{"id":62851,"date":"2024-02-07T00:11:00","date_gmt":"2024-02-06T23:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62851"},"modified":"2022-02-23T17:10:49","modified_gmt":"2022-02-23T16:10:49","slug":"niemandsland-atlas","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/02\/07\/niemandsland-atlas\/","title":{"rendered":"BILD 3. Niemandsland Atlas"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Vor den Augen: die ausgebreitete, nicht beschriftete Karte der Welt. Keine scheckig bunte politische Aufteilung, keine farbigen Reliefunterschiede. Keine Grenzen, keine Namen. Gr\u00f6\u00dfere und kleinere wei\u00dfe Flecken. Sie ber\u00fchren sich, laufen ineinander und wieder auseinander. Die Konturen erinnern an die filigrane Arbeit eines exzentrischen Goldschmieds. An das Ergebnis einer scheinbar zweckfreien Zusammensetzung. Kein Zwang, kein Anhaltspunkt ersichtlich. Allein das Gesamte steht einem zur Verf\u00fcgung. Der Kameramann f\u00fchrt seine Kamera unsicher \u00fcber die Karte, gleitet von unten nach oben, bis die Mitte ins Sucherfeld kommt. Es gibt keine Regieanweisungen. Die Wahl ist offen. Er zoomt beliebig auf eine Stelle, die den Umriss einer Inkrustation aufweist. Er stellt die Sch\u00e4rfe ein. Die Form erinnert an eine waagerecht liegende Niere. Hier oder anderswo? <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Egal. Ein Ort so gut wie der andere. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Die W\u00fcrfel sind geworfen. Ein Wink des Zufalls \u00f6ffnet die T\u00fcr. Nicht mehr als eine Spalte. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u201eUn coup de d\u00e9s n\u2019abolira jamais le hasard\u201c<em>.\u00a0 <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Nahaufnahme. Es ist ein Innenmeer.<\/em> <em>Es ist das Schwarze Meer. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>An seiner Westk\u00fcste gibt es mehrere mittelgro\u00dfe H\u00e4fen und unz\u00e4hlige kleine D\u00f6rfer. In einem der D\u00f6rfer gibt es genau f\u00fcnf H\u00fctten. In einer der f\u00fcnf H\u00fctten gibt es genau f\u00fcnf Menschen. Von den f\u00fcnf Menschen sind vier Frauen. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Von den vier Frauen sind zwei schwanger. Von den zwei Schwan-geren ist eine die Enkelin, Tochter und Mutter der anderen drei. Von den zwei F\u00f6tussen, die sie im Leib tr\u00e4gt, wei\u00df sie nicht, wer der Vater ist. Es ist nicht der Mann, der in der H\u00fctte wohnt. Der ist ihr Vater. Er ist der Gro\u00dfvater ihrer Tochter, der Mann ihrer Mutter und der Schwiegersohn ihrer Gro\u00dfmutter. Von ihm ist die andere Frau schwanger, die Mutter. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>So etwas kommt oft vor in einer der f\u00fcnf H\u00fctten dieses Dorfes. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Die schwangere Tochter der schwangeren Mutter kennt den<\/em><em>\u00a0 Vater ihrer Kinder kaum. Den Vater ihrer ersten Tochter hat sie an einem einzigen Abend gesehen, als er betrunken war und sie \u00fcberfallen hat. Er lebt nicht in dieser H\u00fctte. Er lebt nicht in diesem Dorf. Er lebt \u00fcberhaupt nicht mehr. Er ist am n\u00e4chsten Tag mit seinem Fischerboot gesunken und ertrunken. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Beim n\u00e4chsten Mal, als sie \u00fcberfallen wurde, waren es mehrere. Fremde in ihrem Dorf. Sie kamen abends mit ihren Fischerbooten ans Land. In der Fr\u00fch fuhren sie wieder hinaus aufs Meer. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Sie wei\u00df nicht, ob sie am n\u00e4chsten Tag gesunken oder ertrunken sind. Sie wei\u00df nur, sie sind nie wieder aufgetaucht. Sie wei\u00df nicht, welcher von ihnen der Vater der zwei Wesen ist, die in ihrem Bauch schwimmen. Sie wei\u00df nur, es sind f\u00fcnf gewesen, die ihr in den Bauch gesto\u00dfen haben. In den Bauch und ins Gesicht. Mit geballten F\u00e4usten ihr das Gesicht gerammt. Mit geballten Kl\u00f6tzen in ihren Bauch gerammelt. Ihren schmierigen Kehricht in sie hinein gespieen und ihr Unreines in sie hinein geschleimt. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Alle f\u00fcnf der Reihe nach, jeder einzelne, w\u00e4hrend die anderen vier sie an allen Vieren fest hielten. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Sie erbrachen in sie und sie erbrach in den Sand. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Es ist einer von den f\u00fcnf gewesen, der mit einem Wurf zwei Brocken von sich weg warf und in ihren Bauch hinein schleuderte. Zwei Brocken, die st\u00e4ndig anschwellen und zu Leibern werden. Hungrige Leiber. Sie wei\u00df, es sind zwei, die sie werfen wird, weil gestern zwei K\u00f6pfe die Haut ihres Bauches gedehnt haben. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Sie wei\u00df es seit gestern. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eNoch zwei M\u00e4uler zu stopfen. Hure\u201c, knurrt der Vater. Heute ist er nicht betrunken. Heute ist er w\u00fctend. Seine Fischernetze waren am Abend leer. Ein Grund, sich zu betrinken. Nun hat er keine Lust, sich zu betrinken. Oder doch. Er sitzt am h\u00f6lzernen Tisch, h\u00e4lt die Flasche vor sich und den leeren Becher aus Ton.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0&#8211; \u201eHure\u201c, knurrt er. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Durch die offene T\u00fcr kommt das goldene Licht der untergehenden Sonne. Es kriecht auf den Boden bis zu den nackten Sohlen des Mannes. Sie sind mit Schlamm verkrustet. Und mit Seetang.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eDreckige Hure\u201c, r\u00fclpst er.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eHalt\u2019s Maul, Schwein\u201c, sagt seine schwangere Frau. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Sie steht im Dunkel drei Schritte von ihm entfernt. Der Vater schwingt den Arm und wirft den Becher nach der schwangeren Mutter. Der trifft ihren Kopf. Sie schwankt und plumpst auf die Erde, neben den zerbrochenen Becher. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201ePr\u00fcgeln, das ist alles, was du kannst!\u201c sagt sie leise. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Die j\u00fcngste, nicht schwangere Tochter, Enkelin und Urenkelin in dieser H\u00fctte, ist f\u00fcnf Jahre alt. Sie hilft ihrer schwangeren Oma, sich vom Boden wieder aufzurichten und die Scherben aufzulesen. Ihre schwangere Mama sieht ihnen beiden zu, ohne zu blinzeln. Sie streichelt ihren Bauch. Sie geht aus der H\u00fctte hinaus und hinunter zum Meer. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Das Meer ist ein dunkles, murrendes Tier.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Es spreizt seine Arme und sch\u00e4umt vor sich hin. Es hat Hunger. Es ist gelangweilt. Es wartet auf Nahrung. Es ist ein Tier, das Nahrung erwartet, weil es Tiere ern\u00e4hrt. Es ern\u00e4hrt Tiere, die es in seinem Inneren tr\u00e4gt, und Tiere, die au\u00dferhalb seiner selbst andere in ihrem Inneren tragen. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Die schwangere Frau taucht ihre Zehen ins Wasser. Lauwarm. Die Sonne sinkt hinter ihr in die kahlen Sandmulden. Vor ihr sinkt das Meer in sich selbst. Hinter dem Meer her eilt der Himmel. Er st\u00fcrzt, sackt ab und dr\u00fcckt sein Lid zu. Die Horizontlinie verschwindet. Sie haben sich vereint. Himmel und Meer bilden in der Finsternis ein einziges Tier. Ein blindes Tier mit einem einzigen riesigen Maul, das weit offen steht und vereinzelte Nahrung verschlingt. In seiner H\u00f6hlung steht die schwangere Frau. In der H\u00f6hlung ihres Bauches schwimmen zwei blinde Wesen, die st\u00e4ndig Nahrung aufsaugen. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>In der H\u00fctte sackt der Mann ab. Sein Kopf liegt auf dem Tisch. In dessen H\u00f6hlung schwimmt nichts au\u00dfer der Finsternis selbst. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Die schwangere Mutter der schwangeren Frau sitzt auf einem Schemel und h\u00e4lt den Kopf der Enkelin in der H\u00f6hlung ihrer Brust. Ihre Br\u00fcste liegen geschwollen etwas tiefer, links und rechts der Schwellung ihres gierigen Bauches. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Die Gro\u00dfmutter verbirgt keine gierige H\u00f6hlung mehr in ihrem K\u00f6rper und keine Schwellung. Ihr K\u00f6rper ist seit Jahren von Gier befreit und hohl. Die Wesen, die ihn geschwollen haben, sind nach und nach weggezogen, verschwunden oder ertrunken. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Das kommt in den f\u00fcnf H\u00fctten dieses Dorfes oft vor. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Deshalb sind es auch nur f\u00fcnf geblieben.\u00a0\u00a0 <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eSieh nach, wo sich deine Tochter herumtreibt\u201c, kr\u00e4chzt die Gro\u00dfmutter.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eIch tu das, ich sehe nach!\u201c ruft ihre Urenkelin. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Die f\u00fcnfj\u00e4hrige Urenkelin, Enkelin und Tochter der anderen drei Frauen rei\u00dft sich aus den Armen der Gro\u00dfmutter weg und l\u00e4uft aus der H\u00fctte hinaus und weiter hinunter zum Meer. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Ihre Mutter steht bis zu den Knien im Wasser. Um ihre Waden kr\u00e4useln sich die Zungen der Wellen. Sie sondern ihre Spucke ab, den Schaum. Das Maul leckt die vermeintliche Nahrung. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Ob es sie verspeisen darf? <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eMama, komm rein, wir wollen essen\u201c, ruft die Tochter vom Strand aus.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eWas essen?\u201c ruft die Mutter zur\u00fcck.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eWie immer. Ger\u00e4ucherten Fisch.\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eGeh du nur, ich komme sp\u00e4ter.\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Die Tochter geht nicht. Sie bleibt eine Weile stehen und kommt dann n\u00e4her. Sie paddelt durch die Brandung. Sie nimmt die Hand der Mutter. Das Wasser reicht ihr bis zur H\u00fcfte. Es ist dunkel und die Sterne funkeln weit weg.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eDas Wasser ist k\u00e4lter geworden\u201c, sagt die Tochter.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eJa, es ist fast Herbst\u201c, sagt die Mutter.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eUnd wann kommen die aus deinem Bauch?\u201c <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eIm Winter. Und jetzt geh, du wirst dich erk\u00e4lten.\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eIch gehe nicht. Komm mit.\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eIch komme nicht. Geh.\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Die schwangere Mutter und ihre Tochter regen sich nicht von der Stelle. In der H\u00fctte regt sich die schwangere Gro\u00dfmutter auf. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Das Essen wird kalt. Sie hat vier Sch\u00fcsseln um einen gro\u00dfen Topf auf den Tisch gestellt. Die Sch\u00fcsseln sind leer, der Topf ist halbvoll mit Brei und ger\u00e4uchertem Fisch. Heute reicht das. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Der Mann sitzt aufrecht auf seinem Stuhl, d\u00f6st mit gesenktem Kopf vor sich hin. Schnarcht. Seine Arbeit ist f\u00fcr heute getan. Seine Frau h\u00f6rt mit dem Arbeiten nie auf. Nur mit dem Trinken hat sie neulich aufgeh\u00f6rt. Sie reicht seiner Schwiegermutter eine Sch\u00fcssel mit ein wenig Maisbrei und drei St\u00fcckchen Fisch. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Die Schwiegermutter arbeitet \u00fcberhaupt nicht mehr, sie frisst nur. Und trinkt. Sie kann nicht zum Tisch kommen, sie bekommt ihr Essen wo sie ist, auf einem Lager von Decken und ausgeh\u00f6hlten Polstern in der Ecke des Zimmers. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eSieh mal nach, wo die geblieben sind\u201c, befiehlt sie ihrer Tochter. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eSie werden schon von allein kommen.\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eDas Essen wird kalt.\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eSie werden dann kaltes Essen kriegen.\u201c <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eHexe!\u201c .<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eHexe selbst.\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eIch h\u00e4tte dich ertr\u00e4nken m\u00fcssen, r\u00e4udige Katze.\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; \u201eSo wie die anderen.\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Die Alte schweigt und isst. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Die j\u00fcngere wartet und schweigt. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Der Mann grunzt und wartet auf sein Essen.\u00a0 <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Das n\u00e4chtliche Raubtier da drau\u00dfen wartet nicht mehr, es raunt, grunzt und frisst. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong><em>BILD 4.<\/em><\/strong><em> Eine W\u00fcstenlandschaft.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Krater erloschener Vulkane. In dem gr\u00f6\u00dften der Krater ist eine Hightech-Werkstatt errichtet worden. Von au\u00dfen sieht der Bau wie ein Kunstobjekt von C\u00e9sar aus. Ein gigantischer Kubus, der aus gepressten, gebogenen und geknoteten Riesenr\u00f6hren besteht. Im Inneren \u2013 Piranesi in Weltraumtechnologie. Escher im Trauma. Hundert Werkst\u00f6cke, hundert Aufz\u00fcge. Jeweils zehn Meter versetzt und auf jedem zehnten Werkstock \u2013 eine zehn Meter hohe Wendeltreppe. Zehntausend Quadratmeter pro Werkstock rund um den zentralen Schacht in jeweils tausend R\u00e4ume und hundert Flure gleichm\u00e4\u00dfig aufgeteilt. Zehn Ebenen mit B\u00fcros und Sitzungss\u00e4len, zehn mit Verwaltungsarchiven, zehn mit Wohnungen, Unterrichtsr\u00e4umen, Einkaufs- und Freizeitzentren, Restaurants und Hospit\u00e4lern. Die restlichen Etagen mit hundert Quadratmeter gro\u00dfen Labors. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Im zentralen Bereich des Schachtes ragt der zylindrische Glask\u00e4fig \u201eHiggs\u201c, derart benannt nach dem unauffindbaren Teilchen, das die Wissenschaftler vor fast einem Jahrhundert an den Rand des Wahnsinns getrieben hat. Higgs steckt wie ein Pfahl in der Erde und ist das Hauptorgan des Unternehmens. Das Sorgenkind. Das Alpha und Omega. Das Totem. Der Gott. Er besteht aus heiligen Eingeweiden \u2013 ein Rohr aus edlem Metall, das in einer Spirale gewunden bis zur Decke steigt, um sich dann wieder nach unten zu richten und in der unterirdischen Anlage zu verschwinden. Diese redupliziert spiegelverkehrt die \u00fcberirdische Konstruktion und bohrt sich hundert Werkst\u00f6cke in die Tiefe hinein. Sie durchdringt einen winzigen Teil der Erdoberschicht.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Elftausend Wissenschaftler arbeiten in den Labors. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Tausendeinhundert Beamte verwalten ihre Arbeit. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Hundertzehn Abteilungsleiter koordinieren sie. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Zehn Direktoren begutachten sie. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Ein Pr\u00e4sident \u00fcberwacht sie.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Er allein entscheidet \u00fcber aller Zweckm\u00e4\u00dfigkeit und Nutzung. Er ist der Kopf und die Seele des Unternehmens. Ihm geh\u00f6rt Higgs und alles, was dieser hervorbringt. Es gibt viele innerhalb und au\u00dferhalb dieser Werkstadt, die gern das h\u00e4tten, was Higgs \u201espuckt\u201c, aber nur er allein, der Pr\u00e4sident, kann dar\u00fcber entscheiden, ob sie es bekommen oder nicht. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Und sie kriegen es nicht. Noch nicht. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Er ist Herr der Situation.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Deshalb hat er sein B\u00fcro getrennt von den anderen. Getrennt und beweglich. Es hat die Form eines kleinen Kubus von C\u00e9sar und verf\u00fcgt \u00fcber eine sehr komplexe F\u00f6rder- und Befestigungsanlage.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0Mal sieht man es an der Decke befestigt, \u00fcber den gesamten Turmbau schwebend. Mal hockt es still auf riesigen Teleskopbeinen auf der Empore einer beliebigen Etage, um gleich danach zehn Meter hohe S\u00e4tze durch die Luft zu machen und von einer Treppe auf der anderen zu landen. Manchmal sieht man es hier oben \u00fcberhaupt nicht und vermutet, es sei irgendwo im Untergrund unterwegs. Der Pr\u00e4sident in seinem kleinen Kubus kann sich zu jeder beliebigen Zeit an jedem beliebigen Ort innerhalb des gro\u00dfen Kubus aufhalten. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Diese Ubiquit\u00e4t ist sein Privileg. Seine Aufgabe. Sein Schicksal. Von seinem B\u00fcro aus beobachtet er \u00fcber hundert Monitore das Geschehen im Hause. \u00dcber die Lautsprecher surrt Higgs st\u00e4ndiges Summen in den Raum hinein. Bei der Gr\u00fcndung hat der Pr\u00e4sident das H\u00f6chstgebot des Hauses formuliert: keine anderen Zahlen, ausschlie\u00dflich die Zahl Null und die Zahl Eins werden gebraucht. Ein Pythagoreer eben, die Einheit 10 verehrend. Rein theoretisch. Praktisch hat er von Mathematik, Geometrie oder Physik keine Ahnung. Das gibt er gelassen zu. Daf\u00fcr hat er die Wissenschaftler. Nicht, um sie zu treuen Epigonen zu erziehen, nein, das nicht. Er bezahlt f\u00fcr ihre Loyalit\u00e4t. Er ist zwar ein Pythagoreer, aber kein Idealist. Weniger adelig und noch weniger mystisch als Pythagoras ist er sicherlich auch. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Er stammt aus einer kleinb\u00fcrgerlichen Familie mit einem \u00e4ngstlich misstrauischen Verh\u00e4ltnis zu dem Leben nach dem Tod und einer totalen Ignoranz dar\u00fcber, dass es m\u00f6glicherweise gleich mehrere davon geben k\u00f6nnte. Seine Eltern besch\u00e4ftigte viel mehr das Leben auf Erden, jetzt und gleich. Es musste gut sein, ruhig, ohne Erdbeben, ob aus Leid oder Freud\u2019. Und es wurde ihnen in der Kirche versichert, dass, wenn sie sich ruhig verhielten, ihnen nichts B\u00f6ses widerfahren w\u00fcrde. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Keine Verirrung, keine Konfrontation, keine Ersch\u00fctterung. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Deshalb gingen sie regelm\u00e4\u00dfig hin und schlossen ihren Deal mit ihrem Gott ab: n\u00e4mlich keinen gr\u00f6\u00dferen Gewinn zu erwarten, als den eingesetzten Eigenanteil an Wonne und Schmerz. Nicht mehr. Glaubensgebot und Gerechtigkeit der Armseligen \u2013 das Mittelma\u00df. Dumm waren sie. Er, der Pr\u00e4sident, erwartet mehr, fordert mehr, als er bereit ist, zu investieren. Und er bekommt mehr. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Das ist das Geheimnis des Erfolgs eines jeden t\u00fcchtigen Gesch\u00e4ftsmannes. Er pers\u00f6nlich hat es weit gebracht. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Die Augen werden ihm feucht, wenn er an seine Eltern denkt. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Er muss es zugeben. Sie hinterlassen ihm eine wertvolle Erbschaft, eine brauchbare Lehre. Insbesondere wenn man, wie er, philosophisch veranlagt ist. Man ist imstande, diese Lehre zu interpretieren. Und zwar richtig. N\u00e4mlich dass, wenn man sich schon allein auf das Heute und Morgen konzentrieren soll, dann umso intensiver. In allen Hinsichten, mit allen Mitteln. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Carpe diem. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Nicht verschwenderisch, aber \u00fcberschw\u00e4nglich.