnden kann und will (cf. Schm\u00fccker 2001: 26), <em>strukturell<\/em> von der Bestimmung der dispositiven Funktionen? Ist die kunst-konstitutive \u00e4sthetische Funktion nicht vielleicht auch eine dispositive Funktion? Und handelt es sich bei der \u201adispositiven Funktion\u2018 nicht gar um das, was wir an anderer Stelle \u201aperlokution\u00e4re Kraft\u2018 genannt haben: <em>A will B durch x zu etwas bewegen<\/em>? Was, wenn dem so w\u00e4re, einen deutlichen Fingerzeig darstellen w\u00fcrde, wie unsere Eingangsfrage <em>\u201aWas gibt es in der Kunst zu \u201averstehen\u2018? <\/em>beantwortet werden k\u00f6nnte.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was gibt es in der Kunst zu \u201everstehen\u201c?<\/strong>, Rigorose Reflexionen zum Kunstbegriff von Stefan Oehm.\u00a0 K\u00f6nigshausen &amp; Neumann, 2021<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/oehm_Kunst2-scaled-e1617188402283.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-81219 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/oehm_Kunst2-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" \/><\/a>Die inflation\u00e4re Verwendung des zentralen Terminus technicus im Kunstdiskurs geht mit einer befremdlichen sprachlichen Sorglosigkeit einher. Keiner der Beteiligten nimmt eine systematische Begriffsdifferenzierung vor, um sicherzustellen, dass alle wissen, wor\u00fcber sie reden, wor\u00fcber sie miteinander reden und wor\u00fcber der Andere redet. Wie kann ein Verstehen gew\u00e4hrleistet sein, wenn nicht dieses Wissen gew\u00e4hrleistet ist? \u00dcber welchen Begriff \u203averstehen\u2039 reden wir in der Kunst? Geht es in der Kunst \u00fcberhaupt darum, etwas zu verstehen oder verstehen zu geben? Die hier vorliegenden f\u00fcnf Aufs\u00e4tze widmen sich einigen grunds\u00e4tzlichen \u00dcberlegungen, um von diversen liebgewonnenen Topoi Abschied zu nehmen. Helfen werden Gedanken des Ethnologen Clifford Geertz, den sein Unbehagen an der mangelnden begrifflichen Pr\u00e4zision deutender Ans\u00e4tze zum Konzept der \u203aDichten Beschreibung\u2039 f\u00fchrte. Des Weiteren jene des Historikers Quentin Skinner, der den Mythen der R\u00fcckprojektion bestehender Konzepte in die Vergangenheit und historischer Kontinuit\u00e4ten Einhalt bot. Und nicht zuletzt des Anthropologen Michael Tomasello, der die Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t als Basis menschlicher Kommunikation und kooperativen Handelns identifizierte \u2013 die Basis dessen, was wir so gerne Kunst nennen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO w\u00fcrdigte das Buch <em>Wor\u00fcber reden wir, wenn wir \u00fcber Kunst reden?<\/em> von Stefan Oehm mit einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/15\/nachdenken-ueber-kunst\/\">Rezensionsessay<\/a>. &#8211; Eine Leseprobe finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/05\/01\/worueber-reden-wir-wenn-wir-ueber-kunst-reden-teil-1\/\">hier<\/a>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Adler<\/strong>, Alfred (1933): Der Sinn des Lebens, online unter: https:\/\/www.textlog.de\/alfred-adler-sinn-des-lebens.html, zuletzt abgerufen am: 10.04.2020<strong><br \/>Adorno<\/strong>,Theodor W. (<sup>7<\/sup>2019): \u00c4sthetische Theorie, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Austin<\/strong>, John L. (1979): Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with Words), Stuttgart: Reclam Verlag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Austin<\/strong>, John L. (1962): How to do things with Words\u2018, London: Oxford University Press. Online unter: <a href=\"https:\/\/pure.mpg.de\/rest\/items\/item_2271128_6\/component\/file_2271430\/content\">https:\/\/pure.mpg.de\/rest\/items\/item_2271128_6\/component\/file_2271430\/content<\/a>, zuletzt abgerufen am 27.02.2020<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Deutscher<\/strong>, Guy (<sup>5<\/sup>2020): \u201aIm Spiegel der Sprache \u2013 Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht\u2018, M\u00fcnchen: Verlag C.H.Beck<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gaab<\/strong>, Jens et al. (2019): <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1037\/aca0000280\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Impact of contextualizing information on aesthetic experience and psychophysiological responses to art in a museum: A naturalistic randomized controlled trial<\/a>, in: Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gaab<\/strong>, Jens et al. (2020): (Pressenotiz), online unter: <a href=\"https:\/\/www.unibas.ch\/de\/Aktuell\/News\/Uni-Research\/Kunst-spricht-fuer-sich-und-laesst-Herzen-schneller-schlagen.html?fbclid=IwAR3vpU-cYtNV8_7xc6ON0BVV0eZ5ByQuynWpWh7nNoOtu36gPFZa7saC4ko\">https:\/\/www.unibas.ch\/de\/Aktuell\/News\/Uni-Research\/Kunst-spricht-fuer-sich-und-laesst-Herzen-schneller-schlagen.html?fbclid=IwAR3vpU-cYtNV8_7xc6ON0BVV0eZ5ByQuynWpWh7nNoOtu36gPFZa7saC4ko<\/a>, zuletzt abgerufen am 01.04.2020<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gadamer<\/strong>, Hans-Georg (<sup>4<\/sup>1975): Wahrheit und Methode, T\u00fcbingen: J.C.B. Mohr.