{"id":62917,"date":"2020-06-03T00:01:09","date_gmt":"2020-06-02T22:01:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62917"},"modified":"2020-09-11T07:06:39","modified_gmt":"2020-09-11T05:06:39","slug":"zur-zehnten-wiederkehr-seines-todestages","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/06\/03\/zur-zehnten-wiederkehr-seines-todestages\/","title":{"rendered":"Franz Kafka &#8211; Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Potemkin<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wird erz\u00e4hlt: Potemkin litt an schweren mehr oder weniger regelm\u00e4\u00dfig wiederkehrenden Depressionen, w\u00e4hrend deren sich niemand ihm n\u00e4hern durfte und der Zugang zu seinem Zimmer aufs strengste verboten war. Am Hofe wurde dieses Leiden nicht erw\u00e4hnt, insbesondere wusste man, dass jede Anspielung darauf die Ungnade der Kaiserin Katharina nach sich zog. Eine dieser Depressionen des Kanzlers dauerte au\u00dfergew\u00f6hnlich lange. Ernste Missst\u00e4nde waren die Folgen; in den Registraturen h\u00e4uften sich Akten, deren Erledigung, die ohne Unterschrift Potemkins unm\u00f6glich war, von der Zarin gefordert wurde. Die hohen Beamten wussten sich keinen Rat. In dieser Zeit geriet durch einen Zufall der unbedeutende kleine Kanzlist Schuwalkin in die Vorzimmer des Kanzlerpalais, wo die Staatsr\u00e4te wie gew\u00f6hnlich jammernd und klagend beisammen standen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas gibt es, Exzellenzen? Womit kann ich Exzellenzen dienen?\u00ab bemerkte der eilfertige Schuwalkin. Man erkl\u00e4rte ihm den Fall und bedauerte, von seinen Diensten keinen Gebrauch machen zu k\u00f6nnen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWenn es weiter nichts ist, meine Herren,\u00ab antwortete Schuwalkin, \u00bb\u00fcberlassen Sie mir die Akten. Ich bitte darum.\u00ab Die Staatsr\u00e4te, die nichts zu verlieren hatten, lie\u00dfen sich dazu bewegen, und Schuwalkin schlug, das Aktenb\u00fcndel unterm Arm, durch Galerien und Korridore den Weg zum Schlafzimmer Potemkins ein. Ohne anzuklopfen, ja ohne haltzumachen, dr\u00fcckte er die T\u00fcrklinke nieder. Das Zimmer war nicht verschlossen. Im Halbdunkel sa\u00df Potemkin auf seinem Bett, n\u00e4gelkauend, in einem verschlissenen Schlafrock. Schuwalkin trat zum Schreibtisch, tauchte die Feder ein und, ohne ein Wort zu verlieren, schob er sie Potemkin in die Hand, den erstbesten Akt auf seine Knie. Nach einem abwesenden Blick auf den Eindringling, wie im Schlaf vollzog Potemkin die Unterschrift, dann eine zweite; weiter die s\u00e4mtlichen. Als die letzte geborgen war, verlie\u00df Schuwalkin ohne Umst\u00e4nde, wie er gekommen war, sein Dossier unterm Arm, das Gemach. Triumphierend die Akten schwenkend trat er in das Vorzimmer. Ihm entgegen st\u00fcrzten die Staatsr\u00e4te, rissen die Papiere aus seinen H\u00e4nden. Atemlos beugten sie sich dar\u00fcber. Niemand sagte ein Wort; die Gruppe erstarrte. Wieder trat Schuwalkin n\u00e4her, wieder erkundigte er sich eilfertig nach dem Grund der Best\u00fcrzung der Herren. Da fiel auch sein Blick auf die Unterschrift. Ein Akt wie der andere war unterfertigt: Schuwalkin, Schuwalkin, Schuwalkin \u2026<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Geschichte ist wie ein Herold, der dem Werke Kafkas zweihundert Jahre vorausst\u00fcrmt. Die R\u00e4tselfrage, die sich in ihr w\u00f6lkt, ist Kafkas. Die Welt der Kanzleien und Registraturen, der muffigen verwohnten dunklen Zimmer ist Kafkas Welt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der eilfertige Schuwalkin, der alles so leicht nimmt und zuletzt mit leeren H\u00e4nden da steht, ist Kafkas K. Potemkin aber, der halb schlafend und verwahrlost, in einem abgelegenen Raum, zu dem der Zugang untersagt ist, dahind\u00e4mmert, ist ein Ahn jener Gewalthaber, die bei Kafka als Richter in den Dachb\u00f6den, als Sekret\u00e4re im Schlo\u00df hausen, und die, so hoch sie stehen m\u00f6gen, immer Gesunkene oder vielmehr Versinkende sind, daf\u00fcr aber noch in den Untersten und in den Verkommensten den T\u00fcrh\u00fctern und den altersschwachen Beamten auf einmal unvermittelt in ihrer ganzen Machtf\u00fclle auftauchen k\u00f6nnen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wor\u00fcber d\u00e4mmern sie dahin? Vielleicht sind sie Nachkommen der Atlanten, die die Weltkugel in ihrem Nacken tragen? Vielleicht halten sie darum den Kopf \u00bbso tief auf die Brust gesenkt, dass man kaum etwas von den Augen\u00ab sieht, wie der Schlo\u00dfkastellan auf seinem Portr\u00e4t oder Klamm, wenn er mit sich allein ist? Die Weltkugel aber ist es nicht, die sie tragen; nur dass schon das Allt\u00e4glichste ihr Gewicht hat: \u00bbSein Ermatten ist das des Gladiators nach dem Kampf, seine Arbeit war das Wei\u00dft\u00fcnchen eines Winkels in einer Beamtenstube.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Georg Lukacs hat einmal gesagt: um heute einen anst\u00e4ndigen Tisch zu bauen, muss einer das architektonische Genie von Michelangelo haben. Wie Lukacs in Zeitaltern so denkt Kafka in Weltaltern. Weltalter hat der Mann beim T\u00fcnchen zu bewegen. Und so noch in der unscheinbarsten Geste. Vielfach und aus sonderbarem Anlass klatschen Kafkas Figuren in die H\u00e4nde. Einmal jedoch wird beil\u00e4ufig gesagt, dass diese H\u00e4nde \u00bbeigentlich Dampfh\u00e4mmer\u00ab sind. In st\u00e4ndiger und langsamer Bewegung versinkend oder steigend lernen wir diese Machthaber kennen. Furchtbarer aber sind sie nirgends, als wo sie aus der tiefsten Verkommenheit sich heben: aus den V\u00e4tern. Den stumpfen altersschwachen Vater, den er soeben sanft gebettet hat, beruhigt der Sohn: \u00bb\u201eSei nur ruhig, du bist gut zugedeckt.\u201c \u201eNein!\u201c rief der Vater, dass die Antwort an die Frage stie\u00df, warf die Decke zur\u00fcck mit einer Kraft, dass sie einen Augenblick im Fluge sich ganz entfaltete, und stand aufrecht im Bett. Nur eine Hand hielt er leicht an den Plafond. \u201eDu wolltest mich zudecken, das wei\u00df ich, mein Fr\u00fcchtchen, aber zugedeckt bin ich noch nicht. Und ist es auch die letzte Kraft, genug f\u00fcr dich, zuviel f\u00fcr dich! \u2026 Den Vater muss gl\u00fccklicherweise niemand lehren, den Sohn zu durchschauen.\u201c \u2026 Und er stand vollkommen frei und warf die Beine. Er strahlte vor Einsicht. \u2026 \u201eJetzt wei\u00dft du also, was es noch au\u00dfer dir gab, bisher wusstest du nur von dir! Ein unschuldiges Kind warst du ja eigentlich, aber noch eigentlicher warst du ein teuflischer Mensch!\u201c \u201eDer Vater, der die Last des Deckbetts abwirft, wirft eine Weltlast mit ihr ab. Weltalter muss er in Bewegung setzen, um das uralte Vater-Sohn-Verh\u00e4ltnis lebendig, folgenreich zu machen. Doch reich an welchen Folgen!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er verurteilt den Sohn zum Tode des Ertrinkens. Der Vater ist der Strafende. Ihn zieht die Schuld wie die Gerichtsbeamten an. Viel deutet darauf hin, dass die Beamtenwelt und die Welt der V\u00e4ter f\u00fcr Kafka die gleiche ist. Die \u00c4hnlichkeit ist nicht zu ihrer Ehre. Stumpfheit, Verkommenheit, Schmutz macht sie aus. Die Uniform des Vaters ist \u00fcber und \u00fcber fleckig; seine Unterw\u00e4sche ist unsauber. Schmutz ist das Lebenselement der Beamten. \u00bbEs war ihr unverst\u00e4ndlich, wozu es \u00fcberhaupt Parteienverkehr gab. \u201eUm vorn die Haustreppe schmutzig zu machen\u201c, hatte ihr einmal ein Beamter auf ihre Frage, wahrscheinlich im \u00c4rger, gesagt, ihr aber war das sehr einleuchtend gewesen\u00ab. In dem Grade ist Unsauberkeit das Attribut der Beamten, dass man sie geradezu als riesenhafte Parasiten ansehen k\u00f6nnte. Das betrifft nat\u00fcrlich nicht die wirtschaftlichen Zusammenh\u00e4nge, sondern die Kr\u00e4fte der Vernunft und der Menschlichkeit, von denen diese Sippe ihr Leben fristet. So fristet aber auch der Vater in den sonderbaren Familien Kafkas von dem Sohn sein Leben, liegt wie ein ungeheurer Parasit auf ihm. Er zehrt nicht nur an seiner Kraft, er zehrt an seinem Rechte da zu sein. Der Vater, der der Strafende ist, ist zugleich auch der Ankl\u00e4ger.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die S\u00fcnde, deren er den Sohn bezichtigt, scheint eine Art von Erbs\u00fcnde zu sein. Denn wen trifft die Bestimmung, welche Kafka von ihr gegeben hat, mehr als den Sohn: \u00bbDie Erbs\u00fcnde, das alte Unrecht, das der Mensch begangen hat, besteht in dem Vorwurf, den der Mensch macht und von dem er nicht abl\u00e4sst, dass ihm ein Unrecht geschehen ist, dass an ihm die Erbs\u00fcnde begangen wurde.\u00ab Wer aber wird dieser Erbs\u00fcnde der S\u00fcnde einen Erben gemacht zu haben bezichtigt wenn nicht der Vater durch den Sohn? Somit w\u00e4re der S\u00fcndige der Sohn. Nicht aber darf man aus dem Satze Kafkas schlie\u00dfen, dass die Bezichtigunglosigkeit, aus der sich K. fortw\u00e4hrend, aber vergeblich zu retten suchte, paar Schritte weit, schlugen dumpf an Klamms T\u00fcr und lagen dann in den kleinen Pf\u00fctzen Biers und dem sonstigen Unrat, von dem der Boden bedeckt war. Dort vergingen Stunden, \u2026 in denen K. immerfort das Gef\u00fchl hatte, er verirre sich oder er sei so weit in der Fremde, wie vor ihm noch kein Mensch, eine Fremde, in der selbst die Luft keinen Bestandteil der Heimatluft habe, in der man vor Fremdheit ersticken m\u00fcsse und in deren unsinnigen Verlockungen man doch nichts tun k\u00f6nne als weiter gehen, weiter sich verirren.