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Umso mehr, wenn es um eigene Belange geht. Er hat diese Lehre verinnerlicht, um sie zu optimieren. Keinen mittleren Weg, kein Mittelma\u00df. Verirrung, Konfrontation und Ersch\u00fctterung sind nicht zu vermeiden, sondern zu sortieren und genie\u00dfen, sie sind, weil sie von Nutzen sind. Gegen die anderen, selbstverst\u00e4ndlich. Wonne und Schmerz geh\u00f6ren zum Leben. Seine Wonne und der Schmerz anderer, klar. Vielleicht ist er doch eher ein Zyniker mit hedonistischem Hang. Keine Spur der pythagoreischen Askese in seinem Leben, noch weniger der metaphysischen Art. Jetzt, zum Beispiel, sitzt er an seinem Schreibtisch und s\u00fcndigt: er hegt hegemonische Gedanken. Und obendrauf trinkt er ein Glas Whiskey und raucht eine s\u00fcndhaft teure Zigarre. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Nun, die Zeiten haben sich ge\u00e4ndert. Das Verh\u00e4ltnis zu der g\u00f6ttlichen Zahl genauso. Auch das Ethos der Verehrung. Es ist nun eine k\u00fchl und zweckm\u00e4\u00dfig entwickelte Verhandlungsstrategie. Es macht Spa\u00df, sie auszuf\u00fchren. Ein Schachspiel. Nein, ein Pokerspiel. Er ist ein guter Spieler. Er wird auch diesmal gewinnen. Ohne zu bluffen. Mit Higgs Hilfe. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Higgs ist das As in seinem \u00c4rmel. Er allein wird die Bedingungen des Deals bestimmen. Und alle werden sich danach richten m\u00fcssen. Alle, ohne Ausnahme. Oben wie unten. Amen.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Ja. Der Pr\u00e4sident sitzt an seinem Schreibtisch, trinkt Whiskey, raucht seine Zigarre und ist zufrieden. Er guckt nicht einmal mehr auf die Monitore. Er kritzelt auf einem St\u00fcck Packpapier und denkt an Higgs, sein Baby. Der steckt unverfroren im steinigen Fleisch der Erde. Ist da eingeklemmt und schnaubt. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Diese W\u00fcste und der Krater, das war wirklich das Beste, was er f\u00fcr Higgs finden konnte. Abgelegen, d\u00fcrr, hart. Unnachgiebig. Das beste f\u00fcr sein Baby. Die geeignete Testlage f\u00fcr seine Kr\u00e4fte. \u201eSpucken\u201c ist nur so eine Redensart hier im Hause. Higgs spuckt nicht, er sprie\u00dft. Die ersten Keime sind schon da, die ersten Knospen. Sicherlich Spr\u00f6sse einer noch nie da gewesenen Art. Higgs erfindet sie. Sch\u00f6pferisch, sein Baby. Zielstrebig, r\u00fccksichtslos, gierig. Verschlingt st\u00e4ndig, Tag und Nacht. Zweierlei: Hirn- und Muskelmasse. Abstrakte, unendliche Reihen von Nullen und Einsern und konkrete, unendlich variable chemische und physikalische Einheiten. Biologisches und Synthetisches gleicherma\u00dfen. Vermengt sie in seinen Eingeweiden und spuckt aus. Er erbricht. Ein Allesfresser sein Baby. Uners\u00e4ttlich, unaufhaltsam. Sein As, sein Hauptorgan. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Der Pr\u00e4sident sp\u00fcrt es kommen. Er beginnt, sich sachte zu streicheln. Sein Glied regt sich immer, wenn er an Higgs denkt. Vor allem am Ende des Tages, wenn er auf noch einen erfolgreich abgeschlossenen Zyklus zur\u00fcckblicken kann, bekommt er eine Erektion. Diesen Rhythmus hat er schon im Blut, er braucht die Natur da drau\u00dfen nicht mehr. Weder Sonnenuntergang noch Sonnenaufgang braucht er. Es ist schon eine Weile her, seitdem er sie gesehen hat. Er bedauert es nicht, weil er es nicht mehr braucht. Er hat es hier, in seiner Werkstatt: das Wechselspiel der Natur. Hier, im dicken Rohr von Higgs. Die Welt ist ein Gebr\u00e4u von Licht und Finsternis, mit blubbernden S\u00e4ften in gierigen Trichtern. Higgs treibt es doch gleich hier, unter aller Augen, es ist angewandte Naturphilosophie pur, was er tut, gleich hier l\u00e4sst er sie wahr werden, fleischlich und g\u00f6ttlich, er begeht tagt\u00e4glich das sublime, berauschende Verbrechen des absoluten Hochmutes, sie neu zu erfinden. Er tut es. Er braut seinen Samen. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Den Samen einer noch nie da gewesenen Art. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Und der Pr\u00e4sident, er, er allein, verf\u00fcgt \u00fcber ihn. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Der Pr\u00e4sident stemmt sein Kinn gegen die Brust. Die linke Hand streichelt nicht mehr, sie reibt, dr\u00fcckt und zieht. Sein Glied schmerzt. Die rechte Hand dr\u00fcckt aufs Papier, sie zieht geschwungene Linien ohne sich zu heben, um das Zittern unter Kontrolle zu halten. Auf das zerknitterte St\u00fcck Packpapier, das sein Unternehmen beim Versand der Musterbeh\u00e4lter benutzt, kritzelt der Pr\u00e4sident seine eigene Interpretation des darauf gedruckten Logos, einer eher verharmlosenden Idealdarstellung von Higgs in seiner Behausung. Nichtsdestoweniger trifft sie zu: ein zylindrischer, glatt polierter Glaspfahl, der in der H\u00f6hlung des erl\u00f6schten Vulkans steckt und die Schichten der roten Erde durchdringt. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Die Kritzelei des Pr\u00e4sidenten ist weder verharmlosend noch idealisierend. Im Gegenteil. Sie ist brutal und konkret. Nichtsdestoweniger trifft seine Darstellung gleichfalls zu: sie ist rein pornographisch. Der Pr\u00e4sident hat zweifelsohne zeichnerisches Talent.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Er s\u00e4nftigt den Druck. Er will noch nicht kommen, will den Zustand verl\u00e4ngern, um seine Phantasie arbeiten zu lassen. Gewissenhaft. Zielstrebig bis zur Apotheose des menschlich Ertr\u00e4glichen. Was er sieht, wenn er die Augen schlie\u00dft, will er aufs Papier bringen. Dieses Bild in seinem Kopf, das unabl\u00e4ssig Farben und Fl\u00e4chen vermengt, sie aus der leuchtenden Dunkelheit emporsteigen l\u00e4sst. Er sieht Fleischrundungen, rosig und verwundbar, von schneidigen Oberfl\u00e4chen in k\u00fcnstliche Schichten tranchiert, eingerastet, eingedeicht. Er sieht pathetisch sich windende M\u00e4ander, die von k\u00fchlen, klar geschliffenen Hyperbolen bezwungen werden. Er sieht sich selbst als Bezwinger. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Die Beschaffenheit seines Wesens zwingt er dem anderen Wesen auf. Der scharfe Blick seiner Linsen zerw\u00fchlt es. Er ist der Vergewaltiger. Die Retter werden sich umsonst erheben, sie werden alle st\u00fcrzen. Ihre Ordnung, dieses Relikt einer besiegten Welt, wird an seiner siegreichen, neu aufgerufenen abprallen, wieder und wieder, bis sie ermattet und schiffbr\u00fcchig zu seinen F\u00fc\u00dfen liegen wird. Die alte Ordnung, die Besiegte, wird ihm die Zehen lecken und ihn bestechen wollen, um Gnade bitten und sich ihm dem\u00fctig als Vers\u00f6hnungsgeschenk anbieten. Als Sklavin. Diese Hingabe ist die Gabe, die seine Belohnung sein wird. Einzigartig und kostbar. Ihm ausgeliefert und gef\u00fcgig: die Erde. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Er zeichnet diesen besiegten Fleischklumpen, reglos, willenlos, entseelt daliegend, ausgestreckt wie eine Leiche in der Pathologie, er zeichnet Muskeln und Hautlappen, die weder sich zu wehren noch zu zucken mehr die Kraft haben und unter dem Sto\u00df seines stumpfen chirurgischen Instruments schlaff auseinanderklaffen. Es ist Higgs, den er in seiner Hand zeichnet, denn wahrhaftig ist der sein allm\u00e4chtiges Werkzeug. Er zeichnet, st\u00f6hnt und masturbiert. Auch wenn es ihm nicht gerade gelingt, das Geschlecht des liegenden K\u00f6rpers wiederzugeben, wei\u00df er zu gut, dass der weder geschlechtslos ist, noch ist er eine Leiche. Er ist noch lebendig und er ist weiblich, hei\u00dft Terra und versp\u00fcrt das Leid, das ihm zugef\u00fcgt wird. Der K\u00f6rper des Pr\u00e4sidenten ist lebendig und m\u00e4nnlich und versp\u00fcrt das Leid, das seine Hand auf das St\u00fcck Papier \u00fcbertr\u00e4gt und dieser gezeichneten Sklavin zuf\u00fcgt. Es l\u00f6st in ihm eine der intensivsten Freuden seiner oft ge\u00fcbten sadomasochistischen Nekrolatrie aus. Er versp\u00fcrt das Leid, das er sich selbst mit der anderen Hand zuf\u00fcgt, und das l\u00f6st eine \u00fcberw\u00e4ltigend befriedigende Wonne aus. Er muss sich in die Zunge bei\u00dfen, um nicht laut zu jauchzen. Er schwitzt, blinzelt und schnaubt. Sein Blut rast und \u00fcberfordert die k\u00f6rperlichen Pumpen. Das Herz h\u00e4mmert, das Hirn flackert,<\/em> <em>die Hoden bersten und schleudern ihn hinaus aus sich selbst, hinaus und weit weg in das unendliche Nichts hinein und wieder zur\u00fcck. Der Sekundenbruchteil gestohlener Ewigkeit, der ihn s\u00fcchtig macht.