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gadamer<\/strong>, Hans-Georg (2012): Die Aktualit\u00e4t des Sch\u00f6nen, Stuttgart: Reclam Verlag.<strong><br \/>Geertz<\/strong>, Clifford (1987\/1983): Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur, in: Dichte Beschreibung \u2013 Beitr\u00e4ge zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<strong><br \/><\/strong><strong>Grice<\/strong>, Herbert Paul (1957\/1979): Intendieren, Meinen, Bedeuten. in: Georg Meggle (Hrsg.), Handlung Kommunikation Bedeutung, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Grice<\/strong>, Herbert Paul (1968\/1979): Sprecher-Bedeutung, Satz-Bedeutung, Wort-Bedeutung. in: Georg Meggle (Hrsg.), Handlung Kommunikation Bedeutung, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Grice<\/strong>, Herbert Paul (1972-73\/1979): Sprecher-Bedeutung und Intentionen. in: Georg Meggle (Hrsg.), Handlung Kommunikation Bedeutung, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kant<\/strong>, Immanuel (1975): Mutma\u00dflicher Anfang der Menschengeschichte (1784), in: Was ist Aufkl\u00e4rung? Aufs\u00e4tze zur Geschichte und Philosophie, G\u00f6ttingen: Vandenhoek &amp; Ruprecht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kant<\/strong>, Immanuel (<sup>4<\/sup>1979): Kritik der Urteilskraft, Werkausgabe Band X, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kanz<\/strong>, Roland (2014): Kunst\u201a in: Enzyklop\u00e4die der Neuzeit Online; online unter: http:\/\/dx.doi.org\/10.1163\/2352-0248_edn_a5043000 (abgerufen am 23. Dezember 2018)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kebeck<\/strong>, G\u00fcnther\/ Schroll, Henning (2011): Experimentelle \u00c4sthetik, Wien: UTB\/Facultas Universit\u00e4tsverlag. <strong><br \/>Keller<\/strong>, Rudi (<sup>4<\/sup>2014): Sprachwandel, T\u00fcbingen: A. Francke Verlag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Liedtke<\/strong>, Frank (2016): Moderne Pragmatik, T\u00fcbingen: Narr Francke Attempto Verlag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lu<\/strong><strong>\u0308<\/strong><strong>deking<\/strong>, Karlheinz (1998\/1988): Analytische Philosophie der Kunst, Mu\u0308nchen: UTB\/Wilhelm Fink Verlag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Luhmann, Niklas<\/strong> (<sup>9<\/sup>2017): Die Kunst der Gesellschaft, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Oehm<\/strong>, Stefan (2019a): Entwurf einer grunds\u00e4tzlichen Er\u00f6rterung des Begriffs &#8218;Kunst&#8216;, in: Mythos Magazin (<a href=\"http:\/\/www.mythos-magazin.de\/erklaerendehermeneutik\/so_kunst.htm\">http:\/\/www.mythos-magazin.de\/erklaerendehermeneutik\/so_kunst.htm<\/a>)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Oehm<\/strong>, Stefan (2019b): Wor\u00fcber reden wir, wenn wir \u00fcber Kunst reden?, W\u00fcrzburg: Verlag K\u00f6nigshausen &amp; Neumann.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ransmayr<\/strong>, Christoph (2019): Eine Zierde f\u00fcr den Verein, in: Arznei gegen die Sterblichkeit, Frankfurt a. M.: S. Fischer Verlag.<strong><br \/>Ryle<\/strong>, Gilbert (1969): Der Begriff des Geistes, Stuttgart: Reclam Verlag.<strong><br \/><\/strong><strong>Schm\u00fccker<\/strong>, Reinold (2001): Funktionen der Kunst, in: Bernd Kleimann\/Reinold Schm\u00fccker (Hg.), Wozu Kunst? Die Frage nach ihrer Funktion, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schm\u00fccker<\/strong>, Reinold (2003): Kunstkritik als demokratischer Prozess, in: Kunst und Demokratie \u2013 Positionen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Sonderheft Jg. 2003 der Zeitschrift f\u00fcr \u00c4sthetik und Allgemeine Kunstwissenschaft, Hamburg: Felix Meiner Verlag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schm\u00fccker<\/strong>, Reinold (2006): Kann das sch\u00f6nste M\u00e4dchen jemals h\u00e4\u00dflich sein?, in: Im Schatten des Sch\u00f6nen \u2013 Die \u00c4sthetik des H\u00e4\u00dflichen in historischen Ans\u00e4tzen und aktuellen Debatten, Bielefeld: Aisthesis Verlag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schm\u00fccker<\/strong>, Reinold (<sup>2<\/sup>2014): Was ist Kunst? Eine Grundlegung, Frankfurt a. M.: Verlag Vittorio Klostermann.