\u00ab Von dieser Fremde werden wir noch h\u00f6ren. Bemerkenswert ist aber, dass diese hurenhaften Frauen nie sch\u00f6n erscheinen. Vielmehr taucht Sch\u00f6nheit in der Welt von Kafka nur an den verstecktesten Stellen auf: bei den Angeklagten zum Beispiel. \u00bb\u201eDas allerdings ist eine merkw\u00fcrdige, gewisserma\u00dfen naturwissenschaftliche Erscheinung \u2026 Es kann nicht die Schuld sein, die sie sch\u00f6n macht \u2026 es kann auch nicht die richtige Strafe sein, die sie jetzt schon sch\u00f6n macht \u2026 es kann also nur an dem gegen sie erhobenen Verfahren liegen, das ihnen irgendwie anhaftet.\u00ab\u201e<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/06\/19\/verhaftung\/\">Proze\u00df<\/a> l\u00e4sst sich entnehmen, dass dieses Verfahren hoffnungslos f\u00fcr die Angeklagten zu sein pflegt selbst dann hoffnungslos, wenn ihnen die Hoffnung auf Freispruch bleibt. Diese Hoffnungslosigkeit mag es sein, die an ihnen als den einzigen Kafkaschen Kreaturen Sch\u00f6nheit zum Vorschein bringt. Zumindest w\u00fcrde das sehr gut mit einem Gespr\u00e4chsfragment \u00fcbereinstimmen, das durch Max Brod \u00fcberliefert wurde. \u00bbIch entsinne mich\u00ab, schreibt er, \u00bbeines Gespr\u00e4chs mit Kafka, das vom heutigen Europa und dem Verfall der Menschheit ausging. \u201eWir sind\u201c, so sagte er, \u201enihilistische Gedanken, Selbstmordgedanken, die in Gottes Kopf aufsteigen.\u201c Mich erinnerte das zuerst an das Weltbild der Gnosis: Gott als b\u00f6ser Demiurg, die Welt sein S\u00fcndenfall. \u201eOh nein\u201c, meinte er, \u201eunsere Weit ist nur eine schlechte Laune Gottes, ein schlechter Tag.\u201c \u201eSo g\u00e4be es au\u00dferhalb dieser Erscheinungsform Weit, die wir kennen, Hoffnung?\u201c Er l\u00e4chelte: Oh, Hoffnung genug, unendlich viel Hoffnung nur nicht f\u00fcr uns.\u201c Diese Worte schlagen eine Br\u00fccke zu jenen sonderbarsten Gestalten Kafkas, die als einzige dem Scho\u00dfe der Familie entronnen sind und f\u00fcr die es vielleicht Hoffnung gibt. Das sind nicht die Tiere, nicht einmal jene Kreuzungen oder Gespinstwesen, wie das Katzenlamm oder Odradek.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle diese vielmehr leben noch im Bann der Familie. Nicht umsonst erwacht <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/07\/03\/die-verwandlung\/\">Gregor Samsa<\/a> gerade in der elterlichen Wohnung als Ungeziefer, nicht umsonst ist das eigent\u00fcmliche Tier, halb K\u00e4tzchen, halb Lamm, ein Erbst\u00fcck aus des Vaters Besitz, nicht umsonst Odradek die Sorge des Hausvaters. <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/06\/03\/die-gehilfen\/\">Die Gehilfen<\/a> aber fallen in der Tat aus diesem Ringe heraus. Diese Gehilfen geh\u00f6ren einem Gestaltenkreis an, der das ganze Werk Kafkas durchzieht. Von ihrer Sippe ist so gut der Bauernf\u00e4nger, der in der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/06\/03\/der-ploetzliche-spaziergang-2\/\">Betrachtung<\/a> entlarvt wird, wie der Student, der nachts auf dem Balkon als Nachbar Karl Ro\u00dfmanns zum Vorschein kommt, wie auch die Narren, die in jener Stadt im S\u00fcden wohnen und nicht m\u00fcde werden. Das Zwielicht \u00fcber ihrem Dasein erinnert an die schwankende Beleuchtung, in der die kleinen St\u00fccke Robert Walsers Verfasser des Romans \u00bbDer Geh\u00fclfe\u00ab, den Kafka sehr geliebt hat ihre Figuren erscheinen lassen. Indische Sagen kennen die Gandharwe, unfertige Gesch\u00f6pfe, Wesen im Nebelstadium. Von ihrer Art sind die Gehilfen Kafkas; keinem der anderen GestaItenkreise zugeh\u00f6rig, keinem fremd: die Boten, die zwischen ihnen gesch\u00e4ftig sind. Sie sehen, wie Kafka sagt, dem Barnabas \u00e4hnlich, und der ist ein Bote. Noch sind sie aus dem Mutterscho\u00dfe der Natur nicht voll entlassen und haben darum \u00bbsich in einer Ecke auf dem Boden auf zwei alten Frauenr\u00f6cken eingerichtet. Es war \u2026 ihr Ehrgeiz, \u2026 m\u00f6glichst wenig Raum zu brauchen, sie machten in Franz Kafka dieser Hinsicht, immer freilich unter Lispeln und Kichern, verschiedene Versuche, verschr\u00e4nkten Arme und Beine, kauerten sich gemeinsam zusammen, in der D\u00e4mmerung sah man in ihrer Ecke nur ein gro\u00dfes Kn\u00e4uel.\u00ab F\u00fcr sie und ihresgleichen, die Unfertigen und Ungeschickten, ist die Hoffnung da. Was zart unverbindlicher am Walten dieser Boten erkennbar wird, das ist auf lastende und d\u00fcstere Art Gesetz f\u00fcr diese ganze Welt von Kreaturen. Keine hat ihre feste Stelle, ihren festen, nicht eintauschbaren Umriss: keine die nicht im Steigen oder Fallen begriffen ist; keine die nicht mit ihrem Feinde oder Nachbarn tauscht; keine welche nicht ihre Zeit vollbracht und dennoch unreif, keine welche nicht tief ersch\u00f6pft und dennoch erst am Anfang einer langen Dauer w\u00e4re. Von Ordnungen und Hierarchien zu sprechen, ist hier nicht m\u00f6glich. Die Welt des Mythos, die das nahelegt, ist unvergleichlich j\u00fcnger als Kafkas Welt, der schon der Mythos die Erl\u00f6sung versprochen hat. Wissen wir aber eins, so ist es dies: dass Kafka seiner Lockung nicht gefolgt ist. Ein anderer Odysseus, lie\u00df er sie \u00bban seinen in die Ferne gerichteten Blicken\u00ab abgleiten, \u201e,die Sirenen verschwanden f\u00f6rmlich vor seiner Entschlossenheit, und gerade als er ihnen am n\u00e4chsten war, wusste er nichts mehr von ihnen.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter den Ahnen, die Kafka in der Antike hat, den j\u00fcdischen und den chinesischen, auf die wir noch sto\u00dfen werden, ist dieser griechische nicht zu vergessen. Odysseus steht ja an der Schwelle, die Mythos und M\u00e4rchen trennt. Vernunft und List hat Finten in den Mythos eingelegt; seine Gewalten h\u00f6ren auf, unbezwinglich zu sein. Das M\u00e4rchen ist die \u00dcberlieferung vom Siege \u00fcber sie. Und M\u00e4rchen f\u00fcr Dialektiker schrieb Kafka, wenn er sich Sagen vornahm. Er setzte kleine Tricks in sie hinein; dann las er aus ihnen den Beweis davon, \u00bbdass auch unzul\u00e4ngliche, ja kindische Mittel zur Rettung dienen k\u00f6nnen\u00ab. Mit diesen Worten leitet er seine Erz\u00e4hlung von dem \u00bbSchweigen der Sirenen\u00ab ein. Die Sirenen schweigen n\u00e4mlich bei ihm; sie haben \u00bbeine noch schrecklichere Waffe als den Gesang, \u2026 ihr Schweigen\u00ab. Dieses brachten sie bei Odysseus zur Anwendung. Er aber, \u00fcberlieferte Kafka, \u00bbwar so listenreich, war ein solcher Fuchs, dass selbst die Schicksalsg\u00f6ttin nicht in sein Innerstes dringen konnte. Vielleicht hat er, obwohl das mit Menschenverstand nicht mehr zu begreifen ist, wirklich gemerkt, dass die Sirenen schwiegen, und hat ihnen und den G\u00f6ttern den\u00ab \u00fcberlieferten \u00bbScheinvorgang nur gewisserma\u00dfen als Schild entgegengehalten.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Kafka schweigen die Sirenen. Vielleicht auch darum, weil die Musik und der Gesang bei ihm ein Ausdruck oder wenigstens ein Pfand des Entrinnens sind. Ein Pfand der Hoffnung, das wir aus jener kleinen, zugleich unfertigen und allt\u00e4glichen, zugleich tr\u00f6stlichen und albernen Mittelwelt haben, in welcher die Gehilfen zu Hause sind. Kafka ist wie der Bursche, der auszog, das F\u00fcrchten zu lernen. Er ist in Potemkins Palast geraten, zuletzt aber, in dessen Kellerl\u00f6chern, auf <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/03\/josefine\/\">Josefine<\/a>, jene singende Maus gesto\u00dfen, deren Weise er so beschreibt: \u00bbEtwas von der armen kurzen Kindheit ist darin, etwas von verlorenem, nie wieder aufzufindendem Gl\u00fcck, aber auch etwas vom t\u00e4tigen heutigen Leben ist darin, von seiner kleinen, unbegreiflichen und dennoch bestehenden und nicht zu ert\u00f6tenden Munterkeit.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: justify;\">Ein Kinderbild<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt ein Kinderbild von Kafka, selten ist die \u00bbarme kurze Kindheit\u00ab ergreifender Bild geworden. Es stammt wohl aus einem jener Ateliers des neunzehnten Jahrhunderts, die mit ihren Draperien und Palmen, Gobelins und Staffeleien so zweideutig zwischen Folterkammer und Thronsaal standen. Da stellt sich in einem engen, gleichsam dem\u00fctigenden, mit Posamenten \u00fcberladenen Kinderanzug der ungef\u00e4hr sechsj\u00e4hrige Knabe in einer Art von Wintergartenlandschaft dar. Palmenwedel starren im Hintergrund; Und als gelte es, diese gepolsterten Tropen noch stickiger und schw\u00fcler zu machen, tr\u00e4gt das Modell in der Linken einen \u00fcberm\u00e4\u00dfig gro\u00dfen Hut mit breiter Krempe, wie ihn Spanier haben. Unermesslich traurige Augen beherrschen die ihnen vorbestimmte Landschaft, in die die Muschel eines gro\u00dfen Ohrs hineinhorcht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der inbr\u00fcnstige <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/07\/03\/wunsch-indianer-zu-werden-2\/\">Wunsch, Indianer zu werden<\/a> mag einmal diese gro\u00dfe Trauer verzehrt haben: \u00bbWenn man doch ein Indianer w\u00e4re, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte \u00fcber dem zitternden Boden, bis man die Sporen lie\u00df, denn es gab keine Sporen, bis man die Z\u00fcgel wegwarf, denn es gab keine Z\u00fcgel, und kaum das Land vor sich als glatt gem\u00e4hte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.