{"id":62979,"date":"2016-06-03T00:47:00","date_gmt":"2016-06-02T22:47:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62979"},"modified":"2020-04-19T10:50:06","modified_gmt":"2020-04-19T08:50:06","slug":"kinder-auf-der-landstrasse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/06\/03\/kinder-auf-der-landstrasse\/","title":{"rendered":"Kinder auf der Landstra\u00dfe"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich h\u00f6rte die Wagen an dem Gartengitter vor\u00fcberfahren, manchmal sah \nich sie auch durch die schwach bewegten L\u00fccken im Laub. Wie krachte in \ndem hei\u00dfen Sommer das Holz in ihren Speichen und Deichseln! Arbeiter \nkamen von den Feldern und lachten, da\u00df es eine Schande war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sa\u00df auf unserer kleinen Schaukel, ich ruhte mich gerade aus zwischen den B\u00e4umen im Garten meiner Eltern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor\n dem Gitter h\u00f6rte es nicht auf. Kinder im Laufschritt waren im \nAugenblick vor\u00fcber; Getreidewagen mit M\u00e4nnern und Frauen auf den Garben \nund rings herum verdunkelten die Blumenbeete; gegen Abend sah ich einen \nHerrn mit einem Stock langsam spazierengehn, und ein paar M\u00e4dchen, die \nArm in Arm ihm entgegenkamen, traten gr\u00fc\u00dfend ins seitliche Gras.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann\n flogen V\u00f6gel wie spr\u00fchend auf, ich folgte ihnen mit den Blicken, sah, \nwie sie in einem Atemzug stiegen, bis ich nicht mehr glaubte, da\u00df sie \nstiegen, sondern, da\u00df ich falle, und fest mich an den Seilen haltend, \naus Schw\u00e4che ein wenig zu schaukeln anfing. Bald schaukelte ich st\u00e4rker,\n als die Luft schon k\u00fchler wehte und selbst der fliegenden V\u00f6gel \nzitternde Sterne erschienen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei Kerzenlicht bekam ich mein \nNachtmahl. Oft hatte ich beide Arme auf der Holzplatte und, schon m\u00fcde, \nbi\u00df ich in mein Butterbrot. Die stark durchbrochenen Vorh\u00e4nge bauschten \nsich im warmen Wind, und manchmal hielt sie einer, der drau\u00dfen \nvor\u00fcberging, mit seinen H\u00e4nden fest, wenn er mich besser sehen und mit \nmir reden wollte. Meistens verl\u00f6schte die Kerze bald und in dem dunklen \nKerzenrauch trieben sich noch eine Zeitlang die versammelten M\u00fccken \nherum. Fragte mich einer vom Fenster aus, so sah ich ihn an, als schaue \nich ins Gebirge oder in die blo\u00dfe Luft, und auch ihm war an einer \nAntwort nicht viel gelegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sprang dann einer \u00fcber die \nFensterbr\u00fcstung und meldete, die anderen seien schon vor dem Haus, so \nstand ich freilich seufzend auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbNein, warum seufzst du so? Was \nist denn geschehn? Ist es ein besonderes, nie gut zu machendes Ungl\u00fcck? \nWerden wir uns nie davon erholen k\u00f6nnen? Ist wirklich alles verloren?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nichts\n war verloren. Wir liefen vor das Haus. \u00bbGott sei Dank, da seid ihr \nendlich!\u00ab \u2014 \u00bbDu kommst halt immer zu sp\u00e4t!\u00ab \u2014 \u00bbWieso denn ich?\u00ab \u2014 \n\u00bbGerade du, bleib zu Hause, wenn du nicht mitwillst.\u00ab \u2014 \u00bbKeine Gnaden!\u00ab \u2014\n \u00bbWas? Keine Gnaden? Wie redest du?\u00abWir durchstie\u00dfen den Abend mit dem \nKopf. Es gab keine Tages- und keine Nachtzeit. Bald rieben sich unsere \nWestenkn\u00f6pfe aneinander wie Z\u00e4hne, bald liefen wir in gleichbleibender \nEntfernung, Feuer im Mund, wie Tiere in den Tropen. Wie K\u00fcrassiere in \nalten Kriegen, stampfend und hoch in der Luft, trieben wir einander die \nkurze Gasse hinunter und mit diesem Anlauf in den Beinen die Landstra\u00dfe \nweiter hinauf. Einzelne traten in den Stra\u00dfengraben, kaum verschwanden \nsie vor der dunklen B\u00f6schung, standen sie schon wie fremde Leute oben \nauf dem Feldweg und schauten herab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbKommt doch herunter!\u00ab \u2014 \n\u00bbKommt zuerst herauf!\u00ab \u2014 \u00bbDamit ihr uns herunterwerfet, f\u00e4llt uns nicht \nein, so gescheit sind wir noch.\u00ab \u2014 \u00bbSo feig seid ihr, wollt ihr sagen. \nKommt nur, kommt!\u00ab \u2014 \u00bbWirklich? Ihr? Gerade ihr werdet uns \nhinunterwerfen? Wie m\u00fc\u00dftet ihr aussehen?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir machten den Angriff,\n wurden vor die Brust gesto\u00dfen und legten uns in das Gras des \nStra\u00dfengrabens, fallend und freiwillig. Alles war gleichm\u00e4\u00dfig erw\u00e4rmt, \nwir sp\u00fcrten nicht W\u00e4rme, nicht K\u00e4lte im Gras, nur m\u00fcde wurde man.