{"id":62845,"date":"2023-02-07T00:01:00","date_gmt":"2023-02-06T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62845"},"modified":"2022-02-25T11:08:25","modified_gmt":"2022-02-25T10:08:25","slug":"ein-kaff","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/02\/07\/ein-kaff\/","title":{"rendered":"BILD 2. Ein Kaff"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p><em>auf dem Gipfel eines Berges, der rundum von anderen, h\u00f6heren umgeben ist. Zw\u00f6lf H\u00fctten, eine Kirche, eine Kneipe, ein Brunnen. Die gr\u00f6\u00dfte der H\u00fctten ist eingest\u00fcrzt. Die Fenster sind mit Brettern zugenagelt, das Dach besch\u00e4digt. Es gibt kein Nest unter dem zerbr\u00f6ckelten Schornstein. Die St\u00f6rche lassen sich in diesem Kaff nicht nieder. Niemand l\u00e4sst sich hier nieder seit geraumer Zeit. Es gibt keine Besucher und keine Einwanderer. Es gibt nur die zw\u00f6lf H\u00fctten und darunter die eine, die allm\u00e4hlich zerf\u00e4llt. In ihrem Inneren vermodern zw\u00f6lf h\u00f6lzerne Schulb\u00e4nke. Spinnen haben sich in den morschen Holzbalken eingenistet, unter dem verfaulten Boden laufen die Ratten. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Auf dem steinigen Weg, der das Dorf entzweit, hocken drei Schafe. Sie zittern unter dem Regenschauer und bl\u00f6ken ab und zu. Niemand holt sie ab. Die H\u00fctten sind leer. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die D\u00f6rfler sind in der Kirche. Eine Handvoll. Keiner unter f\u00fcnfunddrei\u00dfig. Zehn M\u00e4nner, dreizehn Frauen und der Priester. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eEs ist Gottes Strafe\u201c, sagt er ohne Zorn. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eAmen\u201c.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eEs ist die Strafe f\u00fcr das Gemetzel. Wir nehmen sie hin in Demut und Dankbarkeit\u201c. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eAmen\u201c. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die Stimmen verstummen. Man h\u00f6rt das Prasseln des Regens, das Trommeln auf dem Schieferdach. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Der Priester schwingt den Weihrauchkessel \u00fcber die K\u00f6pfe der Menschen und spricht einen Psalm. Hinter ihm ragt das Kreuz. Der h\u00f6lzerne Leib Christi ist verst\u00fcmmelt. Die H\u00e4nde h\u00e4ngen einsam links und rechts an verrosteten N\u00e4geln und sind von den Schultern weit entfernt. Es gibt keine Arme. Das Gesicht hat weder Nase noch Kinn. Die Beine haben keine Knie, die F\u00fc\u00dfe keine Zehen. Nur die Krone aus Stacheldraht schimmert unber\u00fchrt \u00fcber den geschlossenen Augen. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Goldene Lichtwirbel schwirren durch die Fenster in den Raum hinein, fallen l\u00e4ssig \u00fcber die Gestalt Christi und \u00fcber die geb\u00fcckte Gemeinde herab. Es regnet bei Sonnenschein. Wenn das geschieht, sagt ein alter Spruch, pr\u00fcgelt der Teufel sein Weib. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Der Singsang des Priesters verklingt. Die Sonntagsmesse ist beendet. Die Menschen stehen langsam auf und einer von ihnen sagt laut:<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eGott hat uns verlassen\u201c.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Niemand antwortet, nicht einmal der Priester. Niemand achtet auf seine Worte. Er ist der Dorftrottel, alt und wahnsinnig. Eine noch \u00e4ltere, bucklige Frau nimmt ihn an der Hand und f\u00fchrt ihn aus der Kirche hinaus. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die anderen bleiben noch, als h\u00e4tten sie etwas vor.\u00a0 \u00a0<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eIch glaube nicht, dass es Gottes Strafe ist\u201c, sagt einer der M\u00e4nner. Er ist kr\u00e4ftig und hart, seine H\u00e4nde sind schwer und haarig. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eNein?\u201c fragt ein anderer.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eNein. Es sind die Frauen&#8230;\u201c,\u00a0 sagt der erste.\u00a0 <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eWie, die Frauen?\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eIhre Leiber&#8230; Sie verfaulen von innen.\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die Frauen sehen ihre M\u00e4nner an und warten. Sie warten seit zwanzig Jahren, seit dem Gemetzel. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Eine von ihnen dreht sich um und verl\u00e4sst die Kirche. Die anderen folgen ihr, eine nach der anderen. Die M\u00e4nner bleiben noch eine Weile stehen und sehen ihren Weibern nach. Der Priester hat sein Gewand abgelegt und mischt sich unter sie. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Er unterscheidet sich von den anderen nicht mehr so sehr.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eLasst euch nicht von Zorn verblenden\u201c, sagt er.