\u00ab Vieles ist in diesem Wunsche enthalten. Die Erf\u00fcllung gibt sein Geheimnis preis.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er findet sie in Amerika. Dass es mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/07\/03\/amerika-2\/\">Amerika<\/a> eine besondere Bewandtnis hat, geht aus dem Namen des Helden hervor. W\u00e4hrend in den fr\u00fcheren Romanen der Autor sich nie anders als mit dem gemurmelten Initial ansprach, erlebt er hier mit vollem Namen auf dem neuen Erdteil seine Neugeburt. Er erlebt sie auf dem Naturtheater von Oklahoma. \u00bbKarl sah an einer Stra\u00dfenecke ein Plakat mit folgender Aufschrift: Auf dem Rennplatz in Clayton wird heute von sechs Uhr fr\u00fch bis Mitternacht Personal f\u00fcr das Theater in Oklahoma aufgenommen! Das gro\u00dfe Theater von Oklahoma ruft euch! Es ruft nur heute, nur einmal! Wer jetzt die Gelegenheit vers\u00e4umt, vers\u00e4umt sie f\u00fcr immer! Wer an seine Zukunft denkt, geh\u00f6rt zu uns! Jeder ist willkommen! Wer K\u00fcnstler werden will, melde sich! Wir sind das Theater, das jeden brauchen kann, jeden an seinem Ort! Wer sich f\u00fcr uns entschieden hat, den begl\u00fcckw\u00fcnschen wir gleich hier! Aber beeilt euch, damit ihr bis Mitternacht vorgelassen werdet! Um zw\u00f6lf Uhr wird alles geschlossen und nicht mehr ge\u00f6ffnet! Verflucht sei, wer uns nicht glaubt! Auf nach Clayton!\u00ab Der Leser dieser Ank\u00fcndigung ist Karl Ro\u00dfmann, die dritte und gl\u00fccklichere Inkarnation des K., der der Held von Kafkas Romanen ist. Das Gl\u00fcck erwartet ihn auf dem Naturtheater von Oklahoma, das eine wirkliche Rennbahn ist, wie das \u00bbUngl\u00fccklichsein\u00ab ihn einst auf dem schmalen Teppich seines Zimmers befallen hatte, auf dem er \u00bbwie in einer Rennbahn\u00ab einher lief. Seitdem Kafka seine Betrachtungen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/07\/03\/zum-nachdenken-fuer-herrenreiter\/\">zum Nachdenken f\u00fcr Herrenreiter<\/a> geschrieben hatte, den \u00bbneuen Advokaten\u00ab \u00bbhoch die Schenkel hebend, mit auf dem Marmor aufklingendem Schritt\u00ab die Gerichtstreppen hatte hinaufsteigen und seine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/06\/03\/kinder-auf-der-landstrasse\/\">Kinder auf der Landstra\u00dfe<\/a> in gro\u00dfen S\u00e4tzen mit verschr\u00e4nkten Armen ins Land hatte traben lassen, ist ihm diese Figur vertraut gewesen und in der Tat kann es auch Karl Ro\u00dfmann geschehen, \u00bbzerstreut infolge seiner Verschlafenheit, oft zu hohe zeitraubende und nutzlose Spr\u00fcnge\u00ab zu machen. Darum also kann es nur eine Rennbahn sein, auf der er ans Ziel seiner W\u00fcnsche gelangt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Rennbahn ist zugleich ein Theater, und das gibt ein R\u00e4tsel auf. Der r\u00e4tselhafte Ort und die ganz r\u00e4tsellose durchsichtige und lautere Figur des Kar! Ro\u00dfmann geh\u00f6ren aber zusammen. Durchsichtig, lauter, geradezu charakterlos ist Karl Ro\u00dfmann in dem Sinne n\u00e4mlich, in dem Franz &#8218;Rosenzweig in seinem \u00bbStern der Erl\u00f6sung\u00ab sagt, in China sei der innere Mensch \u00bbgeradezu charakterlos; der Begriff des Weisen, wie ihn klassisch \u2026 Kongfutse verk\u00f6rpert, wischt \u00fcber alle m\u00f6gliche Besonderheit des Charakters hinweg; er ist der wahrhaft charakterlose, n\u00e4mlich der Durchschnittsmensch \u2026 Etwas ganz andres als Charakter ist es, was den chinesischen Menschen auszeichnet: eine ganz elementare Reinheit des Gef\u00fchls.\u00ab Wie immer man es gedanklich vermitteln mag vielleicht ist diese Reinheit des Gef\u00fchls eine ganz besonders feine Waagschale des gestischen Verhaltens in jedem Fall weist das Naturtheater von Oklahoma auf das chinesische Theater zur\u00fcck, welches ein gestisches ist. Eine der bedeutsamsten Funktionen dieses Naturtheaters ist die Aufl\u00f6sung des Geschehens in das Gestische. Ja man darf weitergehen und sagen, eine ganze Anzahl der kleineren Studien und Geschichten Kafkas treten erst in ihr volles Licht, indem man sie gleichsam als Akte auf das Naturtheater von Oklahoma versetzt. Dann erst wird man mit Sicherheit erkennen, dass Kafkas ganzes Werk einen Kodex von Gesten darstellt, die keineswegs von Hause aus f\u00fcr den Verfasser eine sichere symbolische Bedeutung haben, vielmehr in immer wieder anderen Zusammenh\u00e4ngen und Versuchsanordnungen um eine solche angegangen werden. Das Theater ist der gegebene Ort solcher Versuchsanordnungen. In einem unver\u00f6ffentlichten Kommentar zum \u00bbBrudermord\u00ab hat Werner Kraft scharfblickend das Geschehen dieser kleinen Geschichte als ein szenisches durchschaut.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas Spiel kann beginnen, und es wird wirklich durch ein Glockenzeichen angek\u00fcndigt. Dieses entsteht auf die nat\u00fcrlichste Weise, indem Wese das Haus verl\u00e4sst, in welchem sein B\u00fcro liegt. Aber diese T\u00fcrglocke, hei\u00dft es ausdr\u00fccklich, ist \u201ezu laut f\u00fcr eine T\u00fcrglocke\u201c, sie t\u00f6nt \u201e\u00fcber die Stadt hin zum Himmel auf\u201c.\u00ab Wie diese Glocke, f\u00fcr eine T\u00fcrglocke zu laut, zum Himmel auf t\u00f6nt, so sind die Gesten Kafkascher Figuren zu durchschlagend f\u00fcr die gewohnte Umwelt und brechen in eine ger\u00e4umigere ein. Je weiter Kafkas Meisterschaft gedieh, desto \u00f6fter verzichtete er darauf, diese Geb\u00e4rden \u00fcblichen Situationen anzupassen, sie zu erkl\u00e4ren. \u00bb\u201eEs ist auch eine sonderbare Art,\u00ab\u201e Franz Kafka hei\u00dft es in der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/07\/03\/die-verwandlung\/\">Verwandlung<\/a>, \u00bb\u201esich auf das Pult zu setzen und von der H\u00f6he herab mit dem Angestellten zu reden, der \u00fcberdies wegen der Schwerh\u00f6rigkeit des Chefs ganz nahe herantreten muss.\u201c Solche Begr\u00fcndungen hat schon der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/06\/03\/verhaftung\/\">Proze\u00df<\/a> weit hinter sich gelassen. \u00bbBei den ersten B\u00e4nken\u00ab macht K., im vorletzten Kapitel, \u00bbhalt, aber dem Geistlichen schien die Entfernung noch zu gro\u00df, er streckte die Hand aus und zeigte mit dem scharf gesenkten Zeigefinger auf eine Stelle knapp vor der Kanzel. K. folgte auch darin, er musste auf diesem Platz den Kopf schon weit zur\u00fcckbeugen, um den Geistlichen noch zu sehn.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Max Brod sagt: \u00bbUnabsehbar war die Welt der f\u00fcr ihn wichtigen Tatsachen\u00ab, so war f\u00fcr Kafka sicher am unabsehbarsten der Gestus. Jeder ist ein Vorgang, ja man k\u00f6nnte sagen ein Drama, f\u00fcr sich. Die B\u00fchne, auf der dieses Drama sich abspielt, ist das Welttheater, dessen Prospekt der Himmel darstellt. Andererseits ist dieser Himmel nur Hintergrund; nach seinem eigenen Gesetz ihn zu durchforschen, hie\u00dfe den gemalten Hintergrund der B\u00fchne gerahmt in eine Bildergalerie h\u00e4ngen. Kafka rei\u00dft hinter jeder Geb\u00e4rde wie Greco den Himmel auf; aber wie bei Greco der der Schutzpatron der Expressionisten war bleibt das Entscheidende, die Mitte des Geschehens die Geb\u00e4rde. Geb\u00fcckt vor Schrecken gehen die Leute, die den Schlag ans Hoftor vernommen haben. So w\u00fcrde ein chinesischer Schauspieler den Schreck darstellen, aber niemand zusammenfahren. An anderer Stelle spielt K. selbst Theater. Halb ohne es zu wissen, nahm er \u00bblangsam \u2026 mit vorsichtig aufw\u00e4rts gedrehten Augen \u2026 vom Schreibtisch ohne hinzu sehn eines der Papiere, legte es auf die flache Hand und hob es allm\u00e4hlich, w\u00e4hrend er selbst aufstand, zu den Herren hinauf. Er dachte hierbei an nichts Bestimmtes, sondern handelte nur in dem Gef\u00fchl, dass er sich so verhalten m\u00fcsste, wenn er einmal die gro\u00dfe Eingabe fertig gestellt h\u00e4tte, die ihn g\u00e4nzlich entlasten sollte.