<strong><br \/><\/strong><strong>Searle<\/strong>, John R. (1983): Sprechakte, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Skinner<\/strong>, Quentin (2009a): \u00dcber Interpretation, in: Visionen des Politischen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Skinner<\/strong>, Quentin (2009b): Interpretation und das Verstehen von Sprechakten, in: Visionen des Politischen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sontag<\/strong>, Susan (11 2015a): Gegen Interpretation, in: Kunst und Antikunst, Frankfurt a. M.: S. Fischer Verlag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sontag<\/strong>, Susan (11 2015b): \u00dcber den Stil, in: Kunst und Antikunst, Frankfurt a. M.: S. Fischer Verlag.<strong><br \/>Tomasello<\/strong>, Michael (<sup>4<\/sup>2017): Die Urspr\u00fcnge der menschlichen Kommunikation, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ullrich<\/strong>, Wolfgang (2000):Mit dem R\u00fccken zur Kunst. Die neuen Statussymbole der Macht, Berlin: Klaus Wagenbach.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wiesing<\/strong>, Lambert (<sup>2<\/sup>2013): Sehen lassen \u2013 Die Praxis des Zeigens, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag.<strong><br \/>Wittgenstein<\/strong>, Ludwig (1977): Philosophische Untersuchungen, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wittgenstein<\/strong>, Ludwig (<sup>15<\/sup>1980): Tractatus logico-philosophicus \u2013 Logisch-philosophische Abhandlung, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wolff<\/strong>, Stephan (1992): Die Anatomie der Dichten Beschreibung, in: Soziale Welt: Zeitschrift f\u00fcr Sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis,\u00a0Sonderband (8), online unter: <a href=\"https:\/\/www.uni-hildesheim.de\/media\/fb1\/sozialpaedagogik\/Mitglieder\/Wolff\/Papiere\/Wolff_-_Die_Anatomie_der_Dichten_Beschreibung.pdf\">https:\/\/www.uni-hildesheim.de\/media\/fb1\/sozialpaedagogik\/Mitglieder\/Wolff\/Papiere\/Wolff_-_Die_Anatomie_der_Dichten_Beschreibung.pdf<\/a> (zuletzt abgerufen am: 25.03.2020).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wyss<\/strong>, Beat (2018): Reiche sind immer reich geblieben, Artikel in: F.A.S. 23. Dezember 2018.<\/p>\r\n\r\n\r\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Siehe die Differenzierung der Gebrauchsebenen und Gebrauchsregeln des Wortes <em>Kunst<\/em> in: \u201aEntwurf einer grunds\u00e4tzlichen Er\u00f6rterung des Begriffs \u201aKunst&#8217;\u2018 (Oehm 2019a: 10, auch Oehm 2019b: 272).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Mit der Vernunft ist der Mensch \u201eaus der Vormundschaft der Natur in den Stand der Freiheit\u201c (Kant 1975: 68) entlassen. \u201eIndessen ist dieser Gang, der f\u00fcr die Gattung ein Fortschritt vom Schlechteren zum Besseren ist, nicht eben das n\u00e4mliche f\u00fcr das Individuum\u201c (ebd.: 68). Das Individuum sieht \u201eim Gebrauche seiner Freiheit blo\u00df auf sich selbst\u201c (ebd.: 68) \u2013 \u201edie Geschichte der Freiheit (f\u00e4ngt also) vom B\u00f6sen (an), denn sie ist Menschenwerk\u201c (ebd.: 68).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Wie dieser Begriff \u201aSprache\u2018, so wird auch der Begriff \u201aKunst\u2018 (im Sinne eines Oberbegriffs aller k\u00fcnstlerischer Sch\u00f6pfungen \u2013 er entstand erst im sp\u00e4ten 18. und fr\u00fchen 19. Jahrhundert) gerne als \u201aKollektivsingular\u2018 bezeichnet (cf. Schm\u00fccker 2006: 241, Roland Kanz 2014, Beat Wyss 2018). Was nicht ganz zutreffend ist. Denn Kollektivsingular wird ein Begriff genannt, der zwar im Singular steht, f\u00fcr den es aber auch einen Plural gibt. Bei dem im Sinne eines Oberbegriffs benutzten Begriffs \u201aKunst\u2018 f\u00fchrt die Verwendung im Plural jedoch zu einer Ver\u00e4nderung der qualitativen Bedeutung des Singulars. Oder ums kurz zu sagen: <em>Diesen<\/em> Begriff \u201aKunst\u2018 gibt es <em>ausschlie\u00dflich<\/em> im Singular. Es ist demnach kein \u201aKollektivsingular\u2018, sondern ein \u201anicht z\u00e4hlbares Substantiv\u2018: Der Singular \u201adie Kunst\u2018 bezeichnet etwas qualitativ anderes als der Plural \u201adie K\u00fcnste\u2018.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Cf. Zur Kritik an der Theorie von Benjamin Lee Whorf: Guy Deutscher \u201aIm Spiegel der Sprache \u2013 Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht\u2018, insbesondere Kap. 6 \u201aDer mit dem Whorf tanzt\u2018.