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eLass uns in die Kneipe gehen\u201c, sagt der Kr\u00e4ftige. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Drau\u00dfen hat es aufgeh\u00f6rt zu regnen. Die Wolkenscharen ziehen nach Westen und die Sonne strahlt in der Mitte des Himmels nackt und unversehrt. Die Berge um das Kaff herum leuchten, ihr saftiges Gew\u00e4chs funkelt. In den Baumkronen sch\u00fctteln die V\u00f6gel ihre nassen Federn. Aus dem Gras steigt das Summen der Insekten. Die drei Schafe auf dem Weg trotten gl\u00fccklich hinter einer der Frauen her. Sie h\u00e4lt vor ihrer H\u00fctte an und ruft zu den anderen, ehe sie sich alle zerstreuen:<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eKommt zu mir rein. Es ist an der Zeit.\u201c <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die Frauen z\u00f6gern ein wenig. Die J\u00fcngeren unter ihnen mehr als die anderen. Eine der \u00e4lteren sagt: <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eSie hat recht. Es ist an der Zeit. Lass uns reingehen.\u201c <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>In der Kneipe leeren die M\u00e4nner ihr drittes Glas Schnaps. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Sie sitzen alle um den gro\u00dfen Tisch in der Mitte, den einzigen im Raum. Der Priester ist auch unter ihnen. Sie sind alle noch n\u00fcchtern. Ihre Stimmen klingen gereizt. Einer der M\u00e4nner, der Besitzer, h\u00e4lt eine Flasche in der Hand und schenkt ihnen st\u00e4ndig nach. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eSie sind krank. Keine Geburt in zwanzig Jahren, das ist Teufelswerk\u201c, sagt der Kr\u00e4ftige. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eHexen\u201c, murrt ein anderer.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eNein, es ist Gottes Strafe\u201c, sagt der Priester.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Sie trinken noch einige Runden. Einer der M\u00e4nner legt seine Stirn auf den Tisch und f\u00e4ngt an zu schluchzen. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Der Priester klopft ihm leicht auf den R\u00fccken und sagt:<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201e Wir werden f\u00fcr unsere S\u00fcnden bestraft&#8230;\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eNicht von Gott. Vermehret euch, hat er gesagt, vermehret euch!\u201c meint der Kr\u00e4ftige.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eT\u00f6tet nicht, hat er auch gesagt, du sollst nicht t\u00f6ten!\u201c erwidert der Priester ruhig. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eEs war Gottes Befehl\u201c, antwortet kalt der Besitzer und stellt eine weitere Flasche auf den Tisch. Der Schluchzende schl\u00e4gt mit der Stirn auf den Tisch und winselt:<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eWir haben unsere Kinder ermordet. Wir waren es\u2026 wir\u2026.\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eNicht wir, sondern die anderen. Die Feinde, verdammt noch mal! Du bist betrunken. Es war Krieg. Wir waren weg&#8230;\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eJa, weg waren wir, wir waren nicht da, um sie zu besch\u00fctzen. Sie haben unsere T\u00f6chter und Frauen vergewaltigt und unsere Kinder und Alten wie Vieh geschlachtet!\u201c schluchzt der andere.\u00a0 <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eSo ist es nun mal im Krieg. Schluss damit, wir sind zur\u00fcckgekehrt! Jetzt sind wir wieder da, wir sind fast alle wieder da&#8230;\u201c, sagt der Besitzer. Einer der \u00e4lteren M\u00e4nner ruft ohne Freude:<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eHeute genau vor zwanzig Jahren. Das feiern wir jetzt!\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u00a0Er leert sein Glas und spuckt auf den Boden. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eZu diesen verschmutzten Leibern sind wir zur\u00fcckgekehrt, zu diesen verfaulenden Weibern. Umsonst sind wir zur\u00fcckgekehrt. Umsonst\u201c, schnaubt der Kr\u00e4ftige.\u00a0 \u00a0<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eLasst euch nicht von Zorn verblenden\u201c, wiederholt der Priester.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die M\u00e4nner schweigen und trinken. Blo\u00df das Gepl\u00e4tscher des frisch eingeschenkten Schnapses in den Gl\u00e4sern und das Schlucken in den Kehlen st\u00f6ren die Stille.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eEr hat recht&#8230; Sie stellen etwas an. Ich habe meine dabei erwischt\u201c, sagt pl\u00f6tzlich einer von den M\u00e4nnern. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eWobei?\u201c fragen mehrere.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eEs ist schon eine Weile her. Sie hat etwas mit sich getan. Sie hat wie eine Sau geblutet. Mehr als sonst, eine Woche lang. Und nachts wie ein Tier gebr\u00fcllt hat sie. Sie hat mich nicht an sich heran gelassen, einige Monate hintereinander.