\u00ab Die gr\u00f6\u00dfte R\u00e4tselhaftigkeit mit gr\u00f6\u00dfter Schlichtheit verbindet dieser Gestus als tierischer. Man kann die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/03\/josefine\/\">Tiergeschichten<\/a> Kafkas auf eine gute Strecke lesen, ohne \u00fcberhaupt wahrzunehmen, dass es sich gar nicht um Menschen handelt. St\u00f6\u00dft man dann auf den Namen des Gesch\u00f6pfs des Affen, des &#8218;Hundes oder des Maulwurfs so blickt man erschrocken auf und sieht, dass man vom Kontinent des Menschen schon weit entfernt ist. Doch Kafka ist das immer; der Geb\u00e4rde des Menschen nimmt er die \u00fcberkommenen St\u00fctzen und hat an ihr dann einen Gegenstand zu \u00dcberlegungen, die kein Ende nehmen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie nehmen aber sonderbarerweise auch dann kein Ende, wenn sie von Kafkas Sinngeschichten ausgehen. Man denke an die Parabel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/07\/03\/vor-dem-gesetz\/\">Vor dem Gesetz<\/a>. Der Leser, der ihr im \u00bbLandarzt\u00ab begegnete, stie\u00df vielleicht auf die wolkige Stelle in ihrem Innern. Aber h\u00e4tte er die nichtendenwollende Reihe von Erw\u00e4gungen angestellt, die diesem Gleichnis dort entspringen, wo Kafka seine Auslegung unternimmt? Das geschieht durch den Geistlichen im \u00bbProze\u00df\u00ab und zwar an einer so ausgezeichneten Stelle, dass man vermuten k\u00f6nnte, der Roman sei nichts als die entfaltete Parabel. Das Wort \u00bbentfaltet\u00ab ist aber doppelsinnig. Entfaltet sich die Knospe zur Bl\u00fcte, so entfaltet sich das aus Papier gekniffte Boot, das man Kindern zu machen beibringt, zum glatten Blatt. Und diese zweite Art \u00bbEntfaltung\u00ab ist der Parabel eigentlich angemessen, des Lesers Vergn\u00fcgen, sie zu gl\u00e4tten, so dass ihre Bedeutung auf der flachen Hand liegt. Kafkas Parabeln entfalten sich aber im ersten Sinne; n\u00e4mlich wie die Knospe zur Bl\u00fcte wird. Darum ist ihr Produkt der Dichtung \u00e4hnlich. Das hindert nicht, dass seine St\u00fccke nicht g\u00e4nzlich in die Prosaformen des Abendlandes eingehen und zur Lehre \u00e4hnlich wie die Haggadah zur Halacha stehen. Sie sind nicht Gleichnisse und wollen doch auch nicht f\u00fcr sich genommen sein; sie sind derart beschaffen, dass man sie zitieren, zur Erl\u00e4uterung erz\u00e4hlen kann. Besitzen wir die Lehre aber, die von Kafkas Gleichnissen begleitet und in den Gesten K.&#8217;s und den Geb\u00e4rden seiner Tiere erl\u00e4utert wird? Sie ist nicht da; wir k\u00f6nnen h\u00f6chstens sagen, dass dies und jenes auf sie anspielt. Kafka h\u00e4tte vielleicht gesagt: als ihr Relikt sie \u00fcberliefert; wir aber k\u00f6nnen ebensowohl sagen: sie als ihr Vorl\u00e4ufer vorbereitet. In jedem Falle handelt es sich dabei um die Frage der Organisation des Lebens und der Arbeit in der menschlichen Gemeinschaft. Diese hat Kafka umso stetiger besch\u00e4ftigt, als sie ihm undurchschaubar geworden ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn im ber\u00fchmten Erfurter Gespr\u00e4ch mit Goethe Napoleon an die Stelle des Fatums die Politik gesetzt hat, so h\u00e4tte Kafka dieses Wort variierend die Organisation als Schicksal definieren k\u00f6nnen. Und nicht nur in den ausgebreiteten Beamtenhierarchien des \u00bbProzesses\u00ab und des \u00bbSchlosses\u00ab steht sie ihm vor Augen, sondern greifbarer noch in den schwierigen und un\u00fcbersehbaren Bauvorhaben, deren ehrw\u00fcrdiges Modell er im \u00bbBau der Chinesischen Mauer\u00ab behandelt hat. \u00bbDie Mauer sollte zum Schutz f\u00fcr die Jahrhunderte werden; sorgf\u00e4ltigster Bau, Benutzung der Bauweisheit aller bekannten Zeiten und V\u00f6lker, dauerndes Gef\u00fchl der pers\u00f6nlichen Verantwortung der Bauenden waren deshalb unumg\u00e4ngliche Voraussetzung f\u00fcr die Arbeit. Zu den niederen Arbeiten konnten zwar unwissende Tagl\u00f6hner aus dem Volke, M\u00e4nner, Frauen, Kinder, wer sich f\u00fcr gutes Geld anbot, verwendet werden; aber schon zur Leitung von vier Tagl\u00f6hnern war ein verst\u00e4ndiger, im Baufach gebildeter Mann n\u00f6tig \u2026 Wir ich rede hier wohl im Namen vieler haben eigentlich erst im Nachbuchstabieren der Anordnungen der obersten F\u00fchrerschaft uns selbst kennengelernt und gefunden, dass ohne die F\u00fchrerschaft weder unsere Schulweisheit noch unser Menschenverstand f\u00fcr das kleine Amt, das wir innerhalb des gro\u00dfen Ganzen hatten, ausgereicht h\u00e4tte.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Organisation \u00e4hnelt dem Fatum. Metschnikoff, der in seinem ber\u00fchmten Buch \u00bbDie Zivilisation und die gro\u00dfen historischen Fl\u00fcsse\u00ab ihr Schema gezeichnet hat, tut dies mit Wendungen, die von Kafka sein k\u00f6nnten. \u00bbDie Kan\u00e4le des Jangtse-Kiang und die D\u00e4mme des Hoang-ho\u00ab, schreibt er, \u00bbsind aller Wahrscheinlichkeit nach ein Resultat kunstvoll organisierter gemeinsamer Arbeit von \u2026 Generationen \u2026 Die kleinste Unachtsamkeit beim Stechen dieses oder jenes Grabens oder beim St\u00fctzen irgendeines Dammes, die geringste Nachl\u00e4ssigkeit, ein egoistisches Auftreten seitens eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen in der Sache der Erhaltung des gemeinsamen Wasserreichtums, wird unter so ungew\u00f6hnlichen Verh\u00e4ltnissen die Quelle sozialer \u00fcbel und weitreichenden gesellschaftlichen Ungl\u00fccks. Demnach fordert ein Flu\u00df-Ern\u00e4hrer mit Todesdrohen eine enge und dauernde Solidarit\u00e4t zwischen jenen Massen der Bev\u00f6lkerung, welche oft einander fremd, ja feindlich sind; er verurteilt Jedermann zu solchen Arbeiten, deren gemeinsame N\u00fctzlichkeit sich erst mit der Zeit offenbart, und deren Plan sehr oft einem gew\u00f6hnlichen Menschen ganz unverst\u00e4ndlich bleibt.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kafka wollte sich zu den gew\u00f6hnlichen Menschen gerechnet wissen. Die Grenze des Verstehens hat sich ihm auf Schritt und Tritt aufgedr\u00e4ngt. Und gern dr\u00e4ngt er sie andern auf. Er scheint manchmal nicht weit entfernt, mit Dostojewski Gro\u00dfinquisitor zu sagen: \u00bbSo haben wir denn ein Mysterium vor uns, das wir nicht begreifen k\u00f6nnen. Und eben weil es ein R\u00e4tsel ist, so hat en wir das Recht, es zu predigen, den Menschen zu lehren, dass das, woran gelegen ist, weder die Freiheit, noch die Liebe, sondern das R\u00e4tsel, das Geheimnis, das Mysterium ist, dem sie sich unterwerfen m\u00fcssen ohne Nachdenken und auch gegen ihr Gewissen.\u00ab Den Versuchungen des Mystizismus ist Kafka nicht immer aus dem Wege gegangen. Von seiner Begegnung mit Rudolf Steiner haben wir eine Tagebuchnotiz, die mindestens in der Gestalt, in der sie publiziert ist, die Stellungnahme Kafkas nicht enth\u00e4lt. Hat er sich ihr entzogen? Sein Verfahren den eigenen Texten gegen\u00fcber l\u00e4sst das keinesfalls als unm\u00f6glich erscheinen. Kafka verf\u00fcgte \u00fcber eine seltene Kraft, sich Gleichnisse zu schaffen. Trotzdem ersch\u00f6pft er sich in dem, was deutbar ist, niemals, hat vielmehr alle erdenklichen Vorkehrungen gegen die Auslegung seiner Texte getroffen. Mit Umsicht, mit Behutsamkeit, mit Misstrauen muss man in ihrem Innern sich vorw\u00e4rts tasten. Man muss sich Kafkas Eigenart zu lesen vor Augen halten, wie er sie in der Auslegung der genannten Parabel handhabt. Man darf auch an sein Testament erinnern. Die Vorschrift, mit der er die Vernichtung einer Hinterlassenschaft anbefahl, ist den n\u00e4heren Umst\u00e4nden nach ebenso schwer ergr\u00fcndlich, ebenso sorgf\u00e4ltig abzuw\u00e4gen, wie die Antworten des T\u00fcrh\u00fcters vor dem Gesetz. Vielleicht wollte Kafka, den jeder Tag seines Lebens vor unentr\u00e4tselbare Verhaltungsweisen und undeutliche Verlautbarungen gestellt hat, im Tode wenigstens seiner Mitwelt mit gleicher M\u00fcnze heimzahlen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kafkas Welt ist ein Welttheater. Ihm steht der Mensch von Haus aus auf der B\u00fchne. Und die Probe auf das Exempel ist: Jeder wird auf dem Naturtheater von Oklahoma eingestellt. Nach welchen Ma\u00dfst\u00e4ben die Aufnahme erfolgt, ist nicht zu entr\u00e4tseln. Die schauspielerische Eignung, an die man zuerst denken sollte, spielt scheinbar gar keine Rolle. Man kann das aber auch so ausdr\u00fccken: den Bewerbern wird \u00fcberhaupt nichts anderes zugetraut, als sich zu spielen. Dass sie im Ernstfall sein k\u00f6nnten, was sie angeben, schaltet aus dem Bereich der M\u00f6glichkeit aus. Mit ihren Rollen suchen die Personen ein Unterkommen im Naturtheater wie die sechs Pirandelloschen einen Autor. Beiden ist dieser Ort die letzte Zuflucht; und das schlie\u00dft nicht aus, dass er die Erl\u00f6sung ist. Die Erl\u00f6sung ist keine Pr\u00e4mie auf das Dasein, sondern die letzte Ausflucht eines Menschen, dem, wie Kafka sagt, \u00bbsein eigener Stirnknochen \u2026 den Weg\u00ab verlegt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das Gesetz dieses Theaters ist in dem versteckten Satz enthalten, den der \u00bbBericht f\u00fcr eine Akademie\u00ab enth\u00e4lt: \u00bb \u2026 ich ahmte nach, weil ich einen Ausweg suchte, aus keinem anderen Grund.\u00ab K. scheint vor dem Ende seines Prozesses eine Ahnung von diesen Dingen aufzugehen. Er wendet sich pl\u00f6tzlich den beiden Herren im Zylinder zu, welche ihn abholen und fragt: \u00bb\u201eAn welchem Theater spielen Sie.\u201c \u201eTheater?\u201c fragte der eine Herr mit zuckenden Mundwinkeln den andern um Rat. Der andere geb\u00e4rdete sich wie ein Stummer, der mit dem widerspenstigen Organismus k\u00e4mpft.\u00ab Sie beantworten die Frage nicht, aber manches deutet darauf hin, dass sie von ihr betroffen werden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">An einer langen Bank, die man mit einem wei\u00dfen Tuch bedeckt hat, werden alle, welche von nun ab am Naturtheater sind, bewirtet. \u00bbAlle waren fr\u00f6hlich und aufgeregt\u00ab. Engel werden zur Feier von den Statisten gestellt. Sie stehen auf hohen Postamenten, die von wallenden Gew\u00e4ndern \u00fcberdeckt in ihrem Innern eine Treppe haben. Die Zur\u00fcstungen einer l\u00e4ndlichen Kirmes, vielleicht auch eines Kinderfests, bei dem der eingeschn\u00fcrte, aufgeputzte Knabe, von dem wir sprachen, die Traurigkeit seines Blicks verloren h\u00e4tte. H\u00e4tten sie nicht die umgebundenen Fl\u00fcgel, so w\u00e4ren diese Engel vielleicht echte. Sie haben ihre Vorl\u00e4ufer bei Kafka. Der Impresario geh\u00f6rt zu ihnen, der zu dem vom \u00bbersten Leid\u00ab befallenen Trapezk\u00fcnstler ins Gep\u00e4cknetz steigt, ihn streichelt und sein Gesicht an das eigene dr\u00fcckt, \u00bbso dass er auch von des Trapezk\u00fcnstlers Tr\u00e4nen \u00fcberflossen wurde.