{"id":62961,"date":"2014-10-15T00:01:00","date_gmt":"2014-10-14T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62961"},"modified":"2022-02-23T13:14:46","modified_gmt":"2022-02-23T12:14:46","slug":"zeitkapsel-und-zuendkerze","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/10\/15\/zeitkapsel-und-zuendkerze\/","title":{"rendered":"Zeitkapsel und Z\u00fcndkerze"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Neu ist dieses Buch nicht, aber neu aufgelegt: Walter Kappachers Roman \u201eDie Werkstatt\u201c, sein erster in sich geschlossener Gro\u00dftext, wurde dieser Tage bei Deuticke im Paul Zsolnay Verlag in einer handlichen, gut lesbaren, den Augen wie der Haptik freundlichen Hardcover-Ausgabe wieder zug\u00e4nglich gemacht. Es ist dies ein Werk, das alle Eigenarten, die stillen Obsessionen und das oft bis ins Feinste ziselierte Handwerk dieses Prosadichters, der erst sp\u00e4t, dann aber umso gr\u00f6\u00dferen Ruhm auf sich ziehen konnte, bereits aufzeigt und in der schmalen Geschichte des Amerikar\u00fcckkehrers Seeger in fr\u00fche Perfektion setzt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Seeger, der mit seiner Familiengeschichte beschwert fortging und mit einer Trag\u00f6die, die sich in der Ferne zutrug, zur\u00fcckkommt, sehnt sich merkw\u00fcrdig k\u00fchl nach seiner Lehrwerkstatt, die er nach seiner R\u00fcckkunft in den Vorstadtg\u00fcrtel Salzburgs immer wieder aufsucht. Er gibt vor die Zeit in \u00d6sterreich f\u00fcrs Skifahren zu nutzen, schien aber nicht wenig froh zu sein, ein wenig an der alten St\u00e4tte seines \u201aJemand-Werdens\u2018 herumh\u00e4ngen zu k\u00f6nnen und die Zeit f\u00fcr allerlei gute und nicht so gute Erinnerungen, in Blenden gesetzt, zu vertun.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Grund f\u00fcr seinen Weggang scheint dabei das gebrochene Verh\u00e4ltnis zu den Eltern zu sein, \u00fcberdeckt von der (wie man wei\u00df, auch Walter Kappacher eigenen) Besessenheit von den \u201aMaschinen\u2018, den Motorr\u00e4dern in der Werkstatt, die den jungen Mann nicht nur zu gewagten Ausfahrten in der alten Heimat verf\u00fchrt, sondern ihn an der Seite seines noch waghalsigeren Kumpans in einen Rennstall in Daytona, jenseits des Atlantiks, ins Land jedweder Verhei\u00dfung verschl\u00e4gt. Dort geht bis zur Katastrophe denn auch alles gut.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Anders als seinem Kollegen ist Seeger die (und wenn auch wohl nur zeitweilige) R\u00fcckkehr nicht verwehrt, gleichwohl schleppt er sich mit den Zumutungen einer Rennverletzung herum. Zu einem Antreten der Rekonvaleszenz kommt es bis auf weiteres nicht \u2013 der Schnee bleibt lange aus, und das Faszinosum der \u201aWerkstatt\u2018 umf\u00e4ngt den Protagonisten wieder und wieder, setzt ihn die Lehrzeit zur\u00fcck. Sei es die Armada der heute weitgehend den Oldtimer-Freaks \u00fcberlassenen, zu verblassenden Ikonen geratenen Maschinen, die hier eine Zeitkapsel in die F\u00fcnfziger des letzten Jahrhunderts \u00f6ffnet, oder auch nur das Trocknen einer Z\u00fcndkerze: In seinem kenntnisreichen Parlando setzt der Romancier einer im Gegensatz zur heutigen Hast geradezu anachronistischen Moderne ein signifikantes Denkmal.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, denn diese Welt ist schon im Lauf des Buches im Untergehen begriffen. Die Krise und der Untergang jener Freiheit ragen bereits in den Blick des Zur\u00fcckgekehrten und lassen die Illusion eines Verharrens, wenngleich flackern, so doch am Ende verloren erscheinen. Auch hier, in der Vision, die ihm den Koffer \u00fcber den Gro\u00dfen Teich zur\u00fccktrieb, kann Seeger nicht bleiben; in gewisser Hinsicht repetiert er das Abhandengekommene, das durch die Rennstallerfahrung nur noch weiter entfernt scheint. Was er sieht, sind die aus der Zeit geratenden Mechaniker, die, redlich oder nicht, im Schatten ihrer Bestimmung weiterwerkeln, in Selbstbeschr\u00e4nkung scheiternd oder dieses Scheitern nicht wahrhaben wollend.