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Die Antwort lautet nat\u00fcrlich wenig \u00fcberraschend: <em>niemand<\/em>. Denn Kontingenz pr\u00e4gt unser selbst wiederum kontingentes Wissen dar\u00fcber, dass unser Wissen relativ ist. Insofern steht alles, zumindest in der Geistesgeschichte Gesagte, stets unter Kontingenzvorbehalt. Auch dies.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Ihren fulminanten Essay \u201aGegen Interpretation\u2018 von 1964 beschlie\u00dft Susan Sontag mit dem eindringlichen Appell: \u201eStatt einer Hermeneutik brauchen wir eine Erotik der Kunst\u201c (Sontag 2015a: 22). Susan Sontags heiliger Furor gegen die im klassischen Sinne verstandene Hermeneutik, gegen die Interpretationssucht insbesondere der Kunstkritik, ihr vehementes Insistieren auf die Autonomie des Kunstwerks, die sie als die \u201eFreiheit, nichts zu bedeuten\u201c definierte (Sontag 2015b: 37), ist nur zu verst\u00e4ndlich. Denn sollte unsere erste Ann\u00e4herung an ein Artefakt der <em>reflexive<\/em> Zugang sein, so distanzieren wir uns gleich zu Beginn auf grunds\u00e4tzliche Weise vom Kunstwerk. Ich schiebe den Verstand zwischen das Werk und mir. Halte Abstand zu ihm. Mache es zum Objekt meiner be-deutenden Betrachtung. Versuche es mir im subjektiven Zugriff, der sich rational-objektiv geriert, untertan zu machen statt ihm auf Augenh\u00f6he zu begegnen. So mache ich das Kunstwerk zum permanenten Ziel \u00fcbergriffiger Interpretationen, wo es mir doch Impuls und Inspiration sein sollte (dazu sp\u00e4ter mehr).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> Wenn ich etwas im Rahmen eines sozialen Diskurses tue (zum Beispiel, indem ich etwas sage), so erziele ich <em>dadurch<\/em> beim Rezipienten, ganz allgemein gesagt, in der Regel eine bestimmte Wirkung. Dies kann die unmittelbar beabsichtigte Folge meines Handelns, das intendierte perlokution\u00e4re Ziel (<em>perlocutionary object<\/em>, Austin 1979: 134 und Austin 1962: 117) sein, es kann sich dabei aber auch um eine Wirkung zweiter Ordnung handeln: um das intendierte perlokution\u00e4re Nachspiel (<em>perlocutionary sequel<\/em>, Austin 1979: 134 und Austin 1962: 117). Ein solches Nachspiel kann sich allerdings ohne Weiteres auch <em>nicht-intendiert<\/em> einstellen: Ich will jemanden durch mein Warnen (Illokution) erschrecken (Perlokution). Leider erschrickt er sich, da er herzkrank ist, dabei zu Tode (<em>nicht-intendiertes<\/em> perlokution\u00e4res Nachspiel). Wei\u00df ich aber, dass er herzkrank ist, kann dies durchaus auch ein <em>intendiertes<\/em> perlokution\u00e4res Nachspiel gewesen sein. Was, zumindest dann, f\u00fcr mich auch ein juristisches Nachspiel h\u00e4tte. John L. Austin spricht davon, dass, wenn ich einen illokution\u00e4ren Akt vollziehe, ich <em>dadurch<\/em>, dass ich diese \u00c4u\u00dferung mache, in der Regel bei dem anderen auch bestimmte <em>wichtige<\/em> Wirkungen erziele. Was\u00a0 <em>bisweilen<\/em> \u201emit dem Plan, in der Absicht, zu dem Zweck\u201c (Austin 1979: 118) erfolgt, sie zu bewirken: \u201eSaying something will often, or even normally, produce certain consequential effects upon the feelings, thoughts, or actions of the audience, or of the speaker, or of other persons: and it may be done with the design, intention, or purpose of producing them\u201c (Austin 1962: 101). Bei diesen \u201aconsequential effects\u2018 handelt es sich um \u201aperlocutionary sequels\u2018, um perlokution\u00e4re Nachspiele (E. v. Savigny). Werden nun diese \u201aeffects\u2018 \u2013 geplant oder ungeplant, intendiert oder nicht intendiert, bezweckt oder nicht \u2013 dadurch erzielt, dass man die \u00c4u\u00dferung macht, \u201e(w)e shall call the performance of an act of this kind the performance of a <em>perlocutionary act <\/em>or<em> perlocution<\/em>\u201c (ebd.: 101, Hervorhebung S.O.).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref8\">[8]<\/a> Dieses immanente Ziel der Perlokution bzw. des perlokution\u00e4ren Aktes beschreibt das, was der Linguist Rudi Keller als das vorrangige Ziel eines <em>jeden<\/em> kommunikativen Aktes identifiziert hat (Keller 2014: 135). Meine These ist, dass es sich dabei um etwas handelt, was man den grundlegenden Impuls f\u00fcr Beginn und Fortf\u00fchrung eines jedes dialogischen Konstrukts, unter Vorbehalt ggf. sogar eines jeden sozialen Diskurses nennen k\u00f6nnte (dialogische Konstrukte sind immer reziprok, soziale Diskurse nicht zwingend \u2013 das ist der grundlegende Unterschied zwischen dem Gespr\u00e4ch und dem \u201aGespr\u00e4ch\u2018, von im Folgenden bei Clifford Geertz die Rede ist). Und auch f\u00fcr das, was ich an anderer Stelle \u2013 die <em>Empf\u00e4nglichkeit<\/em>, also die dispositionelle Grundverfassung des Rezipienten und Interpreten vorausgesetzt \u2013 die <em>Inspiration zur Assoziation<\/em> und <em>Inspiration zur Interpretation<\/em> durch die Artefakte genannt habe (cf. Oehm 2019b: 64): Sie k\u00f6nnen das <em>intendierte,<\/em> aber auch das <em>nicht-intendierte<\/em> perlokution\u00e4re Nachspiel des Kunstschaffens der K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler sein. Mit anderen Worten: das, zu dem ich mich als Rezipient oder Interpret durch das Artefakt bewegt <em>f\u00fchle<\/em>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref9\">[9]<\/a> Ich bin mir durchaus der Gefahr bewusst, die in meiner tentativen Verwendung des Geertz\u2019schen Begriffs \u201aGespr\u00e4ch\u2018, der so kondensiert das \u201eLeitmotiv der Arbeiten von Geertz\u201c (Wolff 1992: 344) beschreibt, in diesem Kontext steckt. Zu schnell k\u00f6nnte in meinem kleinen <em>Planspiel<\/em>, das ganz im Sinne des Geertz\u2019schen Konzepts allein der \u201eEr\u00f6ffnung von Erkenntnism\u00f6glichkeiten\u201c (ebd.: 354) dient, diese Metaphorik f\u00fcr bare M\u00fcnze genommen werden, k\u00f6nnte das \u201aGespr\u00e4ch\u2018 als Gespr\u00e4ch verstanden werden (cf. dazu: Stephan Wolff \u201aDie Anatomie der Dichten Beschreibung \u2013 Clifford Geertz als Autor\u2018). Aber manchmal fehlen einem im eigentlichen Sinne des Wortes die Worte. Und man greift mit einigem Bauchgrummeln zu eing\u00e4ngigen Hilfskonstruktionen, um z.B., wie in diesem Planspiel, alltagssprachlich verst\u00e4ndlich Kunst als semiotisches System und kommunikative Praxis zu beschreiben: Wenn wir versuchen, mit den k\u00fcnstlerisch Schaffenden, gleich welcher Epoche, gleich welcher Kultur, \u201eins Gespr\u00e4ch (zu) kommen (\u2026) und zwar in jenem weiteren Sinn des Wortes, der mehr als nur Reden meint\u201c (Geertz 1987: 20), k\u00f6nnen wir vielleicht so einen bescheidenen Beitrag dazu leisten, einen Begriff von \u201averstehen\u2018 zu entwickeln, der auf alle Epochen, alle Kulturen, alle Gattungen und singul\u00e4ren k\u00fcnstlerischen Ent-\u00c4u\u00dferungen, der physischen, mentalen oder auch transitorischen Artefakte, anwendbar ist. Das hilft uns ggf. auch ein wenig besser zu verstehen, was wie in welcher Epoche, Kultur, Gesellschaft, sozialen Gruppe in welcher Kunstgattung bei welchem Kunstschaffenden bei welchem ihrer\/seiner Artefakte zu \u201averstehen\u2018 ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref10\">[10]<\/a> Clifford Geertz spricht ganz bewusst nicht von \u201aEthnologie\u2018, sondern von \u201aEthno<em>graphie<\/em>\u2018. In einer seiner wohl am meisten zitierten Passagen fragt er lapidar: \u201e\u201aWas macht der Ethnograph?\u2018 Antwort: er schreibt!\u201c (Geertz 1987: 28). Und entsprechend definiert er: \u201eEthnographie ist dichte Beschreibung\u201c (ebd.: 15). Insofern ist der Begriff \u201adichte Beschreibung\u2018 w\u00f6rtlich zu nehmen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref11\">[11]<\/a> Es handelt sich um den \u201aProzess der unsichtbaren Hand\u2018, den der Linguist Rudi Keller in seinem Werk \u201aSprachwandel &#8211; Von der unsichtbaren Hand in der Sprache\u2018 in aller Ausf\u00fchrlichkeit dargestellt hat: Ein soziokulturelles Ph\u00e4nomen ist in der Regel die kollektive, weder intendierte noch geplante \u201ekausale Konsequenz einer Vielzahl individueller intentionaler Handlungen, die mindestens partiell \u00e4hnlichen Intentionen dienen\u201c (Keller 2014: 93). Sie sind also von niemandem intendierte kollektive Epiph\u00e4nomene individueller intentionaler Handlungen: \u201eEinrichtungen, die in der Tat das Ergebnis menschlichen Handelns sind, nicht die Durchf\u00fchrung eines menschlichen Plans\u201c (ebd.: 58). Ergebnisse, die stets unter Kontingenzvorbehalt stehen. Frei nach Alfred Adler: \u201a(A)lles kann auch anders sein\u2018 (Adler, <em>Der Sinn des Lebens<\/em> [1933]).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref12\">[12]<\/a> Cf. das handlungstheoretische Grundmodell des britischen Sprachphilosophen Herbert Paul Grice. Dazu Liedtke 2016: 34ff., auch Oehm 2019b: 35ff.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref13\">[13]<\/a> Rudi Keller: \u201aSprachwandel &#8211; Von der unsichtbaren Hand in der Sprache\u2018 (<sup>4<\/sup>2014).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref14\">[14]<\/a> Damit sind wir wieder bei der intentionalen singul\u00e4ren Gebrauchsweise eines Wortes, Zeichens oder Codes, die <em>strukturell <\/em>den Beginn der Etablierung einer jeden Regel des Gebrauchs, also der Bedeutung darstellt\u00a0\u2013 das hei\u00dft: Wir sind wieder beim handlungstheoretischen Modell von Grice (Oehm 2019a: 6ff, auch: Oehm 2019b: 36ff.).