{"id":63030,"date":"2019-07-03T00:01:00","date_gmt":"2019-07-02T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=63030"},"modified":"2022-02-25T17:03:15","modified_gmt":"2022-02-25T16:03:15","slug":"amerika-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/07\/03\/amerika-2\/","title":{"rendered":"Amerika"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der sechzehnj\u00e4hrige Karl Ro\u00dfmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstm\u00e4dchen verf\u00fchrt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafenvon New York einfuhr, erblickte er die schon l\u00e4ngst beobachtete Statue der Freiheitsg\u00f6ttin wie in einem pl\u00f6tzlich st\u00e4rker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mitdem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien L\u00fcfte. \u00bbSo hoch!\u00ab sagte er sich und wurde, wie er so gar nicht an das Weggehendachte, von der immer mehr anschwellenden Menge der Gep\u00e4cktr\u00e4ger, die an ihmvor\u00fcberzogen, allm\u00e4hlich bis an das Bordgel\u00e4nder geschoben. Ein junger Mann, mit dem er w\u00e4hrend der Fahrt fl\u00fcchtig bekannt geworden war, sagte im Vor\u00fcbergehen: \u00bbJa, haben Sie denn noch keine Lust, auszusteigen?\u00ab \u00bbIch bin doch fertig\u00ab, sagte Karl, ihn anlachend, und hob aus \u00dcbermut, und weil erein starker Junge war, seinen Koffer auf die Achsel. Aber wie er \u00fcber seinen Bekannten hinsah, der ein wenig seinen Stock schwenkend sich schon mit denandern entfernte, merkte er best\u00fcrzt, da\u00df er seinen eigenen Regenschirm unten im Schiff vergessen hatte. Er bat schnell den Bekannten, der nicht sehr begl\u00fccktschien, um die Freundlichkeit, bei seinem Koffer einen Augenblick zu warten, \u00fcberblickte noch die Situation, um sich bei der R\u00fcckkehr zurechtzufinden, und eilte davon. Unten fand er zu seinem Bedauern einen Gang, der seinen Weg sehr verk\u00fcrzt h\u00e4tte, zum erstenmal versperrt, was wahrscheinlich mit der Ausschiffung s\u00e4mtlicher Passagiere zusammenhing, und mu\u00dfte Treppen, die einander immer wieder folgten, durch fortw\u00e4hrend abbiegende Korridore, durch ein leeres Zimmermit einem verlassenen Schreibtisch m\u00fchselig suchen, bis er sich tats\u00e4chlich, da erdiesen Weg nur ein- oder zweimal und immer in gr\u00f6\u00dferer Gesellschaft gegangen war, ganz und gar verirrt hatte. In seiner Ratlosigkeit und da er keinen Menschentraf und nur immerfort \u00fcber sich das Scharren der tausend Menschenf\u00fc\u00dfe h\u00f6rte undvon der Ferne, wie einen Hauch, das letzte Arbeiten der schon eingestellten Maschinen merkte, fing er, ohne zu \u00fcberlegen, an eine beliebige kleine T\u00fcr zuschlagen an, bei der er in seinem Herumirren stockte.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large\">\r\n<figcaption><\/figcaption>\r\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99615\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Franz_Kafka-e1645556890422.jpg\" alt=\"\" width=\"246\" height=\"300\" \/>&#8222;Einen &#8218;amerikanischen Roman&#8216; nannte Franz Kafka die Geschichte des 16-j\u00e4hrigen Karl Ro\u00dfmann, der von seinen Eltern nach Amerika geschickt wird, weil ihn ein Dienstm\u00e4dchen verf\u00fchrte und ein Kind von ihm bekam. Ro\u00dfmanns Bem\u00fchungen, sich in der Zivilisation der &#8218;Neuen Welt&#8216; mit ihren rationalisierten Arbeitsmethoden zurechtzufinden und sich im Konkurrenzkampf gegen ungerechte Behandlungen und \u00dcbervorteilungen zu behaupten, schlagen immer wieder fehl. Erst als er sich beim &#8218;Naturtheater von Oklahoma&#8216; bewirbt, das allen Menschen Besch\u00e4ftigung bietet, die &#8218;K\u00fcnstler&#8216; werden wollen, scheint sich eine L\u00f6sung abzuzeichnen, die ihn aus dem erlebten System von Abh\u00e4ngigkeiten befreit. Fremdheit und Isoliertheit mitten unter den Menschen sind das Grundthema in diesem Romanfragment, das Kafka in den Tageb\u00fcchern Der Verschollene nennt. Amerika unterscheidet sich von den anderen Kafka-Romanen Der Prozess und Das Schloss aber durch seinen positiveren, offeneren Schluss. &#8218;Kafka war sich bewusst und hob es gespr\u00e4chsweise \u00f6fters hervor, dass dieser Roman hoffnungsfreudiger und &#8218;lichter&#8216; sei als alles, was er sonst geschrieben hat&#8216;, notiert Max Brod, Herausgeber der Werke Kafkas, in seinem Nachwort zur Erstausgabe. Und weiter: &#8218;Es gibt Szenen in diesem Buch \u2026, die unwiderstehlich an Chaplin-Filme erinnern.&#8216;<\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>Bereits <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62917\">zum zehnten Todestag<\/a> erkannte Walter Benjamin die Bedeutung dieses Autors.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Als der sechzehnj\u00e4hrige Karl Ro\u00dfmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstm\u00e4dchen verf\u00fchrt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafenvon New York einfuhr,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/07\/03\/amerika-2\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":107,"featured_media":99615,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[494],"class_list":["post-63030","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-franz-kafka"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63030","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/107"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63030"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63030\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100627,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63030\/revisions\/100627"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99615"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63030"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63030"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63030"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}