{"id":62839,"date":"2021-02-07T00:01:31","date_gmt":"2021-02-06T23:01:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62839"},"modified":"2022-02-17T21:04:57","modified_gmt":"2022-02-17T20:04:57","slug":"unfaelle-morde-und-andere-ausfaelle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/02\/07\/unfaelle-morde-und-andere-ausfaelle\/","title":{"rendered":"UNF\u00c4LLE, MORDE UND ANDERE AUSF\u00c4LLE"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein entsetzlicher Krach, gefolgt von einem unmenschlichen Br\u00fcllen, l\u00e4sst Sarah pl\u00f6tzlich hochfahren. Sie legt die Notizen zur Seite, springt aus dem Bett, rennt ins andere Zimmer zum Fenster. Zun\u00e4chst bemerkt sie nichts. Die Regenstr\u00f6me ziehen schr\u00e4ge Schlieren auf die Glasscheiben, schleifen Bildbrocken mit sich nach unten. Visuelle Impulse ohne Zusammenhang, unverst\u00e4ndlich. Sie \u00f6ffnet das Fenster und beugt sich nach au\u00dfen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der rechten Seite, etwa hundert Meter weiter, erblickt sie eine Frau, die schreiend und mit erhobenen H\u00e4nden in ihre Richtung l\u00e4uft, an ihrem Fenster vorbei, zum anderen Ende der Stra\u00dfe. Sarah dreht langsam den Kopf nach links.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem Pflaster an der Kreuzung sieht sie den Leichnam eines acht- oder neuenj\u00e4hrigen Kindes. Es liegt auf dem Bauch, vor einem schief angehaltenen Kleinwagen. Der Wagen ist rot.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gespreizten Beine und Arme des Kindes ragen aus dem Anorak heraus, wie die Glieder einer zerquetschten Schildkr\u00f6te. Der Kopf ist eine Masse von Hirn und Blut. Klumpen wei\u00dflichen Fleisches dampfen im Regen um den kleinen Kadaver, werden langsam weggesp\u00fclt. Neben der Leiche kniend und vor Sch\u00fcttelfrost zuckend, zieht ein Mann seine Jacke aus und versucht, sie unter den zerplatzten Sch\u00e4del des Kindes zu stopfen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Seite des Beifahrers steigt eine Frau aus dem Wagen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie stopft sich den Mund mit der Faust, um ihren hysterischen Schreianfall zu d\u00e4mpfen. Die hintere T\u00fcr des Wagens ist offen und ein kleines M\u00e4dchen steckt sein K\u00f6pfchen hinaus. Es beginnt zu weinen, weil es seine Mama schluchzen sieht. Die andere Frau stolpert, rutscht auf allen Vieren, ihre H\u00e4nde und Knie hinterlassen matte Streifen, die der Regen allm\u00e4hlich verwischt. Sie b\u00fcckt sich \u00fcber das tote Kind und r\u00fcttelt es. Sie redet ununterbrochen, zieht die Anorak\u00e4rmel zu Recht, k\u00fcsst die gekr\u00fcmmten H\u00e4nde, das zermalmte Gesicht. Sie erhebt den Blick und sieht den Mann an, der daneben kniet und sich mit verschr\u00e4nkten Armen unentwegt hin und her wiegt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie schl\u00e4gt mit den F\u00e4usten auf ihn ein und br\u00fcllt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sammelt sich eine kleine Schar von Menschen, die Frau vom Kiosk nebenan, einige Passanten, der Wirt der Kneipe an der Ecke. Alle stehen wenige Meter von der Szene entfernt und schweigen. Man h\u00f6rt pl\u00f6tzlich das Heulen des Rettungswagens und das des Polizeiwagens, die Gaffer ziehen sich zur\u00fcck auf den B\u00fcrgersteig. Der kniende Mann steht auf, w\u00e4hrend seine Frau sich umdreht und ihre Tochter in die Arme nimmt. Sie schiebt die Kleine ins Innere des Wagens, steigt ein und schlie\u00dft die T\u00fcr.