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref15\">[15]<\/a> Sollte es nicht m\u00f6glich sein, Begriffe wie \u201aKunst\u2018 oder \u201averstehen\u2018 verbindlich zu kl\u00e4ren, so sollten wir uns sp\u00e4testens dann an den Hinweis des fr\u00fchen Wittgenstein erinnern, den er seinen Lesern im Vorwort des \u201aTractatus logico-philosophicus\u2018 gegeben hat: \u201eWas sich \u00fcberhaupt sagen l\u00e4\u00dft, l\u00e4\u00dft sich klar sagen und wovon man nicht reden kann, dar\u00fcber mu\u00df man schweigen\u201c (Wittgenstein 1980: 7). Wobei damit nicht dem Denken, sondern vielmehr dem \u201e<em>Ausdruck<\/em> der Gedanken\u201c (ebd.: 7, Hervorhebung S.O.) eine Grenze gezogen wird \u2013 denn eine Grenze des Denkens kann gar nicht gedacht werden: \u201e(U)m dem Denken eine Grenze zu ziehen, m\u00fc\u00dften wir beide Seiten dieser Grenze denken k\u00f6nnen (wir m\u00fc\u00dften also denken k\u00f6nnen, was sich nicht denken l\u00e4\u00dft)\u201c (ebd.: 7). Was \u00fcbrigens der Grund daf\u00fcr ist, warum wir, auch wenn wir glauben, das tun zu k\u00f6nnen, den Tod nicht als Grenze und damit auch nicht als \u00dcbertritt in ein anderes Reich denken k\u00f6nnen: \u201eDer Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht.\u201c (ebd.: 113, 6.4311). Wir k\u00f6nnen die Sache immer nur von einer Seite aus betrachten. Die andere kann nicht gedacht werden. Genauer gesagt: Wir k\u00f6nnen den Sachverhalt nicht als zwei Seiten denken. Weshalb die Rede vom Dies- und Jenseits, logisch betrachtet, Unfug ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref16\">[16]<\/a> Austin diskutiert Perlokutionen nur im Rahmen seiner Theorie der Sprechakte, die i.W. eine Theorie der Illokutionen, also konventionaler Sprechakte ist. Perlokutionen sind f\u00fcr ihn <em>nicht<\/em>-konventionale Sprechakte, die ein Sprecher vollzieht, wenn er etwas \u201emit dem Plan, in der Absicht, zu dem Zweck\u201c (Austin 1979: 118) \u00e4u\u00dfert, bestimmte <em>Wirkungen<\/em> beim Angesprochenen auszul\u00f6sen. Es spricht aber nichts dagegen, dass statt der Illokutionen auch Sprechakte, die auf singul\u00e4re Sprecher-Intentionen rekurrieren, perlokution\u00e4re Akte implizieren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref17\">[17]<\/a> Ob im Rahmen dieser beim Einzelnen auch teilweise <em>gewohnheitsm\u00e4\u00dfig<\/em> ablaufenden allt\u00e4glichen sprachlich-kommunikativen Akte Vorsatzabsichten stets vors\u00e4tzlich, bewusst und geplant sind? Meine intuitive Vermutung ist, dass dem nicht so ist. Was, sollte es der Fall sein, zur Folge h\u00e4tte, dass der Begriff \u201aVorsatzabsicht\u2018 selbst einer eingehenden Pr\u00fcfung unterzogen werden m\u00fcsste. \u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref18\">[18]<\/a> Zur Funktion der Kunst insbesondere: Reinold Schm\u00fccker \u201aFunktionen der Kunst\u2018 (Schm\u00fccker 2001: 13ff.), auch: \u201aKunstkritik als demokratischer Prozess\u2018 (Schm\u00fccker 2003: 108), \u201aKann das sch\u00f6nste M\u00e4dchen jemals h\u00e4\u00dflich sein? (Schm\u00fccker 2006: 251ff.)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref19\">[19]<\/a> Ob die Interpretation des Gemeinten durch den Angesprochenen mit der vom Sprecher intendierten Interpretation \u00fcbereinstimmt, kann \u201enur wechselseitig unterstellt werden\u201c (Liedtke 2016: 40). In einer dialogisch konzipierten, kooperativen Gespr\u00e4chssituation kann der Angesprochene unter anderem durch Nachfrage versuchen, seine unterstellte Interpretation zu verifizieren. Diese M\u00f6glichkeit zur Verifikation bleibt dem Rezipienten bei der Interpretation vergangener \u00c4u\u00dferungen jedoch vielfach verwehrt. So, wenn Sprecher\/Autor verstorben sind.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref20\">[20]<\/a> Auf dieses Modell rekurriert der Anthropologe und Verhaltensforscher Michael Tomasello in seinem Buch \u201aDie Urspr\u00fcnge der menschlichen Kommunikation\u2018. Darin f\u00fchrt er aus, dass das dem Grice\u2018schen Konzept inh\u00e4rente Prinzip der geteilten Intentionalit\u00e4t Kennzeichen <em>allein<\/em> menschlicher Interaktion und Mater seines kooperativen Handelns ist: \u201eDie unabdingbare Voraussetzung gemeinschaftlicher Handlungen ist ein gemeinsames Ziel und eine gemeinsame Festlegung der Beteiligten darauf, dieses Ziel zu verfolgen, wobei alle wechselseitig verstehen, dass sie dieses gemeinsame Ziel und die Festlegung