{"id":62889,"date":"2021-03-15T00:01:00","date_gmt":"2021-03-14T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62889"},"modified":"2022-02-23T18:43:57","modified_gmt":"2022-02-23T17:43:57","slug":"aesthetik-der-vereinzelung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/15\/aesthetik-der-vereinzelung\/","title":{"rendered":"\u00c4sthetik der Vereinzelung"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Ich will keine Worte, die andre erfunden haben. Alle Worte haben andre erfunden. Ich will meinen eigenen Rhythmus, und Vokale und Consonanten dazu, die von mir selbst sind.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">(Aus dem ersten dadaistischen Manifest, Z\u00fcrich 1916)<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Poesie ist das, was schon gesagt wurde. Nur anders. Lesen und Verstehen brauchen Zeit, Poesie versteht man nicht unbedingt sofort und auch nicht immer der Reihe nach verstanden werden m\u00fcssen. Der Horizont des Denkens reicht \u00fcber Argumente hinaus. Poesie ist eine Sache des Einzelnen und folgt eine <em>\u00c4sthetik der Vereinzelung.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">In den <em>Schmauchspuren<\/em> erkundet <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andrascz_Weigoni\">A.J. Weigoni<\/a> die Poesie in Form einer Selbstreflexion des Den\u00adkens, nicht als Reflexion von aussen, sondern als Kritik der Fiktion mit den Mitteln der Fiktion: \u201ezugleich Poesie und Poesie der Poesie\u201c (Friedrich Schlegel). Gerade diesen Gedichtband sollte man eigentlich zweimal lesen, Zeile f\u00fcr Zeile, Abschnitt f\u00fcr Abschnitt, Strophe f\u00fcr Strophe. Es ist f\u00fcr das Verstehen jedoch eher unzweckm\u00e4\u00dfig, an den Buchstaben und Silben zu h\u00e4ngen und nicht weiter zu gehen, bevor man den Satz restlos verstanden zu haben glaubt. Vielmehr muss unter \u00dcbergehen zun\u00e4chst schwer \u00fcberwindlicher Hindernisse ein Abschnitt im Ganzen und dann sogleich noch einmal gelesen werden. Der Gedankengang erleuchtet nicht nur Schritt f\u00fcr Schritt nach vorn, sondern auch r\u00fcckw\u00e4rts; denn der Gedanke erscheint h\u00e4ufiger in Kreisgestalten als in geradlinigem Fortschritt. Was zu Beginn fremd anmutet, wird mit einem Mal nat\u00fcrlich, wenn der Gedanke aus seiner Mitte her gegenw\u00e4rtig geworden ist. Was fast unverst\u00e4ndlich erschien, wird allm\u00e4hlich einfach und klar. Die Einsicht pflegt geschieht zu geschehen, nach unverdrossener M\u00fche ausgel\u00f6st durch eine gl\u00fcckliche Formulierung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Der Text ist kl\u00fcger als sein Autor.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Heiner M\u00fcller<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Die poetische Kraft dieser Lyrik ist immens, sie stiftet einen produktiven Unfrieden indem sie jegliche Koh\u00e4renz unterl\u00e4uft, Wahrnehmungsgewohnheiten aufbricht, Sprachkonventionen durcheinanderwirbelt und dabei gleichzeitig sinnliche und emotionale Gl\u00fccksmomente erzeugt. Schon nach wenigen Seiten erreicht <em>Schmauchspuren<\/em> enorme Energiewerte. Weigoni feuert aus einem \u00fcberbordenden Reservoir stakkato\u2013 funkelnde Enigmen aufs Blatt. Er sucht die Bilder hinter den Worten, in der Erkl\u00e4rung durch die Worte. Jedes Gedicht ist bei diesem Lyriker multiplizierte Verdichtung. Eine Form von Konzen\u00adtration, die sich aus Bild\u00adzeichen zusammen\u00adsetzt, welche der Massivit\u00e4t des Uniformen entrissen sind. Seine Gedichte sind Erkenntniswerkzeuge. Mir scheint das Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen geistig Ideellem und k\u00f6rperlich Sinnlichem, die damit verbundenen Vermischungen und \u00dcberschneidungen inbegriffen, eines der Grundmotive von Weigonis Lyrik. Er versteht die Dichtersprache als funktionale Sprache und als Material. Seine Sprache ist ebenso sinnlich wie sinnstiftend. Sinnlich und verlockend sensitiv an den Aha\u2013Momenten des Befremdens. Die Sinnlichkeit seiner Gedichte entsteht offenbar oft geistig, ehe sie teilweise wieder entgeistigt wird, meist reflexiv und nicht wie gebrauchsliterarisch Mode, naturalistisch beschreibend. Seine Gedichte liegen fernab unserer Welt der Pleonexie, der Sanktionierung von Anma\u00dfung, Gier, Trivialit\u00e4t als systemischen Produktivkr\u00e4ften. Sie sind ernst, still und karg wie eine Einsiedelei. Unter so vielen Autoren, die zu laut sind, deren Geltungsdrang den N\u00e4hrwert ihrer Mitteilungen weit \u00fcbertrifft, wirkt die Lekt\u00fcre von Weigonis <em>Schmauchspuren<\/em> purgierend.