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn\n man sich auf die rechte Seite drehte, die Hand unters Ohr gab, da \nwollte man gerne einschlafen. Zwar wollte man sich noch einmal aufraffen\n mit erhobenem Kinn, daf\u00fcr aber in einen tieferen Graben fallen. Dann \nwollte man, den Arm quer vorgehalten, die Beine schiefgeweht, sich gegen\n die Luft werfen und wieder bestimmt in einen noch tieferen Graben \nfallen. Und damit wollte man gar nicht aufh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie man sich im \nletzten Graben richtig zum Schlafen aufs \u00e4u\u00dferste strecken w\u00fcrde, \nbesonders in den Knien, daran dachte man noch kaum und lag, zum Weinen \naufgelegt, wie krank, auf dem R\u00fccken. Man zwinkerte, wenn einmal ein \nJunge, die Ellbogen bei den H\u00fcften, mit dunklen Sohlen \u00fcber uns von der \nB\u00f6schung auf die Stra\u00dfe sprang.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den Mond sah man schon in einiger \nH\u00f6he, ein Postwagen fuhr in seinem Licht vorbei. Ein schwacher Wind \nerhob sich allgemein, auch im Graben f\u00fchlte man ihn, und in der N\u00e4he \nfing der Wald zu rauschen an. Da lag einem nicht mehr so viel daran, \nallein zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbWo seid ihr?\u00ab \u2014 \u00bbKommt her!\u00ab \u2014 \u00bbAlle zusammen!\u00ab \u2014\n \u00bbWas versteckst du dich, la\u00df den Unsinn!\u00ab \u2014 \u00bbWi\u00dft ihr nicht, da\u00df die \nPost schon vor\u00fcber ist?\u00ab \u2014 \u00bbAber nein! Schon vor\u00fcber?\u00ab \u2014 \u00bbNat\u00fcrlich, \nw\u00e4hrend du geschlafen hast, ist sie vor\u00fcbergefahren.\u00ab \u2014 \u00bbIch habe \ngeschlafen? Nein so etwas!\u00ab \u2014 \u00bbSchweig nur, man sieht es dir doch an.\u00ab- \n\u00bbAber ich bitte dich.\u00ab \u2014 \u00bbKommt!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir liefen enger beisammen, \nmanche reichten einander die H\u00e4nde, den Kopf konnte man nicht genug hoch\n haben, weil es abw\u00e4rts ging. Einer schrie einen indianischen Kriegsruf \nheraus, wir bekamen in die Beine einen Galopp wie niemals, bei den \nSpr\u00fcngen hob uns in den H\u00fcften der Wind. Nichts h\u00e4tte uns aufhalten \nk\u00f6nnen wir waren so im Laufe, da\u00df wir selbst beim \u00dcberholen die Arme \nverschr\u00e4nken und ruhig uns umsehen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf der Wildbachbr\u00fccke\n blieben wir stehn; die weiter gelaufen waren, kehrten zur\u00fcck. Das \nWasser unten schlug an Steine und Wurzeln, als w\u00e4re es nicht schon \nSp\u00e4tabend. Es gab keinen Grund daf\u00fcr, warum nicht einer auf das Gel\u00e4nder\n der Br\u00fccke sprang.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hinter Geb\u00fcschen in der Ferne fuhr ein \nEisenbahnzug heraus, alle Kupees waren beleuchtet, die Glasfenster \nsicher herabgelassen. Einer von uns begann einen Gassenhauer zu singen, \naber wir alle wollten singen. Wir sangen viel rascher, als der Zug fuhr,\n wir schaukelten die Arme, weil die Stimme nicht gen\u00fcgte, wir kamen mit \nunseren Stimmen in ein Gedr\u00e4nge, in dem uns wohl war. Wenn man seine \nStimme unter andere mischt, ist man wie mit einem Angelhaken gefangen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So\n sangen wir, den Wald im R\u00fccken, den fernen Reisenden in die Ohren. Die \nErwachsenen wachten noch im Dorfe, die M\u00fctter richteten die Betten f\u00fcr \ndie Nacht.Es war schon Zeit. Ich k\u00fc\u00dfte den, der bei mir stand, reichte \nden drei N\u00e4chsten nur so die H\u00e4nde, begann, den Weg zur\u00fcckzulaufen, \nkeiner rief mich. Bei der ersten Kreuzung, wo sie mich nicht mehr sehen \nkonnten, bog ich ein und lief auf Feldwegen wieder in den Wald. Ich \nstrebte zu der Stadt im S\u00fcden hin, von der es in unserem Dorfe hie\u00df:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbDort sind Leute! Denkt euch, die schlafen nicht!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbUnd warum denn nicht?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbWeil sie nicht m\u00fcde werden.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbUnd warum denn nicht?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbWeil sie Narren sind.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbWerden denn Narren nicht m\u00fcde?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbWie k\u00f6nnten Narren m\u00fcde werden!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\">***<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"241\" height=\"300\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Franz-Kafka-Fotografie-aus-dem-Atelier-Jacobi-1906.-241x30011.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-20121\"\/><figcaption>Franz Kafka, Fotografie aus dem Atelier Jacobi 1906<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich h\u00f6rte die Wagen an dem Gartengitter vor\u00fcberfahren, manchmal sah ich sie auch durch die schwach bewegten L\u00fccken im Laub. 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