teilen\u201c (Tomasello 2017: 195). Die <em>perlocutionary force<\/em> w\u00fcrde sich, wenn unsere Planspiel Gewissheit w\u00e4re, damit sogar als ein konstitutives Momentum <em>jeglicher<\/em> kooperativer Zusammenarbeit und sozialer Interaktion erweisen. Sie beginnt strukturell beim Einzelnen, der bei einem anderen etwas durch etwas bewirken will (jede Erkl\u00e4rung soziokultureller Ph\u00e4nomene hat strukturell beim Einzelnen zu beginnen. Sonst erkl\u00e4rt eine Erkl\u00e4rung nicht, sondern beschreibt und behauptet nur). Im Falle von Grice und Tomasello: ein Verst\u00e4ndnis des Gemeinten, das noch nicht sozial festgelegt ist und bei dem noch kein gemeinsamer Kontext konstituiert wurde. Dies geschieht erst in einem Prozess kooperativen Handelns, an dem \u201eProzesse geteilter Intentionalit\u00e4t\u201c (ebd.: 83) beteiligt sind. Bei ihnen besteht, wie Tomasello mit Rekurs auf John R. Searle sagt, die stillschweigende Auffassung, dass der andere ein \u201eKandidat f\u00fcr kooperatives Handeln\u201c (ebd.: 84) und damit f\u00fcr jede Unterhaltung resp. jeden sozialen Diskurs ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref21\">[21]<\/a> G\u00fcnther Kebeck\/Henning Schroll \u201aExperimentelle \u00c4sthetik\u2018: \u201eNoch wesentlicher f\u00fcr die \u00c4sthetikforschung als die erlebte Diskrepanz (zwischen \u00e4sthetischen Erleben und dessen retrospektivem Bericht, S.O.) ist die Beobachtung der Neurowissenschaften, dass die zugrunde liegenden Prozesse so schnell und automatisiert ablaufen, dass sie einer Introspektion nicht zug\u00e4nglich sind. Werden Probanden befragt, k\u00f6nnen sie nur spekulieren. Die verbalen Aussagen k\u00f6nnen sich nur auf das Ergebnis, nicht auf den Prozess beziehen\u201c (Kebeck\/Schroll 2011: 184). Und eine aktuelle Studie einer Gruppe von Psychologinnen und Psychologen der Universit\u00e4t Basel um Jens Gaab relativiert den Einfluss beschreibender und erkl\u00e4renden Informationen auf physische Konsequenzen \u00e4sthetischen Empfindens: \u201eHingegen wirkten sich Eigenschaften der Kunstwerke selbst auf das \u00e4sthetische Erleben aus. So waren die k\u00f6rperlichen Reaktionen (\u2026) st\u00e4rker als vor Beginn der Kunstbetrachtung und unterschieden sich auch signifikant je nach Gem\u00e4lde\u201c (Gaab et al. 2020: Pressenotiz) \u2013 die Betrachtung der Bilder lie\u00df die Herzen der Probanden im wahrsten Sinne des Wortes schneller schlagen. \u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref22\">[22]<\/a> \u201eDie Wahl dieses Namens hat Vor- und Nachteile. Von Nachteil ist, da\u00df die Metapher der unsichtbaren Hand (\u2026) eher in die Irre f\u00fchrt, indem sie suggeriert, es handle sich um etwas Geheimnisvolles, Undurchschaubares. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Eine Invisible-hand-Theorie will Strukturen erkl\u00e4ren und Prozesse sichtbar machen. Und zwar solche Strukturen, die Menschen, ohne da\u00df sie dies beabsichtigen oder auch nur merken, (\u2026) erzeugen. (\u2026) Der Nachteil dieser Metapher (\u2026) wird durch den Vorteil aufgehoben, da\u00df sie im Bereich der politischen Philosophie sowie der Theorie der Volkswirtschaft allgemein bekannt und eingef\u00fchrt ist\u201c (Keller 2014: 96).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref23\">[23]<\/a> F\u00fcr den Philosophen Hans-Georg Gadamer ist das Spiel eine der Wesensbestimmungen der Kunst: als ein freies Spiel, das Mitspielen verlangt, \u201edie participatio, die innere Teilnahme\u201c (Gadamer 2012: 39). Dabei ist \u201eder Zuschauer (\u2026) offenkundig mehr als nur ein blo\u00dfer Beobachter, der sieht, was vor sich geht, sondern ist als einer, der am Spiel \u201ateilnimmt\u2018, ein Teil von ihm\u201c (ebd.: 39). Und weiter in einer Deutlichkeit, die nichts zu w\u00fcnschen \u00fcbrigl\u00e4sst: \u201eDer Mitspieler geh\u00f6rt zum Spiel\u201c (ebd.: 42).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref24\">[24]<\/a> Der Schriftsteller Christoph Ransmayr spricht in seiner Rede \u201aEine Zierde f\u00fcr den Verein\u2018 in diesem Zusammenhang von einem \u201eProze\u00df der Verwandlung\u201c (Ransmayr 2019: 34).