\u00ab Ein anderer, ein Schutz-Engel oder Schutz-Mann nimmt sich nach dem \u00bbBrudermorde\u00ab des M\u00f6rders Schmar an, der \u00bbden Mund an die Schulter des Schutzmannes gedr\u00fcckt\u00ab leichtf\u00fc\u00dfig von ihm davongef\u00fchrt wird. In die l\u00e4ndlichen Zeremonien von Oklahoma klingt der letzte Roman Kafkas aus. \u00bbBei Kafka hat Soma Morgenstern gesagt herrscht Dorfluft wie bei allen gro\u00dfen Religionsstiftern.\u00ab Hier darf man um so mehr an die Darstellung der Fr\u00f6mmigkeit durch Laotse erinnern, als Kafka in dem \u00bbn\u00e4chsten Dorfe\u00ab ihr die vollkommenste Umschreibung gewidmet hat: \u00bbNachbarl\u00e4nder m\u00f6gen in Sehweite liegen, | Dass man den Ruf der H\u00e4hne und Hunde gegenseitig h\u00f6ren kann: | Und doch sollten die Leute im h\u00f6chsten Alter sterben, ohne hin und her gereist zu sein.\u00ab Soweit Laotse. Kafka war auch ein Paraboliker, aber ein Religionsstifter war er nicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Betrachten wir das Dorf, das am Fu\u00dfe des Schlo\u00dfbergs liegt, von dem aus K.s vorgebliche Berufung als Landvermesser so r\u00e4tselhaft und unerwartet best\u00e4tigt wird. Brod hat, im Nachwort zu diesem Roman, erw\u00e4hnt, dass Kafka bei diesem Dorf am Fu\u00dfe des Schlo\u00dfbergs eine bestimmte Siedlung, Z\u00fcrau im Erzgebirge, vorgeschwebt habe. Wir d\u00fcrfen aber noch ein anderes Dorf in ihm erkennen. Es ist das einer talmudischen Legende, die der Rabbi als Antwort auf die Frage erz\u00e4hlt, warum der Jude am Freitagabend ein Festmahl r\u00fcstet. Sie berichtet von einer Prinzessin, die in der Verbannung, von ihren Landsleuten fern, und in einem Dorf, dessen Sprache sie nicht verstehe, schmachte. Zu dieser Prinzessin kommt eines Tages ein Brief, ihr Verlobter habe sie nicht vergessen, habe sich aufgemacht und sei unterwegs zu ihr. Der Verlobte, sagt der Rabbi, ist der Messias, die Prinzessin die Seele, das Dorf aber, in das sie verbannt ist, der K\u00f6rper. Und weil sie dem Dorf, das ihre Sprache nicht kennt, anders von ihrer Freude nichts mitteilen kann, r\u00fcstet sie ihm ein Mahl. Mit diesem Dorf des Talmud sind wir mitten in Kafkas Welt. Denn so wie K. im Dorf am Schlo\u00dfberg lebt der heutige Mensch in seinem K\u00f6rper; er entgleitet ihm, ist ihm feindlich. Es kann geschehen, dass der Mensch eines Morgens erwacht, und er ist in ein Ungeziefer verwandelt. Die Fremde seine Fremde ist seiner Herr geworden. Die Luft von diesem Dorf weht bei Kafka, und darum ist er nicht in Versuchung gekommen, Religionsstifter zu werden. Zu diesem Dorf geh\u00f6rt auch der Schweinestall, aus dem die Pferde f\u00fcr den Landarzt hervorkommen, das stickige Hinterzimmer, in welchem Klamm, die Virginia im Munde, vor einem Glas Bier sitzt, und das Hoftor, an das zu schlagen den Untergang mit sich bringt. Die Luft in diesem Dorf ist nicht rein von all dem Ungewordenen und \u00fcberreifen, das so verderbt sich ineinander mischt. Kafka hat sie sein Lebtag atmen m\u00fcssen. Er war kein Mantiker und auch kein Religionsstifter. Wie hat er es in ihr ausgehalten?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: justify;\">Das bucklicht M\u00e4nnlein<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Knut Hamsun, so erfuhr man vor l\u00e4ngerer Zeit, habe die Gepflogenheit, hin und wieder den Briefkasten des Lokalblatts der kleinen Stadt, in deren N\u00e4he er wohnt, mit seinen Ansichten zu beschicken. Es fand vor Jahren in dieser Stadt ein Schwurgerichtsproze\u00df gegen eine Magd statt, die ihr neugeborenes Kind umgebracht hatte. Sie wurde zu einer Gef\u00e4ngnisstrafe verurteilt. Bald darauf erschien im Lokalblatt eine Meinungs\u00e4u\u00dferung von Hamsun. Er sagt an, er werde einer Stadt den R\u00fccken kehren, welche f\u00fcr eine Mutter, die ihr Neugeborenes t\u00f6te, eine andere Strafe kenne als die schwerste; wenn schon nicht den Galgen, dann das lebensl\u00e4ngliche Zuchthaus. Es vergingen einige Jahre \u2026 Segen der Erde\u00ab erschien und darinnen die Geschichte einer Dienstmagd, die das gleiche Verbrechen begeht, die gleiche Strafe erleidet und, wie der Leser deutlich erkennt, gewiss keine schwerere verdient hatte.<br \/>Die nachgelassenen Reflexionen Kafkas, die im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/07\/03\/beim-bau-der-chinesischen-mauer\/\">Bau der Chinesischen Mauer<\/a> enthalten sind, geben Anlass, sich dieses Hergangs zu erinnern. Denn kaum war dieser Nachla\u00dfband erschienen, als sich, gest\u00fctzt auf seine Reflexionen, eine Deutung Kafkas hervortat, die sich in deren Auslegung gefiel, um mit seinen eigentlichen Werken desto weniger Umst\u00e4nde zu machen. Zwei Wege gibt es, Kafkas Schriften grunds\u00e4tzlich zu verfehlen. Die nat\u00fcrliche Auslegung ist der eine, die \u00fcbernat\u00fcrliche ist der andere; am Wesentlichen gehen beide die psychoanalytische wie die theologische in gleicher Weise vorbei. Die erste ist vertreten von Hellmuth Kaiser; die zweite von nun schon zahlreichen Autoren, wie H. J. Schoeps, Bernhard Rang, Groethuysen. Zu ihnen ist auch Willy Haas zu rechnen, der freilich in ferneren Zusammenh\u00e4ngen, auf die wir noch sto\u00dfen werden, Aufschlussreiches \u00fcber Kafka bemerkt hat. Das hat ihn nicht davor bewahren k\u00f6nnen, das Gesamtwerk im Sinne einer theologischen Schablone auszudeuten. \u00bbDie obere Macht,\u00ab so schreibt er \u00fcber Kafka, \u00bbden Bereich der Gnade, hat er dargestellt in seinem gro\u00dfen Roman \u201eDas Schlo\u00df\u201c, die untere, den Bereich des Gerichts und der Verdammnis, in seinem ebenso gro\u00dfen Roman \u201eDer Proze\u00df\u201c. Die Erde zwischen beiden, \u2026 das irdische Schicksal und seine schwierigen Forderungen hat er in strenger Stilisierung zu geben versucht in einem dritten Roman \u201eAmerika\u201c.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das erste Drittel dieser Interpretation kann man, seit Brod, wohl als Gemeingut der Kafka-Interpretation betrachten. In diesem Sinne schreibt z. B. Bernhard Rang: \u00bbSofern man das Schlo\u00df als den Sitz der Gnade ansehen darf, so bedeutet, theologisch gesprochen, eben dieses vergebliche Bem\u00fchen und Versuchen, dass sich die Gnade Gottes nicht willk\u00fcrlich und willentlich vom Menschen herbeif\u00fchren und erzwingen l\u00e4sst. Die Unruhe und Ungeduld verhindert und verwirrt nur die erhabene Stille des G\u00f6ttlichen.\u00ab Bequem ist diese Deutung; dass sie unhaltbar ist, erscheint, je weiter sie sich vorwagt, desto klarer. Am klarsten daher vielleicht bei Willy Haas, wenn er erkl\u00e4rt: \u00bbKafka kommt \u2026 von Kierkegaard wie von Pascal, man kann ihn wohl den einzigen legitimen Enkel Kierkegaards und Pascals nennen. Alle drei haben das harte, blutig harte religi\u00f6se Grundmotiv: dass der Mensch immer im Unrecht ist vor Gott.\u00ab Kafkas \u00bbOberwelt, sein sogenanntes \u201eSchlo\u00df\u201c mit seinem unabsehbaren, kleinlichen verzwickten und recht l\u00fcsternen Beamtenstab, sein merkw\u00fcrdiger Himmel treibt ein f\u00fcrchterliches Spiel mit den Menschen \u2026 ; und doch ist der Mensch ganz tief im Unrecht sogar vor diesem Gott.\u00ab Diese Theologie f\u00e4llt weit hinter die Rechtfertigungslehre Anse1ms von Canterbury in barbarische Spekulationen zur\u00fcck, die im \u00fcbrigen nicht einmal mit dem Wortlaut des Kafkaschen Textes vereinbar erscheinen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u201eKann denn\u00ab\u201e, hei\u00dft es gerade im \u00bbSchlo\u00df\u00ab, \u00bb\u201eein einzelner Beamter verzeihen? Das k\u00f6nnte doch h\u00f6chstens Sache der Gesamtbeh\u00f6rde sein, aber selbst diese kann wahrscheinlich nicht verzeihen, sondern nur richten.\u00ab\u201e Der Weg, der so beschritten worden ist, hat sich schnell totgelaufen. \u00bbDas alles\u00ab, sagt Denis de Rougemont, \u00bbist nicht der elende Stand des Menschen, der ohne Gott ist, sondern der Elendsstand des Menschen, der einem Gott verhaftet ist, den er nicht kennt, weil er Christum nicht kennt.