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die andere Frau kniet \u00fcber den toten Jungen geb\u00fcckt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie weint jetzt leise.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Rettungswagen biegt in die Stra\u00dfe hinein, h\u00e4lt neben dem roten Auto an. Bremsen quietschen, Wagent\u00fcren werden ge\u00f6ffnet und zugeschlagen, zwei M\u00e4nner und eine Frau steigen aus und laufen mit ihren kleinen Koffern zu der Umfallstelle.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00e4lte und N\u00e4sse hacken Sarah in den Nacken wie zwei gefr\u00e4\u00dfige Geier. Sie zieht sich zur\u00fcck und dr\u00fcckt die Augen zu. Sie fr\u00f6stelt, der Unterkiefer zittert, der R\u00fccken ist steif. Ihr Kopf ist ein Eisblock, eingeklemmt zwischen den Schultern. Sie legt ihre H\u00e4nde auf die Ohren, die Sirenen dringen jetzt ged\u00e4mpfter durch, sie h\u00f6rt den Polizeiwagen das Geheul einstellen, \u00f6ffnet die Augen und sieht zu.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann redet mit den Beamten und gestikuliert, zwei wei\u00dfe Gestalten legen eine Trage auf den Boden und b\u00fccken sich \u00fcber das tote Kind. Ein dritter Sanit\u00e4ter versucht, die Mutter, die nicht aufstehen will, von der Stelle weg zu bringen.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine hei\u00dfe, \u00e4tzende Lawine steigt in Sarahs Mund und bricht nach au\u00dfen. Sie erbricht auf die Fensterbank, auf die Wand, auf den Saum ihres Morgenrocks, auf die Beine, auf das Parkett.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Schlottern r\u00fcttelt sie, sie verliert das Gleichgewicht, klammert sich an den Fensterrahmen. Das W\u00fcrgen h\u00f6rt auf.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Angeekelt rennt sie ins Badezimmer, steigt angezogen in die Badewanne und dreht den Hahn auf. Sie fr\u00f6stelt unter der hei\u00dfen Dusche, die das Unreine weg sp\u00fclt und sie mit stickigem Dampfnebel einh\u00fcllt. Sie bleibt lange unter dem Wasserstrom, bis sie den Geruch nicht mehr sp\u00fcrt, die Augen geschlossen und die Ohren verstopft. Ihre Knie zittern, der Morgenrock ist schwer, er dr\u00fcckt ihre Schulter nach unten, sie zieht ihn aus und l\u00e4sst ihn in die Badewanne fallen und \u00fcber ihre F\u00fc\u00dfe, die eiskalt sind.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Tr\u00f6stlich die W\u00e4rme und die Schwere des getr\u00e4nkten Frottiers\u2026<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie dreht den Hahn ab, nimmt das gro\u00dfe Tuch und wickelt es um den K\u00f6rper, steigt aus der Badewanne und nimmt vom Regal ein neues Handtuch, das sie um den Kopf wickelt. Aus dem unteren Schrank nimmt sie einen Putzlappen und einen Eimer, sie f\u00fcllt ihn mit Wasser und Putzmittel und geht ins Zimmer zur\u00fcck zum Fenster. Sie wagt einen Blick auf die Stra\u00dfe und blinzelt solange, bis die Tr\u00e4nen hinunter kullern und das Bild klarer wird.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Stra\u00dfe ist leer, Menschen und Wagen sind verschwunden, und die kleine Leiche auch. Auf dem Pflaster zerfallen hier und da zerstreute Fleisch- und Hirnbrocken unter dem Regen. Sarah putzt die Fensterbank, schlie\u00dft das Fenster, schrubbt die verschmierte Wand, das Parkett und sieht nicht, was sie tut. Sie fr\u00f6stelt so stark, dass ihre Faust immer wieder daneben rutscht und sie ihre Fingerknochen sch\u00fcrft.