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref25\">[25]<\/a> Eine wesentliche Differenz zwischen dem, was die \u00c4sthetik als das \u201aKunstsch\u00f6ne\u2018 und dem, was sie als das \u201aNatursch\u00f6ne\u2018 benennt, ist das Fehlen eben dieser grundlegenden Struktur beim \u201aNatursch\u00f6nen\u2018. Bei ihm gibt es kein A, der bei B durch x etwas bewegen will. Keine perlokution\u00e4re Kraft, keine intentionale Handlung, kein Ansto\u00df zum Dialog oder, ganz allgemein, zum sozialen Diskurs. Es gibt nur B, dessen dispositionelle Grundverfassung, die eine spezifische Empf\u00e4nglichkeit f\u00fcr bestimmte \u201a\u00c4u\u00dferungen\u2018 erst m\u00f6glich macht, sowie Ph\u00e4nomene im naturwissenschaftlichen Sinne von Ursache und Wirkung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref26\">[26]<\/a> Hier schlie\u00dft sich nat\u00fcrlich die Frage an, wie der allgemeine Sprachgebrauch, bei dem es sich ja auch nicht um ein Handlungssubjekt handelt, dies wohl bewerkstelligen kann. Die Antwort liefert, so meine These, der in der Volkswirtschaft und der politischen Philosophie sowie, seit den Arbeiten Rudi Kellers zum Sprachwandel, auch in der Linguistik bestens eingef\u00fchrte Topos des Prozesses der unsichtbaren Hand: Als Kunst gilt einer Sprachgemeinschaft das, was als nicht-intendiertes Resultat eines kollektiven Prozesses gleichgerichteter individueller Zuschreibungen als Kunst gesehen wird.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref27\">[27]<\/a> Schm\u00fccker ist in seiner Begriffsverwendung an dieser Stelle nicht konsequent. In seiner Funktionsdefinition sagt er, \u201eein <em>Kunstwerk<\/em> hat die Funktion f, wenn es f erf\u00fcllt oder ein weitreichender intersubjektiver Konsens dar\u00fcber besteht, dass es f erf\u00fcllt hat\u201c (Schm\u00fccker 2001: 22, Hervorhebung S.O.). Hier hingegen spricht er von den \u201aFunktionen der <em>Kunst<\/em>\u2018. Sind es nun Funktionen der einzelnen Kunstwerke oder aber solche \u201ader Kunst\u2018? Haben Kunstwerke diese Funktion vielleicht nicht als Kunstwerk, sondern nur qua einer nicht n\u00e4her erl\u00e4uterten Zugeh\u00f6rigkeit zu dieser omin\u00f6sen Klasse \u201aKunst\u2018? Was, sollte es so sein, ein essentialistisches Gschm\u00e4ckle h\u00e4tte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref28\">[28]<\/a> Hier unterscheidet Schm\u00fccker zwischen dem, wann etwas als Kunstwerk <em>gilt<\/em>, und dem, wann etwas ein Kunstwerk <em>ist<\/em>: Was als Kunstwerk <em>gilt<\/em>, entscheidet die Sprachgemeinschaft. Was ein Kunstwerk <em>ist<\/em>, entscheidet demgegen\u00fcber die generelle, kunstkonstitutive Funktion, denn es ist \u201eder Besitz der kunst\u00e4sthetischen Funktion, der ein Artefakt zu einem Kunstwerk <em>macht<\/em>\u201c (ebd.: 24, Hervorhebung S.O.). Allerdings ist es, so Schm\u00fccker, keineswegs so, \u201edass bestimmte Artefakte aufgrund irgendwelcher Eigenschaften gleichsam von Natur aus Kunstwerke w\u00e4ren\u201c (Schm\u00fccker 2001: 25). Vielmehr entscheidet am Ende in einem intersubjektiven evaluativen Konsens doch wieder die Sprachgemeinschaft dar\u00fcber, ob ein Artefakt \u201ediese Funktion erf\u00fcllen kann\u201c (ebd.: 25), ergo dass von bestimmten Artefakten gesagt werden kann, \u201edass sie (\u2026) Kunstwerke <em>sind<\/em>\u201c (ebd.: 25). Wobei dies aber wiederum, wie er einschr\u00e4nkend zugesteht, \u201ekein pr\u00e4zises Kriterium (ist), anhand dessen sich im Streitfall entscheiden lie\u00dfe, ob ein Artefakt ein Kunstwerk ist oder nicht\u201c (ebd.: 25). Zumal \u201edie Klasse der Kunstwerke stets einen Zeitindex tr\u00e4gt\u201c (ebd.: 25): Kunstwerke sind Kunstwerke \u201ein unserer Kultur und zu unserer Zeit\u201c (ebd.: 25).<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. In seinem 1973 erschienenen Aufsatz \u201aThick Description: Toward an Interpretative Theory of Culture\u2018 (dt. Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur) benennt der amerikanische Ethnologe Clifford Geertz ein seiner Ansicht nach grundlegendes Problem der im weitesten Sinne&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/06\/16\/was-gibt-es-in-der-kunst-zu-verstehen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":169,"featured_media":100363,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2074],"class_list":["post-63109","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-stefan-oehm"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63109","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/169"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63109"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63109\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100607,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63109\/revisions\/100607"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100363"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63109"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63109"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63109"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}