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Analog zu einer \u201eLiteratur der Arbeitswelt\u201c f\u00e4ngt diese Prosa das Flair der Arbeitenden, ihrer Besch\u00e4ftigung zwischen den Epochenbr\u00fcchen ein \u2013 anders als sie ist Kappachers Schreiben die virtuose technische Zeichnung dieses Wirkens und ohne Aufruf. Dem Ruf der \u201aBigwoods\u2018 mag man nicht entkommen, zu sehr ist diese Lockung bis in die Desillusion und dar\u00fcber hinaus gesetzt. Das Verdienst von Walter Kappacher liegt vor allem darin, hier die innere Bewegung eines \u00e4u\u00dferlich nahezu Unbewegten zu schildern, die \u00dcberschneidung seines Erinnerns mit der des notwendigen Findens eines Fortgangs. So endet das Buch mit der Blende auf den Grund seines Gehens: Der Vater, der ihm weder die Ausbildung noch die Rennstallarbeit zutraut, bleibt als Zweifel \u00fcber dem Tal pr\u00e4sent, wo dieser eine krude Gastwirtschaft betreibt, eine klapprige Z\u00fcndapp \u00fcber die H\u00e4nge schiebt und Seegers Mutter schl\u00e4gt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">1975 erstmals gedruckt, liegt nun mit der Neuausgabe die dritte Fassung des Textes vor, der 1980 einer \u00dcberarbeitung unterzogen wurde. Am Vorabend des 40. Jubil\u00e4ums der Ersterscheinung spannt sich nun damit eine Br\u00fccke von den zaghaften Wegen Kappachers, von den \u201avern\u00fcnftigen\u2018 Berufen in die Existenz eines Schreibers zu finden, bis zum Autor des gefeierten \u201eFliegenpalast\u201c-Romans, der Stille-Orgie in \u201eLand der roten Steine\u201c; B\u00fccher, f\u00fcr die Kappacher unter anderem mit dem Georg-B\u00fcchner-Preis geehrt und so in den auch von offizieller Seite beglaubigten Olymp deutschsprachiger Dichtkunst gehoben wurde.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Die Werkstatt<\/strong>. Roman von Walter Kappacher. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2014.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<div id=\"attachment_99806\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-image-99806 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel-160x203.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><p id=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-caption-text\">Andr\u00e9 Schinkel, portr\u00e4tiert von J\u00fcrgen Bauer<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Neu ist dieses Buch nicht, aber neu aufgelegt: Walter Kappachers Roman \u201eDie Werkstatt\u201c, sein erster in sich geschlossener Gro\u00dftext, wurde dieser Tage bei Deuticke im Paul Zsolnay Verlag in einer handlichen, gut lesbaren, den Augen wie der Haptik freundlichen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/10\/15\/zeitkapsel-und-zuendkerze\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":40,"featured_media":99806,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[794,879],"class_list":["post-62961","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-andre-schinkel","tag-walter-kappacher"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62961","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/40"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=62961"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62961\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99860,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62961\/revisions\/99860"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99806"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=62961"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=62961"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=62961"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}