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Der Pr\u00e4sident r\u00f6chelt leise, immer leiser, beruhigt sich. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Er zieht die klebrige Hand aus der Hose und wischt sich die Finger und das Glied mit dem Taschentuch ab. Gut. Er wirft noch einen letzten Blick auf seine Zeichnung und zerkn\u00fcllt das St\u00fcck Papier. Er l\u00e4chelt. Tja, es ist schwer, das wiederzugeben, was nicht wiederzugeben ist. Eine Vision ist eine Inspiration. Sie zu verwirklichen, ist eine Berufung. Seine Berufung ist es, die Erde zu begatten und ihre Spr\u00f6sslinge nach seinem eigenen Bilde neu zu erschaffen. Jede Vision beginnt in der Realit\u00e4t mit dem Geschehen, das man gestaltet. Also zur\u00fcck zur Realit\u00e4t. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Der Pr\u00e4sident hebt seinen Blick und beobachtet das Geschehen auf den Monitoren. Alles scheint in Ordnung zu sein. Das Surren von Higgs rieselt \u00fcber die Lautsprecher in den Raum hinein. Wie beruhigend. Es ebbt in ihm, es zieht sich zur\u00fcck ins Geh\u00e4use: das Blut in die Gef\u00e4\u00dfe, die Luft in das Lungengebl\u00e4se, die Bilder in das frisch gefegte Gehege des Hirns. Sein Herz schl\u00e4gt befriedigt einen geruhsamen Rhythmus. Er d\u00f6st ein und tr\u00e4umt. Er sieht den blutigen Scho\u00df der Erde, der sich unter seinem Sto\u00df \u00f6ffnet. Gef\u00fcgig ist ihr Wesen, das er jede Nacht besitzt. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Auch jeden Tag, dank Higgs.\u00a0 <\/em><\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">\u00a0* * *<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Am Todestag von Ioona Rauschan erinnert KUNO an diese Autorin mit einer Leseprobe aus: <strong>Abhauen<\/strong>. Dieser Roman erschien 2008 beim Pop Verlag, Ludwigsburg.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IoonaCover.jpg\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist IoonaCover.jpg\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Auf der Schwelle<\/strong>. Ein Filmessay \u00fcber Heinrich Heine von Ioona Rauschan. Edition Biograph, 1997<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Die sch\u00f6ne Strickerin<\/strong>, Novelle von Ioona Rauschan, Edition Biograph, D\u00fcsseldorf 1995. (Antiquarisch erh\u00e4ltlich).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/06\/09\/die-liaison-zwischen-text-und-publikum\/\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Ioona Rauschan findet sich hier<em>. <\/em>Das Live-H\u00f6rspiel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/10\/5-oder-die-elemente\/\"><em>5 oder die Elemente <\/em><\/a>wurde in der Regie von Ioona Rauschan mit Marion Haberstroh und Kai M\u00f6nnich im Gutenberg-Museum zu Mainz uraufgef\u00fchrt. <em>Se\u00f1ora Nada<\/em>, in der Regie von Ioona Rauschan, ist auf H\u00f6rbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28660\"><em>Gedichte<\/em> <\/a>erh\u00e4ltlich. Probeh\u00f6ren kann man das Monodram <em><a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\">Se\u00f1ora Nada<\/a><\/em> in der Reihe MetaPhon.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Vor den Augen: die ausgebreitete, nicht beschriftete Karte der Welt. Keine scheckig bunte politische Aufteilung, keine farbigen Reliefunterschiede. Keine Grenzen, keine Namen. Gr\u00f6\u00dfere und kleinere wei\u00dfe Flecken. Sie ber\u00fchren sich, laufen ineinander und wieder auseinander. 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