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Schmauchspuren<\/strong>, Gedichte von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2015 \u2013 Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-98390\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Schmauchspuren-e1645465380954.jpeg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Eine \u00dcbersetzung des Gedichts <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32798\"><em>Ichzerlegung eines Wesensfallenstellers<\/em><\/a> durch <em>Lilian Gergely <\/em>finden Sie im Literaturmagazin <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30797\">Transnational No.3<\/a> W\u00fcrdigungen von Holger Benkel, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11284\">rettungsversuche der literatur im digitalen raum, <\/a>Christine Kappe, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12532\">Ein Substilat, <\/a>Jens Pacholsky, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16348\">H\u00f6rb\u00fccher sind die herausgestreckte Zunge des Medienzeitalters, <\/a>Sebastian Schmidts <a href=\"http:\/\/textbasis.wordpress.com\/2013\/07\/24\/der-lyrische-mittwoch-folge-17-a-j-weigoni-%E2%80%A1zwischenbefund%E2%80%A1\/\">Der lyrische Mittwoch.<\/a> Ein Essay \u00fcber das akutische <a href=\"http:\/\/www.buecher-wiki.de\/index.php\/BuecherWiki\/WeigoniGedichte\">Gesamtwerk<\/a> bei buecher-wiki. Und lesen Sie auch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25524\"><em>VerDichtung \u2013 \u00dcber das Verfertigen von Poesie<\/em><\/a>, einen Essay von A.J. Weigoni \u00fcber das Schreiben von Gedichten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Akustische Umsetzungen finden Sie im H\u00f6rbuch <strong>Gedichte<\/strong>. Probeh\u00f6ren kann man in der Reihe Metaphon die <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/schmauchspuren.html\">Schmauchspuren<\/a> und das Monodram <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\">Se\u00f1ora Nada<\/a>. Ebenda der <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/letternmusik.htm\">Remix <\/a>der <em>Letternmusik<\/em>. Das Original kann zum Vergleich <a href=\"http:\/\/www.kulturserver-nrw.de\/home\/reviercast\/cast\/reviercast_054.mp3\">hier<\/a> gegenh\u00f6ren. Und au\u00dferdem die <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/clips\/prae_last7.mp3\">Live-Aufnahme<\/a> der <em>Pr\u00e6gnarien<\/em>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Eine limitierte Auflage des H\u00f6rbuchs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=56\">Pr\u00e6gnarien<\/a> von 50 Exemplaren ist versehen mit einer Originalgraphik von Haimo Hieronymus. Edition Das Labor, M\u00fchleim an der Ruhr 2013<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Bilder der <em>Pr\u00e6gnarien<\/em>-Performanmce von Philipp Bracht und A.J. Weigoni sind <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?page_id=12402\">hier<\/a> zu sehen. Ein Video von Frank Michaelis und A.J. Weigoni aus der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=_xE7BPCey68\">Schwebebahn<\/a> findet sich neben dem <em>Schland<\/em> aus <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=SMFU2_5xl-E\">Herdringen<\/a>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Die Aufnahmen sind in HiFi-Stereo-Qualit\u00e4t erh\u00e4ltlich \u00fcber:info@tonstudio-an-der-ruhr.de<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich will keine Worte, die andre erfunden haben. Alle Worte haben andre erfunden. Ich will meinen eigenen Rhythmus, und Vokale und Consonanten dazu, die von mir selbst sind. (Aus dem ersten dadaistischen Manifest, Z\u00fcrich 1916) Poesie ist das, was schon&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/15\/aesthetik-der-vereinzelung\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":98390,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628],"class_list":["post-62889","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62889","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=62889"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62889\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100070,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62889\/revisions\/100070"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98390"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=62889"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=62889"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=62889"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}