\u201c <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eDas kommt bei den Weibern vor. Vielleicht war die Frauenkrankheit schlimmer als sonst. Meine ist auch schon \u00f6fter so krank gewesen.\u201c <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eMeine auch\u2026\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eNein, das war es nicht\u2026\u201c murrt der Kr\u00e4ftige.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eNein\u201c, best\u00e4tigt der erste. \u201eNicht bei meiner. Sie hat nicht das Bett geh\u00fctet und hat wie f\u00fcr zwei gearbeitet, von morgens bis abends. Sie hat mir diese ganze Woche Fleisch auf den Tisch gestellt. Jeden Tag ein St\u00fcckchen Fleisch. Jeden verdammten Abend. Aber sie hat kein Vieh geschlachtet, keines der L\u00e4mmer fehlte, auch keine Gans. Sie hat gesagt: friss, das ist Kaninchen, ich habe es im Hinterhof in der Falle f\u00fcr F\u00fcchse gefunden. Und am zweiten Abend wieder. Sie hat gesagt: die Kaninchen sind alle verr\u00fcckt geworden, sie laufen Amok im Dunkel, sie laufen blind umher und tappen in die Falle, es ist ihre Paarungszeit. Aber das Fleisch schmeckte nicht nach Kaninchen. Nein, es schmeckte nicht nach Kaninchen. Und nachts hat sie gebr\u00fcllt, wie ein Tier hat sie nachts gebr\u00fcllt.\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eWas willst du damit sagen?\u201c fragt einer.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Der Mann schweigt. Die anderen auch. Einige um diesen Tisch haben in den letzten zwanzig Jahren \u00f6fters Fleisch gegessen, das weder nach Kaninchen noch nach Lamm oder Gans schmeckte. Einer steht hastig auf, taumelt zur T\u00fcr, stolpert hinaus in den Hof, beugt sich \u00fcber den Zaun und erbricht roten Schlamm auf das Gras. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eWas willst du damit sagen?\u201c wiederholt der Schluchzende und wird ganz still.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eIch will sagen, sie stellen etwas an. Sie tun sich etwas an. Und uns auch. Diese Weiber sind Hexen, mit dem Teufel im Bunde.\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eSchweig! Es ist eine S\u00fcnde, so etwas zu denken. Eine S\u00fcnde&#8230;\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eWir k\u00f6nnten doch weg und uns andere Weiber von anderswoher holen\u201c, sagt einer.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eVor Gott sind das euere Weiber und so soll es auch bleiben, bis der Tod euch scheidet\u201c, sagt der Priester. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Der Kr\u00e4ftige sieht ihn an. Er mustert das alte, verschrumpelte Gesicht, den kahlen Kopf, die verrunzelten H\u00e4nde, die auf dem Tisch ruhen. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eVater, das kannst du nicht verstehen\u201c, erwidert er. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eOh, doch, das kann ich wohl. Es sind eure Weiber und ihr solltet zu ihnen stehen, im Guten wie im Schlechten, bis der Tod euch scheidet\u201c, sagt der Priester. Er trinkt aus, erhebt sich, sieht in die Augen der M\u00e4nner. Er schl\u00e4gt mit der Faust auf den Tisch:<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eBis der Tod euch scheidet, h\u00f6rt ihr mich?\u201c wiederholt er und verl\u00e4sst die Kneipe.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die M\u00e4nner sehen ihm nach und dann in ihre halb leeren Gl\u00e4ser. Der Wirt nimmt eine neue Flasche und f\u00fcllt die Gl\u00e4ser bis zum Rande.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eBis der Tod euch scheidet&#8230;\u201c,\u00a0 wiederholt er.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eDarauf trinke ich noch einen!\u201c sagt einer, kippt den Schnaps hinunter, r\u00fclpst und schl\u00e4gt kr\u00e4ftig mit dem leeren Glas auf den Tisch. Der Wirt lacht und schenkt allen nach.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Drau\u00dfen ist die Sonne mittlerweile tiefer gesunken. Sie liegt fast auf den Bergen im Westen. Im Osten kriecht der Dunst aus den T\u00e4lern empor, \u00fcber die Baumwipfel hinweg und langsam hoch. Die Abh\u00e4nge zerbr\u00f6ckeln im goldenen Zwielicht. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Im Dorf fallen die Schatten lang und schr\u00e4g, sie legen sich zwischen H\u00fctten und B\u00e4ume hin und d\u00f6sen dort friedlich ein, wie das Vieh in seinem Gehege. Die schiefen Sonnenstrahlen streifen die D\u00e4cher, die geschlossenen Fenster glitzern hier und dort und der Kirchturm sticht empor in die funkelnde Stille. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ganz oben steht der Priester und betrachtet den Sonnenuntergang, bis das bergige Land rundherum von Gold und Blut ertr\u00e4nkt wird. Dann l\u00e4utet er die Glocken.