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie geht ins Badezimmer, leert das verschmutzte Wasser in die Toilette, gie\u00dft frisches in den Eimer und kommt zur\u00fcck. Sie schrubbt noch gr\u00fcndlicher die Wand und das Parkett, reibt und st\u00f6\u00dft und st\u00f6hnt, es stinkt nach Erbrochenem, sie kann diesen Gestank nicht leiden, sie schabt und kratzt, bis der Lappen unter ihren Fingern zerrei\u00dft.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Telefon klingelt. Es klingelt schon eine Weile, sie hat es nicht geh\u00f6rt. Sie rennt zum Schreibtisch, nimmt den H\u00f6rer ab und h\u00f6rt nur noch den Ton. Sie legt den H\u00f6rer wieder auf und setzt sich hin. Auf dem Display des Telefons blinken die Zahlen: 14:15. Unverst\u00e4ndlich. Sie w\u00e4hlt eine Nummer.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eDavid, hast du gerade angerufen?\u201c heult sie am Apparat.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eNein! Sarah, Sarah, was ist los?\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eNichts&#8230; Doch! Es gab einen Unfall hier, einen schrecklichen Unfall&#8230;\u201c, heult sie weiter.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eWas f\u00fcr ein Unfall? Sarah?! Bist du in Ordnung? Warte, r\u00fchr dich nicht vom Fleck, ich bin in zehn Minuten bei dir, tu, bitte, nichts, ich bin gleich da!\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sarah h\u00e4lt den H\u00f6rer in der Hand und h\u00f6rt das ununterbrochene T\u00f6nen, sie kann den H\u00f6rer nicht auflegen, sie kann ihrem Arm nicht befehlen: leg den H\u00f6rer auf! Er bewegt sich ruckartig und klopft mit dem H\u00f6rer gegen die Halterung. Nach mehreren Anl\u00e4ufen gelingt es ihm, ihn aufzulegen, und Sarah sieht ihrem Arm zu und kann nicht verstehen, dass er Teil ihres K\u00f6rpers ist.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">\u00a0* * *<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Todestag von Ioona Rauschan erinnert KUNO an diese Autorin mit einer Leseprobe aus: <strong>Abhauen<\/strong>. Dieser Roman erschien 2008 beim Pop Verlag, Ludwigsburg.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IoonaCover.jpg\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist IoonaCover.jpg\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Auf der Schwelle<\/strong>. Ein Filmessay \u00fcber Heinrich Heine von Ioona Rauschan. Edition Biograph, 1997<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die sch\u00f6ne Strickerin<\/strong>, Novelle von Ioona Rauschan, Edition Biograph, D\u00fcsseldorf 1995. (Antiquarisch erh\u00e4ltlich).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/06\/09\/die-liaison-zwischen-text-und-publikum\/\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Ioona Rauschan findet sich hier<em>. <\/em>Das Live-H\u00f6rspiel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/10\/5-oder-die-elemente\/\"><em>5 oder die Elemente <\/em><\/a>wurde in der Regie von Ioona Rauschan mit Marion Haberstroh und Kai M\u00f6nnich im Gutenberg-Museum zu Mainz uraufgef\u00fchrt. <em>Se\u00f1ora Nada<\/em>, in der Regie von Ioona Rauschan, ist auf H\u00f6rbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28660\"><em>Gedichte<\/em> <\/a>erh\u00e4ltlich. Probeh\u00f6ren kann man das Monodram <em><a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\">Se\u00f1ora Nada<\/a><\/em> in der Reihe MetaPhon.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ein entsetzlicher Krach, gefolgt von einem unmenschlichen Br\u00fcllen, l\u00e4sst Sarah pl\u00f6tzlich hochfahren. Sie legt die Notizen zur Seite, springt aus dem Bett, rennt ins andere Zimmer zum Fenster. Zun\u00e4chst bemerkt sie nichts. 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