\u00ab Es ist leichter, aus der nachgelassenen Notizensammlung Kafkas spekulative Schl\u00fcsse zu ziehen, als auch nur eines der Motive zu ergr\u00fcnden, die in seinen Geschichten und Romanen auftreten. Aber nur sie geben einigen Aufschluss \u00fcber die vorweltlichen Gewalten, von denen Kafkas Schaffen beansprucht wurde; Gewalten, die man freilich mit gleichem Recht auch als weltliche unserer Tage betrachten kann. Und wer will sagen, unter welchem Namen sie Kafka selbst erschienen sind. Fest steht nur dies: er hat in ihnen sich nicht zurechtgefunden. Er hat sie nicht gekannt. Er hat nur in dem Spiegel, den die Vorwelt ihm in Gestalt der Schuld entgegenhielt, die Zukunft in Gestalt des Gerichtes erscheinen sehen. Wie man sich dieses aber zu denken hat ist es nicht das J\u00fcngste? macht es nicht aus dem Richter den Angeklagten? ist nicht das Verfahren die Strafe? darauf hat Kafka keine Antwort gegeben. Versprach er sich etwas von ihr? Oder war es ihm nicht vielmehr darum zu tun, sie hintanzuhalten? In den Geschichten, die wir von ihm haben, gewinnt die Epik die Bedeutung wieder, die sie im Mund Scheherazades hat: das Kommende hinauszuschieben. Aufschub ist im \u00bbProze\u00df\u00ab die Hoffnung des Angeklagten ginge nur das Verfahren nicht allm\u00e4hlich ins Urteil \u00fcber. Dem Erzvater selbst soll Aufschub zugute kommen, und m\u00fcsste er seinen Platz in der Tradition daf\u00fcr hergeben. \u00bbIch k\u00f6nnte mir einen andern Abraham denken, der freilich w\u00fcrde er es nicht bis zum Erzvater bringen, nicht einmal bis zum Altkleiderh\u00e4ndler der die Forderung des Opfers sofort, bereitwillig wie ein Kellner zu erf\u00fcllen bereit w\u00e4re, der das Opfer aber doch nicht zustande br\u00e4chte, weil &#8218;er von zuhause nicht fort kann, er ist unentbehrlich, die Wirtschaft ben\u00f6tigt ihn, immerfort ist noch etwas anzuordnen, das Haus ist nicht fertig, aber ohne dass sein Haus fertig ist, ohne diesen R\u00fcckhalt kann er nicht fort, das sieht auch die Bibel ein, denn sie sagt: \u201eer bestellte sein Haus\u201c\u201e\u201e. \u00bbBereitwillig wie ein Kellner\u00ab erscheint dieser Abraham. Etwas war immer nur im Gestus f\u00fcr Kafka fassbar. Und dieser Gestus, den er nicht verstand, bildet die wolkige Stelle der Parabeln. Aus ihm geht Kafkas Dichtung hervor. Es ist bekannt, wie er mit ihr zur\u00fcckhielt. Sein Testament befiehlt sie der Vernichtung an. Dies Testament, das keine Befassung mit Kafka umgehen kann, sagt, dass sie ihren Autor nicht zufrieden stellte; dass er seine Bem\u00fchungen als verfehlt ansah; dass er sich selbst zu denen rechnete, die scheitern mussten. Gescheitert ist sein gro\u00dfartiger Versuch, die Dichtung in die Lehre zu \u00fcberf\u00fchren und als Parabel ihr die Haltbarkeit und die Unscheinbarkeit zur\u00fcckzugeben, die im Angesicht der Vernunft ihm als die einzig geziemende erschienen ist. Kein Dichter hat das \u00bbDu sollst Dir kein Bildnis machen\u00ab so genau befolgt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs war, als sollte die Scham ihn \u00fcberleben\u00ab das sind die Worte, die den \u00bbProze\u00df\u00ab beschlie\u00dfen. Die Scham, die seiner \u00bbelementaren Reinheit des Gef\u00fchls\u00ab entspricht, ist die st\u00e4rkste Geb\u00e4rde Kafkas. Sie hat aber ein doppeltes Gesicht. Die Scham, die eine intime Reaktion des Menschen ist, ist zugleich eine gesellschaftlich anspruchsvolle. Scham ist nicht nur Scham vor den andern, sondern kann auch Scham f\u00fcr sie sein. So ist Kafkas Scham nicht pers\u00f6nlicher, als das Leben und Denken, das sie regiert und von dem er gesagt hat: \u00bbEr lebt nicht wegen seines pers\u00f6nlichen Lebens, er denkt nicht wegen seines pers\u00f6nlichen Denkens. Ihm ist, als lebe und denke er unter der N\u00f6tigung einer Familie \u2026 Wegen dieser unbekannten Familie \u2026 kann er nicht entlassen werden.\u00ab Wir wissen nicht, wie diese unbekannte Familie aus Menschen und aus Tieren sich zusammensetzt. Nur soviel ist klar, dass sie es ist, die Kafka zwingt, Weltalter im Schreiben zu bewegen. Dem Gehei\u00df dieser Familie folgend, w\u00e4lzt er den Block des geschichtlichen Geschehens wie Sisyphos den Stein. Dabei geschieht es, dass dessen untere Seite ans Licht ger\u00e4t. Sie ist nicht angenehm zu sehen. Doch Kafka ist imstande, ihren Anblick zu ertragen. \u00bbAn Fortschritt glauben hei\u00dft nicht glauben, dass ein Fortschritt schon geschehen ist. Das w\u00e4re kein Glauben.\u00ab Das Zeitalter, in dem Kafka lebt, bedeutet ihm keinen Fortschritt \u00fcber die Uranf\u00e4nge; Seine Romane spielen in einer Sumpfwelt. Die Kreatur erscheint bei ihm auf der Stufe, die Bachofen als die het\u00e4rische bezeichnet. Dass diese Stufe vergessen ist, besagt nicht, dass sie in die Gegenwart nicht hineinragt. Vielmehr: gegenw\u00e4rtig ist sie durch diese Vergessenheit. Eine Erfahrung, die tiefer geht als die des Durchschnittsb\u00fcrgers, trifft auf sie auf. \u00bbIch habe Erfahrung,\u00ab lautet eine der fr\u00fchesten Aufzeichnungen Kafkas, \u00bbund es ist nicht scherzend gemeint, wenn ich sage, dass es eine Seekrankheit auf festem Lande ist.\u00ab Nicht umsonst erfolgt die erste \u00bbBetrachtung\u00ab von einer Schaukel aus. Und unersch\u00f6pflich ergeht sich Kafka \u00fcber die schwankende Natur der Erfahrungen. Jede gibt nach, jede vermischt sich mit der entgegengesetzten. \u00bbEs war im Sommer,\u00ab so beginnt der \u00bbSchlag ans Hoftor\u00ab, \u00bbein hei\u00dfer Tag. Ich kam auf dem Nachhauseweg mit meiner Schwester an einem Hoftor vor\u00fcber. Ich wei\u00df nicht, schlug sie aus Mutwillen ans Tor oder aus Zerstreutheit oder drohte sie nur mit der Faust und schlug gar nicht.\u00ab Die blo\u00dfe M\u00f6glichkeit des an der dritten Stelle erw\u00e4hnten Vorgangs l\u00e4sst die vorangehenden, die zun\u00e4chst harmlos erschienen, in ein anderes Licht treten. Es ist der Moorboden solcher Erfahrungen, aus denen die Kafkaschen Frauengestalten aufsteigen. Sie sind Sumpfgesch\u00f6pfe wie Leni, die \u00bbden Mittel und Ringfinger ihrer rechten Hand\u00ab auseinanderspannt, \u00bbzwischen denen das Verbindungsh\u00e4utchen fast bis zum obersten Gelenk der kurzen Finger\u00ab reicht. \u00bb\u201eSch\u00f6ne Zeiten,\u00ab\u201e erinnert die zweideutige Frieda sich ihres Vorlebens, \u201e\u00bbdu hast mich niemals nach meiner Vergangenheit gefragt.\u00ab\u201e Diese f\u00fchrt eben in den finsteren Scho\u00df der Tiefe zur\u00fcck, wo sich jene Paarung vollzieht, \u00bbderen regellose \u00dcppigkeit\u00ab, um mit Bachofen zu reden, \u00bbden reinen M\u00e4chten des himmlischen Lichts verhasst ist und die Bezeichnung luteae voluptates, deren sich Arnobius bedient, rechtfertigt.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Von hier aus erst l\u00e4sst sich die Technik, die Kafka als Erz\u00e4hler hat, begreifen. Wenn andere Romanfiguren dem K. etwas zu sagen haben, so tun sie das mag es das Wichtigste, mag es das \u00dcberraschendste sein beil\u00e4ufig und auf eine Weise, als m\u00fcsste er es im Grunde l\u00e4ngst gewusst haben. Es ist als w\u00e4re da nichts Neues, als ergehe nur unauff\u00e4llig an den Helden die Aufforderung, sich doch einfallen zu lassen, was er vergessen habe. In diesem Sinn hat Willy Haas mit Recht den Hergang des \u00bbProzesses\u00ab verstehen wollen und ausgesprochen, \u00bbdass der Gegenstand dieses Prozesses, ja der eigentliche Held dieses unglaublichen Buches, das Vergessen ist, \u2026 dessen \u2026 Haupteigenschaft ja ist, dass er sich selbst vergisst \u2026 Es ist hier selbst geradezu stumme Gestalt geworden in dieser Figur des Angeklagten, und zwar Gestalt von gro\u00dfartigster Intensit\u00e4t.\u00ab Dass \u00bbdieses geheimnisvolle Zentrum \u2026 der j\u00fcdischen Religion\u00ab entstammt, ist wohl nicht von der Hand zu weisen. \u00bbHier spielt das Ged\u00e4chtnis als Fr\u00f6mmigkeit eine ganz geheimnisvolle Rolle. Es ist \u2026 nicht eine, sondern die tiefste Eigenschaft sogar Jehovas, dass er gedenkt, dass er ein untr\u00fcgliches Ged\u00e4chtnis \u201ebis ins dritte und vierte Geschlecht\u201c, ja bis ins hundertste\u201c bewahrt; der heiligste \u2026 Akt des \u2026 Ritus ist die Ausl\u00f6schung der S\u00fcnden aus dem Buch des Ged\u00e4chtnisses.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Vergessene mit dieser Erkenntnis stehen wir vor einer weiteren Schwelle von Kafkas Werk ist niemals ein nur individuelles. Jedes Vergessene mischt sich mit dem Vergessenen der Vorwelt, geht mit ihm zahllose, ungewisse, wechselnde Verbindungen zu immer wieder neuen Ausgeburten ein. Vergessenheit ist das Beh\u00e4ltnis, aus dem die unersch\u00f6pfliche Zwischenwelt in Kafkas Geschichten ans Licht dr\u00e4ngt. \u00bbIhm gilt grade die F\u00fclle der Welt als das allein Wirkliche. Aller Geist muss dinglich, besonders sein, um hier Platz und Daseinsrecht zu bekommen &#8218;\u00ab Das Geistige, insofern es noch eine Rolle spielt, wird zu Geistern. Die Geister werden zu ganz individuellen Individuen, selber benannt und dem Namen des Verehrers aufs besonderste verbunden &#8218;\u00ab Unbedenklich wird mit ihrer F\u00fclle die F\u00fclle der Welt noch \u00fcberf\u00fcllt \u2026 Unbek\u00fcmmert mehrt sich hier das Gedr\u00e4nge der Geister; .. , immer neue zu den alten, alle eigennamentlich voneinander geschieden.\u00ab Es ist nun freilich nicht Kafka, von dem hier die Rede ist es ist China. So beschreibt Franz Rosenzweig im \u00bbStern der Erl\u00f6sung\u00ab den chinesischen Ahnenkult. Unabsehbar wie die Welt der f\u00fcr ihn wichtigen Tatsachen aber war f\u00fcr Kafka auch die seiner Ahnen und gewiss ist, dass sie, wie die Totemb\u00e4ume der Primitiven, zu den Tieren hinunterf\u00fchrte. \u00fcbrigens sind die Tiere nicht allein bei Kafka Beh\u00e4ltnisse des Vergessenen. Im tiefsinnigen \u00bbBlonden Eckbert\u00ab Tiecks steht der vergessene Name eines H\u00fcndchens Strohmianals Chiffre einer r\u00e4tselhaften Schuld. So kann man verstehen, dass Kafka nicht m\u00fcde wurde, den Tieren das Vergessene abzulauschen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sind wohl nicht das Ziel; aber ohne sie geht es nicht. Man denke an den \u00bbHungerk\u00fcnstler\u00ab, der \u00bbgenau genommen, nur ein Hindernis auf dem Weg zu den St\u00e4llen war.