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eEs ist an der Zeit. Bald kommen sie nach Hause\u201c, sagt eine der Frauen. Sie sitzen alle in der einen H\u00fctte zusammen. Nur die Bucklige fehlt. Sie ist mit ihrem wahnsinnigen Sohn auf den Berg geklettert. Von dort aus kann sie das Kaff noch ein letztes Mal sehen, die H\u00fctten, die Schule, die Kirche, die Kneipe, den Brunnen. Zu ihren F\u00fc\u00dfen sieht sie die Schlucht und die rankenden Baumwurzeln, die in die Tiefe kriechen.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eSie kommen uns holen. Heute holen sie uns\u201c, sagt eine der Frauen in der H\u00fctte. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eSie haben lange gebraucht, aber heute r\u00e4chen sie sich\u201c, sagt eine andere.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eWir haben verloren\u201c, meint die j\u00fcngste unter ihnen. \u201eEs war alles umsonst gewesen.\u201c <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Eine der Frauen beginnt leise zu weinen. Sie h\u00e4lt die Arme auf dem Bauch verschr\u00e4nkt und wiegt sich ununterbrochen nach vorne und nach hinten, nach vorne und nach hinten.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eEs war nicht umsonst, denn es war gerecht\u201c, sagt eine andere. \u201eKeiner hat verloren und keiner gewonnen. Der Kampf ist beendet&#8230; Ist der Brei fertig?\u201c fragt sie.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8211; \u201eJa, er ist aber noch sehr hei\u00df. Aufpassen beim trinken\u201c, sagt die Gastgeberin und einige lachen. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Sie stellt den Topf in die Mitte und verteilt Tassen, Sch\u00fcssel, Gl\u00e4ser. Dann schenkt sie jeder Frau eine gute Portion von dem gr\u00fcnen Brei ein. Sie warten alle still f\u00fcr eine Weile, w\u00e4hrend die \u00e4lteste ein Gebet spricht. Dann trinken sie den giftigen Trunk mit kleinen Schl\u00fcckchen bis zum letzten Tropfen aus. Sie legen die Gef\u00e4\u00dfe hin und warten darauf, dass auch noch die letzte Spur von Licht im Raum erlischt.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">\u00a0* * *<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Am Todestag von Ioona Rauschan erinnert KUNO an diese Autorin mit einer Leseprobe aus: <strong>Abhauen<\/strong>. Dieser Roman erschien 2008 beim Pop Verlag, Ludwigsburg.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IoonaCover.jpg\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist IoonaCover.jpg\" \/><\/figure>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Auf der Schwelle<\/strong>. Ein Filmessay \u00fcber Heinrich Heine von Ioona Rauschan. Edition Biograph, 1997<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Die sch\u00f6ne Strickerin<\/strong>, Novelle von Ioona Rauschan, Edition Biograph, D\u00fcsseldorf 1995. (Antiquarisch erh\u00e4ltlich).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/06\/09\/die-liaison-zwischen-text-und-publikum\/\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Ioona Rauschan findet sich hier<em>. <\/em>Das Live-H\u00f6rspiel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/10\/5-oder-die-elemente\/\"><em>5 oder die Elemente <\/em><\/a>wurde in der Regie von Ioona Rauschan mit Marion Haberstroh und Kai M\u00f6nnich im Gutenberg-Museum zu Mainz uraufgef\u00fchrt. <em>Se\u00f1ora Nada<\/em>, in der Regie von Ioona Rauschan, ist auf H\u00f6rbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28660\"><em>Gedichte<\/em> <\/a>erh\u00e4ltlich. Probeh\u00f6ren kann man das Monodram <em><a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\">Se\u00f1ora Nada<\/a><\/em> in der Reihe MetaPhon.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; auf dem Gipfel eines Berges, der rundum von anderen, h\u00f6heren umgeben ist. Zw\u00f6lf H\u00fctten, eine Kirche, eine Kneipe, ein Brunnen. Die gr\u00f6\u00dfte der H\u00fctten ist eingest\u00fcrzt. Die Fenster sind mit Brettern zugenagelt, das Dach besch\u00e4digt. Es gibt kein Nest&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/02\/07\/ein-kaff\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":195,"featured_media":98133,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[36],"class_list":["post-62845","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ioona-rauschan"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62845","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/195"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=62845"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62845\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100448,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62845\/revisions\/100448"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98133"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=62845"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=62845"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=62845"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}