\u00ab Sieht man das Tier im \u00bbBau\u00ab oder den \u00bbRiesenmaulwurf\u00ab nicht gr\u00fcbeln, wie man sie w\u00fchlen sieht? Und doch ist auf der anderen Seite dieses Denken wiederum etwas sehr Zerfahrenes. Unschl\u00fcssig schaukelt es von Entstellung, dem Buckligen. Unter den Geb\u00e4rden Kafkascher Erz\u00e4hlungen&#8216; begegnet keine h\u00e4ufiger als die des Mannes, der den Kopf tief auf die Brust herunterbeugt. Das ist die M\u00fcdigkeit bei den Gerichtsherren, der L\u00e4rm bei den Portiers in dem Hotel, die niedere Decke bei den Galeriebesuchern. In der \u00bbStrafkolonie\u00ab aber bedienen sich die Gewalthaber einer altert\u00fcmlichen Maschinerie, die verschn\u00f6rkelte Lettern in den R\u00fccken der Schuldigen eingraviert, die Stiche mehrt, die Ornamente h\u00e4uft solange, bis der R\u00fccken der Schuldigen hellsehend wird, selber die Schrift entziffern kann, aus deren Lettern er den Namen seiner unbekannten Schuld entnehmen muss. Es ist also der R\u00fccken, dem es aufliegt. Und ihm liegt es bei Kafka seit jeher auf. So in der fr\u00fchen Tagebuchnotiz: \u00bbUm m\u00f6glichst schwer zu sein, was ich f\u00fcr das Einschlafen f\u00fcr gut halte, hatte ich die Arme gekreuzt und die H\u00e4nde auf die Schulter gelegt, so dass ich dalag wie ein bepackter Soldat.\u00ab Handgreiflich geht hier das Beladensein mit dem Vergessen des Schlafenden zusammen. Im \u00bbBucklichen M\u00e4nnlein\u00ab hat das Volkslied das Gleiche versinnbildlicht. Dies M\u00e4nnlein ist der Insasse des entstellten Lebens; es wird verschwinden, wenn der Messias kommt, von dem ein gro\u00dfer Rabbi gesagt hat, dass er nicht mit Gewalt die Welt ver\u00e4ndern wolle, sondern nur um ein Geringes sie zurechtstellen werde.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGeh ich in mein K\u00e4mmerlein, | Will mein Bettlein machen; I Steht ein bucklicht M\u00e4nnlein da, | F\u00e4ngt als an zu lachen.\u00ab Das ist das Lachen Odradeks, von dem es hei\u00dft: \u00bbEs klingt etwa so, wie das Rascheln in gefallenen Bl\u00e4ttern.\u00ab \u00bbWenn ich an mein B\u00e4nklein knie, | Will ein bi\u00dflein beten; | Steht ein bucklicht M\u00e4nnlein da, I F\u00e4ngt als an zu reden. | Liebes Kindlein, ach ich bitt, | Bet&#8216; f\u00fcr&#8217;s bucklicht M\u00e4nnlein mit!\u00ab So endet das Volkslied. In seiner Tiefe ber\u00fchrt Kafka den Grund, den weder das \u00bbmythische Ahnungswissen\u00ab noch die \u00bbexistenzielle Theologie\u00ab ihm gibt. Es ist der Grund des deutschen Volkstums so gut wie des j\u00fcdischen. Wenn Kafka nicht gebetet hat was wir nicht wissen so war ihm doch aufs h\u00f6chste eigen, was Malebranche \u00bbdas nat\u00fcrliche Gebet der Seele\u00ab nennt die Aufmerksamkeit. Und in sie hat er, wie die Heiligen in ihre Gebete, alle Kreatur eingeschlossen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: justify;\">Sancho Pansa<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem chassidischen Dorf, so erz\u00e4hlt man, sa\u00dfen eines Abends zu Sabbath-Ausgang in einer \u00e4rmlichen Wirtschaft die Juden. Ans\u00e4ssige waren es, bis auf einen, den keiner kannte, einen ganz \u00e4rmlichen, zerlumpten, der im Hintergrunde im Dunkeln einer Ecke kauerte. Hin und her waren die Gespr\u00e4che gegangen. Da brachte einer auf, was sich wohl jeder zu w\u00fcnschen d\u00e4chte, wenn er einen Wunsch frei h\u00e4tte. Der eine wollte Geld, der andere einen Schwiegersohn, der dritte eine neue Hobelbank, und so ging es die Runde herum. Als jeder zu Worte gekommen war, blieb noch der Bettler in der dunklen Ecke. Widerwillig und z\u00f6gernd gab er den Fragern nach: \u00bbIch wollte, ich w\u00e4re ein gro\u00dfm\u00e4chtiger K\u00f6nig und herrschte in einem weiten Lande und l\u00e4ge nachts und schliefe in meinem Palast und von der Grenze br\u00e4che der Feind herein und ehe es d\u00e4mmerte w\u00e4ren die Berittenen bis vor mein Schlo\u00df gedrungen und keinen Widerstand g\u00e4be es und aus dem Schlaf geschreckt, nicht Zeit mich auch nur zu bekleiden, und im Hemd, h\u00e4tte ich meine Flucht antreten m\u00fcssen und sei durch Berg und Tal und \u00fcber Wald und H\u00fcgel und ohne Ruhe Tag und Nacht gejagt, bis ich hier auf -der Bank in eurer Ecke gerettet angekommen w\u00e4re. Das w\u00fcnsche ich mir.\u00ab Verst\u00e4ndnislos sahen die andern einander an. \u00bbUnd was h\u00e4ttest du von diesem Wunsch?\u00ab fragte einer. \u00bbEin Hemd\u00ab war die Antwort. Diese Geschichte f\u00fchrt tief in den Haushalt von Kafkas Welt. Niemand sagt ja, die Entstellungen, die der Messias zurechtzur\u00fccken einst erscheinen werde, seien nur solche unseres Raums. Sie sind gewiss auch solche unserer Zeit. Bestimmt hat das Kafka gedacht. Und aus solcher Gewissheit seinen Gro\u00dfvater sagen lassen: \u00bb\u201eDas Leben ist erstaunlich kurz. Jetzt in der Erinnerung dr\u00e4ngt es sich mir so zusammen, dass ich zum Beispiel kaum begreife, wie ein junger Mensch sich entschlie\u00dfen kann ins n\u00e4chste Dorf zu reiten, ohne zu f\u00fcrchten, dass von ungl\u00fccklichen Zuf\u00e4llen ganz abgesehen schon die Zeit des gew\u00f6hnlichen, gl\u00fccklich ablaufenden Lebens f\u00fcr einen solchen Ritt bei weitem nicht hinreicht.\u201c\u201e\u201e Ein Bruder dieses Alten ist der Bettler, der in seinem \u00bbgew\u00f6hnlichen, gl\u00fccklich ablaufenden\u00ab Leben nicht einmal Zeit zu einem Wunsche findet, dem ungew\u00f6hnlichen, ungl\u00fccklichen der Flucht aber, in die er sich mit seiner Geschichte hineinbegibt, dieses Wunsches \u00fcberhoben ist und ihn f\u00fcr die Erf\u00fcllung eintauscht. Es gibt nun unter den Gesch\u00f6pfen Kafkas eine Sippe, die auf eigent\u00fcmliche Weise mit der K\u00fcrze des Lebens rechnet. Sie stammt aus der \u00bbStadt im S\u00fcden \u2026 , von der es \u2026 hie\u00df: \u201eDort sind Leute! Denkt Euch, die schlafen nicht!\u201c \u201eUnd warum denn nicht?\u201c \u201eWeil sie nicht m\u00fcde werden.\u201c \u201eUnd warum denn nicht?\u201c \u201eWeil sie Narren sind.\u201c \u201eWerden denn Narren nicht m\u00fcde?\u201c \u201eWie k\u00f6nnten Narren m\u00fcde werden!\u00ab\u201e Man sieht, die Narren sind mit den nimmerm\u00fcden Gehilfen verwandt. Es geht aber mit dieser Sippe noch h\u00f6her hinaus. Beil\u00e4ufig h\u00f6rte man von den Gesichtern der Gehilfen, sie lie\u00dfen \u00bb\u201eauf Erwachsene, ja fast auf Studenten schlie\u00dfen\u00ab\u201e. Und in der Tat sind die Studenten, die bei Kafka an den sonderbarsten Stellen zum Vorschein kommen, die Wortf\u00fchrer und Regenten dieses Geschlechts. \u201eAber wann schlafen Sie?\u201c fragte Karl und sah den Studenten verwundert an. \u201eJa, schlafen!\u201c sagte der Student. \u201eSchlafen werde ich, wenn ich mit meinem Studium fertig bin.\u00ab\u201e Man muss an die Kinder denken: wie ungern gehen sie zu Bett! w\u00e4hrend sie schlafen, k\u00f6nnte doch etwas vorkommen, was sie beansprucht. \u00bbVergiss das Beste nicht!\u00ab lautet eine Bemerkung, \u00bbdie uns aus einer unklaren F\u00fclle alter Erz\u00e4hlungen gel\u00e4ufig ist, trotzdem sie vielleicht in keiner vorkommt.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber das Vergessen betrifft immer das Beste, denn es betrifft die M\u00f6glichkeit der Erl\u00f6sung. \u201eDer Gedanke, mir helfen zu wollen,\u201c sagt ironisch der ruhelos irrende Geist des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/07\/03\/der-jaeger-gracchus\/\">J\u00e4gers Gracchus<\/a>\u00bb \u201eist eine Krankheit und muss im Bett geheilt werden.\u00ab\u201e Bei ihren Studien wachen die Studenten, und vielleicht ist es die beste Tugend der Studien, sie wachzuhalten. Der Hungerk\u00fcnstler fastet, der T\u00fcrh\u00fcter schweigt und die Studenten wachen. So versteckt wirken bei Kafka die gro\u00dfen Regeln der Askese. Das Studium ist ihre Krone. Mit Andacht bringt Kafka sie aus den versunkenen Knabenjahren an den Tag. \u00bbNicht viel anders jetzt war es schon lange her war Karl zu Hause am Tisch der Eltern gesessen und hatte seine Aufgaben geschrieben, w\u00e4hrend der Vater die Zeitung las oder Bucheintragungen und Korrespondenzen f\u00fcr einen Verein erledigte und die Mutter mit einer N\u00e4harbeit besch\u00e4ftigt war und hoch den Faden aus dem Stoffe zog. Um den Vater nicht zu bel\u00e4stigen, hatte Karl nur das Heft und das Schreibzeug auf den Tisch gelegt, w\u00e4hrend er die n\u00f6tigen B\u00fccher rechts und links von sich auf Sesseln angeordnet hatte. Wie still war es dort gewesen! Wie selten waren fremde Leute in jenes Zimmer gekommen!\u00ab Vielleicht sind diese Studien ein Nichts gewesen. Sie stehen aber jenem Nichts sehr nahe, dass das Etwas erst brauchbar macht dem Tao n\u00e4mlich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihm ging Kafka mit seinem Wunsch nach, \u00bbeinen Tisch mit peinlich ordentlicher Handwerksm\u00e4\u00dfigkeit zusammenzuh\u00e4mmern und dabei gleichzeitig nichts zu tun und zwar nicht so, dass man sagen k\u00f6nnte: \u201eIhm ist das H\u00e4mmern ein Nichts\u201c, sondern \u201eIhm ist das H\u00e4mmern ein wirkliches H\u00e4mmern und gleichzeitig auch ein Nichts\u201c, wodurch ja das H\u00e4mmern noch k\u00fchner, noch entschlossener, noch wirklicher und, wenn du willst, noch irrsinniger geworden w\u00e4re.\u00ab Und eine so entschlossene, so fanatische Geb\u00e4rde haben die Studierenden beim Studium. Sie kann nicht sonderbarer gedacht werden. Die Schreiber, die Studenten sind au\u00dfer Atem. Sie jagen nur so dahin. \u00bb\u201eOft diktiert der Beamte so leise, dass der Schreiber es sitzend gar nicht h\u00f6ren kann, dann muss er immer aufspringen, das Diktierte auffangen, schnell sich setzen und es aufschreiben, dann wieder aufspringen und so weiter. Wie merkw\u00fcrdig das ist! Es ist fast unverst\u00e4ndlich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00abVielleicht versteht man es aber besser, wenn man an die Schauspieler des Naturtheaters zur\u00fcckdenkt. Schauspieler m\u00fcssen blitzschnell auf ihr Stichwort aufpassen. Und sie \u00e4hneln diesen Beflissenen auch sonst. F\u00fcr sie ist in der Tat \u00bbdas H\u00e4mmern ein wirkliches H\u00e4mmern und gleichzeitig auch ein Nichts\u00ab wenn es n\u00e4mlich in ihrer Rolle steht. Diese Rolle studieren sie; der w\u00e4re ein schlechter Schauspieler, der ein Wort oder einen Gestus aus ihr verg\u00e4\u00dfe. F\u00fcr die Glieder der Truppe von Oklahoma aber ist sie ihr fr\u00fcheres Leben. Daher die \u00bbNatur\u00ab dieses Naturtheaters. Seine Schauspieler sind erl\u00f6st. Der Student aber ist es noch nicht, dem Karl nachts auf dem Balkon stumm zusieht, wie er in seinem Buche liest, \u00bbdie Bl\u00e4tter wendete, hie und da in einem andern Buche, das er immer mit Blitzesschnelle ergriff, irgend etwas nachschlug und \u00f6fters Notizen in ein Heft eintrug, wobei er immer \u00fcberraschend tief das Gesicht zu dem Hefte senkte.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Gestus derart zu vergegenw\u00e4rtigen ist Kafka unerm\u00fcdlich. Aber das geschieht nie anders als mit Staunen. Man hat K. mit Recht dem Schweyk verglichen; den einen wundert alles, den andern nichts. Im Zeitalter der aufs H\u00f6chste gesteigerten Entfremdung der Menschen voneinander, der unabsehbar vermittelten Beziehungen, die ihre einzigen wurden, sind Film und Grammophon erfunden worden. Im Film erkennt der Mensch den eigenen Gang nicht, im Grammophon nicht die eigene Stimme. Experimente beweisen das. Die Lage der Versuchsperson in diesen Experimenten ist Kafkas Lage. Sie ist es, die ihn auf das Studium anweist. Vielleicht st\u00f6\u00dft er dabei auf Fragmente des eigenen Daseins, welche noch im Zusammenhang der Rolle stehen. Er w\u00fcrde den verlorenen Gestus zu fassen bekommen wie Peter Schlemihl seinen verkauften Schatten. Er w\u00fcrde sich verstehen, aber wie riesenhaft w\u00e4re die Anstrengung! Denn es ist ja ein Sturm, der aus dem Vergessen herweht. Und das Studium ein Ritt, der dagegen angeht. So reitet auf der Ofenbank der Bettler seiner Vergangenheit entgegen, um in der Gestalt des fliehenden K\u00f6nigs seiner selbst habhaft zu werden. Dem Leben, das f\u00fcr einen Ritt zu kurz ist, entspricht dieser Ritt, der lang genug f\u00fcr das Leben ist, \u00bb \u2026 bis man die Sporen lie\u00df, denn es gab keine Sporen, bis man die Z\u00fcgel wegwarf, denn es gab keine Z\u00fcgel, und kaum das Land vor sich als glatt gem\u00e4hte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.\u00ab So geht die Phantasie vom seligen Reiter in Erf\u00fcllung, der der Vergangenheit auf leerer, fr\u00f6hlicher Reise entgegenbraust und seinem Renner keine Last mehr ist. Unselig aber der Reiter, der an seine M\u00e4hre gekettet ist, weil er das Zukunftsziel sich vorgesetzt hat und sei es auch das n\u00e4chste: der Kohlenkeller. Unselig auch sein Tier, unselig beide: der K\u00fcbel und der Reiter. \u00bbAls K\u00fcbelreiter, die Hand oben am Griff, dem einfachsten Zaumzeug, drehe ich mich beschwerlich die Treppe hinab; unten aber steigt mein K\u00fcbel auf, pr\u00e4chtig, pr\u00e4chtig; Kamele, niedrig am Boden hingelagert, steigen, sich sch\u00fcttelnd unter dem Stock des F\u00fchrers, nicht sch\u00f6ner auf.\u00ab Hoffnungsloser \u00f6ffnet sich keine Gegend als \u00bbdie Regionen der Eisgebirge\u00ab, in denen der K\u00fcbelreiter sich auf Nimmerwiedersehen verliert. Aus \u00bbden untersten Regionen des Todes\u00ab bl\u00e4st der Wind, der ihm g\u00fcnstig ist derselbe, der bei Kafka so oft aus der Vorwelt weht, und von dem auch der Kahn des J\u00e4gers Gracchus sich treiben l\u00e4sst. \u00bb\u00fcberall\u00ab, sagt Plutarch, \u00bbwird bei Mysterien und Opfern, sowohl unter Griechen als unter Barbaren, gelehrt, \u2026 dass es zwei besondere Grundwesen und einander entgegengesetzte Kr\u00e4fte geben m\u00fcsse, von denen das eine rechter Hand und geradeaus f\u00fchrt, das andere aber umlenkt und wieder zur\u00fccktreibt.\u00ab Umkehr ist die Richtung des Studiums, die das Dasein in Schrift verwandelt. Ihr Lehrmeister ist jener Bucephalus, der \u00bbneue Advokat\u00ab, der ohne den gewaltigen Alexander und das hei\u00dft: des vorw\u00e4rtsst\u00fcrmenden Eroberers ledig den Weg zur\u00fcck nimmt. \u00bbFrei, unbedr\u00fcckt die Seiten von den Lenden des Reiters, bei stiller Lampe, fern dem Get\u00f6se der Alexanderschlacht, liest und wendet er die Bl\u00e4tter unserer alten B\u00fccher.\u00ab Diese Geschichte ist vor einiger Zeit durch Werner Kraft zum Gegenstand der Deutung gemacht worden. Nachdem der Interpret mit Sorgfalt jeder Einzelheit des Textes sich gewidmet hat, bemerkt er: \u00bbNirgendwo in der Literatur gibt es eine so gewaltige, so durchschlagende Kritik des Mythos in seinem ganzen Umfang, wie hier.\u00ab Das Wort \u00bbGerechtigkeit \u00ab so meint der Ausleger braucht Kafka nicht; trotzdem sei es die Gerechtigkeit, von der aus die Kritik am Mythos statt hat. Sind wir aber so weit einmal gegangen, so geraten wir in Gefahr, Kafka zu verfehlen, indem wir hier haltmachen. Ist es denn wirklich das Recht, das so, im Namen der Gerechtigkeit, gegen den Mythos aufgeboten werden k\u00f6nnte? Nein, als Rechtsgelehrter bleibt der Bucephalus seinem Ursprung treu. Nur scheint er darin d\u00fcrfte im Sinne Kafkas das Neue f\u00fcr den Bucephalus und f\u00fcr die Advokatur liegen nicht zu praktizieren. Das Recht, das nicht mehr praktiziert und nur studiert wird, das ist die Pforte der Gerechtigkeit. Die Pforte der Gerechtigkeit ist das Studium. Und doch wagt Kafka nicht, an dieses Studium die Verhei\u00dfungen zu kn\u00fcpfen, welche die \u00dcberlieferung an das der Thora geschlossen hat. Seine Gehilfen sind Gemeindediener, denen das Bethaus, seine Studenten Sch\u00fcler, denen die Schrift abhanden kam. Nun h\u00e4lt sie nichts mehr auf der \u00bbleeren fr\u00f6hlichen Fahrt\u00ab. Kafka aber hat das Gesetz der seinen gefunden; ein einziges Mal zumindest, als es ihm gl\u00fcckte, ihre atemraubende Schnelligkeit einem epischen Pa\u00dfschritt anzugleichen, wie er ihn wohl sein Lebtag gesucht hat. Er hat es einer Niederschrift anvertraut, die nicht nur darum seine vollendetste wurde, weil sie eine Auslegung ist. \u00bbSancho Pansa, der sich \u00fcbrigens dessen nie ger\u00fchmt hat, gelang es im Laufe der Jahre, durch Beistellung einer Menge Ritter und R\u00e4uberromane in den Abend und Nachtstunden seinen Teufel, dem er sp\u00e4ter den Namen Don Quixote gab, derart von sich abzulenken, dass dieser dann haltlos die verr\u00fccktesten Taten auff\u00fchrte, die aber mangels eines vorbestimmten Gegenstandes, der eben Sancho Pansa h\u00e4tte sein sollen, niemandem schadeten. Sancho Pansa, ein freier Mann, folgte gleichm\u00fctig, vielleicht aus einem gewissen Verantwortlichkeitsgef\u00fchl dem Don Quixote auf seinen Z\u00fcgen und hatte davon eine gro\u00dfe und n\u00fctzliche Unterhaltung bis an sein Ende.\u00ab Gesetzter Narr und unbeholfener Gehilfe, hat Sancho Pansa seinen Reiter voran geschickt. Bucephalus hat den seinigen \u00fcberlebt. Ob Mensch, ob Pferd ist nicht mehr so wichtig, wenn nur die Last vom R\u00fccken genommen ist.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=15724&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-Walter_Benjamin_vers_1928.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein weiterer Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Potemkin Es wird erz\u00e4hlt: Potemkin litt an schweren mehr oder weniger regelm\u00e4\u00dfig wiederkehrenden Depressionen, w\u00e4hrend deren sich niemand ihm n\u00e4hern durfte und der Zugang zu seinem Zimmer aufs strengste verboten war. Am Hofe wurde dieses Leiden nicht erw\u00e4hnt, insbesondere wusste&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/06\/03\/zur-zehnten-wiederkehr-seines-todestages\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":16567,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[494,428],"class_list":["post-62917","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-franz-kafka","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62917","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=62917"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62917\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=62917"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=62917"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=62917"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}